Peer Tutoren Ausbildung in Oklahoma – Preparing for Surprise is Education

Neulich war ich am Writing Center der University of Oklahoma, bei Michele Eodice, Moira Ozias und ihrem Team. Michele leitet das Schreibzentrum, Moira ist Associate Director. Außerdem gibt es noch einen Graduate Assistant Director und eine Office Managerin, die sich um alles Organisatorische kümmert. Und dann sind da natürlich noch ca. 20 Schreibberaterinnen und –berater (sowohl Graduates als auch Undergraduates). Das Schreibzentrum hat tolle Räume, in denen es sogar ein Piano gibt.

Ausbildungsmodelle für Peer TutorInnen

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir unser Gespräch über die Ausbildung der Peer Tutoren. Ich habe ja an dieser Stelle schon einige Male von der Aus- und Weiterbildung am Schreibzentrum in Madison berichtet, und auch von anderen Hochschulen die ich besucht habe. Insgesamt würde ich sagen, dass allen Schreibzentrumsleitenden, die ich gesprochen habe, sowohl eine Grundausbildung als auch die kontinuierliche Weiterbildung sehr wichtig sind. Aber die Modelle dafür sind durchaus unterschiedlich. An einigen Schreibzentren müssen die Studierenden erst die Ausbildung durchlaufen, bevor sie sich für die Arbeit im Schreibzentrum bewerben können. In anderen Schreibzentren bewerben sie sich erst, um dann die Aubildung zu durchlaufen, aber manchmal läuft es auch parallel: die Ausbildung erfolgt während die Beratenden schon anfangen zu arbeiten. Weiterbildungen gibt es überall, manchmal wöchentlich, manchmal nur monatlich, manchmal unregelmäßig. Auch Mentoring gehört dazu. In einigen Schreibzentren haben die erfahreneren TutorInnen regelmäßige Gespräche mit den

mit Moira vor dem Writing Center
(Foto: Michele Eodice)

neueren, in anderen übernimmt das Leitungsteam die Mentoring-Gespräche.

Keine Lehrbuch-Vorschriften

In Oklahoma führt Moira am Ende jedes Semester mit allen TutorInnen einzeln Gespräche und leitet daraus ab, was es für Weiterbildungsbedarf gibt und welche Schwerpunkte die Ausbildungsklasse für die angehenden TutorInnen haben soll. Michele sagte mir im Gespräch, für sie sei es besonders wichtig, Studierende nicht mit Dogmen zu belasten. Sie ist gegen Lehrbuch-Vorschriften, wie z.B. „Sei nicht-direktiv!“ oder „Schreibe nie in den Text der Studierenden!“ oder „Gehe in diesen Schritten vor!“. Daher mag sie auch den Begriff Training nicht. „To prepare against surprise is training“, meinte sie, denn wenn man für etwas trainiert wurde sei man der Meinung man könne es nun und wisse wie es geht. Sie findet den Begriff „education“ besser: „To prepare for surprise is education”. Zu dieser Vorbereitung auf Überraschungen gehört es zum Beispiel, dass man Improvisationsregeln verinnerlicht: Ja sagen, zu dem was kommt und spontan darauf reagieren. Eine solche Haltung kann man nicht mit einem Lehrbuch lernen, meinte sie. Deshalb nutzt sie für die Ausbildung der TutorInnen auch keins, sondern bespricht mit ihnen Studien, die in Schreibzentren durchgeführt und veröffentlicht wurden, wie z.B. „Scaffolding the Writing Center“ von Isabelle Thompson. Mit diesem Artikel hat das Team ein ganzes Semester lang in der Weiterbildung gearbeitet. Erst haben sie die im Artikel identifizierten Strategien besprochen, erprobt und Vor- und Nachteile erarbeitet. Dann haben alle Beratenden aus diesem eine persönliche Forschungsfrage abgeleitet und das Semester über bearbeitet, z.B. indem eigene Beratungen aufgezeichnet und angeguckt wurden. Aus einer publizierten Schreibzentrumsforschung wurden also persönliche kleine Forschungsprojekte abgeleitet, die es den TutorInnen erlaubten, ihre eigenen Beratungstätigkeiten strukturiert zu reflektieren.

Nicht dogmatisch werden

Auch generell plädiert Michele dafür, die Schreibzentrumsarbeit nicht zu dogmatisch zu sehen, sondern offen zu bleiben für Neues. So lasse sie auch mal Leute im Schreibzentrum mitarbeiten, die die Ausbildung noch nicht durchlaufen haben, wenn sie sie gerne dabei haben möchte und es gerade anders nicht passt.

Blick ins Writing Center der University of Oklahoma

Surprise!

Ich finde sowohl die Idee, Weiterbildung mit eigener Forschung zu verbinden, als auch die Grundhaltung, keine Dogmen aufzustellen und offen für Überraschungen zu sein, sehr inspirierend. Und apropos Überraschungen: Ich konnte das auch gleich testen! Am Freitag überraschte mich das Madisoner Schreibzentrumsteam mit einer echten Surprise-Party zu meinem Geburtstag. Das kannte ich nur aus Filmen bisher. Ich habe mich sehr gefreut!

Surprise Party für mich am Writing Center in Madison

Das Writing Lab der Purdue University: Online und Offline aktiv

Das Writing Lab der Purdue University kennen viele Menschen weltweit, weil es eines der ersten Online-Angebote in unserem Bereich war. Das OWL (Online Writing Lab) bietet jede Menge Ressourcen für akademisch Schreibende an, von Tipps für Lehrende über Schreibprozessinformationen über Grammatik bis hin zu Styleguides. Ich hatte neulich die Gelegenheit, das Writing Lab auch offline zu besuchen, als ich in Indiana war. Dabei konnte ich mich davon überzeigen, dass auch im echten Leben viel los ist im Writing Lab.

Konversationsgruppen

Neben den Beratungen und Schreibgruppen finden beispielsweise fast jeden Tag Konversationsgruppen für ausländische Studierende statt. Diese sind auf Wunsch von Studierenden entstanden und wurden immer mehr, weil sie so gut nachgefragt werden. Die TutorInnen, die die Gruppen leiten, erarbeiten für jedes Semester einen wöchentlichen Themenvorschlag, so dass alle Konversationsrunden der Woche sich mit dem gleichen Thema befassen. Als ich dabei war, drehte sich das Gespräch um das Thema Familie. Laurie, die Gruppenleiterin, ließ uns zunächst eine kleine kreative Aufgabe lösen: wir sollten einen Stammbaum zeichnen. Dann erklärten alle fünf Teilnehmenden nacheinander ihren Stammbaum und Laurie nutzte das, um Vokabeln auf die Tafel zu schreiben und sie nach dem Gespräch zu erklären. Die Tafelbilder veröffentlich sie in ihrem Blog. Obwohl diese Runden überwiegend mündlich sind, scheinen sie doch gut ins Schreibzentrum zu passen. Sie helfen ausländischen Studierenden, ihren Wortschatz zu erweitern und sie können ausländischen Studierenden helfen, das Schreibzentrum kennenzulernen und sich dort Zuhause zu fühlen.

Seminar zu Schreibzentrumstheorie und -praxis

Beeindruckt hat mich auch das Seminar für Graduate Students zum Thema Schreibzentrumsarbeit in Theorie und Praxis. Studierenden müssen in dem Seminar zwischen ein und drei Projekten bearbeiten, je nachdem was sie studieren und welche Note sie haben wollen. Obligatorisch müssen alle mindestens fünf Schreibberatungen beobachten und in einem Essay in Bezug setzen zu der Schreibzentrumstheorie, die sie im Seminar lesen.

Weitere Projekte sind:

-          Ein Proposal für eine Schreibzentrumskonferenz vorbereiten und eine Powerpoint-Präsentation dazu erstellen.

-          Einen Vorschlag für ein Forschungsprojekt im Schreibzentrum erarbeiten.

-          Eine Rezension für ein Schreibzentrumsbuch schreiben und dabei auch eine annotierte Bibliografie zum Thema erstellen.

-          Ein Szenario für eine Schreibzentrumsweiterbildung erstellen.

-          Eine Reflexion zu den Diskussionen auf wcenter-listserv schreiben und diese auf die im Seminar gelesene Lektüre beziehen.

Ich erlebte dort im Seminar Semesterabschluss-Präsentationen. Eine war theoretisch angelegt und der Student befasste sich mit Community Writing Centers und dem außeruniversitären Engagement von Schreibzentren. Eine andere Studentin präsentierte gleich zwei Projekte. Zuerst hatte sie sich in das Archiv des seit 1975 bestehenden Writing Labs begeben und sich die Jahresberichte daraufhin angeguckt, wie das Writing Lab ESL-Studierende thematisiert. Das Thema hat im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen und das Writing Lab hat schließlich angefangen, von sich aus aktiv zu werden im Bereich ESL, statt nur auf bestimmte Anfragen zu reagieren.

Blick ins Writing Lab

Darüber hinaus hat die Studentin das Schreibzentrum ihrer früheren Uni untersucht, an der sie ihren BA-Abschluss gemacht hatte. Dort hatte sie die TutorInnen in einer Online-Umfrage zu ihrer Ausbildung befragt und dies mit dem im Seminar Erlernten in Verbindung gebracht. Sie wird nun für das Schreibzentrum ein neues Aus- und Weiterbildungskonzept entwickeln – was für ein Geschenk für den dort gerade neu eingesetzten Leiter, der das Schreibzentrum nur nebenbei betreuen kann!

Das Seminar scheint sehr umfassend auf Mögliche Tätigkeiten im Bereich von Schreibzentren vorzubereiten – sowas wünsche ich mir für Deutschland auch.

Schreibzentrumsforschung: Gesprächs- und Gestenanalyse einer Beratung

Isabelle Thompson hat 2009 von der International Writing Centers Association den Preis für den besten Artikel des Jahres für ihren Artikel “Scaffolding the Writing Center. A Microanalysis of an Experienced Tutor’s Verbal and Nonverbal Tutoring Strategies” bekommen (erschienen in Written Communication, 26 (4), 417-453)

Isabelle Thompson untersucht in diesem Artikel eine Tutoring-Session eines erfahrenen Peer Tutors, die sie auf Video aufgezeichnet hat, sowohl gesprächsanalytisch als auch im Hinblick auf die Gesten. Dabei stellt sie in Frage, inwiefern eine gelungene Beratung tatsächlich nicht-direktiv ist und stellt fest, dass der Begriff “Scaffolding” für die Tätigkeit des Tutors in der Beratung passt. Scaffolding bedeutet in etwa: ein Gerüst geben.

Kognitives Scaffolding
Thompson stellt in der analysierten Beratung verschiedene Varianten von “scaffolding” fest. So gibt es zum einen kognitives Scaffolding. Darunter zählt sie alle Strategien, die den Ratsuchenden die Möglichkeit geben, eine Lösung zu finden. Sie zählt dazu folgende verbale Strategien:
- etwas demonstrieren
- die Wahl geben zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten
- Hinweise geben um einen Sachverhalt zu vereinfachen
- eine Vorgehensweise vorschlagen
- eine Frage teilweise beantworten
- die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken
- einen Rahmen herstellen für etwas Neues oder ein neues Thema einführen
- beim Antworten eine Leerstelle lassen, so dass die Ratsuchende selbst aktiv werden muss
- Ermunterungen zum Suchen einer Antwort ohne inhaltliche Hinweise zu geben
- den Text laut vorlesen oder vorlesen lassen
- als Leser antworten

Entsprechende nonverbale Strategien von kognitivem Scaffolding sind:
- Gesten die als Hinweise fungieren
- Gesten die die Ratsuchende auf bestimmte Textteile fokussieren

Motivationales Scaffolding
Eine weitere Strategie ist das motivationale Scaffolding. Dazu gehören folgende verbale Strategien:
- Anerkennung für die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe
- Humor
- negatives oder positives Feedback
- Bestärkung richtiger Antworten durch Wiederholung derselben
- Erhaltung der Motivation und Bekämpfung von Frustration durch Sympathie und Empathie
Nonverbale Gesten die als motivationales Scaffolding zählen sind alle Gesten, die eine Übereinstimmung und Verbindung mit der Ratsuchenden signalisieren.

Neben dem Scaffolding gab es im aufgezeichneten Gespräch auch direkte Instruktionen.

Methode
Thompson hat das Gespräch im Hinblick auf dieses Scaffolding seitens des Tutors untersucht, indem sie es zunächst gesprächsanalytisch transkribiert und dieses Transkript vom Tutor hat korrigieren und kommentieren lassen. Beim Kodieren ist die den Scaffolding-Definitionen von Cromley und Azevedo (2005) gefolgt und den Gesten-Definitionen von Bavela (1992). Sie hat beim Kodieren ihre Interpretationen mit einem Doktoranden abgeglichen, wobei sie auf 90% Übereinstimmung kamen und die restlichen 10% im Gespräch klären konnten.

Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass der Tutor kognitives und motivationales Scaffolding gleichzeitig nutzt, um die aktive Beteiligung der Ratsuchenden zu erhöhen, die Diskussion voran zu treiben und effektive Überarbeitungen des Textes zu ermöglichen. So ist es wichtig, dass der Tutor eine Art Sicherheitsnetz bildet, mit dem er die Ratsuchende vor Frustration und Scham schützt. Dabei spielen auch die Gesten eine wichtige Rolle, sie sind ein entscheidender Faktor in der gelungenen Gesprächsführung.
Thompson stellt zudem fest, dass der Tutor die verschiedenen Strategien unterschiedlich stark einsetzt: Wenn die Ratsuchende verwirrt ist, bietet er mehr Hilfe an, und wenn sie selbst einen Weg zu finden scheint hält er sich zurück.
Thompson betont, dass eine Schreibberatung offensichtlich nicht einem vorab festgelegten Schema folgen sollte. Zwar beginnt die Beratung damit, gemeinsam eine Agenda festzulegen, doch ist es im Verlauf wichtiger, den Bedürfnissen der Ratsuchenden zu folgen als dem, was vorab festgelegt wurde. Diese Bedürfnisse werden u.U. nicht gleich am Anfang sichtbar, weil sich das Vertrauensverhältnis zwischen Tutor und Ratsuchender erst im Verlauf des Gesprächs entwickelt.
Ferner kritisiert Thompson, dass die Nutzung des Begriffs “Direktivität” unser Verständnis von Beratungsabläufen limitieren könnte. Scaffolding sei ein günstigerer Begriff, der sowohl direktivere als auch nicht-direktivere Strategien beinhalten könne, aber vor allem auf darauf abziele, dass die Ratsuchende sich wohl fühle und aktiv werde. Wenn Studierende im Verlaufe der Beratung motivational bereit genug seien, könnten Tutoren auch direktiv sehr produktiv agieren, so Thompson. Sei dagegen die Motivation noch nicht genügend aufgebaut wenn Tutoren anfangen direktiver zu agieren, dann würde die Beratung vermutlich weniger erfolgreich verlaufen.
Thompson plädiert dafür, Motivation im Zusammenhang mit Schreibzentrumsarbeit näher zu untersuchen und dabei auch Gesten, Körperhaltung, Gesichtsausdruck etc. stärker in die Forschung mit einzubeziehen.

Unser Buch ist erschienen: Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung

Ich habe es zwar noch nicht in den Händen gehalten, aber bei meiner geschätzten Kollegin Nadja ist es heute angekommen: Unser Lehrbuch. In den ersten Monaten, als ich hier war, haben wir noch online am letzten Schliff gearbeitet, buchstäblich Tag und Nacht, da wir ja praktischerweise zeitversetzt wach waren. Nun ist es also lieferbar und das freut mich so sehr, dass ich es hier gleich posten muss.

Buchcover Girgensohn Sennewald Schreiben lehren Schreiben lernen

Zum Inhalt:

Diese kompakte und verständliche Einführung gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Schreibforschung und Schreibdidaktik im Hochschulbereich. Sie stellt Schreibprozesstheorien vor, führt in die disziplinär unterschiedlichen Methoden der Schreibforschung ein und beleuchtet dabei beispielhaft einzelne Forschungsprojekte. Schreibdidaktische Ansätze an Hochschulen, wie zum Beispiel Schreibzentren, schreibintensive Lehre und Portfolioarbeit, werden vorgestellt. Ein Praxisteil gibt Impulse und Anregungen für Studierende, um das eigene Schreiben im Kontext der Universität zu verbessern.

Das Buch ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt in der Reihe Einführungen in die Germanistik erschienen und kostet bei der WBG studentenfreundliche  9,90 Euro und im Buchhandel 14,90 Euro.

Institutionelle Kooperation von Schreibzentren: So machen’s die BIG TEN

Ich glaube ich hatte bereits an anderer Stelle erwähnt, wie wichtig an den hiesigen Universitäten der Sport ist. Uni-Sportteams sind identitätsstiftend, werden bejubelt, Spiele laufen im Fernsehen und es ist völlig unmöglich, keine Meinung dazu zu haben. Um diese Sportbegeisterung, aber auch die AtlethInnen besser fördern zu können, haben sich bereits vor über 100 Jahren zehn große und sportbegeisterte Forschungsuniversitäten zusammengetan, die größtenteils aus dem mittleren Westen der USA stammen. Die BIG TEN vermarkten z.B. gemeinsam die Fernsehrechte für die Sport-Events, ermöglichen es den AtlethInnen zwischen den Unis zu pendeln, vergeben Stipendien usw. Inzwischen beteiligen sich 12 Universitäten und die Kooperation hat sich auf andere Felder als den Sport ausgedehnt. 1958 wurde das CIC gegründet, das Commitee for Institutional Cooperation, das sich als akademische Ergänzung zur Sport-Kooperation versteht. Die 12 Universitäten haben ein gemeinsames Gebäude in der Nähe des Flughafens in Chicago gebaut, um die Kooperation zu erleichtern. Dort treffen sich nun an einem Tag die Präsidenten der Universitäten, an einem anderen uniübergreifende Forschungsgruppen oder BibliotheksleiterInnen – und einmal im Jahr die LeiterInnen der Schreibzentren.

Benchmarks

Letzte Woche durfte ich also dabei sein, als die SchreibzentrumsleiterInnen der 12 großen Forschungsunis des Mittleren Westens eingeflogen bzw. angefahren kamen nach Chicago. Nach einem allgemeinen Austausch wurden „Benchmarks“ besprochen, d.h. Tabellen, in die alle schon vorab bestimmte Daten und Merkmale ihrer Schreibzentren eingetragen hatten und die vor dem Treffen herumgeschickt worden waren. Festgehalten wird zum Beispiel welchen Bereichen der Uni das Schreibzentrum dient, welchen Titel die Direktorin trägt, wer wichtige Verbündete in der Uni sind, welche finanziellen Sponsoren es gibt. Darüber hinaus sind Zahlen wichtig: Wieviele TutorInnen gibt es, wieviele Stunden arbeiten sie, wieviele Leitungspersonen, was verdienen die TutorInnen, wie oft werden die Gehälter der TutorInnen erhöht und wann zuletzt um wieviel, etc. Diese Vergleiche dienen den einzelnen Schreibzentren der Big Ten/Twelve dazu, Vergleichsgrößen und damit auch Verhandlungsbasen gegenüber den eigenen Institutionen zu haben. So war zum Beispiel an einer der Unis die Stelle einer Associate Direktorin des Schreibzentrums neu eingerichtet worden und dabei war ein Budget für Konferenzteilnahmen vergessen worden. Mit Hilfe der Benchmarks kann sie nun leichter durchsetzen, dass es dafür ein vernünftiges Budget geben muss, denn die Universitäten sind alle miteinander vergleichbar und keine wird hinter den anderen zurückstehen wollen.

Graduate Students

Der zweite Teil des Treffens war der Diskussion um Graduate Students in Schreibzentren gewidmet. Der Unterschied zwischen Undergraduate Students und Graduate Students spielt in den USA eine große Rolle. Graduate Students sind sowohl Masterstudierende als auch Promovierende. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, sehe ich bei uns keinen so großen Unterschied zwischen BA-Studierenden und MA-Studierenden, was vermutlich daran liegt, dass bei uns von Anfang an sehr disziplinspezifisch studiert wird und von Anfang an Wert gelegt wird auf eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten, während es in den USA anfangs mehr Studium Generale und allgemeine Unterstützung gibt. Außerdem sind die Undergraduates hier einfach jünger. Sie sind mit dem BA fertig wenn deutsche Studierende gerade erst anfangen. Als Forschungsuniversitäten legen die Big Ten großen Wert auf die Ausbildung der Graduate Students, wobei zwischen Master und Promotion weniger Unterschied ist als bei uns. Wie auch immer – die Situation der Graduate Students in den Schreibzentren sollte besprochen und eine Stellungnahme entwickelt werden. Dabei geht es zum einen darum, dass die Arbeit von Schreibzentren oft mit „Hilfe für Schreibanfänger“ assoziiert wird – was insbesondere an den Forschungsuniversitäten nicht stimmt, wo viele Graduate Students die Schreibzentren nutzen. Zum anderen arbeiten viele Graduate Students in Schreibzentren als SchreibtutorInnen und häufig auch in Leitungspositionen, z.B. als „Teaching Assistant Associate Director“. Insbesondere diese Leitungspositionen ermöglichen wertvolle zusätzliche Berufserfahrungen während des Studiums und der Promotion und sollten daher gefördert werden. Darüber hinaus gibt es in Schreibzentren auch Forschung über Graduate Writers – und gemeinsam mit Graduate Writers, wie zum Beispiel in einem speziellen Research Cluster zu Graduate Writing Groups an der Michigan State University. Im Meeting wurde beschlossen, die Arbeit an der Stellungnahme bei der nächsten Konferenz der International Writing Centers Association für weitere Leute zu öffnen und sie dann online fortzuführen, um sie später zu publizieren.

Abschließend betonte eine der Teilnehmerinnen noch einmal, wie wichtig ihr der Austausch in dieser Gruppe ist, denn es sei eine eine sehr spezielle Situation: Sie alle leiten sehr große Schreibzentren an sehr großen Universitäten, die sehr auf Forschung ausgerichtet sind.

Dieses Statement hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es wichtig ist, innerhalb der Vernetzung die wir in Deutschland voran treiben, auch Raum für die Bedürfnisse bestimmter Gruppen zu schaffen. So zum Beispiel für diejenigen, die freiberuflich schreibdidaktisch an und mit Universitäten arbeiten, oder für diejenigen, die insbesondere mit NaturwissenschaftlerInnen arbeiten. Im Hinblick auf die Zukunft unseres Schreibzentrums an der Viadrina finde ich es eine gute Idee, wenn wir uns mit denjenigen austauschen, die wie wir, in den nächsten Jahren über den Qualitätspakt Lehre in ihrer schreibdidaktischen Arbeit gefördert werden. Den Stellenausschreibungen der letzten Monate zufolge dürfte da eine recht große Special Interest Group zusammenkommen!

 

Ein Zwischenfazit zu meinem Aufenthalt hier

… gibt es im Blog des Schreibzentrums in Madison zu lesen. Zu finden hier: A conversation with Katrin Girgensohn

Wir freuen uns über Kommentare!

Schreibzentren in Milwaukee

Poster das zu meinem Vortrag einlädt

Letzte Woche war ich in Milwaukee, wo ich an der University of Wisconsin Milwaukee und der Marqutte University die Schreibzentren besuchen konnte. Außerdem hatte ich die große Ehre, das neue Milwaukee Writing Center Consortium mit einem Vortrag eröffnen zu dürfen. Dieses regionale Colloquium bringt Schreibzentrumsleute der verschiedenen Unis und Colleges zusammen und soll fortan regelmäßig stattfinden. Auch hier wird also der Gedanke der professionellen Vernetzung ernst genommen und ausgebaut, wie zur Zeit in Deutschland ja glücklicherweise auch. Ich habe über das Schreiben in deutschen Schulen und Hochschulen gesprochen und über unser Schreibzentrum in Frankfurt (Oder). Besonders schön war, dass auch Vertreterinnen des Internationalen Büros der University of Wisconsin Milwaukee da waren, denn diese Uni ist eine Schwesterinstitution der Viadrina! In Zukunft werden nun die Studierenden schon bevor sie an die Viadrina kommen auf unser Schreibzentrum aufmerksam gemacht. Ich habe auch von unserem „Schreiben wir!“- Seminar berichten, in dem internationale Studierende  nicht nur das Schreiben auf Deutsch üben können, sondern auch leicht Leute kennen lernen. Auch dafür wird nun schon vor dem Auslandsaufenthalt geworben, was mich sehr freut.

Katrin Girgensohn und Margaret Mika

Mit Margaret Mika vor unserem Schwester-Writing Center

Das Writing Center der University of Wisconsin Milwaukee ist damit auch ein Schwester-Schreibzentrum. Es wird geleitet von Margaret Mika. Die 22 TutorInnen bieten sowohl Direktberatung als auch Online-Beratung per chat an. Margaret hatte schon neulich im Madison Writing Center Colloquium von ihrer Alumni-Arbeit erzählt und die hat mich auch in unserem jetzigen Gespräch sehr fasziniert. Sie hat Interviews mit Ehemaligen Schreibzentrumstutoren gemacht, die berichten, was sie aus ihrer Arbeit mitgenommen haben. Einige Ausschnitte sind auch auf der Schreibzentrumshomepage zu sehen und mehr dazu ist im aktuellen Newsletter des Schreibzentrums zu lesen.

Das Schreibzentrum ist übrigens vor Kurzem in einen sehr schön gestalteten neuen Raum gezogen. Ich bin begeistert

Blick ins Writing Center

davon, wie bewusst flexibel der Raum gestaltet ist, mit offenen Beratungsplätzen aber auch der Möglichkeit, transparente und weniger transparente Zwischenwände zu schließen. Außerdem gibt es in der Bibliothek eine „Satellite Location“, die eine Ecke hervorragend ausnutzt und außerhalb der Sprechzeiten komplett in einem Schrank verschwindet.

Im Schreibzentrum der Marquette University konnte ich erleben, wie gut Brads Idee funktioniert, in seinem Schreibzentrum in Madison zukünftige Leitungspersonen auszubilden. Sowohl Rebecca Nowacek, die das Schreibzentrum leitet, als auch Beth Godbee, die sie dabei unterstützt, sind Alumnas des Schreibzentrums in Madison.

Rebecca Nowacek, Beth Godbee, Katrin Girgensohn

mit Rebecca und Beth im Writing Center der Marquette University

In Marquette konnte ich an einem Workshop für Lehrende teilnehmen, der eine kurze Einführung in Writing Across the Curriculum gab. Rebecca hat u.a. von ihrer Forschung zu Lerntransfer berichtet. Dabei geht es um die Frage, inwiefern Studierende Gelerntes in andere Situationen transferieren. Mir wurde wieder einmal deutlich, wie wichtig es ist, Lerninhalte miteinander zu vernetzen und Studierenden die Möglichkeit zu geben, anzuknüpfen. Dafür finde ich es wichtig, eng mit Lehrenden zu kooperieren, aber auch zu versuchen, langfristige Beratungsbeziehungen zu etablieren. Denn wie wir in unserer Praxis immer wieder feststellen, klappt es mit der Umsetzung von Erkenntnissen nicht immer auf Anhieb. In Folgeberatungen kann man gut auf frühere Gespräche verweisen und die Studierenden daran erinnern, was sie in anderen Arbeiten gemacht haben.

Writing Center Marquette University

Das Schreibzentrum in der Marquette University ist übrigens ganz in der Bibliothek beheimatet. Es hat zwar eigene Räume, aber die Studierenden betreten sie durch die Bibliothek und sie sind dadurch sehr präsent für sie.

Und apropos Räume: ich bin nun schon öfter Kunst in Schreibzentren begegnet, z.B. im Coe College und an der University of Wisconsin Milwaukee. In Marquette hat eine der Tutorinnen ihren Schreibprozess in einer Bilderserie gemalt und so entstand ein besonders schöner Wandschmuck. Hier ein Auszug (es ist wie gesagt eigentlich eine Serie).

Schreibprozess

Das Mindeste, was SchreibberaterInnen wissen sollten…

- so lautete der Titel des Staff Meetings vom letzten Freitag hier im Schreibzentrum in Madison, wo ich zwischen meinen ganzen Reisen endlich auch mal wieder war: „The least you need to know about…“.
Die Idee dahinter: Es gibt viele Fragen zu verschiedenen Bereichen in der Schreibberatung, die immer wieder auftauchen. Das Meeting sollte dazu dienen, einige Fragen zu diskutieren und mehr über bestimmte Bereiche zu erfahren. Folgende Themen wurden in sogenannten Breakout Sessions, also in Kleingruppen, behandelt:

- Legal Writing (also Schreiben an der rechtswissenschaftlichen Fakultät)

- Literature Reviews across Disciplines (das Genre Literature Review taucht immer wieder auf)

- APA & Chicago Style Citations (Zitierrichtlinien)

- Productive Ways to End a Conference (wie lässt sich eine Beratung produktiv beenden)

- Technology in the Face-to-Face Writing Conference (z.B. der Einsatz von IPads o.ä. während der Beratung)

Die Sessions liefen in drei halbstündigen Zeitfenstern jeweils 3x hintereinander, so dass alle, die nicht selbst eine Session leiteten, die Chance hatten an drei verschiedenen Sessions teilzunehmen. Ich war zunächst bei der Literature Review, weil ich mich mit diesem Thema gerade für meine eigene Forschungsarbeit befasse. IBei uns nennt man das “Darstellung des Forschungsstands”. Nancy und Stephanie vom Leitungsteam hatten eine sehr informative Präsentation zusammengestellt und versorgten uns mit vielen Materialien. Trotzdem blieb noch Zeit, um Beratungserfahrungen mit diesem Genre zu diskutieren und Fragen in der Runde zu besprechen.

Als zweites war ich in der Session zum produktiven Beenden von Schreibberatungen. Hier machten wir zunächst ein Freewriting und fragten uns dabei, wieviel Zeit wir normalerweise zum Beenden einplanen, wie wir das machen und was wir vielleicht nur manchmal machen. Anschließend sammelten wir gemeinsam die Bestandteile einer gelungenen Beendung von Beratungssituationen und überlegten, wie sich das praktisch umsetzen lassen würde, was in der Theorie allen klar war. Dabei ist mir ein Vorschlag besonders hängen geblieben: Auf den Beratungstischen könnte ein Formular liegen, auf dem die Studierenden am Ende der Beratung eintragen, was ihre nächsten Schritte sind. Darauf könnten auch gleich die Sprechzeiten aufgedruckt sein und ein Feld zum Eintragen des nächsten Beratungstermins.
Die Tafel, auf der wir die Ideen sammelten, füllte sich sehr schnell und am Ende stellten wir fest, dass alleine das Beenden eine ganze Session ausmachen könnte. Ein Fazit war daher, dass nicht alles, was unter „Beenden einer Beratung“ fällt, erst am Ende kommen muss. Zum Beispiel kann man auch zwischendurch schonmal einladen, wiederzukommen, oder man kann auch zwischendurch die Studierenden schonmal bitten, zusammenzufassen, was bisher für sie in der Beratung klar wurde. Und natürlich kann man auch zwischendurch nachfragen, wie es den Studierenden mit der Beratung gerade geht!

Als drittes war ich in der Session zum Legal Writing. Diese wurde von einer Professorin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät angeboten, die dort vor allem juristische Arbeitstechniken und juristisches Schreiben unterrichtet. Sie stellte zunächst fest, dass Jura- Studierende generell die gleichen Schwierigkeiten haben wie andere Studierende auch, und dass bestimmte Prinzipien des Schreibprozesses oder guten Stils sich mit anderen Fächern decken. Dann erklärte sie, dass eine große Schwierigkeit für Studierende darin besteht, sich ihr Publikum vorzustellen. Denn einerseits ist es ein Prinzip, alle Fälle und Gesetze erklären zu müssen – kein Leser kann alles auswendig wissen und keiner will jedes Mal extra Gesetzestexte wälzen. Andererseits kann man aber ein juristisches Grundwissen vorraussetzen. Das ist dann schwer einzuschätzen – und tatsächlich nicht so viel anders als für alle anderen Studierenden, die beim Schreiben ihrer Arbeiten die Balance halten müssen zwischen dem, was im eigenen Fach als bekannt vorausgesetzt werden kann und dem, was erklärt werden muss. Anschließend erklärte die Professorin die wichtigsten Genres und wie sie strukturiert werden und ging auch kurz auf den Stil ein. Insgesamt machte sie den SchreibberaterInnen Mut, ohne Hemmungen mit Jura-Studierenden zu arbeiten. Sie betonte, wie wichtig sie das Schreibzentrum findet und wieviel die Jura-Studierenden dort auch fachunabhängig lernen können.

Ich fand alle drei Sessions sehr interessant und hätte gerne auch noch die anderen besucht. Alles in allem war ich erstaunt, wieviel man in so kurzer Zeit lernen und besprechen kann. Und die Idee, ProfessorInnen einzuladen für eine kurze „Breakout-Session“ sollten wir uns merken, denn das ist eine gute Möglichkeit, sich mit ihnen zu verbünden.

Frisch gerösteter Kaffee, frisch gebackenes Brot: Der Duft des Schreibzentrums im Coe College

sign coe college writing centerMein Besuch des Writing Centers am Coe College in Iowa ist mir als ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es fing schon damit an, dass ich, bevor ich überhaupt das Schreibzentrum betrat, auf Toilette ging und in meiner Kabine mit einer Wandzeitung überrascht wurde: „wcwc – the writing center water closet“. Dort las ich ein erstaunliches, örtlich passendes Hemingway-Zitat: „The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it”. Neben Unterhaltsamem veröffentlicht wcwc auch die Termine des Schreibzentrums, Zitate von Ratsuchenden, Veranstaltungshinweise und Buchempfehlungen.

wcwc

writing center water closet - die ganz spezielle Wandzeitung des Schreibzentrums

Als ich dann ganz beschwingt ins Schreibzentrum ging, kam ich gerade rechtzeitig zum „Tuesday Tea“, der wöchentlichen öffentlichen Tee-Runde. Diese entpuppte sich als informelles Teamtreffen für alle die Lust hatten zu kommen und für alle anderen Studierenden und Lehrenden. So hatte ich gleich die Gelegenheit, viele der Tutoren persönlich kennen zu lernen. Zumindest dachte ich, es seien viele, bis ich erfuhr, dass insgesamt über 70 Tutoren im Writing Center arbeiten. Viele von ihnen beginnen gleich im ersten Semester und bleiben dann im Schreibzentrum bis zu ihrem Studienabschluss. Das Schreibzentrum ist damit ein ganz wesentlicher Teil ihrer College-Identität. Bob Marrs, der Direktor des Schreibzentrums, findet genau das sehr wichtig: Die Tutoren sollen das Schreibzentrum als ihren Raum in der Uni erleben, sich mit ihm identifizieren, Verantwortung übernehmen und ihn prägen. Deshalb ist das Schreibzentrum auch extrem gemütlich. Es ist ein großes Wohnzimmer mit vielen Sofa-Nischen, in denen die Beratungen stattfinden, mit Kunst an den Wänden, Leselampen, Pflanzen – und einer riesigen Küche! Im Gespräch mit den TutorInnen hatte ich sofort das Gefühl, dass ihnen das Schreibzentrum sehr wichtig ist und sie sich dort Zuhause fühlen. Darüber hinaus hatte ich aber auch den Eindruck, dass sie ein sehr fundiertes Wissen über Schreibberatung haben. Zunächst fragte ich mich, wie das kommt, da mir die beiden Tutorinnen, die mich später noch zum Pizza essen ausführten, erklärten dass ihr Training zu Beginn ihrer Tätigkeit im Schreibzentrum nur ein „Retreat“ ist, also ein mehrtägiges Seminar für das sie gemeinsam wegfahren. Dort ginge es aber vor allem um Teambuilding und weniger um Schreibzentrumstheorie.

Später hat Bob mir erklärt, dass er zunächst viel Wert darauf legt, dass die TutorInnen sich untereinander gut kennenlernen, damit sie dann voneinander und miteinander das Beraten lernen. Erfahrene TutorInnen arbeiten eng mit den Neuen zusammen. Außerdem gibt es wöchentliche Teamtreffen. Und alle, die im Schreibzentrum arbeiten, müssen im Laufe der acht Collegsemester ein Schreibzentrumstheorie-Seminar besuchen. Und zwar insgesamt vier Mal! Ich habe zunächst überhaupt nicht verstanden, weshalb das gleiche Seminar viermal besucht wird, aber die TutorInnen erklärten mir, dass ihnen das sehr gut gefalle. Zum einen, weil sie die gleichen Texte anders lesen und diskutieren würden, je nachdem, wieviel Beratungserfahrungen sie schon hätten. Und zum anderen, weil es jeweils andere Konstellationen von Teilnehmenden seien, so dass sich ganz andere Diskussionen ergäben. Außerdem gehört es zum Seminar, empirische Forschungsprojekte in Kleingruppen durchzuführen. Diese

Die Küche des Schreibzentrums

Forschungsprojekte basieren auf der Datenbank des Schreibzentrums, in der Protokolle aller Beratungen gesammelt werden (statistische Daten und kurze Beschreibungen der Gespräche). Es sei sehr gut, so erklärten mir die Tutorinnen, wenn man das mehrmals mache, weil sich durch die Forschungspraxis der Blick schärfe und man Ideen für neue Forschungsprojekte bekomme, für die man dann durch die Erfahrung auch schon besser gewappnet sei. (Ich hatte bei der Midwest Writing Centers Conference im Oktober einen Vortrag von Coe College-TutorInnen gehört und war damals sehr beeindruckt, also kann ich bestätigen, dass die Forschungsprojekte der Studierenden Hand und Fuß haben!).

Coe College Writing Center

Die Mischung aus Informalität des Lernens und Gründlichkeit in der Ausbildung im Writing Center des Coe College hat mich sehr fasziniert. Bob, als Direktor des Schreibzentrums, hält sich sehr im Hintergrund und nimmt den Gedanken des Peer Tutoring in allen Bereichen sehr ernst. Nicht nur in der Beratung, sondern auch in der Verwaltung und Leitung des Schreibzentrums. Denn auch diese legt er in vielerlei Hinsicht möglichst in die Hände der Studierenden. Diese sind zuständig für Werbung, für wcwc und andere Publikationen, für Forschung, usw., immer in Teams für ein gemeinsames Erlernen dieser Verantwortung. Als ich kam, bereitete ein Team gerade eine Art Assessment Center für die Studierenden vor, die sich gerade für die neuen Stellen bewerben. Selbstverständlich werden die jetzigen Tutoren wesentlich dafür verantwortlich sein, diese auszuwählen.

Coe College Writing CenterNicht weniger verantwortungsvoll, so erklärten mir die TutorInnen, seien die Teams, die zuständig sind für das Kaffee rösten und für das Brot backen. Huch? Und was hat das mit Schreibberatung zu tun? Bob und seine Leute waren eher erstaunt darüber, dass mir das nicht sofort klar war: Schreiben und Essen, bzw. Sinnesgenüsse gehören doch zusammen! Wenn ich an unsere Teamtreffen, Schreibgruppen und Schreibnächte in Frankfurt (Oder) denke, kann ich das nur bestätigen. Außerdem, so wurde mir erklärt, duften Brot und frischer Kaffee herrlich. Der Duft trägt zur Behaglichkeit im Schreibzentrum bei und lockt Leute herein. Außerdem sind das Backen und Rösten teil des Teambuildings. Und diese Teams sind offenbar sehr überzeugend. Jedenfalls ist es ihnen gelungen, im Rahmen des Umzugs des Centers, der erst kürzlich stattgefunden hat, eine Küche zu bekommen, die größer ist als so manches Schreibzentrum das ich hier schon gesehen habe.

Blick von der Küche ins SZAber auch akademisch überzeugt das Writing Center. Immer wieder gewinnen TutorInnen des Schreibzentrums Stipendien oder bekommen sehr gute Jobs, weil sie durch die Arbeit im Schreibzentrum sehr gute Kommunikationsfähigkeiten haben, Verantwortung übernehmen und kritisch denken. Das ist auch der Unileitung schon aufgefallen und deshalb unterstützt sie das Writing Center, so viele Tutoren wie möglich auszubilden und zu beschäftigen. Und wenn man sich mal die Relation anguckt, die es zwischen Studierendenzahl am College und SchreibzentrumstutorInnen gibt, dann spricht das Bände: auf 1200 Studierende kommen fast 70 SchreibberaterInnen. Wollten wir in Frankfurt (Oder) ein ähnliches Betreuungsverhältnis haben, müssten wir 333 TutorInnen beschäftigen. Ich denke, wir werden erstmal auf ein Zehntel dieser Zahl hinarbeiten – und vielleicht einen Brotbackautomaten?

Hohop Bean roaster

Hohop Bean roaster

PS: Das Schreibzentrum gibt auch eine Zeitschrift heraus, in der Literatur und Reiseberichte mit interkulturellem Blickwinkel veröffentlicht werden. Sie heißt Colere und ist richtig, richtig gut! Bob möchte damit Tutoren die Gelegenheit geben, das Herausgeben von Zeitschriften zu lernen. Beiträge (auf Englisch) aus Deutschland wären sehr willkommen, meinte er.

 

Von Hummeln und Schmetterlingen: Die deutschsprachige Schreibdidaktik in Bochum

Die Open-Space Tagung in Bochum “Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik” vom 22.-23. März bot die Möglichkeit über schreibdidaktische Themen zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln und über Wege für eine bessere Vernetzung nachzudenken. Ca. 70 Personen hatten sich angemeldet, von denen auch fast alle anwesend waren. Unter den TeilnehmerInnen waren FreiberuflerInnen, HochschulmitarbeiterInnen und studentische Peer-TutorInnen. Fast alle Schreibzentren aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Brandenburg, Bremen und Hamburg waren vertreten, sogar Schreibdidaktiker aus der Schweiz (Winterthur) und Österreich (Graz) nahmen teil. Wie gut wir teilweise bereits vernetzt sind, zeigte unser AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg auf der Tagung: Wir vertraten nicht nur den regionalen AK, sondern zugleich das Schreibzentrum der Viadrina (Simone Tschirpke) und die Schreibdidaktik an den Universitäten Hildesheim (Jana Zegenhagen), Hannover (Nora Peters) und Göttingen (Ella Grieshammer).

Marktplatz der Ideen

Besonders anregend fanden wir das gewählte Format: Zunächst wurden „Anliegen“ bzw. Themenbereiche von den Teilnehmerinnen (und ein paar Teilnehmern…) auf einem großen Blatt formuliert, z.B.

Open Space-"Anliegen".
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

  • „Organisation der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“
  •  „Faculty-Students Partnerships“
  •  „Standards einer Peer-Tutoren-Ausbildung“
  • „Möglichkeiten zur praxisnahen Forschung in der Schreibdidaktik“
  •  „Journal der Schreibberatung (JoSch)
  • „Gründung eines Berufsverbands“
  • „Schreibberatung für Berufstätige“
  • „Zusammenarbeit von NachwuchswissenschaftlerInnen“ uvm.

Insgesamt kamen so rasch 23 Themen zusammen; ein 24. Thema („Öffentlichkeitsarbeit für Schreibzentren“) wurde spontan noch Freitag morgen eingebracht. Auch dafür bot das Format Raum.

Wer ein Thema vorschlug, stellte es kurz dem Plenum vor, pinnte es dann an die große Wand in eine Zeiteinheit, in der er/sie das Thema diskutieren wollte: Donnerstag um 12 Uhr oder Freitag um 10.30 Uhr. Die Themenrunden wurden auf insgesamt 7 Räume verteilt oder spontan wegen des schönen Wetters ins Freie verlegt.

Man musste sich also für eine Runde entscheiden, hatte aber auch die Erlaubnis, eine Gruppe zu verlassen und sich eine Pause zu gönnen („Schmetterling“) oder zu „hummeln“ (zwischen den Gruppen zu springen).

Diskussion über Peer- Tutoren-Ausbildung
© AK Schreibdidaktik Berlin-Br.

Dokumentation der Gruppe "Peer- Tutoren-Ausbildung"
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Jede Gruppe dokumentierte ihre Ergebnisse abschließend im Flur. Ein großer Raum diente als „Café“ und Informationsbörse, dort hingen unsere „Steckbriefe“, die wir vorher den Organisatorinnen zugeschickt hatten.

Von der Idee zum Projekt

Am Freitag Nachmittag trugen wir im Plenum konkrete „Vorhaben“ zusammen, die sich aus den regen Diskussionsrunden ergeben hatten, und für die wir Unterstützung suchen:

  • Die Verbandsgruppe setzt einen Gründungsausschuss ein.
  • Die Zeitschrift „JoSCH“ sucht neue MitstreiterInnen, ReviewerInnen und MitarbeiterInnen.
  • Am 24.10.2012 soll um 11.55 in ganz Deutschland ein Schreib-Flashmob stattfinden.
  • Eine gemeinsame Datenbank für Protokollvorlagen und Datenerhebungen in den Schreibzentren soll erstellt werden usw.

Die letzte Runde bestand nun darin, dass sich zu jedem Vorhaben die Interessierten zusammensetzten und konkrete Schritte überlegten, um das Vorhaben in Gang zu setzen. Immer wieder wurde uns deutlich, wie sehr sich die SchreibdidaktikerInnen die Vernetzung untereinander wünschen. Als gemeinsame Plattform soll zunächst das Diskussionsforum schreibzentren.mixxt.de dienen.

Das war BÜZ!

Alles in allem:
B
(ehalten) werden wir die vielen neuen Kontakte.
Ü(berraschend) war die Vielfalt der diskutierten Themen und die Effektivität der Open-Space Methode, die das Erarbeiten konkreter, kleiner Ziele ermöglichte.
Z(ukünftig) sollte es weitere solche Formate geben, die SchreibdidaktikerInnen das Vernetzen und Austauschen ermöglichen.

Ein Riesendank an die Bochumer Organisatorinnen (samt Benny natürlich), die die Sache in die Hand genommen haben.

v.l.n.r. Mitglieder des AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg Daniela, Simone, Jana (jetzt Hildesheim), Nora (jetzt Hannover)
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

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