Was Dinge über ihre Geschichte verraten – Objektbiografien zum Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina

Objektbiografien sind eine Textsorte, die journalistisch, wissenschaftlich und literarisch zugleich ist. In mehr und mehr Publikationen werden geschichtliche Ereignisse oder Epochen anhand von Objekten dargestellt. Das Genre erfreut sich großer Beliebtheit, wie z.B. das Buch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ von Neil MacGregor zeigt.

Buchcover ObjektbiographienAnlässlich des 10. Geburtstags des Schreibzentrums der Europa-Universität Viadrina haben wir uns mit Studierenden dieser Textsorte gewidmet. In einem Seminar haben sich die Studierenden die Grundlagen dieser Textsorte erarbeitet und praktisch angewendet. Orientiert haben wir uns dabei an dem Buch „Objektbiographie. Ein Arbeitsbuch“, von Peter Braun und an Gesprächen mit Hannes Wietschel, beide vom Schreibzentrum der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Einige der entstandenen Objektbiografien veröffentlichen wir auf diesem Blog. Sie erzählen etwas über Objekte aus dem Schreibzentrum bzw. das Gebäude, das das Schreibzentrum beherbergt. Zugleich geben sie Einblicke in die Arbeit des Schreibzentrums.

Wir danken den Autor*innen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Franziska Liebetanz & Katrin Girgensohn

Weiter zu den Objektbiografien:

Das Flaschen-Ensemble

Das Persönliche – ein Gedicht an der Wand

Eine Schäfchentasse voller Geschichten

Olivgrüne Samtsessel

Schwerter zu Buchstaben — Die gelbe Kaserne

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Schwerter zu Buchstaben

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Seminargebäude der Viadrina, August-Bebel-Str. 12 (Quelle: Foursquare)

Als ich mich im Winter dieses Jahres das erste Mal zum Seminargebäude in der August-Bebel-Straße der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) begab, war der Himmel grau und ein Nebelschleier umhüllte alles was ich auf meiner Reise sah. Schon in Berlin war die Luft eisig und Krähen flogen krächzten über der Bahnhofshalle, wo sonst nur gurrende Tauben waren. Im Zug zog die Landschaft wie in einem schauderhaft, romantischen Landschaftsbild an mir vorbei. Die stimmungsvolle Düsternis des Tages wurde bei Ankunft in Frankfurt (Oder) noch durch einen eisigen Windhauch verstärkt. Die Menschen, die am Endbahnhof gleich einer Herde aus dem Zug drängten, schienen dadurch heute noch eiliger das Weite zu suchen. Ich ließ ihnen nur zu gern den Vortritt. Einige Minuten später passierte ich eine menschenlehre Unterführung und zog den Kragen hoch als ich in den zügigen Bahnhofsvorplatz betrat.

Doch ich hatte Glück und es kam schon nach wenigen Minuten die Straßenbahnlinie 5, die mich zu meinem Ziel bringen sollte. Vorbei am Stadtzentrum, wo neue Konsumtempel vom Zeitgeist künden und das Trümmerfrauendenkmal vor dem Lichtspieltheater der Jugend vom Untergang eines Landes mahnt, in dem ich einst geboren wurde. Weiter rumpelt die Bahn, vorbei an alten Kasernen, Plattenbauten und an Häuserruinen, die inmitten einer Schnellstraße stehen. Doch dann ein Idyll. Ein Park. Umrahmt von wundervollen Gründerzeithäusern des vergangenen Jahrhunderts. Wenigstens hier hat der Krieg etwas vom alten Frankfurt stehen gelassen. Weiter ging die Fahrt vorbei an Ruinen und modernen neuen Einfamilienhäusern, die nicht so recht zu den verfallenen Häusern nebenan passen wollen. Die Bahn fuhr unter einer alten Eisenbahnbrücke hindurch, die schon lange nicht mehr befahren wird. Dahinter plötzlich eine andere Welt. Wir fuhren direkt in eine Gartenhaus-Siedung der Zwanziger Jahre. Wer hätte dies hier erwartet?

Gebäude Viadrina Sprachenzentrum im SchneeDoch dann die Durchsage: „Witzlebenstraße“. Hier muss ich doch hin! Aber wo soll inmitten dieser Siedlung ein Uni-Gebäude sein!? Ich stieg aus und schaute der grauen Masse von Menschen nach, die alle in eine Richtung liefen. Dort musste es sein, kein Zweifel. Inmitten der Siedlung stand ein Solitär aus gelben Backstein, eine alte Kaserne. Das Gebäude dominierte alle umliegenden Gebäude und wirkte auf den ersten Eindruck wie ein riesiges, wehrhaftes Stadttor einer mittelalterlichen Stadt.

Der Mittelteil der Kaserne steht deutlich zur Straße hervor. Die Ecken des Mittelbaues haben dazu noch zwei Seitentürme, die auf dem Dach mit zwei Spitzdächern gekrönt werden. Die zwei Seitenflügel daneben erscheinen, da sie etwas zurückgesetzt und auch niedriger sind, wie eine Art imaginäre Stadtmauer. Verstärkt wird der gesamte Eindruck noch durch die Zinnen im Giebelbereich des Gebäudes.

JpegIch folgte der Masse und durchschritt nun ebenfalls das „Stadttor“ hinein in das Gebäude. Der eigentliche Innentorbereich wirkte düster. Das einzige Licht fiel durch die zwei Torbögen vorn und hinten. Die Dekoration in neogotischem Strebewerk aus gelben und roten Backsteinen erinnerte mich an mittelalterliche Säle. Ich lief erstmal geradeaus durch den hinteren Torbogen ins Freie und stand unverhofft auf einem riesigen Parkplatz. Am anderen Ende des Platzes erblickte ich einen großen Turm und mehrere kleinere Anbauten, die im selben neogotischen Stil gehalten sind wie die Kaserne. Rechst steht ein weiteres Kasernengebäude, was den großen Platz umrahmt. Alle Gebäude sehen stark verfallen und sehr ruinös aus. So sind alle Häuser von meterhohen Gestrüpp umwuchert. Das Bild Dornröschens im verwunschenen dornenumwucherten Schloss kam mir in den Sinn. Der Nebel, das Gestrüpp und die verfallene Kaserne im gotischen Stil erschienen wie das Schloss im Märchen. Ich wurde unverhofft wieder in die Realität zurückgeholt, als mir ein rotumrandetes Schild vor dem Zaun, der die Bauten umgibt, auffiel. In mahnenden Worten steht dort zu lesen: ACHTUNG! BETRETEN UND BEFAHREN VERBOTEN! EHEMALIGE MILITÄRISCHE KASERNENANLAGE / VON DER LIEGENSCHAFT GEHEN ERHEBLICHE GEFAHREN FÜR LEBEN UND GESUNDHEIT AUS“. Mich überkam ein leichter Schauder bei dem Gedanken, was dort wohl noch im Erdreich verborgen liegen mag. Ich drehte um und lief zurück zur Hauptkaserne um meinen Kurs pünktlich zu erreichen. Dabei fiel mir auf, dass ich einen Trampelpfad benutzt hatte, inmitten eines Wiesenabschnittes auf dem großen Platz. Genau dort, wo die Anwohner mit ihren Hunden spazieren gehen, haben sie das alte Pflaster des Exerzierplatzes frei getrampelt. Es liegt nur einen Zentimeter unter der Grasnarbe und doch verborgen, genauso wie die Geschichte dieses Ortes. Ich wollte mehr über diese Geschichte erfahren! Das Seminar „Objektbiografien“, zu dem ich gerade auf dem Weg war, bot mir dazu Gelegenheit.

„Fest steht und Treu, die Wacht am Rhein!“… und an der Oder!?

JpegSo wie das alte deutsche Soldatenlied „Die Wacht am Rhein“ besingt, stand das Deutsche Reich am Grenzfluss Rhein auf Wache. Das Lied sollte versinnbildlichen, dass man die Landesgrenzen sichert und verteidigt. Auch hier im Osten stand man an der Oder auf der Wacht. Nur eben in entgegengesetzter Richtung. Zwar war die Oder damals noch nicht der Grenzfluss, den wir heute kennen, aber im Kriegsfall war die Oder eine wichtige strategische Verteidigungslinie. Zu diesem Zweck benötigte man Soldaten und Kasernen. Aus diesen Grund wurde nach der Reichsgründung zwischen 1878 bis 1881 ebendiese Kaserne erbaut. Entworfen wurden das Hautgebäude und die dazugehörigen Häuser vom erfahrenen Kasernenarchitekten Spitzner. Der Standort war dabei wohl gewählt, da er strategisch günstig an den Bahngleisen von Frankfurt (Oder) lag, was im Kriegsfalle eine schnelle Verlagerung der Truppen an die Ostgrenze des Reiches möglich machte. Durch die weitere Angrenzung an eine der Hauptstraßen von Frankfurt (Oder) nach Fürstenwalde war auch hier eine schnelle Verlegung der Soldaten auf dem Landwege möglich. Doch unsere Kaserne stand nicht allein und bei Betrachtung alter Stadtpläne fällt auf, dass die Stadt Frankfurt (Oder) einst sehr viele Kasernen besaß. Bereits unmittelbar nach unserer gelben Kaserne folgt an der besagten Hauptstraße die rote Kaserne (Nuhnenkaserne). Diese verdankt ihren Namen, wie unsere gelbe Kaserne, hauptsächlich ihrer farblichen Erscheinung. Die Farbe rührt von dem verwendeten roten bzw. gelben Backstein der Außenverkleidung. Die Stadt selbst wurden wegen ihrer strategisch günstigen Lage zur Garnisonsstadt erklärt. So bildete sie mit anderen Städten an der Oder, wie Küstrin und Stettin, eine Kette von Garnisonsstädten. Diese sollten im Kriegsfall die Ostgrenze des Reiches verteidigen helfen. Da Frankfurt (Oder) somit ein wichtiger Eckpfeiler in der Verteidigung der Oderlinie und des östlichen Gebietes hinter der Oder war, sollte sich diese Bedeutung auch in der Gestaltung der Kaserne wiederspiegeln. So wurden von Spitzner die Bauelemente der Kaserne deutlich mit einem dominanten wehrhaften Charakter versehen, der an eine Mischung aus mittelalterliche Stadttor und Ritterburg erinnert.

Foto Sprachenzentrum_four squareDie Hauptkaserne besteht aus drei Teilen. Einem hervorstehenden Mittelbau zur Straße hin und zwei niedrigeren Seitenflügeln. Der Grundriss des Gebäudes ist dabei leicht V-Förmig. Der Mittelbau sticht nicht nur durch das beschriebene Stadttormotiv hervor, sondern auch durch ein Wappen auf dem Zinnenkranz. Es zeigt ein Wappen mit einem roten Adler. Dabei fällt mir ein altes Lied ein, das ich in der Grundschule auswendig lernen musste. Das Lied der Brandenburger, das gleich einer Nationalhymne bei keiner Kremserfahrt oder Wanderung fehlen durfte. Dessen Refrain: „Steige hoch du roter Adler!“ mir heute noch in den Ohren klingt. Es handelt sich also um das Wappentier Brandenburgs. Doch steht es nicht für das gleichnamige noch junge Bundesland, im vereinten Deutschland, sondern für die Altmark Brandenburg, zu der auch die Stadt Frankfurt (Oder) gehörte. Darüber mutet eine moderne zweckdienliche Installation dem ästhetischen Empfinden des Betrachters einiges zu. So ist das Flachdach des Mittelbaues der Hauptkaserne mit der Installation einer modernen Antenne eines Mobiltelefonanbieters „geschmückt“. Ein Verbrechen am Stil- und Schönheitsempfinden. Aber damit auch ein Kind der Zeit, welche vielfach Pragmatismus vor Schönheit stellt.

Die Seitenflügel weisen nur drei Etagen auf und sind ebenfalls mit Zinnen im Giebelbereich sowie einem Flachdach ausgestattet. Als bauliche Besonderheit haben die Seitenbauten noch jeweils hervorstehende Treppenhäuser zum Exerzierplatz hin. Der Garten vor dem Haus scheint heute etwas vernachlässigt. Ursprünglich wurde er als Offiziersgarten angelegt, mit geschwungener Wegeführung und unterschiedlichen Parkelementen. Von diesem hat sich bis heute lediglich der Baumbestand erhalten. Umfasst wird das Ganze von einem hohen schmiedeeisernen Zaun, dessen Pfosten aus demselben gelben Backstein bestehen wie unsere Kaserne. Die Form, die Aussparungen und Schmuckelemente der Pfosten harmonieren mit der Kaserne und ihren gotischen Fenstern und Zinnen. In der Gesamtansicht fällt daher auf, dass die Kasernenanlage ein neogotisches Gesamtkunstwerk ergibt. In der Neogotik spiegelt sich ein idealisiertes Mittelalterbild der Romantik wieder, das das Mittelalter als die Zeit eines starken Deutschen Reiches begriff, zu dem das junge deutsche Kaiserreich gern aufschließen wollte.

Warum eine Kaserne in Form einer Burg bzw. eines Stadttores!?

JpegDie Hintergrundgeschichte zum Bau beginnt einige Jahre vor dem Bau unserer Kaserne. Nach dem siegreichen Feldzug gegen Frankreich 1870/71 war das neu gegründete Deutsche Kaiserreich in die günstige Lage gekommen, umfangreiche Reparationszahlungen von Frankreich zu erwirken. Dadurch kam es zu einer immensen Finanzschwemme, infolge derer das junge Deutsche Kaiserreich zahlreiche Bauprojekte finanzieren konnten. So wurden neben militärischen Gebäuden, wie in unserem Fall, auch bedeutende Nationaldenkmäler verwirklicht. Diese hatten einen einfachen Zweck! Wie alle Prestigebauten eines neu gegründeten Staates sollten diese den Staat möglichst günstig darstellen und ihm eine geschichtliche Legitimation geben. Für eben diesen Zweck war das Objekt des Kölner Doms am besten geeignet. So wurden die Bauarbeiten am Kölner Dom, der seit über 500 Jahren auf seine Vollendung wartete, wieder begonnen. Doch kannte nach all den Jahrhunderten niemand die historischen Pläne. Einem Wink des Schicksals ist es zu verdanken, dass ein Kunsthistoriker zufällig die Originalpläne des Doms entdeckte. Auf einem Speicher einer Gastwirtschaft, in dem Bohnen trockneten, wurde er fündig und erwarb die Pläne, als er deren Wert erkannte. Dadurch konnte man anhand der alten Pläne des ersten Architekten, Meister Gerhard, nun den Dom vollenden. Die Fertigstellung des gotischen Domes in Köln war ein mediales Großereignis. Die Gotik selbst wurde im Zuge des Aufbaues als „Der deutscheste Stil“ der Architekturgeschichte begriffen. Es entbrannte um die Gotik ein Kulturkampf zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich. In der Kernfrage ging es darum, wessen Nation diesen Stil begründet hätte. Beide Seiten beharrten darauf, den Stil für ihre Nation zu beanspruchen. Ähnlich wie heute der Komponist Beethoven einerseits von Österreich und andererseits von Deutschland beansprucht wird. Doch eine solche Zuweisung zu treffen fällt umso schwerer in Bezug auf eine Zeitepoche, in der beide Staaten noch nicht existierten und die Wirkungsstätten heute auf beiden Staatsgebieten liegen.

So kam es, dass in Deutschland der Stil der Neogotik besonders in Mode kam. Ob nun in Form von Möbeln und kunsthandwerklichen Alltagsobjekten oder auch in Form von Mittelalterfesten. Aber auch die Architektur nahm diese Mode auf und entwarf Gebäude im neogotischen Stil. Dass nun auch neu zu errichtenden Kasernen vielfach in diesem Stil gehalten wurden, lag auf der Hand. Deshalb wurde die gelbe Kaserne in neogotischen Formen geplant und errichtet.

Die wechselvolle Nutzung der Kaserne

JpegDie Kaserne war wie erwähnt ab 1881 bezugsfertig. Genutzt wurde die Kaserne ab Fertigstellung vom Grenadiergarderegiment Prinz Karl von Preußen Nr. 12, weshalb die Kaserne auch die 12. Kaserne genannt wurde. Wieder ein neuer Name. Damit sie eindeutiger benannt werden konnte, wurde sie 1920, im Zuge der Umbenennung der Straße in Hindenburgstraße, in Hindenburgkaserne umbenannt. Noch ein neuer Name. Der Name steht dabei für einen Kriegshelden des ersten Weltkrieges und späteren Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg.

Doch warum heißt heute die Haltestelle der Straßenbahn nicht Hindenburgkaserne oder gelbe Kaserne, sondern Witzlebenstraße? Der spätere Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben war von 1931 bis 1933 Regimentskommandeur in der Hindenburgkaserne. Er war einer der bedeutenden Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Deshalb trägt heute die benachbarte Straße längs des Exerzierplatzes seinen Namen, so dass auch die Tramhaltestelle „Witzlebenstraße“ heißt.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde die Westkaserne hinter dem Hauptgebäude am 20. April 1945 von Fliegerbomben zerstört. Nach Einnahme der Stadt Frankfurt (Oder) durch die Rote Armee wurde auch das Kasernengelände von dieser übernommen. Des Weiteren wurde in der ehemaligen Hindenburgkaserne ein Lazarett für die in Frankfurt (Oder) ankommenden Vertriebenen Deutschen und Kriegsgefangene eingerichtet. Es bestand von 1945-1947. Danach übernahm die Rote Armee das Gelände und errichtete einige Schuppen und Stallgebäude am Rande des Exerzierplatzes. Dabei wurde auch die Ruine der Westkaserne abgerissen. Als die Rote Armee nach der Wiedervereinigung 1992 abzog, fiel das Gelände in einen tiefen Dornröschenschlaf. Nur das Hautgebäude und der Exerzierplatz wurden daraus erweckt. Denn in den Jahren 1993-1999 wurde schließlich das Hauptgebäude saniert und der Offiziersgarten sowie der Exerzierplatz von Munitionsresten befreit. Sodann konnte das Gebäude als Seminargebäude der neugegründeten Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) übergeben werden.

Doch wieso: Schwerter zu Buchstaben!?

Aus einem Ort des Militarismus und Krieges ist heute ein Ort der Muse und der Buchstaben geworden, an dem als größter Nutzer das Sprachenzentrum der Universität untergebracht wird. Statt um Krieg geht es hier heute also um Verständigung. Auch das in der gelben Kaserne beheimatete Schreibzentrum ist lebendiger Ausdruck dieser Entwicklung. Das abgewandelte Bibelzitat „Schwerter zu Buchstaben“ fasst dies humorvoll zusammen: Die Schwerter und Waffen sind Buchstaben gewichen. So ist aus einer ehemaligen Soldatenstube ein Ort der freien wissenschaftlichen Arbeit geworden. Eine der Hauptaufgaben des Schreibzentrums ist es, Studierende bei der Entwicklung von Schreibkompetenz zu unterstützen. Dabei geht es nicht etwa darum, das 10-Finger-System zu erlernen, sondern darum, mittels modernster Lernmethoden den Studierenden das Schreiben neu erlebbar zu machen. Denn es ist, wie das Sprichwort sagt, noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch das Schreiben kann erlernt und verbessert werden. Dabei unterstützt das Schreibzentrum die Studierenden und vermittelt ihnen wertvolle Ratschläge und Kniffe wie man z.B. anders schreiben kann, sich selbst besser motiviert und Schreibblockaden überwindet. Eine spezielle Tutoren Schreibausbildung ermöglicht den Studierenden darüber hinaus das erlernte Fachwissen an andere Studierende weiterzugeben. Neben diesem Aspekt der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten gibt es noch die fachliche wissenschaftliche Arbeit. So ist das Schreibzentrum aktiv in der internationalen Schreibforschung tätig, was durch zahlreiche Publikationen deutlich wird.

Metamorphose einer Kaserne

JpegIm Anschluss an meinen ersten Kurstermin wollte ich auch noch den Rest der militärischen Anlage sehen. So war es immer noch neblig und kühl. Ich trat aus dem Torbogen, aber diesmal ging ich in die entgegengesetzte Richtung. Ich suchte nach Überresten der erwähnten Westkaserne, die 1945 durch Bombardierung  zerstört worden war. Doch statt Trümmern und Ruinen fand ich neben einem Trampelpfad im ausgetrockneten Gras Granitblöcke, die so aneinandergereiht waren, dass sie die Grundform, den Umriss eines Gebäudes zeigten. Doch woher diese Blöcke!? Und warum nicht wie sonst bei Ruinen Fundamentreste!? So sollte doch die Ruine noch von den Sowjetsoldaten abgetragen worden sein? Vor allem beschäftigte mich die Frage, woher diese Granitblöcke nun stammten. Ich sollte es später herausfinden: Im Stadtarchiv fand ich eine Akte über die Munitionsbereinigung des Geländes. Darin enthalten war die kurze Randnotiz, dass man in den vergrabenen Überresten der Westkaserne Granitblöcke des Giebels oder der unteren Zone des Gebäudes gefunden hatte. Man sammelte diese und legte sie anschließend so aneinander, dass diese den Umriss der alten Kaserne nachbildeten. Da dies vor fast 20 Jahren geschah, ist es nicht verwunderlich, dass mittlerweile sprichwörtlich Gras über die Sache gewachsen ist. Ebenso wie über die alten Pflastersteine des Exerzierplatzes.

Ich dachte darüber nach, wie noch vor wenigen Jahrzehnten hier Männer meines Alters den Dienst an der Waffe erlernten und über diesen Platz marschierten. Auch das Leid und Elend, das aus den Folgen eines Krieges erwuchs, wurde in dieser Kaserne offenbar. So sind die zahlreichen Toten, die das Lazarett täglich auf eben diesen Platz ausspuckte, nie gezählt worden. Ja, nicht einmal ihre letzte Ruhestätte in Massengräbern ist bekannt. Damit steht die Kaserne durch ihre ureigene Geschichte mahnend für den Frieden. Um diesen zu gewährleisten ist eine Verständigung und Zusammenarbeit der europäischen Nationen zwingend notwendig, weshalb die neue Bestimmung als Seminargebäude der neugegründeten Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) sicherlich das Beste war, was dieser Kaserne passieren konnte. So lernen nun junge Europäer gemeinsam an einer Universität. Sie werden dabei kulturelle Schranken abbauen und Brücken bauen zwischen den Völkern. Aus ehemaligen Feinden wurden so Freunde und es entwickelt sich über Jahrzehnte eine europäische Union, die die alten Gräben hinter sich lassen wird, um vereint ein neues friedliches Europa zu schaffen.

Christopher

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

Eine Schäfchentasse voller Geschichten

Das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina ist ein Ort, der Studierenden aller Fakultäten sämtliche Aktivitäten rund um die Schlüsselkompetenz „Schreiben“ anbietet. Ob in Gruppen oder alleine, ist es den Studierenden möglich, in angenehmer Lernatmosphäre an Hausarbeiten, Abschlussarbeiten o. Ä. zu schreiben, wobei sowohl die Vorbereitung von Texten als auch die verschiedenen Phasen des Schreibprozesses eine Rolle spielen können. Wenn man in diesen Raum, in einem alten Gebäude der August-Bebel-Straße in Frankfurt (Oder), eintritt, kann man viele unterschiedliche Objekte entdecken. Die Objekte variieren in ihrer Größe, Farbe, Funktion. Viele von ihnen sind offensichtlich und auf den ersten Blick erkennbar. Andere jedoch fallen erst nach genauerem Hinschauen ins Auge. So auch eine grüne mit Schäfchen geschmückte Tasse. Diese steht in einem grauen Regal, eher versteckt in einer Ecke. Die Tasse enthält ein Ensemble von insgesamt neun verschiedenen Stiften.

JpegDiese Tasse erzählt Geschichten über das Schreibzentrum und ist, wenn man es auch vorher nicht vermutet, ein besonderer Bestandteil des Schreibzentrums. Nun fragt ihr euch vielleicht: Wie können simple Stifte bedeutend für das Schreibzentrum sein? Es fällt sofort auf, dass all diese Stifte etwas Besonderes sind, denn sie sehen nicht aus wie x-beliebige, handelsübliche Stifte aus irgendeinem Schreibwarenladen. Hier steckt mehr dahinter.

Bei fünf dieser Stifte handelt es sich um etwa 25cm lange Holzbuntstifte mit einem Durchmesser von etwa 1,9cm. Die Maßangaben variieren hier von Stift zu Stift nur minimal. Es gibt sie in fünf verschiedenen Farben: orange, rosa, gelb, blau und braun. Zu beachten ist jedoch, dass nur die Minen in der jeweiligen Farbe sind. Die Struktur der Stifte unterscheidet sich von einem üblichen Buntstift – sie ähnelt der eines Astes. Die Beschaffung der Oberfläche ist eher rau mit leichten Unebenheiten. Die Stifte sind, gleich einem Ast, ummantelt von einer braunen Rinde, die noch gut erhalten ist und nur einige wenige Schäden aufweist. Die Spitzen der Stifte sind hellbeige-holzfarben und von einer flachen, glatten Beschaffenheit. Diese ist vermutlich durch das Spitzen mit einem Messer entstanden (für einen handelsüblichen Anspitzer sind die Stifte viel zu dick). Die Spitzen umgeben jeweils die farbigen Minen. Es handelt sich also um aus Ästen gefertigte Stifte.

Ein weiterer Stift scheint aus demselben Material, aus einem Ast, gefertigt zu sein. Dieser ist jedoch ein wenig kleiner als die Buntstifte. In der Mitte des Stiftes befindet sich eine ausgeschnitzte Wölbung, welche mit der Aufschrift „AZERBAiJAN“ versehen ist. Das Ende des Stiftes ist von einer blauen, seilähnlichen Schnur umschlungen und mit einer kleinen, hellblauen, aus Stoff gefertigten Blume geschmückt.

 

JpegBei dem nächsten Paar Stifte handelt es sich um die kleinsten des Ensembles. Sie sind in etwa halb so lang wie die Buntstifte und auch halb so dick. Hierbei handelt es sich ebenfalls um Holzstifte. Sie sind jedoch verarbeitet und bemalt, sodass von einer „Ast-Struktur“ nichts mehr zu erkennen ist. Ihre Oberfläche ist sehr glatt. Sie bilden ein Pärchen, geformt als eine Frau und ein Mann, vermutlich ein Ehepaar. Beide Stifte sind ähnlich angemalt worden, wobei viel mit rot gearbeitet wurde. Das Muster und die Art der Bemalung lassen vermuten, dass es sich um Stifte aus einem anderen Land als Deutschland handelt, da sie ein wenig orientalisch aussehen. Das Paar ist von einer weißen Schleife aus Stoff zusammengebunden. Dies verdeutlicht die Zusammengehörigkeit beider Stifte.

Bei dem letzten Stift handelt es sich tatsächlich gar nicht um einen echten Stift. Es ist nämlich eine Kerze in Form eines dicken Buntstiftes. Diese Kerze ist in etwa so lang wie der Azerbaijan Stift und ein klein wenig dicker. Bis auf die Spitze ist der Stift lila und auf der ebenfalls lila Spitze befindet sich der lilafarbene Kerzendocht.

Doch worin liegt nun die Bedeutung der Stifte für das Schreibzentrum, die Arbeit des Schreibzentrums und auch für das Team? Bei diesem Ensemble ist es diesbezüglich besonders wichtig und interessant zu betrachten, woher sie kommen und wie sie ihren Weg ins Schreibzentrum gefunden haben. Genau wie alle anderen Objekte des Schreibzentrums haben auch diese Stifte es irgendwie hierher geschafft. Doch wie?

Die fünf Buntstifte sind seit 2008 Bestandteil der Sammlung. Sie sind also kurz nach der Eröffnung im Jahr 2007 Teil des Schreibzentrums geworden. Sie waren ein Mitbringsel für das Schreibzentrum von der Mutter der Gründerin des Schreibzentrums, Katrin Girgensohn. Sie hat diese Stifte in Rumänien entdeckt und sofort an das Schreibzentrum denken müssen. So haben sie nach langer Reise ihren Platz im Schreibzentrum gefunden. Neben diesen Stiften stammen außerdem weitere Objekte von Katrins Eltern, um genauer zu sein aus deren Wohnung, beispielsweise ein Bücherregal samt Büchern und ein blaues Sofa. Sie wurden bei der Eröffnung an das Schreibzentrum gegeben. So kam es, dass mehrere Menschen an der Einrichtung des Schreibzentrums mitgewirkt und sie somit einzigartig gemacht haben.

Nun aber wieder zurück zu den Buntstiften. Die Stifte wurden einmal für ein Fotoshooting verwendet, welches im Rahmen der Schreib-Peer Tutor*innen Konferenz in Hildesheim stattgefunden hat. Peer-Tutor*innen sind in der Regel andere Studierende, die ihre Kommilitonen Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Sie sind Lernbegleiter und regen ihre Kommilitonen dazu an, eigene Lernprozesse und Probleme zu betrachten und zu reflektieren. In Einzelgesprächen oder in einer Peer-Gruppe wird also gemeinsam an Lösungen dieser Probleme gearbeitet. Somit entsteht eine Beratungssituation zwischen Gleichgestellten. Im Schreibzentrum sind die sogenannten Schreib-Peer-Tutor*innen zuständig. Diese beschäftigen sich ausschließlich mit der Schlüsselkompetenz „Schreiben“. Um Schreib-Peer-Tutor*in zu werden, wird es den Studierenden ermöglicht studienbegleitend eine Ausbildung an der Uni zu absolvieren, welche anschließend mit einem Zertifikat ausgezeichnet wird.

Auf einer Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz treffen Studierende, die in Schreibzentren arbeiten auf andere Studierende, die ebenfalls in einem Schreibzentrum arbeiten zusammen, wobei thematisch dazu passende Inhalte bestritten werden. Diese Form einer wissenschaftlichen Konferenz ist in der deutschen Wissenschaft jedoch noch sehr einzigartig denn meistens sind Konferenzen nur für Wissenschaflter*innen und nicht für Studierende. Die erste Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz fand 2008 in Frankfurt (Oder) statt. Inzwischen findet jedes Jahr eine solche Konferenz statt, wobei sich die Teilnehmerzahl von damals 20 auf heute 100-150 erweitert hat.

JpegIn Hildesheim fand nun die dritte Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz statt. Dabei war es ein Programmpunkt, gemeinsam Fotos von Schreibsituationen zu machen, die dann alle Schreibzentren für ihre Öffentlichkeitsarbeit verwenden dürfen. Die auf der Konferenz in Hildesheim entstandenen Fotos wurden anschließend für die Gestaltung der Homepage des Schreibzentrums in Frankfurt (Oder) verwendet. Neben dieser besonderen Ausnahme dienen die Stifte jedoch nur zu Deko-Zwecken. Die weiteren Stifte sind nach und nach zu diesem Stifte-Set hinzugekommen. Heute stehen sie alle gemeinsam in einer Schäfchentasse, die von einer Studentin, die regelmäßig ihren Weg ins Schreibzentrum gefunden hat, mitgebracht wurde.

Der Azerbaijan Stift stammt, wie sich ja vermuten lässt, aus Azerbaijan. Auch dieser war ein Mitbringsel für das Schreibzentrum. Mitgebracht wurde der Stift von Pascal, einem ehemaligen Peer-Tutor des Schreibzentrums. Er hat nach erfolgreichem Abschließen der Tutor*innen Ausbildung im SoSe 2013 angefangen, im Schreibzentrum der Viadrina zu arbeiten. Nach einigen Startschwierigkeiten hat er dennoch ganze 3 Jahre durchgehalten, wobei sich das Schreibzentrum für ihn zu einem besonderen Ort, mit vielen Erinnerungen und Erfahrungen, entwickelt hat. Heute studiert Pascal in den Niederlanden und hat hier seine Arbeit an einem Schreibzentrum fortgeführt. Doch zurück zum Stift – wie und von wo genau hat er nun seinen Weg ins Schreibzentrum gefunden?

JpegPascal hat 2015 sein Auslandssemester in Aserbaidschan, Seki, verbracht und diesen Stift an einem der zahlreichen Souvenirstände dort entdeckt und für das Schreibzentrum mitgebracht. An diesem Stift hängen besondere Erinnerungen, die in Verbindung mit seiner Herkunft stehen. Die Frage, warum man dem Schreibzentrum einen Stift mitbringen sollte, kommt einem im ersten Moment womöglich überflüssig vor, da es eigentlich offensichtlich ist: ein Stift ist zum Schreiben da und was macht man in einem Schreibzentrum vorrangig? Richtig, schreiben. Doch auch hinter dem Mitbringen dieses Stiftes steckt eine kleine persönliche Geschichte. Pascal kommt ursprünglich aus dem Rheinland, wo natürlich Karneval gefeiert wird. In einem Jahr hat seine Familie mit Stiftkostümen den ersten Preis gewonnen. Diese Geschichte machte im Schreibzentrum die Runde und es wurde häufig darüber gewitzelt, dass er sich das Kostüm anziehen und so für das Schreibzentrum Werbung machen sollte. Hieraus hat sich eine Art Running-Gag entwickelt und da es dieses Kostüm leider nicht mehr gibt, musste nun zumindest ein Stift als Andenken her.

Der Pärchen-Stift war – und wie sollte es auch anders sein – ebenfalls ein Mitbringsel. Die Stifte erzählen vermutlich auch Einiges, jedoch konnte nicht so viel in Erfahrung gebracht werden. Es steht aber soviel fest, dass dieser Stift seinen Weg über einen Peer-Tutor des Schreibzentrums aus der Ukraine ins Schreibzentrum gefunden hat. Er hat dort seine aus der Ukraine stammende Freundin geheiratet. Auch dieser Peer-Tutor ist bereits lange Zeit Teil des Schreibzentrums.

Kommen wir nun abschließend zum letzten Objekt der Schäfchentasse – dem Kerzenstift. Im Rahmen der Umbenennung der Schreibberatung der Universität Bayreuth in Schreibzentrum, was ein großer Schritt zur Etablierung und Institutionalisierung war, hat Katrin Girgensohn dort 2015 einen Festvortrag gehalten. Zum Dank erhielt sie verschiedene Kerzenstifte, unter anderem den lilafarbenen, der heute seinen Platz im Schreibzentrum in der grünen Schäfchentasse gefunden hat.

All diese Stifte sind nun zusammen vereint mit ihren verschiedenen Geschichten als Deko- Element in der Schäfchentasse im Schreibzentrum untergebracht. Hinter jedem dieser Stufte steckt eine ganz persönliche Geschichte. Jeder einzelne hat seine eigene Reise ins Schreibzentrum hinter sich, wodurch sich viele verschiedene Erinnerungen mit ihnen ergeben. Sie machen deutlich, dass sich das Schreibzentrum über die Jahre verändert hat, indem nach und nach neue Objekte hinzugekommen sind. Sie zeigen auch, wie vielfältig das Schreibzentrum ist und auch die Verbundenheit der Teammitglieder mit dem Schreibzentrum wird hier deutlich. Jeder fühlt sich hier wohl und kommt gerne zum Lehren, Lernen und Schreiben an diesen Ort.

Die Stifte können also nicht nur als „Symbol des Schreibens“ gesehen werden: es steckt viel mehr hinter diesen Stiften, und wer will kann daran etwas darüber lernen, was das Schreibzentrum ausmacht.

Manola

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

„Das Persönliche“ bleibt politisch — ein Gedicht an der Wand des Schreibzentrums

Jpeg„Schreib, schreib“, fordert die erste Zeile eines Gedichts, bestehend aus vier ungleich großen Absätzen auf insgesamt 26 Zeilen verteilt, auf. Schwarze Druckbuchstaben auf grellem orangenen Papier, das so offensichtlich um Aufmerksamkeit schreit, schreien könnte, würde es sich nicht in einer Ecke zwischen Bücherregal, blauem Sofa und grüner Hängepflanze verstecken.

Verfasst hat die Gedanken ein gewisser Herr Theobald Tiger, ein am 9. Januar 1890 in Berlin geborener Satiriker, Romanautor, Lyriker, Sozialist, Pazifist, starke Stimme gegen die in den 30er Jahren immer stärker wachsende Bedrohung der, wie es in unseren Schulbüchern heißt, ersten Demokratie auf deutschem Boden durch die Nationalsozialisten und uns allen besser bekannt unter seinem richtigen Namen Kurt Tucholsky.

Wie das Gedicht von seiner Veröffentlichung in der ehemaligen deutschen Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, Die Weltbühne, Heftnummer 25 vom 26.06.31, einem Dienstag, Jahrzehnte später seinen Weg ins Schreibzentrum nach Frankfurt (Oder) gefunden hat, blieb trotz Recherche leider ungeklärt und damit ebenso im Dunkeln wie der Name der grünen, sich um das Gedicht rankenden Pflanze. Dieser vermag mir in diesem Moment einfach nicht einzufallen.

Die zum Inventar des Schreibzentrums gehörenden Personen vermuten hinter dem Auftauchen des Gedichts in ihren Räumen das Bedürfnis nach Verschönerung eben dieser. Dies würde im Umkehrschluss bedeuten, dass sich jemand die Mühe gemacht hat das Gedicht zu suchen, abzutippen und aufzuhängen. Womöglich stehen dahinter sogar weitere Motive als nur eine dekorative Umgestaltung der Räumlichkeiten. Vielleicht wollte gar einer der Tutoren etwas zur Motivation der Studierenden beitragen?

Unter Umständen hat es aber auch ein Studierender dort aufgehängt. Jemand, der es so richtig satt hatte, Texte nur für die dunklen, mit Büchern vollgestopften und verstaubten Büros von Dozierenden zu produzieren. Und das, obwohl es sich bei unseren Hausarbeiten doch in der Regel um wirkliche Meisterwerke handelt: Sprachneuschöpfungen, spät in der Nacht entwickelte kreative Methoden und weltverändernde Hypothesen, welche die Nachwelt zum Denken anregen sollen:

„Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm; Kein Aas kümmert sich drum.“

„Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm; Kein Aas kümmert sich drum.“

 

Außer das Prüfungsamt am Ende des Studiums, wenn es um die Anmeldung der Abschlussprüfung geht. Dort wird auf die Punktzahl hinter dem Komma genau vermerkt, ob alle Leistungsnachweise gemäß der Prüfungsordnung absolviert worden sind. Doch für den Inhalt all der zu Papier gebrachten Arbeiten interessiert man sich hier auch nicht. Doch

„[s]chreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch – die brauchst du gar nicht feilen.
Nenn mir zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.“

Die Menschheit, die sich nur für Klatsch und Tratsch interessiert, die hat unser Theobald Tiger schon ganz richtig durchschaut und ihr deswegen womöglich dieses Gedicht gewidmet, das dann in die Hände unserer unbekannten Person fiel. Heutzutage würde er womöglich ein Gedicht über „Fake News“ oder „Alternative Fakten“ schreiben.

Foto von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky in Paris 1928 Quelle: Wikipedia.org

Aber vielleicht war es Tucholsky trotz seines Sarkasmus etwas ernster mit der ganzen Sache. Wir schreiben schließlich das Jahr 1931. Da war die NSDAP bereits zweitstärkste Fraktion hinter der SPD im Reichstag.  Das war schon eine „Sache“, aber vielleicht hat er darauf auch gar nicht angespielt, sondern eigentlich die Rezeption des „Liebeslebens der Nordseemakrele“ gemeint. Nein, das ist doch kein Tucholsky! Aber vielleicht ein Theobald Tiger? Ja! Nein! Doch! Die Literatur, die versucht Tucholsky zu verstehen, erzählt nur, dass Theobald Tiger einst für den Ulk reserviert gewesen sei. Das war eine ganz andere Zeitung, eine satirische Beilage des linken Berliner Tageblatts. Also doch! Unser Theobald Tiger war im Ulk für den Ulk zuständig, aber ein paar Mal auch in der Weltbühne zu finden. All diese Pseudonyme können schon verwirren: Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger — und alle hatten sie unterschiedliche Aufgabenbereiche.

Die Sekundärliteratur erzählt, dass die Weltbühne ein Forum der radikaldemokratischen und bürgerlichen Linken gewesen ist. Ein politischer Anspruch liegt also dem Wesen der Zeitschrift zugrunde und gibt den darin veröffentlichten Artikeln, Gedichten, Kommentaren den gesellschaftspolitischen Kontext. Und Tucholsky war hier in guter Gesellschaft: da prosteten sich seine Artikel mit denen von Erich Mühsam zu, flogen auf die Seite direkt neben Erich Kästners Gedanken und begegneten alle sieben Tage einem Text von Else Lasker-Schüler.

Im September 1905 erstmalig noch als Schaubühne erschienen, erreichte die Weltbühne nie eine besonders hohe Auflage: 15.000 Stück in ihrer Hochphase. Wie viele gedruckte kritische Stimmen, wurde auch sie unmittelbar nach dem Reichstagsbrand 1933 von einem Verbot eingeholt.

Und nun hängt dieses Gedicht hier in Frankfurt (Oder)  an einer Wand des Schreibzentrums und sagt: „Schreib, schreib“. Wie gut kennen wir als Studierende diese Aufforderung. Sehr gut. Zu gut. So gut, dass wir sie schon im Schlaf in unseren Gehirnen produzieren. Dann hält uns „Schreib, schreib“ entweder vom Schlafen ab oder weckt uns schlagartig aus unseren Träumen.

Wie oft können wir diesen zwei Worten einfach nicht nachkommen. Dahinter stecken kein böser Wille, sondern Facebook, Fake News, Zeitungsartikel, Gedanken an die nächste Mahlzeit und andere Dinge, die das Herz in der Regel mehr begehrt als das Anfertigen einer Hausarbeit. Ein besonders gravierender Zustand, wenn in nur wenigen Tagen eine schriftliche Arbeit eingereicht werden muss.

Doch für genau diese Momente der Blockade steht uns das Schreibzentrum mit all seinen breiten und bunten Angeboten zur Verfügung. Angebote, die einen offensichtlich und latent dazu bringen, das Grübeln und Schreiben wieder aufzunehmen. Zu Beginn etwas zögerlich, doch irgendwann mit der nötigen Sicherheit und Zielstrebigkeit.

Da gibt es Nächte in denen ganze Hausarbeiten ihren letzten Schliff erhalten. Und es gibt Kurse, die einen dazu anleiten Dinge zu beschreiben, Fragen zu diskutieren, einfache Geschichten zu erzählen und herauszufinden, weshalb die Dinge, die diesen Raum von den anderen Seminarräumen in diesem alten Gebäude aus Ziegelstein irgendwie abheben, irgendwann ihren Weg hierher gefunden haben.

Die klugen Studierenden belegen rechtzeitig jene Kurse, die ihnen von Anfang an beibringen wie die unterschiedlichen Textsorten anständig, zügig und für die Professoren angemessen formuliert werden sollten. Es ist bedauerlich, dass sie keine Pflichtkurse darstellen, denn das würde das Leben aller Beteiligten um ein Vielfaches erleichtern.

Wie viele Texte und Geschichten hier im Schreibzentrum in den letzten zehn Jahren ihren Anfang nahmen oder gerettet worden sind, dürfte niemand gezählt haben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Anzahl jene Unmenge an Texten übersteigt, welche Tucholsky der Welt hinterlassen hat und die Eingang in unsere Schulen gefunden haben, insbesondere „Schloß Gripsholm“ und „Rheinsberg“.

Wie die meisten Studierenden unserer Viadrina ist er herumgekommen, unser Autor. Zumindest innerhalb von Europa. Ein Jurastudium in der Schweiz, eine langsam beginnende Schriftstellerkarriere, durchbrochen von einem Soldatenleben im Ersten Weltkrieg, das ihn wohl am Ende auch zu einem überzeugten Pazifisten werden ließ. Der berühmte Satz „Soldaten sind Mörder“, entsprang seiner Feder.

Er publizierte und publizierte, hatte zu allem etwas zu sagen: zur gescheiterten Revolution, zur Demokratie in Weimar, den politischen Morden durch die politische Rechte und zur SPD. Die zu kritisieren liebte er besonders.

In den 20er Jahren verließ er Deutschland und sollte nie wieder ganz zurückkehren, obwohl er einer der gefragtesten Autoren seiner Zeit werden sollte. Neben seinen Romanen veröffentlichte er knapp 3.000 Artikel, von denen mehr als die Hälfte in der Weltbühne erschienen. Und einer dieser Texte hängt nun hier. Doch was gibt es Schöneres, als wenn ein längst verstorbener Autor höchst persönlich mit seiner Ironie und seinem Sarkasmus einen dazu auffordert, die eigene Schreibarbeit, wenn auch zu einem völlig unnützen und uninteressanten Thema, konsequent fortzusetzen?

Vielleicht verhält es sich mit der Intention dieses Gedichtes wie mit seinem für uns unbekannten Weg ins Schreibzentrum: schlicht und ergreifend unbekannt. Aber vielleicht soll das auch so bleiben und gibt dem Gedicht genau das, was es ausmacht: eine standortgebundene Objektivität, deren Sinn nur der jeweilige Leser selbst für sich erschließen kann und soll, denn wir erinnern uns:

„Die Sache? Interessiert in Paris und Bentschen
Keinen Menschen.
Derweil, lieber Freund, zu jeder Frist
Die Hauptsache das Persönliche ist.“

JpegKurt Tucholsky verstarb am 4. November 1935 vermutlich nach einer Überdosis an Tabletten in einem Göteborger Krankenhaus. Seine Gedanken sind geblieben, aktueller denn je. Und einer davon hängt hier im Schreibzentrum in einer Ecke, versteckt zwischen Bücherregal, Sofa und einer Pflanze, deren Namen ich immer noch nicht kenne.

Michelle-Inge

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

Das Flaschen-Ensemble

Foto vom Flaschenensemble

Was haben Flaschen mit dem Schreibzentrum zu tun? – Was sich möglichweise wie eine Scherzfrage anhört, war tatsächlich einer der ersten Gedanken, der mir durch den Kopf ging, als ich begann mich mit dieser Objektbiographie auseinanderzusetzen.

Das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina blickt im Jahr 2017 auf sein 10-jähriges Jubiläum zurück. Seit 2007 befindet es sich im ersten Obergeschoss des Universitätsgebäudes in der August-Bebel-Str. 12, einer ehemaligen Kaserne. Beim Eintreten in den Raum 115 fällt sofort auf, dass irgendetwas anders ist als in den üblichen Seminarräumen. Die Computerecke, Tischgruppen, die Sitzecke mit Sofa und Sesseln und die informativen und verschönernden Elemente -– seien es Zitate, Reflexionen über das Schreiben, Weltkarten oder Pflanzen — an den Wänden und auf den mit Büchern über Schreibdidaktik und Schreibforschung gefüllten Regalen. Das Zusammenspiel der Objekte in diesem besonderen Raum strahlt einerseits eine Behaglichkeit aus, aber erinnert auch immer wieder an die praktische Funktion des Raumes: den Fokus auf Schreibprozesse.

Ein besonderer Bestandteil dieses einladenden Ortes sind eben auch diese dekorativen Objekte, deren praktische Funktionen auf den ersten Blick nicht eindeutig werden, aber dennoch vorhanden sind. Da wären etwa die oben erwähnten Glasflaschen, insgesamt fünf Stück, wobei zwei davon unterhalb des Flaschenhalses kegelförmig zulaufen, während die restlichen eine Zylinderform aufweisen. Sie sind dicht beklebt mit Zeitungsschnipseln. Schon seitdem ich den Raum zum ersten Mal betreten habe, bleibt mein Blick immer wieder auf diesem Flaschenensemble hängen. Die Flaschen – vermutlich ehemals Weinflaschen, man kann heute unter den vielen Zeitungsschnipseln kein Etikett mehr ausmachen – stehen auf einem Regal an der diagonalen Seite des Raumes, zwischen Grünpflanzen, einem eingerahmten Zitat, einem Doktorhut und einem rosafarbenen Sonnenhut. Beim Betrachten dieser Objekte ging mir die Frage durch den Kopf, wie diese Flaschen wohl in das Schreibzentrum gekommen sein mögen und ob sie neben dem schmückenden Moment auch einen praktischen Zweck erfüllen mögen.

Foto vom Flaschenensemble

Auf meine Nachfrage nach der Funktion der Flaschen, eröffnet sich mir ein bislang neuer Blick auf diese Objekte. Für bestimmte Veranstaltungen werden sie von dem Regal heruntergenommen und als Schildhalter eingesetzt. Ebendiese Verwendung war überhaupt erst der Anlass, um die ehemaligen Weinflaschen in dieser Form umzugestalten.  Erstmals in Erscheinung getreten sind sie nämlich im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin 2011. Die Mitarbeiterinnen des Schreibzentrums waren aktive Mitglieder im Arbeitskreis Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg, einem Zusammenschluss der damals noch sehr wenigen Schreibdidaktikerinnen und Schreibdidaktiker der Region. Und diese hatten beschlossen, mehr Menschen nahe zu bringen, dass es eine Wissenschaft vom Schreiben gibt und man erforscht hat, wie Menschen schreiben und wie man sie dabei unterstützen kann. Die Lange Nacht der Wissenschaften, mit ihrem Anliegen, Wissenschaft für Interessierte öffentlich zu machen, kam da genau richtig. Und so wurde vom Arbeitskreis Schreibdidaktik an der TU Berlin ein Raum eröffnet, in dem die Besucher in einer Ausstellung vieles über das Schreiben erfuhren, einen Schreibtypentest und „Speed-Beratungen“ machen konnten, und natürlich auch selbst schreiben durften – typgerecht.

Und die Flaschen? Im Vorfeld der Veranstaltung wurden in einer Vorbesprechung noch letzte Details besprochen. Dabei stellte man fest, dass noch Aufsteller benötigt wurden, um die herum Materialien zu dem jeweiligen Schreibtyp gesammelt werden sollen. So kam die Idee auf Flaschen als Schildhalter zu benutzen. Auf jede Flasche wurde schließlich ein Korken gesteckt, an dem wiederum ein Hinweisschild befestigt wurde, dass auf Material für einen bestimmten Schreibtyp an dem jeweiligen Tisch hinwies. Mit Zeitungsschnipseln wurden die Flaschen beklebt, um einen Zusammenhang mit dem Thema Schreiben zu evozieren.

Frau Dr. Daniela Liebscher, eine Schreibberaterin aus Berlin, erklärte sich dazu bereit die Bastelaufgabe zu übernehmen.  Sie erinnert sich, dass die Bearbeitung sehr einfach und schnell ging. Sie vermutet, dass alle benötigten Materialien aus ihrem Haushalt stammten: die Weinflaschen, die Zeitungsausschnitte und der Leim, mit dem sie die Papierschnipsel in mehreren Schichten mithilfe der Serviettentechnik auf den Flaschen befestigte.

Und am 28. Mai 2011 schließlich traten die Flaschen, die die Transformation von der ursprünglichen Nutzung als Weinflasche zu einem Schildhalter durchlaufen hatten, zum ersten Mal in ihrer neuen Funktion in Erscheinung. Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg und gab der Öffentlichkeitswirksamkeit der Schreibdidaktik einen kräftigen Anstoß.

Danach gelangten die Flaschen in das Schreibzentrum der Europa-Universität, da die Gruppe davon ausging, dass sie dort am ehesten von Nutzen sein könnten. So etwa bei dem „Writer’s Circus“, einem Schreibevent, dass vom Schreibzentrum der Viadrina entwickelt wurde: dies ist eine Veranstaltung, bei der die Teilnehmer in Gruppen von Zirkusartisten eingeteilt werden – Jongleure, Dompteure, SeiltänzerInnen, Kartentrickkünstler und Clowns – je nach Charakter sollen sich die Mitglieder einer Gruppe spielerisch und kreativ mit dem Schreiben auseinandersetzen. Anschließend werden die Ergebnisse in einer „Zirkusshow“ präsentiert. Zu diesem Anlass kommen die besagten Flaschen zu ihrem Einsatz, indem in jede Flasche jeweils ein Fähnchen mit dem Bild eines Zirkusartisten gesteckt wird. Das Schreibzentrum der Europa-Universität hat diese Idee bereits verbreitet und zu verschiedenen Gelegenheiten diese Zirkusevents an anderen – teils internationalen – Meetings veranstaltet.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen den Flaschen und dem Schreibzentrum? …Wie diese kleine Reise durch die Geschichte der Flaschen gezeigt hat, stehen die Flaschen gewissermaßen als Zeugnis für die Arbeit des Schreibzentrums und für das steigende Interesse an Schreibdidaktik und Schreibforschung. Vielleicht stehen sie aber auch dafür, wie kreativ und engagiert Schreibzentren sich dafür einsetzen, ihr Betätigungs- und Forschungsfeld bekannt zu machen. Und schließlich geht es auch beim wissenschaftlichen Schreiben darum, mit dem, was da ist, etwas Neues und Eigenes zu kreieren – nichts anderes ist mit den Weinflaschen passiert, die im Regal des Schreibzentrums die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Carla

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

Olivgrüne Samtsessel

Bild der Samtsessel

Wir befinden uns im Jahre 2007. Zwei Möbelstücke machen sich auf den Weg nach Frankfurt. Genau, das an der Oder. Sie haben eine weite Strecke vor sich. Düsseldorf, bzw. der Landkreis Niederkassel waren ihre letzte Heimat. Dort werden sie nun nicht mehr gebraucht, machen Platz, um in Frankfurt (Oder) ein neues Leben zu beginnen. Hier werden sie noch viele Jahre -mindestens 10 – den Studierenden der Viadrina und Ratsuchenden des Schreibzentrums, gute Dienste leisten. Sie machen es wohlig warm und geben ein Gefühl von „zu Hause“, dort, wo sonst eher Bücher und Kopierer den Raum einnehmen. Hier soll etwas Neues, etwas bislang Einzigartiges, etwas Innovatives entstehen, das neue Zentrum der Schreibberatung an der Europa-Universität Viadrina.

Fast 10 Jahre später haben sich diese zwei Möbelstücke, Sessel aus den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, ins Bild eingefügt. Sie gehören hier hin, bilden eine Einheit mit der dazugehörigen Sitzgruppe, bestehend aus einem etwas lädierten Sofa und einem braunen, kleinen Tisch. Schaut man sich in den Räumlichkeiten des Schreibzentrums um, so wird man feststellen, dass diese sich abheben, von den sonst eher tristen Räumen des Gebäudes in der August-Bebel-Straße.

Beim Betreten des Raumen wird einem die Aufteilung in Lernen, Erfahren, miteinander Schreiben, sofort bewusst. Ja, es gibt Tische und Stühle, ja, es gibt Computerplätze. Dennoch, dieser Raum strahlt etwas aus, was den anderen zu fehlen scheint. Hier stehen Erinnerungsstücke, Meisterwerke, neben rauem Putz, auf abgewetztem Teppich.

Die sich in der rechten Ecke befindliche Kaffee-Ecke beherbergt nicht nur einen kleinen Kühlschrank, Equipment um ein Heißgetränk herzustellen, nein, auch viele bunt gemischte Tassen und eine „upside-down Weltkarte“ sind hier zu finden. Zufall? Nein, denn diese Dinge zeugen von der langen und persönlichen Geschichte des Schreibzentrums, welche durch viele Menschen geprägt wurde.
JpegDirekt gegenüber, auf der linken Seite des Raumes, befindet sich eben jene eingangs beschriebene Sitzgruppe. Ein schwarzes, ca. 1,80m hohes Bücherregal, einige Pflanzen und sie, die Sessel. Unterschiedlicher könnten Einrichtungsgegenstände nicht zusammengewürfelt sein. Aber dennoch, sie gehören hier hin, geben den Ideen Raum.

JpegSchaut man sich die Sessel genauer an, so wird man schnell feststellen, dass diese weit älter wirken, als sie in Wirklichkeit sind. Ihr Holz, besonders an den Armlehnen, ist abgegriffen, ihre Polster sind teilweise fleckig und ausgesessen. Letzteres jedoch bezieht sich nur auf den Stoff der Polsterung. Die Federung kann durchaus mithalten mit neueren Modellen, wenn sie diese nicht sogar noch um Jahre überdauern. Der samtweiche Bezug wird durchzogen, von einem olivgrünen, floralen Muster. Die Grundfarbe geht ins Beige. Das Holz ist weitaus dunkler, braun und ebenso der Korbbeschlag zwischen Armlehne und Sesselbeinen. Die klobigen, geschwungenen Beine bieten ein standhaftes Bild. Wie mag die Reise der Sessel damals – 2007 — wohl von Statten gegangen sein? Rühren einige Kratzer von der turbulenten „Überfahrt“ aus dem Rheinland her? Oder waren sie schon da, als sie noch in einer schicken Villa am Stadtrand standen?

Wozu dienten Möbel dieser Art in der damaligen Zeit? Ganz klar, Sessel waren und sind dazu gedacht, Sitzmöglichkeiten zu schaffen, Gemütlichkeit in einen Raum zu bringen. In eine Bibliothek – hauseigen –, ein Kaminzimmer. Sind sie in einem Privathaushalt schon fast eine Selbstverständlichkeit, so bilden sie an einer Universität ein eher untypisches, mittlerweile allerdings nicht mehr allzu seltenes Bild.

Diese Möbel sind das Beispiel eines Jahrzehnts, in dem es als sehr chic galt, alte Möbel möglichst echt nachzubauen. So scheinen die Polster auf den ersten Blick barock anzumuten, bedienen sich dann aber einer Materialzusammensetzung des mittleren 20. Jahrhunderts. Genutzt wurden Stoffe, die es so erst seit einigen Jahrzehnten gibt, da sie nicht natürlich gewonnen, sondern synthetisch hergestellt wurden. Als Glanzstück eines neuen Raumes, waren sie vor gut 50 Jahren der ganze Stolz ihrer neuen Besitzer. Sie boten Raum für das Gespräch vor dem Kamin, das Glas Wein zu einem guten Buch. Ist es die Umgebung, die diese Möbelstücke so besonders macht, oder sind sie es selbst, die dies mit einem Raum versuchen? Fänden sie heute auch Platz in einer Studenten-WG, so wären sie damals von Leuten der Altersklasse, die sie sie heute zum Austausch im Schreibzentrum nutzen, wahrscheinlich als höchst altmodisch und nicht zeitgemäß verstanden worden,
Diese Sessel vermitteln Halt. Es sind ihre dicken, runden, klobigen Beine, die nicht daran zweifeln lassen, dass sie auch in 20 Jahren noch hier stehen könnten. Dann vielleicht zusammen mit einer anderen Sitzgruppe.

JpegWürde man einige Menschen fragen, in welche Epoche sie diese Möbel einordnen würden, so würde man wahrscheinlich in viele fragende Gesichter blicken und nicht selten die — nicht ganz ernst gemeinte — Antwort „Gelsenkirchener Barock“ erhalten. Historisierende Kopien erfreuten sich, gerade in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, größter Beliebtheit. Sei es als Prestigeobjekt, oder als Möglichkeit, dem Hang und der Sehnsucht nach etwas bewusst gefestigtem, bekannten, anmutig Zuverlässigem nachzukommen. Nun ist es mit Möbeln wie in jedem Gebiet, sei es das der Literatur, der Kunst oder Mode. Auch die Epochen der Möbel, die Entwicklung der Industrie eben jener, zeugt von kulturhistorischer Wichtigkeit. Nichts gibt so viel Aufschluss darüber, wie Menschen – miteinander — lebten, wie die Stücke, auf denen sie saßen, sitzen konnten und auch durften. Werkstoffe waren Ausdruck eines gewissen Standes, Farben und Muster zeugten von Stilsicherheit.

Wie war es mit diesen zwei Stücken des Schreibzentrums? Waren sie der ganze Stolz ihrer alten Besitzer, oder gar lästiges Beiwerk zur Aussteuer? Die Innenarchitektur gewann in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Gewicht. Was passte zusammen? Was war gerade en vogue? Auch bei diesen Fragen wird einem klar, wie sehr diese Sessel ihre Rollen verändert haben. Bevor sie nach Frankfurt kamen, waren sie weitaus intakter, gepflegter und wirkten fast, als kämen sie aus einer Ausstellung. In den 10 Jahren, in denen sie nun das Schreibzentrum bereichern, saßen mehr Menschen auf ihnen, als in den Jahrzehnten davor zusammen. Sie erfüllen nun einen Zweck. Sie halfen etwas wohnlicher zu machen, was es so sonst nie gegeben hätte. Sie waren nicht länger Aushängeschild einer Familie, sondern wurden zum Gebrauchsgegenstand vieler.
JpegGibt es eine Verbindung zwischen dem nun ein Jahrzehnt andauernden Erfolg des Schreibzentrums und dem Konzept der heimeligen Wohnzimmeratmosphäre in dessen Räumlichkeiten? Die vielen hier entstandenen Texte, gelesenen Bücher und überarbeiteten Schriftstücke lassen jedenfalls keinen Zweifel, dass sich die Schreibenden hier wohl fühlen und dass mit dem Schreibzentrum an der Viadrina etwas entstand, das eine ganz besondere Atmosphäre hat und so sogar zum Vorbild für viele andere Schreibzentren weltweit wurde.

Stephanie

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

Vorhang auf ! Eindrücke von der 10. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz in Köln

von Elisabeth, Alyssa, Anja und Michał

Vom 30.09-02.10.2017 fand an der Universität zu Köln die 10. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz statt. Organisiert vom Kompetenzzentrum Schreiben der Universität zu Köln trafen sich an diesem Wochenende rund 100 Schreib-Peer-Tutor*innen und Schreibzentrumsmitarbeiter*innen aus dem deutschsprachigen Raum, um sich über das Thema „Von der Rolle? Schluss mit dem Theater! Rollen(konflikte) in der Peer-Schreibberatung“ auszutauschen.

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Rollenkonflikte sind in der Schreibberatung oft präsent. Einerseits sind Schreib-Peer-Tutor*innen Expert*innen im Bereich Schreibmethoden und Schreibberatung, andererseits sind sie aber auch Kommiliton*innen. Sie sind manchmal selbst auf die Beratung der Dozierenden angewiesen, allerdings schicken dieselben Dozierenden die Studierenden zur Schreibberatung. Die Beiträge – in Form von Vorträgen, Workshops und Posterpräsentationen – näherten sich diesem Thema auf unterschiedliche Art und Weise.

Wir erlebten viele inspirierende, lebendige und lehrreiche Diskussionen. Natürlich durfte auch eine ordentliche Portion rheinländischer Humor nicht fehlen, der hilft ja bekanntlich auch beim Vernetzen. Im Anschluss an die Konferenz hielten wir einige Eindrücke, die uns besonders im Gedächtnis geblieben sind, in Form von kleinen Kurzgeschichten fest.

Vorhang auf, Sie betreten ein Schreibzentrum…

… in dieser freien wie auch wilden Bahn der Schreibbegleitenden, tummeln sich zurückhaltende, extrovertierte, gestreifte, gescheckte Exemplare; aber eines müssen sie doch gemeinsam haben: sie sind gute Schreiber*innen, nicht?! Sie haben bestimmt immer gute Noten. Die Schreibwerkzeuge Hände,Tastatur und Stift finden sich bei ihnen leicht zu einem gelungenen Konglomerat zusammen. Geistige Ergüsse sprudeln in geplanter Zeit aus der Feder und sie plaudern ungezwungen über ihr Schreiben und holen sich gerne Rückmeldung auf ihre Texte?!

So oder so ähnlich kann sich die Bühne der Schreib-Peer-Tutor*innen für die Ratsuchenden darstellen. Vor diesem Hintergrund können Ratsuchende in die Sprechstunde kommen. Ein Problem hiermit könnte unter anderem sein, dass Ratsuchende die Verantwortung für ihren Schreibprozess nicht voll annehmen, weil sie auf den Rat der vermeintlich besseren Schreibenden – der Schreibberater*innen – hoffen. Und wie ist es für die andere Seite am Tisch? Wie ist es für die Tutor*innen, sich diesen Erwartungen von Ratsuchenden oder Kolleg*innen wie auch von ihnen selbst ausgesetzt zu fühlen? Sehen sie sich als bessere Schreibende durch die Schreibausbildung?

Diesen und ähnlichen Fragen stellten wir uns in der Einheit Schreib-Peer-Tutor*innen als bessere Schreiber*innen?! Selbsteinschätzung des eigenen Schreibhandelns von Schreib-Peer-Tutor*innen von Özlem aus der Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit an der Universität Hamburg.

Neben den Aspekten des inneren Leistungsdrucks sowie den Erwartungen der Ratsuchenden, widmeten wir uns auch der Frage, wie im Team von Schreibberatenden mit dem Thema umgegangen wird. Beraten sich Kolleg*innen gegenseitig? Wird im Team über die eigenen Schreibprojekte gesprochen? Wird auch über schwierige Schreiberfahrungen gesprochen? Wir fanden im Gespräch heraus, dass es in Schreibteams durchaus zu einer Tabuisierung bezüglich des eigenen Schreibens kommen kann.

Erste Rückschlüsse haben wir aus dem Vergleich mit anderen Berufsgruppen gezogen: Psycholog*innen beispielsweise sehen sich mit den Erwartungen konfrontiert, besonders gut mit ihren Emotionen und ihrem sozialen Umfeld umgehen zu können, was in der Realität aber nicht der Fall sein müsse. Eine Schlussfolgerung ist außerdem, dass es einen Unterschied macht, ob man Beratungs- und Schreibtechniken auf sich selbst oder aber auf andere Schreibende anwendet: schließlich sind Schreib-Peer-Tutor*innen in dieser Situation selbst betroffen und nicht mehr distanzierte Außenstehende. Letztlich, so ein weiteres Ergebnis des Vortrags, werden Tutor*innen mit ähnlichen Herausforderungen beim Schreiben konfrontiert wie Ratsuchende.

Özlem wird das Thema weiter beforschen, anhand eines Fragebogens für Schreibpeertutor*innen. Neben den ersten Ergebnissen, die sie auf der SPTK 2017 präsentierte, möchte Özlem noch mehr Antworten von Tutor*innen gewinnen. Den Link zum Fragebogen wird sie in nächster Zeit an mehrere Schreibzentren schicken.

Rotkäppchen betritt die Theaterbühne…

Das Publikum blickt gespannt auf ihren Korb mit Kuchen und Wein. Das Mädchen mit der roten Kappe spaziert los durch den Wald und kommt vom Weg ab. Ein Wolf schleicht um sie herum. Doch noch bevor er die Großmutter in ihrem Haus fressen kann, fällt eine Kokosnuss vom Baum und erschlägt ihn. Das Publikum ist enttäuscht, die Kinder fühlen sich betrogen. Sie sind so sehr in die eigentliche Geschichte vernarrt, dass jede Alternative dazu sie nur enttäuscht.

So oder so ähnlich kann es auch Schreibberater*innen gehen, die sich zu sehr in ihre Vorstellungen und Hypothesen über ihre*n Gesprächspartner*in  verlieben, dass man das eigentliche Anliegen des Gegenüber immer schon verstanden glaubt. Und dadurch letztlich doch wieder verhindert, was wir eigentlich wollen, nämlich gute Gespräche über das Schreiben führen oder – wie beim vermeintlich falschen Rotkäppchen -Verlauf – sich  darüber zu freuen, dass der Wolf seinen Hunger nicht stillen konnte. Im Workshop zur systemischen Schreibberatung haben wir gelernt, dass es in der Schreibberatung Raum geben muss zum Erzählen, zum Kontextualisieren von Aussagen. Und selbst wenn es zum 7. Mal in dieser Woche um Literaturrecherche ging, sich trotzdem zu fragen: Warum genau spreche ich mit dieser Person darüber? Was bringt mein Gegenüber dazu, danach zu fragen? Welche Ideen sind damit verbunden?

Wichtig ist, sich nicht zu sehr in eine Hypothese über eine Person zu verlieben, dass sie fortan immer nur noch so und nicht anders verstanden werden kann und der gefühlte Erfolg nur davon abhängt. Oder eben davon, wie genau das Märchen am Ende dann doch gut ausgeht und vielleicht ist Rotkäppchens Weg durch den Wald viel spannender als die Frage nach dem Wolf. Dann ist die Vorstellung vielleicht doch ihr Geld wert.

Der Schreibprozess als Theater

Eine spannende Idee wäre es, den eigenen Schreibprozess als Theaterstück zu sehen. Plötzlich wirst du als Autor*in ein*e Held*in einer Geschichte und nimmst dich selbst auf eine Heldenreise. Woher kommst du und wo gehst du hin? Warum brichst du überhaupt auf? Was passiert, wenn du in einem unbekannten Land ankommst? Welche Torwächter und Bösewichter triffst du auf deinem Weg? Welche Helferfiguren kannst du in deine Geschichte einbauen? So wirst du zur*zum Regisseur*in und kannst deinen Schreibprozess auf eine lockere Art und Weise reflektieren.

Um Inspirationen für diese Geschichte zu finden, kannst du die selbst verfassten oder gelesenen Texte interviewen. Oder mit ihnen ins Gespräch kommen. Dein Forschungsgegenstand kannst du mit einem realen Gegenstand aus deiner Umgebung vergleichen und so zu einem Requisit in deinem Theater machen. Ein leeres Blatt wird plötzlich lebendig und beobachtet deinen Schreibprozess. Was würde es dir erzählen?

Diese kreativen Übungen kennen wir dank Deborah und Natascha von der Universität Bochum, die den Workshop “Werde der Held deiner Hausarbeit und rette die Prinzessin der Forschungslandschaft” durchgeführt haben. Inwieweit sich diese Methoden in der Beratungspraxis anwenden lassen, werden wir sehen. Eins ist aber sicher: Kreativität beim wissenschaftlichen Schreiben ist nötig und macht Spaß.

Insgesamt hat das Motto der Konferenz dazu geführt, dass wir uns als Schreibberatende mit den verschiedenen Erwartungen an unsere Rolle aus erfrischend neuen Perspektiven auseinandersetzen konnten. Und wir sind bereits gespannt, unter welchem Motto wir uns im nächsten Jahr wieder treffen und uns und unsere Arbeit gegenseitig durch Austausch und konstruktive Gespräche bereichern werden.

Schreibmarathon 2017

Von Marie Carow

Kurz vor Ende des Sommersemesters, jedes Jahr im September, veranstaltet das Schreibzentrum den so genannten „Schreibmarathon“. Ziel ist es, Studierenden Zeit und Raum für ihre Schreibprojekte zu geben, aber ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Kurz vor Abgabefrist haben so noch einmal alle die Möglichkeit, sich zu motivieren und von Montag bis Freitag konzentriert zu arbeiten. Im Beisein anderer Schreibender entsteht so eine intensive Arbeitsatmosphäre, die alle in eine Stimmung versetzt, die sich positiv auf die Konzentration und die Motivation auswirkt. So entstehen innerhalb eine Woche kleine und große Texte und jede*r kommt  dem persönlichen Ziel näher. Dieses Jahr durfte ich als Peer-Tutorin des Schreibzentrums diese besondere Woche leiten und die Schreibenden begleiten.

SCREEN SCHREIBMARATHON 2017

Hier ein kleiner Eindruck aus dem diesjährigen Schreibmarathon.

Montag, 04.09.2017

Der Wasserkocher köchelt vor sich hin, die Zielscheibe wartet auf die ersten Pins und der Tagesablauf flattert im Wind. Ich befestige ihn mit Magneten und kontrolliere, ob die Kekse und Weintrauben auch schmecken. Ich bin dabei aber die Einzige im Raum. Um 10 Uhr sollte es losgehen. Die Uhr tickt und meine Aufregung steigt. Um 10:18 Uhr kommt immer noch niemand durch die Tür. Ich kontrolliere E-Mails, lege zum dritten Mal die Handouts zurecht und mache mich daran, einen Tagesarbeitsplan für mich auszufüllen. Um 10:45 Uhr bin ich immer noch alleine und checke den Facebook-Eintrag zum Event noch einmal. 10 Teilnehmer, 38 Interessierte, wenigstens eine*r muss doch kommen! Um 11:51 Uhr betritt die erste Schreibende den Raum. Wir kommen ins Gespräch und sie berichtet, dass sie mit dem Schienenersatzverkehr vier Stunden unterwegs war von Berlin bis nach Frankfurt/Oder. Sie sei  zwischendurch nur nicht umgekehrt, weil sie sowieso  noch ein Buch abgeben müsse und zu Hause nur wieder prokrastinieren würde. Im Laufe des frühen Nachmittags finden noch weitere Teilnehmer*innen den Weg ins Schreibzentrum. Es bleibt trotzdem ruhig, die Tastaturen der Laptops klackern leise. Erst auf der Rückfahrt, im Zug nach Berlin kommen wir ins Gespräch und alle Teilnehmer*innen berichten, dass sie mehr geschrieben haben, als in den letzten Wochen zusammen. Das motiviert auch mich.

Dienstag, 05.09.2017

Ich bin wieder sehr früh hier und koche Kaffee. Der Duft erfüllt den Raum mit einer wohligen Wärme. Ich bin nicht mehr so aufgeregt, aber leicht angespannt, weil die Bahnen immer noch nicht richtig fahren. Gestern hatte ich eine Erinnerungsmail an interessierte Teilnehmer*innen gesendet und einen Aufruf bei Facebook gestartet. Kurz nach 10 Uhr betreten eine unbekannte Studentin den Raum, gleich hinter ihr ein angemeldeter Teilnehmer und zwei der Schreibenden von gestern. Ich freue mich über die freundlichen Mienen und wir beginnen gemeinsam. Den geplanten Auftakt von gestern habe ich abgewandelt und so lernen wir uns eben heute kennen. Als ich die Zielscheibe vorstelle, leuchten die Gesichter auf, wie bei Kindern. Alle gehen nach vorne und pinnen ihre Schreibziele an – ein schönes Gefühl. Motiviert geht es an die Plätze und unsere Projekte.

Mittwoch, 06.09.2017

Bergfest! Ich habe gestern weniger geschrieben, umso mehr habe ich mir für heute vorgenommen. Ich habe die leise Hoffnung, das klackernde Geräusch der Tasten spornt die Studierenden an. Ein fester Kern hat sich gebildet. Gemeinsam schreiben sie an einem kleinen Einstimmer, tauschen sich über ihre Ziele aus. Mit Freude bemerke ich, dass jede*r Teilnehmer*in eine Yogamatte dabei hat. Heute Nachmittag gibt es nämlich eine kleine Besonderheit. Yvonne Biesenthal will uns eine Yogaeinheit nach dem Schreibmarathon spendieren. Die Studierenden schreiben fleißig, ohne Pause. Als es draußen dunkel wird und der Regen einsetzt, kommt Frau Biesenthal herein. Wir unterhalten uns über das Schreibzentrum. Wir legen unsere Matten bereit. Zwei Studierende stoßen noch dazu und so ist der Raum gut gefüllt. Leise Musik unterstützt uns bei den Entspannungsübungen. Mit einem Sonnengruß lassen wir den Tag ausklingen. Für morgen sind wir bereit!

Donnerstag, 07.09.2017

Es ist kalt. Zu viert machen wir uns den Raum warm mit Kaffee, Kuchen, heißem Tee. Letzteren kippe ich mir über den Schoß. Der Computer bleibt zum Glück unversehrt, meine Laune weniger. Mit nassem Bein versuche ich, die Schreibenden mit einem neuen Schreibeinstimmer zu motivieren. Wenig später raschelt und klackert es wieder. Geht doch! Die zweite Kanne Kaffee läuft durch, oder ist es die dritte? Ich bin ein bisschen überwältigt von dem Arbeitseifer der Studierenden.

Freitag, 08.09.2017

Endspurt! Auf der Zielscheibe wird es eng in der Mitte. Ich dachte, es motiviert die anderen, wenn ich mein eigenes Ziel auch mit anpinne. Es scheint funktioniert zu haben, sie lassen mich am Rand zurück und stürmen auf die Mitte zu. Toll! Allerdings will uns heute der Verkehr wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Nach dem SEV gibt es jetzt eine kontrollierte Bombensprengung in Erkner. Der Zug fährt zwischen Ostbahnhof und Fangschleuse nicht! Und weil es so schön ist, gab es auch noch einen Verkehrsunfall vor dem Kießlingplatz. Also ist wohl Laufen angesagt, für die Tapferen, die es nach Frankfurt/Oder geschafft haben. Mit mir sind es immerhin vier!

Alles in allem war es eine aufregende, abwechslungsreiche und vor allem arbeitsintensive Woche für alle Beteiligten! Ich war besonders erstaunt darüber, dass die Studierenden sich auf den Weg aus Berlin hierher gemacht haben, trotz der Umstände. Und es hat allen, laut ihrer Aussage, etwas gebracht! Eine schöne Erfahrung…

 

10th Anniversary of the Writing Center at European University Viadrina: Workshop on Writing Center Assessment with Ellen Schendel and William Macauley

bookcover

On Friday, May 5th, the writing center got had a very special birthday present: Ellen Schendel and William Macauley, writing center directors and book authors from the USA, were holding a workshop for the European writing center community. As authors of the book “Building writing center assessments that matter”, Ellen and Bill invited us to think and learn about how we can prove that our writing centers achieve the goals they aim for, like enhancing students’ writing abilities, fostering critical thinking, enjoying writing, arguing in a good way, using sources and so on.

Ellen Schendel

Ellen Schendel

About 20 people followed the invitation, coming from different German writing centers and even from Poland and Kazakhstan. After some deep insights into the designing processes of writing center assessment and different research projects that Ellen and Bill had conducted, we broke up into small groups and worked on developing ideas and building assessment plans for our own writing centers. We had very fruitful discussions and were very wisely guided by Ellen and Bill. Furthermore, the workshop was another wonderful opportunity to collaborate among writing centers on and national and international basis. And collaboration certainly is something that our writing center stands for and is known for after ten years.

William Macauley

William Macauley

Some of us could even after this workshop not get enough and stayed until Saturday: The special interest group “research” of the German association for writing didactics and writing research (gefsus) gathered on Saturday morning to talk more about writing center assessment, to give feedback on each other’s assessment plans and to start working on an outcome statement for writing for students in Germany.

More about our writing center’s anniversary here.

 

Präsente, Präsenzen, Präsentationen: Das Geburtstags-Drumherum zum 10. Jubiläum des Schreibzentrums der Viadrina

Königlich mit Krönchen startete die Werbung für das 10-jährige Jubiläum des Schreibzentrums. Die Königinnen und Könige der Tierwelt – Zebra, Pinguin, Eule, Papagei, Spinne und Marienkäfer schmücken seit Jahren unsere Werbepostkarten. Für das Jubiläumsjahr 2017 verliehen wir den Karten einen besonderen Glanz und statteten unsere tierischen Freunde mit einem royalen Accessoire aus.

Pinguin mit Krone

Doch dies war nur der Anfang eines bunten und kreativen Spektakels! Ein Glücksrad wurde aufgestellt, Lose gedruckt, Preise gekauft, Kuchen gebacken, der Kunst-Kultur-Wagen durchlüftet und Studierende mit Lehrenden zum Austausch über das Schreiben zusammengebracht. Nichts wurde dem Zufall überlassen, außer das, was durch den Zufall erst seinen ganzen Charme entfalten konnte.

Das gesamte Team des Schreibzentrums arbeitete viele Monaten voller Tatendrang und Vorfreude auf das Jubiläum hin. Trotz Ausnahmezustand herrschte eine konstruktive  und produktive Atmosphäre, die die Organisationsmaschine bestens ölte. Im Schreibzentrum der Viadrina zu arbeiten, ist nun mal auch eine Herzensangelegenheit!

Im Vorfeld grübelten wir gemeinsam, wie wir den Geburtstag auch abseits des großen Festaktes zelebrieren und für jedermann*frau am Campus zugänglich machen könnten. Eine zentrale Frage war dabei: Wie können wir auf unterhaltsame Art und Weise für uns werben und Studierende wie Lehrende weiter auf uns aufmerksam machen? Im Teamtreffen stieß ein Vorschlag direkt auf große Begeisterung: ein Glücksrad, das eine unserer Schreibtutorinnen organisierte. Es wurde also zum Herzstück unseres Werbestandes im Foyer des Mensa-Gebäudes. Jede*r war eingeladen am Glücksrad zu drehen, kleine Preise oder Lose – und damit den Zugang zur Verlosung der Hauptpreise – zu gewinnen. In die Vorbereitung involviert waren nicht nur Losebastler*innen und Glücksradbekleber*innen, sondern auch fleißige Kuchenbäcker*innen, die für  kulinarische Köstlichkeiten am Werbestand sorgten.

Glücksrad mit Peer-Tutor*innen

Glücksrad zum Geburtstag

An insgesamt vier Tagen präsentierten wir uns mit Kuchen, Luftballons und Glücksrad ausgestattet im Foyer. Mit unterschiedlicher Besetzung sorgte das Glücksrad nicht nur bei den Tutor*innen, sondern auch bei der Vielzahl an Studierenden und Gästen für gute Laune. Bei der Aktion ging es nicht nur um die zahlreichen kleinen und großen Gewinne, die auf die Gewinner*innen warteten. Natürlich spielte auch der informelle Austausch über Angebot und Arbeit des Schreibzentrums eine zentrale Rolle.

Das Glücksrad war jedoch nicht die einzige Aktion im Jubiläumsjahr. Auch die Schreibberatung sollte in einem ganz neuen Format aufgezogen werden, indem sie neben den Studierenden auch an die Bürger*innen Frankfurts gerichtet werden sollte.

Eine Ort dafür war bald gefunden: der KuKuWa – der Kunst- und Kultur-Wagen der Initiative Studierendenmeile e.V. Der Wagen dient als öffentlich zugängliches Bücherregal – und uns einmal in der Woche als Ort für die Schreibberatung. Immer donnerstags zwischen 13:00 Und 14:00 Uhr können sich Interessierte mit und ohne Studierendenstatus dort beraten lassen.

Wie ein farbenfrohes Raumschiff steht der KuKuWa auf dem Hof vor dem Uni-Hauptgebäude. Auf diese Weise verbindet sich bereits das Universum der Universität mit dem Frankfurter Kosmos. Warum nicht also diesen kulturellen Begegnungspunkt auch für die Schreibberatung nutzen? Nach fruchtbaren Gesprächen mit allen Interessengruppen ist es in diesem Sommersemester des Jubiläumsjahres soweit, dass wir eine Schreibsprechstunde für alle anbieten können – egal, ob junge*r Studierende*r oder Frankfurter Rentner*in. Jeden Donnerstag können Menschen, die übers Schreiben sprechen wollen, zum bunten Wohnwagen in den Innenhof des Hauptgebäudes kommen. Der erste ‘echte Frankfurter’ war schon da und in der Sonne saßen wir zusammen. Der Ankündigung der Märkischen Oderzeitung sei Dank! Wir freuen uns schon jetzt auf viele weitere spannende Textsorten abseits von Essays und Hausarbeiten.

Schreibberatung Kunst- und Kulturwagen

Mit dem großen Festakt am 4. Mai 2017 liegt das ‘Bergfest’ nun schon hinter uns. Die verbleibenden Wochen des Sommersemesters locken aber noch mit weiteren Aktionen und Veranstaltungen rund ums Schreiben. So möchten wir anlässlich unseres Geburtstages auch die Lehrenden dazu befragen, wie, wo und warum sie eigentlich schreiben. Erst recht im Jubiläumsjahr möchten wir das Schreiben in der Interaktion von Studis und Lehrenden noch präsenter machen. Am 30. Mai 2017 von 13:00 bis 14:00 Uhr werden sich Dozierende im GD07 den neugierigen und kritischen Fragen der Studierenden stellen. Seid herzlich willkommen zur Lunch Time Lesson ‘Meet and Greet mit euren Dozierenden zum Thema Schreiben’ !

Um all den Aktivitäten und Festivitäten noch die Krone der Krönchen aufzusetzen, belohnt sich das Team des Schreibzentrums mit einem krönenden Abschluss des Sommersemesters selbst für all die Anstrengungen: An einem Sommertag im Juli trifft sich das gesamte Team zu einem internen Teamausflug, begleitet von Natur, Picknick und kreativen Schreibstationen.

Ein herzliches Dankeschön geht hiermit noch einmal an alle, die mit uns das Schreibzentrums-Jubiläum ermöglicht haben!

Mehr zum zehnjährigen Schreibzentrumjubiläum 2017:

Der Festakt

Die Party

Der Workshop

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