„Undergraduates in positions of intellectual leadership“ – Wie Peer Tutoren in die Lehre eingebunden werden

Heute berichte ich vom Writing Fellows Programm des Schreibzentrums, weil ich eben netterweise an einem der Ausbildungsseminare teilnehmen durfte.

Das Writing Fellows Programm basiert auf den gleichen Prinzipien von Peer Tutoring wie die studentische Schreibberatung im Schreibzentrum, ist aber anders eingebunden in die Lehre.
Und so funktionierts: Es gibt Lehrende, die entscheiden, dass sie schreibintensive Seminare für Studienanfänger anbieten. Schreibintensiv heißt, dass mehrere Schreibaufgaben obligatorisch sind und dass sie über mehrere Entwürfe hinweg begleitet werden. Diese Lehrenden können darum bitten, mit Writing Fellows zusammenzuarbeiten. Je nach Kursgröße werden dann ein oder zwei Fellows ihrem Kurs zugeordnet, so dass jeder Fellow mit 10-16 Studierenden zusammenarbeitet.
Die Fellows treffen sich zunächst mit den Lehrenden, um zu besprechen, welche Schreibaufgaben gestellt werden und wie die Zusammenarbeit aussehen soll. Sie gehen außerdem zu Beginn des Semesters in den Kurs und stellen sich und das Writing Fellow Programm vor. Während des Semesters stellen die Lehrenden dann zwei Schreibaufgaben, die, soweit ich das bisher mitbekommen habe, vergleichbar sind mit kurzen Hausarbeiten, d.h. es muss recherchiert werden und Lektüre eingebunden werden. Die Studierenden müssen spätestens zwei Wochen vor dem Abgabetermin eine erste Fassung dieses Textes an ihren Writing Fellow mailen, zusammen mit einem „Cover Letter“, in dem sie folgende Fragen beantworten:

Your name:
Title of paper:
What do you like most about this draft?
What did you find most difficult about writing this assignment?
List some aspects of this draft to which you would like me to pay special attention when I comment on your paper.
Anything else you need me to know?
(Quelle: http://writing.wisc.edu/writingfellows/?page_id=139, Zugriff 27.9.11)

Die Writing Fellows lesen den Text und kommentieren ihn. Sie machen Anmerkungen und notieren Fragen, heben Gelungenes hervor und versuchen, so konkret und so geduldig wie möglich auf den Text einzugehen. Den kommentierten Text mailen sie zurück und verabreden gleichzeitig ein Treffen. Ein paar Tage später treffen sich Fellow und Autor des Textes an einem beliebigen Ort, z.B. in einem Café oder in der Bibliothek, um eine halbe Stunde über den Text zu reden und mögliche weitere Schritte zu besprechen.

Die Studierenden müssen schließlich zum endgültigen Abgabetermin bei den  Lehrenden nicht nur ihre Endversion einreichen, sondern auch den ersten Entwurf und die Kommentare der Fellows, so dass die Lehrenden sehen können, dass wirklich eine Überarbeitung stattgefunden hat. Natürlich bekommen die Studierenden auch von ihren Lehrenden ein Feedback zu ihrem Text. Die Benotung bleibt ganz in der Hand der Lehrenden.

Diese Prozedur wiederholt sich, wie gesagt, dann noch einmal im Verlauf des Semesters mit einem zweiten Text.

Wie werden die Writing Fellows auf diese Arbeit vorbereitet?

Zunächst einmal ist schon die Bewerbung eine Art Vorbereitung, denn die Studierenden müssen in einem Essay begründen, warum sie sich bewerben und außerdem zwei Textproben und ein Empfehlungsschreiben von einem Lehrenden einreichen. Danach findet ein Bewerbungsgespräch statt, indem die Studierenden über ihren eigenen Schreibprozess und über ihre Vorstellungen von der Arbeit reden müssen.

Wer ausgewählt wurde, nimmt im darauf folgenden Semester an einem Seminar zur Theorie und Praxis des Peer Tutoring teil. Dieser Kurs findet an zwei Terminen wöchentlich statt und geht mit 3 ECTS benotet ins Studium Generale ein. Wie an amerikanischen Unis üblich, müssen die Fellows für die Teilnahme an diesem Kurs bezahlen!

Zugleich beginnen die Writing Fellows ihre Arbeit mit dem Kurs, dem sie zugeordnet wurden. Nicht immer ist das ein Kurs, in dem sie sich auch  fachlich auskennen. Durch das zeitgleich laufende Seminar besteht die Möglichkeit, die anlaufende Arbeit immer auch in der Gruppe zu besprechen und zu reflektieren.

Ich war heute in einem dieser Kurse. Emily, die Leiterin des Writing Fellows Programm, sammelte zunächst Hausaufgaben ein: alle hatten einen Essay über ihre eigene Schreibbiografie geschrieben. Dieser war in den Wochen zuvor von den anderen Seminarteilnehmenden kommentiert und mit ihnen besprochen worden, so dass alle die Erfahrung von Texte kommentieren, Texte besprechen und Texte überarbeiten aufgrund von Kommentaren schon einmal gemacht hatten. Wie in den schreibintensiven Kursen, mussten auch die Writing Fellows ihre Essays zusammen mit den ersten Entwürfen und den Kommentaren ihrer Kommilitonen abgeben und außerdem selbst ein Coverletter dazu schreiben.

Der Kurs heute begann dann damit, dass alle nacheinander berichteten, was es Neues gibt in Bezug auf ihre Tätigkeit als Writing Fellows und einige auftauchende Fragen besprochen wurden: Wie gehe ich damit um, wenn ich die Aufgabenstellung der Professorin zu schwierig finde für Studienanfänger? Wann soll ich die Formblätter für die Cover Letter verteilen?

Anschließend wurde eine „conference“, d.h. eine Textbesprechung zwischen einer Fellow und einer Studentin, auf Video gezeigt. Die Teilnehmenden besprachen ihre Eindrücke von dem Video zunächst in Kleingruppen und trugen  die Ergebnisse anschließend in der großen Gruppe zusammen. Die Kursleiterin leitete daraus Empfehlungen für die Arbeit der Fellows ab, machte auf potenziell schwierige Situationen aufmerksam und stellte immer wieder Rückbezüge zur Literatur her, die die Studierenden in den ersten Wochen gelesen hatten.

Wichtig finde ich, dass die Ausbildung der Fellows nicht mit diesem einen Seminar aufhört, auch wenn die Fellows in den folgenden Semestern keinen Extrakurs mehr belegen. Die Leiterin des Programms, der Leiter des Schreibzentrums und einige andere, sehr erfahrene Personen, lesen Kommentare der Fellows zu den Texten und geben ihnen dazu eine Rückmeldung. Außerdem gibt es verschiedene kurze Weiterbildungsworkshops und eine Evaluation am Ende jedes Semesters, die sehr persönlich ist.

Das hört sich nach viel Arbeit für alle Beteiligten an – und das ist es auch. Aber es ist zugleich auch eine sehr anspruchsvolle Möglichkeit für Studierende, in Lehre und Forschung eingebunden zu werden und sich intellektuellen Herausforderungen zu stellen. Natürlich sind die $ 1.000, die die Fellows pro Semester als Honorar bekommen, nicht zu verachten. Aber darüber hinaus wird die Arbeit als Writing Fellow von den Studierenden als Ehre wahrgenommen. Sie sind – zu Recht – stolz auf ihre Arbeit. Und da wir aus Studien wissen, dass Textfeedback geben sehr hohe Lerneffekte hat, spricht  auch das für die Arbeit als Writing Fellow: die Studierenden lernen viel für ihr eigenes Studium, auch wenn die Texte aus einem anderen Fach kommen mögen.

Getragen wird das Programm übrigens vom Schreibzentrum, vom College (also der Institution, die für die Ausbildung der BA-Studierenden zuständig ist) und dem Programm „Pathways to Excellence“, mit dem die Uni ihre Exzellenz unter Beweis stellt!

6 Responses to „Undergraduates in positions of intellectual leadership“ – Wie Peer Tutoren in die Lehre eingebunden werden

  1. Hi Katrin, ich hätte da zwei Fragen:
    Was machen solche Fellows nach ihrem Studium beruflich? Entscheiden sie sich für diesen Bildungsweg auch, weil er für ihren späteren Berufsweg verspricht, fruchtbar zu sein?
    (Also das war jetzt eine Frage, auch wenn es nicht so aussieht🙂 )
    und
    Wie ist der Stellenwert des Essays (erinnere mich noch gut an mein Amerikanistik-Studium, da brachte man uns bei nicht nur Absätze, sondern sogar die Sätze darin zu zählen, so formalisert war das… Edmondson u.a. haben schon in den 70ern dieses Essay Writing an Hochschulen hinterfragt… ) – in wie weit ist das noch Realität und schreiben die Studierenden auch andere Texte?

    • Hallo Daniel,
      die Fellows kommen aus ganz verschiedenen Fächern und die wenigsten von ihnen machen später beruflich etwas in dieser Richtung. Vermutlich machen sie das eher, weil sie ein Interesse für Schreiben haben, ihr eigenes Schreiben ausbauen wollen oder weil sie selbst schon mit Writing Fellows gearbeitet haben und das gut fanden. Dass sie trotzdem was für ihr späteres Berufsleben lernen, ist „wissenschaftlich erwiesen“: http://www.writing.wisc.edu/pwtarp/?page_id=286

      Die Texte, die geschrieben werden, sind ebenfalls sehr verschieden. Das extrem Formalisierte gilt als überholt, informell wird sogar gesagt, dass man den Studierenden erstmal wieder abtrainieren muss, was sie aus der Highschool mitbringen. Trotzdem tauchen auch extrem formalisierte Essays noch auf, was an einer so großen Uni mit so vielen Lehrenden nicht verwunderlich ist. Was hier auf jeden Fall viel ausgeprägter ist als bei uns ist das „Assignment“, in dem ausführlich erklärt wird, was im Paper gemacht werden soll und welche Leistungen erwartet werden.

  2. Pingback: Von schreibenden Kühen und Massenautorschaft: ein paar Konferenzeindrücke « Schreiben im Zentrum

  3. Pingback: Writing across the curriculum « Schreiben im Zentrum

  4. Pingback: Mentoring und Videoaufzeichnungen: Noch mehr Weiterbildung « Schreiben im Zentrum

  5. Pingback: Assessment und eine Studie zur Wirksamkeit von Peer Tutoring « Schreiben im Zentrum

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: