Peer Tutoring leicht gemacht – die gelben Seiten für Schreibberatung

ImageLaut Eigenwerbung des Telefonbuchverlags kennen 97,8 % der Personen über 20 Jahre in Deutschland Gelbe Seiten, 58,8 % nutzen Sie regelmäßig. Bei uns im Schreibzentrum ist nun seit einem halben Jahr ein Buch in regem Gebrauch, das wir auch nur noch „das gelbe Buch“ nennen und das für die Schreibzentrumszunft in kürzester Zeit auf ähnlich gute Werte für Bekanntheitsgrad und Nutzung kommen dürfte. Die Rede ist natürlich von „Zukunftsmodell Schreibberatung“, dem Anleitungsbuch zur Begleitung von Schreibenden im Studium. Geschrieben wurde es von vier ehemaligen Peer TutorInnen, die alle mittlerweile die Schreibzentrumsarbeit zu ihrem Hauptberuf gemacht haben. Ella Grieshammer, Franziska Liebetanz, Nora Peters und Jana Zegenhagen brennen für ihr Thema. Ihre Begeisterung für Schreibberatung und Schreibdidaktik steckt an und ihre umfassenden Kenntnisse beeindrucken – da bleibt wirklich kein Aspekt Außen vor.

So enthält das Buch zunächst einen umfangreichen theoretischen Teil, der viel Hintergrundwissen anschaulich erklärt. Dargestellt wird was Schreibberatung überhaupt ist und sein kann – auch jenseits des Schreibzentrums in Sprechstunden von Hochschullehrenden oder in Studienberatungen. Es folgen Einführungen zu den Themen Schreibkompetenz, Schreibprozesse, Schreibtypen und -strategien, Lesekompetenz und Leseprozesse. Zusammenfassend erläutert dann ein Kapitel, was für vielfältige Anforderungen wissenschaftliches Lesen und Schreiben stellen und wie man Schwierigkeiten erkennen und erklären kann. Zu jedem Kapitel gibt es Anregungen für die Lesenden zum Weiterdenken und weiterführende Literaturhinweise.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dann ausführlich dem Thema Schreibberatung. Es geht um Aufgaben und Grenzen von Schreibberatung, um verschiedenste Settings und um wichtige Grundsätze. Mit vielen Beispielen wird illustriert wie Schreibberatungsabläufe gestaltet werden können, wie Gesprächstechniken wirken und helfen oder wie konstruktives Feedback auf Texte gegeben werden kann. Damit in der Schreibberatung nicht nur gesprochen wird, stellt das Buch auch viele Schreibtechniken vor, sortiert nach den verschiedenen Phasen von Schreibprozessen, in denen sie besonders nützlich sind. Zu jeder Technik wird überlegt, was im Anschluss an den Einsatz der Technik im Gespräch thematisiert werden sollte und worauf zu achten ist.

Natürlich befassen sich die Autorinnen auch mit schwierigen Beratungssituationen. Auch hier ist das Buch durch die Fallbeispiele sehr anschaulich. Auch wenn die Beispiele fiktiv sind merkt man deutlich, dass sie auf der langjährigen Erfahrung der Autorinnen basieren.

Wie schon angedeutet ist das gelbe Buch gar nicht mehr wegzudenken. Es gibt im Schreibzentrumsalltag nichts, was man dort nicht nachschlagen könnte. Für uns kommt das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt, weil wir die Ausbildung für unsere Schreib Peer TutorInnen verändert haben. Da wir an der Viadrina mittlerweile Peer TutorInnen in verschiedenen Bereichen auch außerhalb des Schreibzentrums ausbilden, sind wir dabei, neue Strukturen zu schaffen. Ein Teil der Ausbildung widmet sich zwar dem kollaborativen Arbeiten und dem Peer Tutoring, hat aber nicht direkt mit dem Schreibzentrum zu tun. Unsere neuen Peer TutorInnen kommen nun zwar schon gut vorbereitet und haben auch schon ein Seminar zum wissenschaftlichen Schreiben besucht in dem sie viel Feedback geben und nehmen, aber der Teil der Ausbildung der direkt im Schreibzentrum stattfindet ist kürzer geworden. Es ist großartig, dafür nun ein Buch zur Hand zu haben, in dem alles Wesentliche zu finden ist.

Und auch im Sinne einer Qualitätssicherung wissenschaftlicher Schreibdidaktik ist dieses Buch ein großer Schritt nach vorn. Denn einerseits bietet es auf knapp 300 Seiten einen umfassenden Überblick und ermöglicht so auch Neueinsteigenden, sich gründlich weiterzubilden. Und andererseits ist es inhaltlich vielfältig. Es wird sehr deutlich, dass es nicht die eine richtige Art gibt, Schreibberatungen durchzuführen und auch keine Patentlösungen oder gar ein Schema X.

Da bleibt am Welttag des Buchs also nur zu hoffen und zu wünschen, dass dieses Buch nicht nur zum gelben Standard in den Regalen aller deutschsprachigen Schreibzentren wird, sondern auch seinen Weg findet in die Hochschulbibliotheken und professoralen Handapparate!

PS: Wie beim Welttag des Buches üblich: wer diesen Blogbeitrag kommentiert kann das Buch gewinnen! Verlosung folgt am1.5.2013 – bis Mitternacht könnt ihr also noch kommentieren!

Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten in Berlin

- von Josephin Winkler -

Bereits zum vierten Mal hat das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten veranstaltet. Viel Herzblut hat das Schreibzentrumsteam in dieses Ereignis gesteckt: Es wurde ein Grundkonzept erstellt, Plakate und Flyer gestaltet, Rundmails verschickt, Pressemappen angefertigt, ein Rahmenprogramm ausgedacht, Snacks eingekauft, Räumlichkeiten besichtigt uvm.

Es war viel Arbeit – und es hat sich gelohnt! In Kooperation mit der Humboldt-Universität, der Bibliothek der Humboldt-Viadrina School of Governance und dem Arbeitskreis Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg hat die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten das erste Mal in Berlin stattgefunden. Von 16- 1 Uhr konnten Studierende dort an ihren Schreibprojekten arbeiten. Nach einer Begrüßungsrede von Katrin Girgensohn, Gründerin des Schreibzentrums, gab es eine kleine Pecha Kucha Präsentation zur Langen Nacht. Daraufhin wurde fleißig geschrieben: An kleinen Tischen sitzend, war jede/r mit einem Laptop ausgerüstet, und die Tasten klapperten ordentlich. Ansonsten war die Stille in den Schreibräumen fast schon gespenstisch.

Zielscheibe SchreibzieleWer eine Pause brauchte, ging an die Snackbar oder kontrollierte noch einmal, ob sein Kärtchen an der Zielwand weiter in Richtung “Ziel” gerückt werden konnte. Auflockerungsübungen und Schreibtechniken (wie die Schreibstaffel) sorgten für Abwechslung zwischen den Schreibphasen. Bei einem Schreibtypentest konnten die Schreibenden herausfinden, welche Vorgehensweise beim Schreiben für sie am besten geeignet ist; aber auch zu neuen Techniken angeregt werden. Ein kleiner Vortrag über Plagiate und richtiges Zitieren sorgte für rege Diskussionen unter den Anwesenden – es blieben sogar einige Fragen offen.

winke-winke

Teilnehmende der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten winken bei der Live-Schaltung Schreibenden in anderen Schreibzentren zu.

