Center for Excellence in Writing an der Florida International University

Florida International University  Letzte Woche konnte ich das Center for Excellence in Writing an der Florida International University besuchen. Das    Schreibzentrum wurde vor knapp drei Jahren neu gegründet, bzw. ersetzte das alte Writing Center nach dem Umzug auf einen neuen Campus. Ich habe mich sehr gefreut, dort auf Paula Gillespie als Direktorin zu treffen, denn sie und Harvey Kail waren diejenigen, von denen ich vor vielen Jahren erstmals etwas über Peer Tutoring gelernt habe – als sie 2002 einen Workshop am Schreiblabor der Universität Bielefeld gaben.

Warum Excellence?

Als ich mich im Vorfeld über das Center informierte, bin ich zunächst über die „Excellence“ im Namen gestolpert. Einerseits finde ich es eine gute Idee, das Schreibzentrum so zu benennen, um deutlich zu zeigen, dass es sich nicht um eine Nachhilfeeinrichtung handelt, sondern um eine Institution die zur Exzellenz der Uni beiträgt. Andererseits erscheint mir der Begriff „Exzellenz“ inflationär gebraucht, aber das ist vielleicht eine sehr deutsche Perspektive, denn eine „Exzellenz-Initiative“ gibt es meines Wissens hierzulande nicht. Einen interessanten Artikel zum Thema fand ich in dem auch sonst empfehlenswerten Band „Before and After the Tutorial“ von Mauriello, Macauley und Koch (2011). Emily Isaacs setzt sich in ihrem Essay „The Emergence of Centers for Writing Excellence“ ausführlich mit dem Begriff auseinander (S. 131-149). Centers for Writing Excellence seien demnach Center, die der gesamten Instutition dienen, indem sie eine intellektuelle Diskussionskultur fördern. Ihrer Meinung nach haben Schreibzentren es trotz vieler Diskussionen nicht geschafft, jenseits der eigenen Kreise deutlich zu kommunizieren, was sie machen und anbieten und warum sie wichtig sind. Der Eingang zum Center for Excellence in Writing
Für Außenstehende ist es am Naheliegendsten, davon auszugehen, dass Schreibzentren vor allem dazu da sind, schwachen Studierenden dabei zu helfen, ihre Schreibaufgaben zu bewältigen. Das zeigt sich auch in der Diskussion, die Anfang des Jahres im Forum der ZEIT zu dem Artikel über unser Schreibzentrum geführt wurde. Da hieß es z.B., dass jemand, der seine Gedanken nicht selbst strukturieren kann, sich fragen sollte ob ein Studium das Richtige ist und dass die Uni dafür keine Ressourcen verschwenden sollte, solchen Menschen zu helfen. Für uns, die wir in Schreibzentren oder als Schreibberaterinnen arbeiten ist es klar, dass man Schreiben nicht auslernt, dass alle Schreibenden Gespräche über das Schreiben brauchen und dass es in Schreibzentren um viel mehr geht als nur um gute Texte. Aber für Außenstehende kommt unsere Botschaft oft nicht rüber, selbst wenn wir ausführlich darüber reden, wie im Falle des Zeit-Artikels. Deshalb plädiert Isaacs dafür, die Sprache derjenigen zu nutzen, die wir erreichen wollen und uns mit dem Namen des Schreibzentrums entsprechend zu positionieren.

Eine internationale Uni

Im Falle der Florida International University (FIU) ging der Wunsch nach einem starken Schreibzentrum, das sich an alle Studierenden und Lehrenden richtet, von der Institution aus. Die FIU ist „international“ weil 57% der Bevölkerung von Miami nicht in den USA geboren wurden. International zu sein ist dort Normalität, nicht die Ausnahme. Entsprechend haben auch die Studierenden an der FIU sehr häufig Familien, in denen Zuhause nicht Englisch gesprochen wird. Viele haben Einwanderungsgeschichten, die ihnen nur wenig formales Training in Englisch ermöglicht haben. Bei uns würden sie „Studierende mit Migrationshintergrund“ genannt werden. An der FIU gibt es keine besondere Bezeichnung für sie, weil sie den ganz normalen studentischen Durchschnitt repräsentieren.  Die Uni-Leitung sieht in einem starken Schreibzentrum eine Möglichkeit, es allen Studierenden zu ermöglichen, sich gleichermaßen an den intellektuellen Diskussionen zu beteiligen, die von Studierenden und Absolventen  einer Universität  in den USA erwartet werden. Entsprechend hat sie viel daran gesetzt, eine besonders erfahrene Leiterin für das Zentrum zu finden und unterstützt und fördert das Center for Excellence in Writing sehr.

Eindrücke aus der FIU

Paula und ihr Team sind im Erdgeschoss des Gebäudes der zentralen Bibliothek zu finden, außerdem gibt es zwei Zweigstellen auf anderen Teilen des Campus.
Blick ins Center for Excellence in WritingIch konnte zwei Tage lang hospitieren und habe erlebt, wie international es wirklich zugeht. So habe ich an einem Workshop für sogenannte „Personal Statements“ teilgenommen, die hier zur Bewerbung für die Graduate School dazu gehören. Für alle der knapp 20 Teilnehmenden war Englisch eine Zweit- oder Fremdsprache! Paula und Glenn, der Associate Director, begannen den Workshop daher damit, die Teilnehmenden zu ermutigen, sich trotzdem für Graduate Schools zu bewerben. Sie hoben hervor, dass Absolventen der FIU geschätzt und gesucht werden, gerade weil Englisch für sie nur eine von mehreren Sprachen ist und sie interkulturell erfahren sind. Sehr gut gefallen hat mir, wie stark thematisiert wurde, dass das „Personal Statement“ eine sehr kulturell geprägte Textsorte ist. Da ich dieses Genre aus Deutschland auch nicht in dieser Form kenne, war ich nämlich genauso befremdet wie viele der Teilnehmenden, als ich hörte, dass es darum geht, eine persönliche Geschichte zu erzählen, wenn man sich um ein Promotionsstipendium bewirbt. Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie befremdlich für internationale Studierende in Deutschland unsere Textsorten sein können.

Auch viele von Paulas Tutoren sind keine English Native Speaker. Mit drei von ihnen habe ich mich länger unterhalten. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie es von sich aus überhaupt nicht thematisiert haben, was es für sie heißt, Schreibberatung in einer Zeit- oder Fremdsprache anzubieten. Das ist für sie einfach normal. Unsere Gesprächsthemen rund um das Tutoring waren die gleichen, die auch bei uns im Team immer wieder aktuell sind: Wie lenke ich das Gespräch und stelle trotzdem die Bedürfnisse der Ratsuchenden in den Mittelpunkt? Wie gehe ich damit um, wenn die Gesprächszeit zu Ende geht und trotzdem noch so viel Redebedarf da ist? Wie kann ich Gespräche strukturieren, wenn meine Gesprächspartner sehr viel reden? Was mache ich, wenn ich keine Antwort auf die Fragen weiß, die im Gespräch aufkommen? Ich fand es schön zu sehen, dass die Tutoren sich als Team wahrnehmen und das Schreibzentrum gerne auch dann aufsuchen und zum Arbeiten und Reden nutzen, wenn sie nicht mit Beraten dran sind. Paula hält außerdem wöchentlich Teamtreffen ab.

Leadership Team FIU
Das Leadership Team des Centers for Excellence in Writing vor einem Baum mit unglaublich riesigen Wurzeln in der Nähe von Paulas Haus. Ich finde, das ist eine schöne Metapher: Ein gutes Leadership-Team ist eine starke Wurzel für ein starkes Schreibzentrum.

Seit diesem Semester gibt es zudem ein Writing Fellows Program, das sich an dem der UW Madison orientiert und diesmal mit Seminaren in Architektur und Soziologie zusammen arbeitet. Ich konnte an zwei der wöchentlich stattfindenen Ausbildungsseminare für die Fellows teilnehmen. Die Fellows hatten gerade Artikel zum Thema Genderrollen im Schreibzentrum gelesen und die Aufgabe gehabt, die Rollenverteilungen in  Gesprächen in ihrer Umgebung (nicht im Schreibzentrum) zu beobachten. Paula wollte damit einBewusstsein dafür wecken, wie wir uns in Gesprächen verhalten und welche genderspezifischen Signale wir senden.

Das war wieder ein sehr spannender und inspirierender Besuch! Zumal er mir, über die Schreibzentrumsarbeit hinaus,  wurde durch einen Abstecher in den tropischen  Sommer erlaubt hat. Ein Uni-Campus unter Palmen ist schon etwas Besonderes. Im Teich schwammen Schildkröten statt Enten und in den Everglades, die ganz in der Nähe der Uni beginnen, lauern die Alligatoren.

Schildkröte im Uniteich

Schildkröte im Uniteich

Wer mehr über Paulas Sicht auf ihr Schreibzentrum erfahren möchte, kann in diesen Blogs weiterlesen:

http://writing.wisc.edu/blog/?p=1076

und http://cccc-blog.blogspot.com/2010/09/successes-and-mini-successes-of-latin.html

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