Auch in anderen Städten Deutschland gab es zeitgleich die Lange Nacht. So haben wir uns nicht lange bitten lassen und eine Live-Schaltung in die anderen Schreibzentren aufgebaut; das stärkte das Gemeinschaftsgefühl und die Motivation  zum Weiterschreiben.

Für die 37 Schreibenden, die aus 5 Universitäten kamen, standen 10 ausgebildete Schreibberater zur Verfügung. Bei einem Beratungstermin konnten die Studierenden dann ungestört über ihren Text reden, Fragen stellen sowie natürlich auch von eventuellen Schwierigkeiten beim Schreiben berichten und sich Hilfe zur Selbsthilfe holen.

Da wir die Lange Nacht das erste Mal in Berlin veranstalteten, erwarteten wir mehr Andrang, doch insgesamt sind wir sehr zufrieden. Wir freuten uns über positive Resonanz bei der Presse, wie z.B. von der ZEIT online. Die Schreibenden gaben uns durchgängig positives Feedback – viele haben ihre gesetzten Ziele geschafft, einige sind sich jetzt über ihre Schreibgewohnheiten bewusster, andere wollen jetzt gerne öfter Schreibtechniken einsetzen. Viele wollen gerne nächstes Jahr wiederkommen!

Peer Tutoring und Collaborative Learning – wie ideal sind unsere Ideale? Gedanken zu Texten von Kenneth Bruffee und Nancy Grimm

Neu sind beide Bücher nicht, mit denen ich mich gerade befasse: Kenneth Bruffees „Collaborative Learning: Higher Education, Interdependence and the Authority of Knowledge“ erschien 1993, basiert aber auf Erfahrungen, Vorträgen und Artikeln seit den frühen 1970er Jahren. Nancy Grimms „Good intentions. Writing Center Work for Postmodern Times” erschien 1999 und übte scharfe Kritik an Bruffees Texten, welche als Klassiker der Schreibzentrumstheorie bezeichnet werden können.

Kenneth Bruffee, Quelle: brooklynpaper.com

Kenneth Bruffee, Quelle: brooklynpaper.com

Kenneth Bruffee

Kenneth Bruffee war der erste, der in Schreibzentren Peer TutorInnen für die Schreibberatung ausbildete und einsetzte. Darüber berichtet er in seinem Artikel „The Brooklyn Plan“ von 1978, nachdem er schon in „Collaborative Learning: Some Practical Models“ von 1973 gezeigt hatte, wie gut und wichtig Peer Learning in der Hochschule ist. Peer Learning (Lernen in Peer Groups im Rahmen der regulären der Hochschullehre) und Peer Tutoring (Einzelgespräche zwischen ausgebildeten Studierenden und Peers, meist im Rahmen des Schreibzentrums) fasst Bruffee zusammen als „Collaborative Learning“. Collaborative Learning beruht auf der sozialkonstruktivistischen Idee, dass Wissen sozial konstruiert wird. Es entsteht in “communities of knowledgable peers“ (Bruffee 1984, S. 644). Bruffees Hauptargument für collaborative Learning ist, dass Studierende, wenn sie an die Hochschule kommen, Teil von neuen Communities werden müssen. Sie müssen in Scientific Communities hereinwachsen und müssen dazu auch deren Ausdrucksweisen und Handlungsweisen erlernen. Dieses Erlernen funktioniert nach Bruffee am besten in peer groups, da auch die peers untereinander Communities bilden. Das erleichtert es ihnen, sich gegenseitig bei dem Übergang in andere Communities zu unterstützen. Gestützt wird diese These zum Beispiel durch Beobachtungen Bruffees am Brookly College, bei denen sich gezeigt hat, dass die Studierenden die studentische Schreibberatung nicht nur sehr viel besser annehmen, sondern dort auch viel besser als im normalen Unterricht lernen, ihren eigenen Gedanken zu trauen und diese zu formulieren (vgl. Bruffee 1978).

Nancy Grimm, Quelle: mtu.edu

Nancy Grimm, Quelle: mtu.edu

Nancy Grimm

Nancy Grimm nennt Bruffees Ideen „good intentions“, also gute Absichten, die nicht unbedingt für alle Beteiligten wirklich gut sind. Sie meint, die Idee, Studierenden in die Communities hinein zu helfen, sei im Grunde der Versuch, Studierenden dabei zu helfen, so zu werden wie wir – die Lehrenden – es sind. Wenn wir in Bruffees Sinn von collaborative learning sprechen, so Grimm, verschleiern wir damit Hierarchien und Wertesysteme. Denn wir gehen davon aus, dass wir am besten wissen, was die Studierenden brauchen und helfen ihnen in die von uns ausgewählten und repräsentierten Communities hinein. In der Tat finden sich bei Bruffee Sätze wie dieser: „What college and university teachers do [...] is choose the communities that they want their students to join.“ (Bruffee 1999, S. 191).

Natürlich lässt sich einwenden, dass Lehrende dafür da sind, Studierende zu leiten und dass Studierende an die Universität kommen weil sie genau das wollen – Teil der Scientific Communities zu werden. Was Grimm daran kritisiert ist der hinter dieser Vorstellung stehende Mythos von Gleichheit und Fairness. Es werde so getan als ob jede und jeder durch Bildung und Anpassung Teil jeder Community werden könne. Und eine solche Vorstellung könne nur von Menschen kommen, die sowieso Teil der Community sind und es schon immer waren. In den USA sind das in Bezug auf die AkademikerInnen weiße, männliche Mittelschichtler. Angehörige dieser Communities haben es nicht nötig, darüber nachzudenken, dass ihre Werte und Erwartungen eine angelernte Kultur sind: „Whiteness and Anglo values are perceived as transparent, as normal, as universally desired, rather than as deriving from a culture“. „Even though educators increasingly encounter students who do not share their values and mental modes, they still expect students to somehow magically become more like them”. (Grimm 1999, S. 12).

In Wirklichkeit, so Grimm, sei es aber keineswegs so, dass sich durch Bildung und sprachliche Anpassung alle Türen automatisch öffnen. Studierende, die nicht diesem Mainstream entsprechen, müssen sich in der Regel doppelt so sehr anstrengen:

„When I meet with groups of students from traditionally underrepresented groups on my campus, I tell them that the most dangerous assumption they can make, the one that may lead to academic failure, is that the institution is fair. […] I tell them directly that they will have to work harder and smarter than most students to be successful because our university was not designed with them in mind.” (Grimm 1999, S. 104)

Was Grimm ebenfalls kritisiert ist, dass Bruffee und andere nicht darauf eingehen, wie schwierig es sein kann, Teil sehr verschiedener communities zu sein. Der Versuch, den von den Lehrenden ausgesuchten Communities zu gleichen, kann  gleichzeitig bedeuten, sich von Communities entfernen zu müssen, die einen wesentlichen Teil der eigenen Identität ausmachen, wie Familie, Dialekte, Werte anderer Heimatkulturen. Wenn nur die eine, dominante Kultur als die richtige gewertschätzt wird, kann das letztendlich auch zu einer Verweigerungshaltung und damit zu Studienabbrüchen führen.

Quelle: displaysforschools.com

Quelle: displaysforschools.com

Beispiel

Zu der Gefahr einer Verweigerungshaltung ist mir ein Beispiel eingefallen. Ich erinnere mich daran, wie ich in den USA einmal an einem Workshop eines Schreibzentrums teilgenommen habe, in dem es um das Schreiben von Bewerbungen für Graduate Schools ging. Wir lernten dort, dass man ein „personal narrative“ schreiben muss, in dem man z.B. an biografischen Ereignissen zeigt, warum man sich für diese spezielle Studienrichtung begeistert. Ich war ungeheuer befremdet. Die Vorstellung, bei einer akademischen Bewerbung persönliche Anekdoten aus meiner Kindheit zum Besten zu geben fand ich grauenhaft. Ich habe gemerkt, wie ich dicht machte und bei mir dachte: Bloß gut, dass das bei uns anders ist. Hätte ich wirklich eine solche Bewerbung schreiben müssen, dann hätte ich das sicherlich als Verstellung und ein So-tun-als-ob erlebt.

Schlussfolgerungen für die Schreibzentrumsarbeit

Was bedeutet Grimms Kritik für die Schreibzentrumsarbeit? Zunächst ist festzuhalten, dass sie ihr Buch explizit als theoretische Auseinandersetzung begreift und keine Patentrezepte für eine bessere Schreibzentrumsarbeit hat. Sie regt aber an, in Frage zu stellen, inwiefern es wirklich gut ist, im Schreibzentrum von Peers zu sprechen, weil wir damit so tun, als seien alle Studierenden eine homogene Gruppe und deren unterschiedliche Kulturen und Identitäten negieren. Sie weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass Peer TutorInnen auch ihre eigenen Werte infrage stellen und nicht unhinterfragt davon ausgehen, die Studierenden in der Schreibsprechstunde dahin zu bringen, „es richtig zu machen“. Außerdem plädiert sie dafür, aktiv dazu beizutragen, möglichst diverse Schreibzentrumsteams zusammenzustellen, deren Peer TutorInnen alle möglichen an der Hochschule vertretenen Gruppen repräsentieren. Sie schlägt auch vor, unseren Begriff von Schreibzentrumsarbeit stark zu erweitern und uns nicht mehr nur auf Texte zu konzentrieren. Die Sprache, die Eintritt in die akademische Welt verschafft, umfasst mehr als Worte. Sie umfasst Habitus, Gesten, Umgangsformen und vor allem ein Bewusstsein dafür, dass das alles zusammengehört. Ihre Vision für Schreibzentren ist ein Wandel weg vom Service für Studierende hin zu gemeinsamer Aktion mit Studierenden für mehr soziale Gerechtigkeit.

Fazit

Die Beschäftigung mit beiden Büchern, sowohl Bruffees als auch Grimms, finde ich sehr anregend. Ich werde mich nicht von dem Begriff „Peer Tutoring“ verabschieden, denn im Gegensatz zu den USA sind Lernformen von Studierenden untereinander hierzulande noch längst nicht etabliert genug. Wir brauchen diesen Begriff, um die besonderen Potenziale dieser Lernform zu betonen und deutlich zu machen, dass Peer TutorInnen keine Hilfslehrer sind.

Auch vom Begriff des Collaborative Learning werde ich mich nicht verabschieden. Ich habe für diesen Begriff eine Definition von Ted Panitz (1996) gefunden, die mir gut gefällt und die ich künftig verwenden werde:

“Collaborative learning (CL) is a personal philosophy, not just a classroom technique. In all situations where people come together in groups, it suggests a way of dealing with people which respects and highlights individual group members’ abilities and contributions. There is a sharing of authoritiy and acceptance of responsibility among group members for the groups actions. The underlying premise of collaborative learning is based upon consensus building through cooperation by group members. CL practitioners apply this philosophy in the classroon, at committee meetings, with community groups, within their families and generally as a way of living with and dealing with other people.”

(Quelle: http://www.londonmet.ac.uk/deliberations/collaborative-learning/panitz-paper.cfm)

Genannte Literatur:

Bruffee, Kenneth A. (1973): Collaborative Learning: Some Practical Models, in: College English, 34 / 5, S. 634-643.

Bruffee, Kenneth A. (1978): The Brooklyn Plan, in: Attaining Intellectual Growth through Peer-Group TutoringLiberal Education, 64 / 4, S. 447-468.

Bruffee, Kenneth A. (1999): Collaborative learning.  higher education, interdependence, and the authority of knowledge. 2nd ed. Aufl., Baltimore, Md2nd ed.

Grimm, Nancy Maloney (1999): Good intentions.  Writing center work for postmodern times. Portsmouth, NH.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gut gegründet – Die Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung nimmt ihre Arbeit auf

Göttingen, am 21. Januar 2013, ein Wintermärchen. Es schneit, und aus allen Himmelsrichtungen sind wir angereist zu einem großen „Date“: Nur ein Dreivierteljahr nach der Bochumer Open Space-Tagung “Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik” gründen wir die „Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung“. Sie wird am Internationalen Schreibzentrum der Universität Göttingen angesiedelt sein. Damit gibt es nun endlich auch in Deutschland einen Verein, der für die Interessen einer professionellen Schreibdidaktik in der höheren Bildung, in Forschung, Praxis, Aus- und Weiterbildung durch Vernetzung und Austausch eintritt:

„Die Gesellschaft versteht sich als Vertretung von Personen, die in Hochschulen, Schulen oder in freier Praxis insbesondere im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens lehren, beraten, vermitteln und forschen“.

So steht es auch in der Präambel der Satzung. Wir treten für die Gründung von Schreibzentren ein, engagieren uns für die Professionalisierung des Nachwuchses und für die Vernetzung der institutionell und freiberuflich tätigen SchreibdidaktikerInnen. Auch wollen wir Fachtagungen ausrichten und können uns dabei eine Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem deutschsprachigen Raum wie der Prowitec, dem Forum wissenschaftliches Schreiben in der Schweiz und der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben gut vorstellen.
Der Gründungsvorstand der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung

Der Gründungsvorstand der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung

Den Vorsitz übernimmt Melanie Brinkschulte (Internationales Schreibzentrum der Universität Göttingen). Als Stellvertreterin wurde Katrin Girgensohn (Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/O.) und als Schatzmeisterin Jana Zegenhagen (Lese- und Schreibzentrum der Universität Hildesheim) gewählt. Beisitzerinnen sind Andrea Frank (Schreiblabor der Universität Bielefeld), Eva-Maria Lerche (Kompetenzzentrum Schreiben der Universität Paderborn), Ulrike Lange und Maike Wiethoff (Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum) und Daniela Liebscher (als Vertreterin der FreiberuflerInnen). Die Kassenprüfung übernehmen Ella Grieshammer und Annett Mudoh (Internationales Schreibzentrum der Uni Göttingen).

Der Vorstand wird jetzt die erste Mitgliederversammlung organisieren, Mitglieder werben und sich auf den nächsten Fachtagungen vorstellen. Die erste Mitgliederversammlung findet am 26. September 2013 in Bochum statt – einen Tag vor der Peer-Schreib- TutorInnen-Konferenz des Schreibzentrums. Erste Informationen darüber wird es schon Mitte Februar auf der Prowitec-Tagung in Hamburg geben.

Nach unserer intensiven vierstündigen Sitzung laufen wir nun durch den Schnee zurück zum Bahnhof. Der Winter hat den Fahrplan durcheinandergewirbelt. Aber wir sind guter Dinge. Die „Gesellschaft“ ist auf den Weg gebracht, die Reise kann losgehen….

Und für alle, die sich der Reise anschließen wollen:

  • Mitglied werden! Beitrittsantrag ausfüllen und abschicken.
  • In die Mailing-Liste eintragen: gesellschaft@schreibdidaktik.de
  • Auf Tagungen, Konferenzen und Treffen über die “Gesellschaft” reden und für sie werben.
  • Diesen Blogbeitrag verlinken.
  • Spenden für die Organisation der ersten Mitgliederversammlung, da wir noch keine Mitgliedsbeiträge erheben.
  • Zur Mitgliederversammlung kommen und mitbestimmen.

Advent, Advent – ein Grenzgang des Schreibzentrums

Lebendiger Adventskalender Türchen 11Dieses Jahr hat das Schreibzentrum ein Türchen des lebendigen Adventskalenders  der Stadt Frankfurt (Oder) und Słubice gestaltet.

Seit vier Jahren öffnen verschiedene soziale, kulturelle und gewerbliche Institutionen einen Tag ihre Türen und laden alle Bürgerinnen und Bürger der Städte Frankfurt (Oder) und Słubice ein, gemeinsam eine schöne und inspirierende weihnachtliche Zeit in Frankfurt (Oder) und in Słubice zu verbringen.

Das Schreibzentrum der Viadrina hatte besonderes Glück  – wir durften in der frisch renovierten Stadtbibliothek „Biblioteka Publiczna MiG“ in Słubice unser Türchen öffnen, um mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Studierenden beider Städte polnische, deutsche und deutsch-polnische Gedichte zu schreiben.

MIchal Zytinicec und Franziska Liebetanz

MIchal Zytinicec und Franziska Liebetanz

Für uns sind solche Anlässe bereichernd und ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Sie ermöglichen uns, unsere Lust am Schreiben, an Texten und an Gesprächen mit Menschen auch außerhalb der Universität zu teilen. So saßen wir an einem Tisch mit mehreren Damen aus Polen und einigen Studierenden. Bei Kerzenlicht und Gebäck erprobten wir verschiedene Gedichtformen.

Es war eine Schreibrunde der besonderen Art, da nicht alle Teilnehmenden die jeweils andere Sprache konnten: Nicht alle sprachen Deutsch und Polnisch. Dennoch verfassten wir sogar Gemeinschaftsgedichte,  in denen sich die deutschen und polnischen Strophen abwechselten. Ich war gerührt, da fast  alle gemeinschaftlich verfassten Gedichte einen Sinn ergaben. Das stellten wir fest, als Michal vom Schreibzentrum und Alicja, eine der teilnehmenden Studentinnen, spontan die jeweils fremdsprachigen Textteile übersetzten. Auch die anschließend von den Teilnehmenden einzeln geschriebenen Texte waren sehr schön und ernteten viel Applaus. Wir hörten Lobpreisungen der Gewürznelke, Philosphisches zur gefrorenen Oder zwischen unseren beiden Ländern und auch viele versöhnliche Anspielungen auf das deutsch-polnische Verhältnis.

Schneefall an der Grenze

Auf der Grenze sollte ich Polnisch und Deutsch sprechen

Guten Tag! Dzień dobry!

Auf Wiedersehen! Do widzenia!

Czas istnieje – nie tak szybko – jeszcze lepiej się poznamy

Miłość, przyjaźń, przebaczenie

Schöne Weihnachtsatmosphäre

To już blisko

Już blisko Święta i Nowy Rok

Mir wurde wieder einmal bewusst, dass wir direkt an der Grenze arbeiten oder leben, wo so oft die Sprachen nicht die einzige Hürde zu sein scheinen. Und dennoch war es so schön,  zusammen an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam zu dichten, zu lachen und zu staunen. Was für ein wunderbar weihnachtlicher Adventsnachmittag!

Teilnehmende am lebendigen Adventskalender des Schreibzentrums

Ich danke Michał, der mir so gut zur Seite stand, mit mir plante, organisierte und den ganzen Nachmittag so toll all unsere Worte und Reime übersetzte.

Die Organisatorinnen des lebendigen Adventskalenders sind:

Anna-Maria Schönfeld (Freiwilligenzentrum Frankfurt (Oder)),

Milena Manns (Quartiersmanagement / Stiftung SPI / B-L-Programm Soziale Stadt),

Stefanie Piekos (Geschäftsstraßenmanagerin / IGIS e.V.),

Katrin Becker (Frankfurter-Słubicer Kooperationszentrum).

Eindrücke von der 5. Peer- SchreibtutorInnen- Konferenz in Jena

Interessierte Teilnehmende

Interessierte Teilnehmende

von Anja Poloubotko und Anja Schulz

 Herzlich Willkommen, steht auf dem Plakat am Haupteingang zur Friedrich- Schiller- Universität in Jena. Ich gehe in das Gebäude, eine Treppe führt mich in den ersten Stock. Dort sind drei Räume hergerichtet für Vorträge und Workshops, auf dem Gang bekomme ich Kaffee und Gebäck. Ich fühle mich eingeladen. Hier und dort gibt es schon kleine Gesprächsrunden um das Schreiben, Gedankenaustausch und Vorfreude auf die 5. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz der Schreibzentren.

So viele neue Gesichter! Das wichtigste ist zunächst das Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander. Im letzten Jahr fand die Peer- SchreibtutorInnen Konferenz in Göttingen statt, dort trafen sich rund 40 TutorInnen und MitarbeiterInnen. Dieses Jahr gibt es ca. 70 KonferenzteilnehmerInnen.  Neu sind  unter anderem die Schreibzentren Frankfurt am Main und Hamburg. Und es gibt über 20 Beiträge, zum Teil auch auf Englisch.

Viele Veranstaltungen finden parallel statt und es fällt mir schwer zu entscheiden, ob ich nun lieber am Workshop “Was ist ein Essay? Montaigne und Bacon wieder/ holen, wieder/lesen und wieder/ schreiben” oder am Workshop “Schreibgruppen organisieren und begleiten” teilnehmen werde. Und danach entweder zu „Kitchen Stories“ oder zu „Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung“ gehe. Den Workshop „Gestaltung von Lese- Workshops – Übungen und Handouts“ möchte ich auch nicht verpassen.

Ich wähle zunächst den Workshop „Schreibgruppen organisieren und begleiten“ von Simone Tschirpke und Anja Poloubotko. Darin erfahre ich viel über Herausforderungen und mögliche Konflikte, die in Schreibgruppen mit sehr heterogenen Teilnehmenden auftreten können. Einige ZuhörerInnen des Workshops werden gebeten ein Rollenspiel vorzuführen. Sie schlüpfen in vorgeschriebene Rollen und werden zu „Paula Peiler“, „Agatha Ängstlich“, „Paul Plauder“ und“ Greta Kritiker“. Dann gibt es noch eine Leiterin („Britta Begleiter“),  die weder mit den Teilnehmern noch mit deren Texte wirklich vertraut ist. Gezeigt wird eine Schreibgruppe in der Extremsituation, die keine Regel der Zusammenarbeit kennt. Anschließend tragen wir in einem Cluster zusammen, worauf wir achten sollten, wenn wir selbst eine Schreibgruppe betreuen: Kommunikationsregeln in der Gruppe festlegen, gemeinsame Ziele definieren, die Rolle des Leiters erklären, Rahmenbedingungen einhalten (Regelmäßigkeit, bestimmter Ort), eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, Probleme der Zusammenarbeit offen besprechen und vieles mehr. Dieser Workshop ist sehr interaktiv, durch das Rollenspiel wird eine sehr lockere Atmosphäre geschaffen. Alle  sind gleichermaßen eingeladen zu diskutieren, auch die Teilnehmenden, die selber noch keine Erfahrung in der Arbeit und Betreuung mit Schreibgruppen haben, bekommen einen guten Einblick.

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Danach gehe ich zum Workshop “Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung” der von Katina Linguri, Katharina Meyer und Leonardo Dalessandro (Goethe- Universität Frankfurt) geleitet wird. Hier sammle ich viele wertvolle Tipps in kleinen Gruppendiskussionen zu den Themen „Diskriminierende Äußerungen“, “Psychische Instabilität” und “Übergriffiges Verhalten”. Es wird deutlich, dass bereits einige Tutoren und Tutorinnen „unangemessenes und grenzüberschreitendes“ Verhalten seitens der Ratsuchenden in der Schreibberatung erfahren haben. Wie geht man mit Ratsuchenden um, die aufdringlich werden und private Verabredungen nach der Beratung wünschen? Wie geht man mit Ratsuchenden um, die in der Beratung anfangen zu weinen? Was mache ich mit solchen, die in ihren Hausarbeiten über ein politisch sensibles Thema schreiben und ethisch fragwürdige Einstellungen vertreten? All diese Fragen werden thematisch zunächst in Kleingruppen angeregt diskutiert und anschließend im Plenum vorgestellt. Ich finde es sehr nützlich, dass solche Themen, über das eigene Schreibzentrum hinaus auf PeertutorInnen- Konferenzen besprochen werden können. Andere TutorInnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht und wir suchen gemeinsam nach Lösungswegen.

In den Pausen bleibt nicht nur Zeit zum Reden und Diskutieren, wir wollen uns Jena anschauen und beschließen, vom Hauptgebäude der Uni einige Minuten Richtung Altstadt zu laufen. Die Altstadt ist gemütlich und klein. Vom Citytower bekommen wir ganz schnell einen Überblick über Stadt und Umgebung und genießen eine Weile die Aussicht über die endlosen bunten Laubwälder, die Jena umgeben.

Zurück in der Universität, es ist Samstagnachmittag, klingt Musik aus den Lautsprechern im Konferenzraum (Hörsaal 9): “Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm!” Es ist Werbung für den Workshop, „Wie wirken Fragen in der Peer- Schreibberatung?“.  Viele TeilnehmerInnen haben sich in diesem Raum bereits eingefunden. Der Workshop ist sowohl für TutorenInnen, die noch wenig praktische Erfahrung mit Schreibberatung haben hilfreich, als auch für solche, die bereits seit längerem beraten. Es geht um die Anwendung von Fragetechniken in der Beratung. Die Schreibtutoren aus Bielefeld stellen in einem Rollenspiel sehr schön dar, wie offene und geschlossene Fragen seitens der Beratenden jeweils auf die  Ratsuchenden wirken (können). Sowohl geschlossene als auch offene Fragen sind in einer Schreibberatung notwendig, wobei es wichtig ist, eine Balance zu finden. Geschlossene Fragen helfen bestimmte Daten abzufragen, wohingegen offene Fragen sinnvoll sind, um Ratsuchende „reden zu lassen“. Die Verwendung von offenen Fragen stellt eine vertrauensvolle Atmosphäre her, in der sich die Ratsuchenden angenommen fühlen. Wir als SchreibberaterInnen sollten uns ein Beispiel an Kindern nehmen und stets eine neugierige Grundhaltung annehmen.

Im Hörsaal 7 gibt es einen weiteren interessanten Beitrag: “Inklusion durch kollaborative Übungen in interkulturellen Schreibworkshops”. David Kreitz und Nadine Stahlberg vom internationalen Schreibzentrum der Universität Göttingen stellen ihr Workshopkonzept vor und lassen gleichzeitig Raum für Selbstarbeit. Wichtig ist für die Workshops, die das wissenschaftliche Schreiben auf Deutsch fördern sollen, die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen in den Schreibgruppen, die Mischung aus MuttersprachlerInnen und Nicht- Muttersprachlern. Denn das leitende Konzept der Inklusion ist das Einschließen von Unterschiedlichkeiten, die von einander im Team profitieren können und eine Einheit bilden.  Viele Workshopteilnehmer bringen ihr Erfahrungswissen mit ein. Schwierig ist es zum Beispiel in heterogenen Gruppen eine Struktur festzulegen, die alle zu Wort kommen lässt. Kleine Übungen können hier weiterhelfen, wie zum Bespiel ein Blitzlicht zu Beginn einer Sitzung zu gestalten, indem die Teilnehmenden spontan über ihre Eindrücke und Ideen berichten können. Darüber hinaus sollten die interkulturellen Schreibgruppen zum selbstständigen und autonomen Arbeiten animieren werden. Das Seminar „Schreiben(d) lernen im Team“ zum Beispiel, das an der Viadrina Universität in Frankfurt/ Oder angeboten wird, versucht diese Idee umzusetzen. Dabei lernen Studierende unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammen. Sie besuchen Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Schreiben und arbeiten parallel dazu in kleinen Schreibteams (4- 6 Mitglieder), in denen sie selbst ihre Sitzungen mit kreativen Schreibübungen organisieren.

Cluster zu einem Rollenspiel

Im Beitrag von Ina Brauckhoff (Schreib- Lese- Zentrum Münster) erfahren wir über ihr Dissertationsprojekt “Tutoring für Schreiber mit der Fremdsprache Deutsch – wissenschaftliche Studien”. Sie untersucht, welche Sprachhandlungsmuster der Schreibberater gegenüber Nicht- Muttersprachlern geeignet sind. Wir hören uns eine Audioaufzeichnung an, in der deutlich wird, dass die von der Beraterin durchgeführte Beratung, nach den Regeln der Non- Direktivität zu keinem Ergebnis führt. Der Ratsuchenden werden wichtige Informationen über Text- und Argumentationsstrukturen zu Beginn der Textarbeit nicht gegeben. Daher fällt es der Ratsuchenden schwer, ihre Fehler einzuordnen. Ihr wird nicht bewusst, dass es um die Prozesshaftigkeit des Schreibens und Lernens geht, anstatt um die  einmalige Überarbeitung ihres Textes. Durch das non- direktive Vorgehen der Beraterin und das passive Verhalten der Ratsuchenden wird kein eindeutiges Ziel der Beratung festgelegt und der Gesprächsgegenstand nicht eingegrenzt. Dies führt zu Orientierungslosigkeit, Beraterin und Ratsuchende können daher an keinem konkreten Textausschnitt arbeiten. Während wir diskutieren, grenzt  Ina Brauckhoff ihre Fragestellung weiter ein. Sie möchte herausfinden, in welchen Fällen direktive und non- direktive Beratungsstrategien bei Nicht- Muttersprachlern angewendet werden sollten. Für ihre Untersuchung hat sie bis jetzt 52 Gespräche mit ausländischen und 21 Gespräche mit deutschen Schreibenden aufgezeichnet. Auf die Ergebnisse bin ich sehr gespannt.

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

 

Zum Abschluss des Konferenzwochenendes gibt es noch viele Diskussionen über die Workshops, Gespräche über das neue Buch „Zukunftsmodell Schreibberatung. Eine Anleitung zur Begleitung von Schreibenden im Studium“,  von Ella Grieshammer, Franziska Liebetanz, Nora Peters und Jana Zegenhagen, Austausch von Kontaktdaten, Umarmungen, gemeinsame Pläne. Peter Braun, Leiter des Schreibzentrums Jena, moderiert die Plenarveranstaltung am Sonntag, zu der alle Teilnehmenden noch einmal zusammen kommen. Er bedankt sich für die zahlreichen Beiträge der TeilnehmerInnen und stellt die brennende Fragen in den Raum, wo denn die 6. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz stattfinden wird? Es wird immer stiller. Die Spannung steigt. Etwas Rascheln und Flüstern gibt es im Hörsaal. Die Frage bleibt zunächst offen. Doch jetzt, im Dezember, wissen wir es: Wir sehen uns im September 2013 zur 6. Peer -SchreibtutorInnen Konferenz in Bochum wieder!

50.000 Wörter in einem Monat?!

Es ist November und das ist traditonell der Monat, in dem sich zigtausende Menschen aus aller Welt der Herausforderung stellen, einen Roman in einem Monat zu schreiben. Der National Novel Writing Month (nanowrimo) kann sicherlich als das größte Schreibspiel der Welt bezeichnet werden – und als das erfolgreichste. Davon zeugen nicht nur die vielen Autorinnen und Autoren, deren im November entwickelten Romane mittlerweile von bekannten Verlagshäusern publiziert wurden, sondern davon zeugen auch die vielen, vielen Menschen, die den nanowrimo einfach als Inspirationsmonat und Kreativitätsquelle nutzen. Die von sich sagen wollen: “I am a writer. I write books.” Und nicht: “I want to write a novel somtime.”

Im Schreibzentrum der Viadrina haben wir den nanowrimo schon öfter zelebriert. So boten wir als nanowrimo-space regelmäßig offenen Schreibraum für alle Viadrina-NovelistInnen. 2008 gab es im Schreibzentrum ein Seminar, in dem 15 Studierende Romane verfassten und 2010 versuchten wir uns sogar gemeinschaftlich an einem Viadrina-Krimi, für den wir mit 14 Leuten einen Plot entwarfen, den wir dann im November aus verschiedenen Perspektiven ausschmückten.

In diesem Jahr versuche ich zum ersten Mal, den nanowrimo als akademischen Schreibmonat zu nutzen. Dieser Versuch hat verschiedene Ursachen. Zum einen hat nanowrimo-Gründer Chris Baty als Keynote-Speaker bei der Konferenz der European Writing Centers Association 2012 einmal mehr gezeigt, dass literarisches und akademisches Schreiben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben, wenn man den Schreibprozess betrachtet. Zum anderen hat das Schreibzentrum der Goethe Universität Frankfurt am Main in diesem Jahr den November einfach zum Academic Writing Month erklärt und nutzt den nanowrimo dafür, Studierende und Promovierende in einem Schreibmarathon zu unterstützen. Und dann gibt es auch noch ganz persönliche Gründe: Ich komme momentan noch weniger als sonst zum akademischen Schreiben. Wir etablieren an der Viadrina gerade Peer Tutoring in verschiedensten Bereichen und arbeiten dafür im neu gegründeten Zentrum für Schlüsselkomptenzen (Arbeitstitel) eng mit dem Career Center, dem Zentrum für Interkulturelles Lernen, dem Sprachenzentrum und den Fakultäten zusammen. Das ist ein spannendes Projekt, über das wir demnächst an dieser Stelle mehr berichten werden. Es ist aber auch sehr zeitaufwändig und so lagen die Forschungsergebnisse meines USA-Aufenthalts auf Halde. Das ist schade, denn die 16 von mir geführten Experteninterviews mit Schreibzentrumsleiterinnen und -leitern sind nicht nur bereits transkribiert, sondern auch schon systematisch kodiert. Was nun anstand, war eine intensivere Beschäftigung mit den Daten und ein schriftliches Festhalten meiner Zwischenergebnisse. Die intensivere Beschäftigung läuft bei mir nur über Schreiben – das weiß ich aus früheren Forschungsprojekten. Daher also der Versuch, es mit dem 50.000-Wörter-Limit von nanowrimo zu versuchen, um mir die Zeit dafür bei mir selbst zu stehlen.

Und es funktioniert! Ich vermelde stolze 20.002 Wörter in 11 Tagen, knapp 40 Seiten. Dass es so gut funktioniert liegt auch daran, dass ich Zitate einfügen kann aus meinen Interviews und daran, dass schon viel gedankliche Vorarbeit beim Kodieren gelaufen ist. Ich merke aber auch (mal wieder), dass das schreibende Denken in Gang kommt. Ich stelle Zusammenhänge her und entwickele Ideen, die nicht entstanden wären, wenn ich mich nicht ans schreibende Denken gemacht hätte.

So funktioniert es zur Zeit bei mir: Ich beschreibe die Kategorien, die ich beim Kodieren meiner Daten entwickelt habe. Ich stelle zunächst einfach dar, was ich da aus den Daten entwickelt habe. Durch das Beschreiben entstehen dann neue Einsichten. Darüber hinaus erlaube ich mir, schriftliche Selbstgespräche zu führen. Unter der Überschrift “Forschungsjournal” schiebe ich Passagen ein, in denen ich darüber reflektiere was ich gerade mache oder wie ich voran komme (oder auch nicht voran komme). Diese Wörter zähle ich mit und das ist gut so, denn meistens entwickele ich dadurch nochmal neue Ideen. Zumindest aber motiviere ich mich zum Weiterschreiben.

Kurzum: Für zumindest einen Monat im Jahr ist der nanowrimo für mich eine Möglichkeit, die Schreibzentrumsarbeit mit dem eigenen Anspruch an kontinuierliches Schreiben zu verbinden. Zur Nachahmung empfohlen – ob literarisch, biografisch oder akademisch!

Schreibmarathon am Schreibzentrum

- ein Bericht von  von Annemarie Bracht (Schreibzentrum Ruhr-Uni Bochum) und Michał Żytyniec (Schreibzentrum Viadrina)

„Das ist Mandy aus München, sie mag gerne Melone; ich bin Simone aus Stuttgart und esse gerne Suppe…“ – mit diesem netten „Ich-packe-meinen-Koffer“-Spiel macht kennenlernen richtig Spaß und man kann sich Namen sogar merken! So der vielversprechende Beginn einer schreibintensiven und erfolgreichen Woche beim diesjährigen Schreibmarathon der Europa-Universität Viadrina.

An fünf Tagen konnten insgesamt fünfzehn Studierende die Zeit nutzen und in der anregenden und produktiven Atmosphäre des Schreibzentrums an ihren Hausarbeiten feilen: vom Planen, übers Schreiben der Rohfassung bis hin zur Korrektur war alles dabei.

Ruhige Schreibatmosphäre im Schreibzentrum

Ruhige Schreibatmosphäre im Schreibzentrum
(Foto: Annemarie Bracht)

Während der Raum des Schreibzentrums ausschließlich zum Schreiben reserviert war, luden im Nebenraum Snackbar und zu Sitzgruppen drapierte Tische zum Austausch in der Pause ein. In beiden Räumen sorgten Blumen, ebenso wie Kekse, Papier und bunte Stifte für eine freundliche Atmosphäre.

Im Anfangsworkshop von Mandy Pydde hatten die Schreibenden eine Möglichkeit, bereits am Montag eigene Vorhaben für die Woche auf einer Zielscheibe zu markieren. Im Freewriting zum Thema „Mein Schreibprojekt erzählt …“ konnten sie gleich die erste Schreibmethode erproben, um sich dann im Austausch untereinander von der Wichtigkeit des Sprechens beim Schreiben zu überzeugen. Am Mittwoch fand auch die Beratung durch die professionellen Schreibberater statt, die mitten auf der Marathon-Strecke Hinweise und Stärkung für den weiteren Lauf angeboten haben.

Schreibberatung

Schreibberatung im Nebenraum
(Foto: Annemarie Bracht)

„Oh du meine geliebte Hausarbeit

es ist so weit

doch das Ende ist blau.

Und es entsteht ein toller Bau.

Doch kenn ich dich noch nicht genug,

Obwohl mein Vorgehen ist klug.

Ich werde alles tun, was nötig ist,

Sodass Du dann echt zufrieden bist;

Wie der Professor, der dich hoch erfreut liest J“

So lautet eines der zwei Tage später gemeinschaftlich entstandenen sogenannten „Knick-Gedichte“. Dabei geht es darum, reihum auf eine vorgegebene Zeile je zwei neue Verse zu schreiben, diese nach hinten zu knicken und an seinen Nachbarn weiterzugeben.

Aber nicht immer ging es so amüsant in den kleinen Warm-Up-Übungen zu, denn am Dienstag wurde fleißig zum Thema „Was fasziniert mich an meiner Hausarbeit?“ geclustert. Am Donnerstag half ein kleiner „Schreibeinstimmer“, sich selbst und seine gegenwärtige Stimmung zu reflektieren und sich positiv auf seine Schreibtätigkeit einzustimmen. Am letzten Tag erwartete die Teilnehmer eine kleine Überraschung: jeder durfte sich eine tolle Postkarte mit ermutigenden Sprüchen wie „Du schaffst das!“ oder „Entspann dich!“ aussuchen und freundliche Worte seines Dozenten an sich selber richten. Durch die Übungen haben sich die „Marathon-Schreiber“ mit den Strategien angefreundet, die ein spielerischer und kreativer Umgang mit Schreiben bietet.

Ziele beim Schreiben der Hausarbeit

Eine Teilnehmerin vor der Zielscheibe, auf der die Teilziele visualisert werden konnten.
(Foto: Annemarie Bracht)

Am Ende dieses fünftägigen Marathons stehen, wie die von den Teilnehmern ausgefüllten Feedbackbögen belegen, viele neugeschriebene Seiten von insgesamt fünfzehn Hausarbeiten. Zusätzlich auch die Erkenntnis, dass durch das Schreiben in der Gruppe eine produktive  Arbeitsatmosphäre entsteht, die sich jeder alleine so nicht schaffen kann. Dennoch bedeutet das nicht, Warten bis zur nächsten „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Die weiten Strecken muss niemand mehr alleine laufen. Die anderen Kommilitonen legen die gleiche Strecke mit den gleichen Hindernissen zurück. Wegzehrung finden alle in der Anlaufstelle namens Schreibzentrum. Auf dem Weg begegnet man auch anderen Läufern, mit denen man den Frust teilen und Erfolge feiern kann.

Einen Bericht zum Schreibmarathon gibt es auch bei Spiegel Online.

Literacy Management: Zertifikatsverleihung des Schreibzentrums Frankfurt (Oder) im Schreibzentrum Frankfurt am Main

Die Goethe Universität, in deren Schreibzentrum wir zu Gast waren. (Zu dem beeindruckenden IG-Farben-Gebäude, das die Uni beherbergt, bekamen wir sogar eine Führung)

Dieses Wochenende war für uns ein ganz besonderes Wochenende. Wir reisten an die Goethe Universität in Frankfurt am Main, um den TeilnehmerInnen unserer Weiterbildung „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ ihre Zertifikate feierlich zu überreichen. Sieben von insgesamt elf Teilnehmenden konnten den zusätzlichen Termin wahrnehmen, zu dem Weiterbildungsteilnehmerin Stephanie Dreyfürst eingeladen hatte, eine der Leiterinnen des Schreibzentrums der Goethe Universität. Wir waren gespannt und glücklich, denn es war die erste Gruppe, die an unserer berufsbegleitenden Weiterbildung teilnahm und so auch die erste Gruppe, der wir unser Zertikat überreichen durften.

Im Laufe von fünf Monaten hatte die Gruppe fünf Wochenenden an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) verbracht und sich intensiv mit Schreibforschung, Schreibberatung, schreibintensiver Lehre und mit der Institutionalisierung schreibdidaktischer Angebote auseinandergesetzt. Parallel dazu erarbeiteten sie online eigene Konzepte für schreibdidaktische Angebote im Rahmen ihrer eigenen Institutionen, beruflichen Umfelder oder zukünftigen Tätigkeitsfelder. Diese Konzeptualisierung und Umsetzung von Schreib- und Leseförderung in Institutionen und anderen gesellschaftlichen Kontexten wird Literacy Management genannt. Das Online- Modul „International Literacy Management“ ist eine Kooperation von Hochschulen in der Schweiz, Frankreich, den USA, Deutschland und Kanada.

Unser “Weiterbildungsbaum”, an dem zu Beginn der Weiterbildung die Erwartungen in Apfelform reiften, wurde zum Abschluss geerntet.

Das Wochenende in Frankfurt am Main stand unter dem Motto Auswertung und Blick in die Zukunft. Alle Anwesenden berichteten, in welchen Bereichen sie mittlerweile als Literacy ManagerInnen tätig sind und wie sie das, was sie in der Weiterbildung gelernt hatten, nutzen und umsetzen. So leitet eine Teilnehmerin mittlerweile neben ihrer Arbeit als angestellte Lektorin Promovierende dabei an, gemeinsam ihre Dissertationsschriften zu überarbeiten.  Sie ist eine der wenigen, die sich theoretisch und praktisch mit Lektoratsarbeit und Schreibprozessbegleitung auseinandersetzt und diese produktiv verbindet.

Eine unserer freiberuflichen Teilnehmerinnen, die langjährige schreibdidaktische Erfahrungen und ein fundiertes Wissen einbrachte, konnte im Laufe der Weiterbildung ihr Profil als Literacy Managerin schärfen. Sie analysierte die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe und entwickelt eine Webpräsenz.

Eine andere Teilnehmerin hat aufgrund ihrer Kompetenzen und der Zusatzqualifikation durch unsere Weiterbildung eine Stelle in einem Verbundprojekt der Universitäten und Hochschulen in Flensburg und Kiel bekommen. Sie vertritt nun die universitäre Schreibdidaktik im hohen Norden, indem sie StudienanfängerInnen beim wissenschaftlichen Schreiben unterstützt.

Die Literacy ManagerInnen mit ihren Zertifikaten

Erfreuliches berichtete auch unsere „Grazer Zelle“, deren beide Mitglieder momentan eine österreichische Variante der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten entwickeln. Fortschritte gibt es auch bei der Entwicklung eines Schreibzentrums an der Uni in Graz: ein Pilotprojekt in drei Studiengängen wird schreibdidaktische Interventionen erproben.  Und in einer schreibintensiven Lehrveranstaltung in der Ethnologie entstand ein Buch mit Texten Studierender, die sie in einer öffentlichen Lesung einem begeisterten Publikum präsentierten.

Auch im Schreibzentrum der Universität Jena ist die universitäre Verankerung deutlich voran geschritten, berichtete uns dessen Leiter. So wird es im kommenden Semester bereits die zweite schreibintensive Lehrveranstaltung in den Literaturwissenschaften geben. Angedacht ist auch eine Meisterklasse für versierte Schreibende. In zwei Wochen wird das Schreibzentrum in Jena die fünfte Peer-Schreib-TutorInnen-Konferenz im deutschsprachigen Raum ausrichten.

Schreibberater Tasche

SchreibberaterInnen Tasche

Und natürlich berichtete auch unsere Gastgeberin von der Arbeit des Schreibzentrums an der Goethe Uni und der studentischen Schreibberatung, für die sie in der Weiterbildung viele Anregungen erhalten hat. Bereits 14 Peer TutorInnen sind in Frankfurt am Main im Einsatz. Alle Anwesenden waren begeistert von der mobilen Schreibberatung der Goethe Universität, für die die studentischen SchreibberaterInnen Taschen entwickelt haben, die bestückt sind mit Arbeitsblättern,Schreibutensilien, aber auch Schokolade und Taschentüchern.

Wir sind erstaunt und erfreut, wieviel sich bei den Teilnehmenden  getan hat und wieviel sie schon im Bereich Literacy Management bewirkt haben. Vielen Dank an die Gruppe, deren großartige Zusammenarbeit so viel zur guten und produktiven Atmosphäre der Weiterbildung beigetragen hat.

Der nächste Durchgang der Weiterbildung  „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ wird im Februar 2013 starten. Mehr Infos hier.

Franziska Liebetanz und Katrin Girgensohn

Das Schreibzentrum wächst über die Uni hinaus – Madison Writing Assistance

Elisabeth Miller

Elisabeth Miller (Foto: Writing Center Madison)

Kurz vor meiner Abfahrt hier habe ich endlich geschafft, was ich schon lange vorhatte und habe mir die Community Writing Assistance angeschaut. Elizabeth Miller, die während meiner Zeit hier im Schreibzentrum meine feste Schreibberaterin war, ist in diesem Projekt besonders engagiert und hat mich mitgenommen in eine der vielen Zweigstellen der hiesigen Stadtbibliothek. Zufällig war das Pinney Branch, genau die Zweigstelle, die ganz in der Nähe unseres Hauses ist und die mich das Jahr über mit Reiseführern, Romanen und DVDs versorgt hat – völlig kostenlos, mit großer Auswahl, langen Öffnungszeiten sogar am Wochenende und unglaublich netten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Daher hatte die Stadtbibliothek von Madison sowieso schon mein Herz gewonnen, aber mit dem Erleben der Community Writing Assistance ist meine Begeisterung gleich nochmal größer geworden.

Was ist die Community Writing Assistance?

Die Community Writing Assistance (CWA – es gibt hier für alles Akronyme) ist eine Kooperation zwischen dem Writing Center, der Stadtbibliothek und einigen Nachbarschaftszentren sowie einer Stiftung (der Evjue Foundation). Ausgebildete Peer TutorInnen des Schreibzentrums und Freiwillige aus Madison bieten zu bestimmten Terminen öffentliche Schreibberatungen an. Insgesamt finden wöchentlich in fünf Stadtteilbibliotheken und zwei Nachbarschaftszentren acht Schichten a drei Stunden statt. An einigen Orten melden sich die Leute vorher an, indem sie sich in Listen eintragen, an anderen Orten kommen die Schreibenden einfach vorbei. Prinzipiell kann jeder der will mit jedem Text in jedem Stadium kommen. Lebensläufe, Bewerbungsschreiben, Lebensgeschichten, Gedichte, Liedtexte, Schulaufsätze, Arbeitsberichte, Leserbriefe, Korrespondenz mit dem Vermieter – das ist alles schon vorgekommen. Hinzu kommt Unterstützung für die Arbeit mit dem Computer. Das Projekt hat für alle Standorte Laptops gespendet bekommen. Für viele Menschen, die Unterstützung suchen, ist es sehr wichtig, nicht nur zu lernen wie sie ihren Lebenslauf ansprechend gestalten, sondern auch, wie sie ihn im Zuge einer Onlinebewerbung hochladen können.

Stadtteilbibliothek Madison – Pinney Branch

Bewerbungshilfe

Unterstützung bei Bewerbungen wird überdurchschnittlich häufig angefragt – was sicher einerseits an der krisengeschüttelten Wirtschaftslage liegt, andererseits aber auch daran, dass es dafür wenig andere gute Angebote gibt. Mittlerweile weisen die Arbeitsämter ihre Klienten schon auf die CWA hin.

Auch die beiden Schreibberatungen, bei denen ich hospitieren durfte, drehten sich um Bewerbungen. So kam eine Frau, die seit vielen Jahren in Restaurants in Madison als Köchin arbeitete. Sie ist keine ausgebildete Köchin, aber ihre Berufserfahrung macht die fehlende Ausbildung mehr als wett und sie hat schon oft die neuen Küchenhilfen eingearbeitet. Ihr Anliegen war es nun, ihre Qualifikationen in ihren Bewerbungsunterlagen entsprechend darzustellen und sich fortan als Köchin zu bewerben. Elisabeth und sie formulierten gemeinsam den Text um, wobei von Elisabeth vor allem Tipps zur grafischen Gestaltung, Leseeindrücke und Ermutigungen kamen. Die Köchin wusste sehr genau, was sie wollte und konnte auch genau sagen, welche Fachausdrücke keiner weiteren Erklärung bedürfen, aber sie brauchte die Bestätigung von einer Leserin. Eigentlich also gar nicht viel anders als es oft im Schreibzentrum war, wenn ich mit meinem Forschungsprojekt zu Elisabeth kam und mir im Grunde vor allem eine interessierte Zuhörerin wünschte, der ich meine Gedanken erklären konnte. Das konkrete Ergebnis der Beratung waren eine Jobanzeige für craigslist (eine beliebte Anzeigen-Homepage) und ein überarbeiteter Lebenslauf.

Win-Win-Situation

Die Schreibberatung findet im Meeting Room der Bücherei statt

Die CWA stellt eine Verbindung zwischen der Universität und der Gemeinde her, die für beide Seiten wichtig ist. Die Gemeinde profitiert von dem Wissen und Können des universitären Schreibzentrums. Und das Schreibzentrum profitiert davon, indem die Schreibberatenden Erfahrungen sammeln können, die über das wissenschaftliche Schreiben hinaus gehen. Sie bekommen Einblicke ins „echte Leben“, wie man so schön sagt. Sie können sehr direkt helfen und konkrete Ergebnisse sehen – zum Beispiel wenn die Köchin eine neue Arbeit findet oder die Enkel die Memoiren ihrer Oma begeistert lesen und mehr einfordern. Die CWA bietet den TutorInnen die Chance, mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen zu arbeiten. Es kommen alle Altersklassen und Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten oder Schwierigkeiten. Die CWA-Jobs des Schreibzentrums sind deshalb sehr beliebt. Die TutorInnen müssen sich dafür bewerben und die Besetzung rotiert, damit mehr Leute eine Chance bekommen.

Worauf achten?

Ich habe Elisabeth gefragt, worauf man achten müsste, wenn man ein ähnliches Projekt plant. Sie meinte, dass ein nicht zu unterschätzender Arbeitsaufwand durch die Koordination entsteht. Es ist sehr wichtig, dass in den Bibliotheken Leute arbeiten, die sich um das Projekt kümmern. Sie machen Öffentlichkeitsarbeit, nehmen die Anmeldungen an, führen Wartelisten und beantworten Fragen. Wenn das gegeben ist, bietet ein solches Projekt eine wunderbare Gelegenheit, Uni und Stadt zu vernetzen.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 34 Followern an

%d Bloggern gefällt das: