Von schreibenden Kühen und Massenautorschaft: ein paar Konferenzeindrücke

Die Konferenz der Midwest Writing Centers Association war so vielfältig, dass es mir schwer fällt, auszuwählen, worüber ich berichte.

Am Donnerstag war ich bei einem Pre-Conference-Workshop über Writing Fellows Programme. Da ich über das hiesige Writing Fellows Programm bereits geschrieben habe, gehe ich hier nicht weiter darauf ein. Nur so viel: mir hat der Workshop gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Modelle gibt, wie Peer Tutoren mit Seminaren zusammen arbeiten können und wie wichtig es ist, diese Modelle immer an den jeweiligen Kontext anzupassen.

Sowohl Donnerstag als auch Freitag Abend hat das Schreibzentrum die Teilnehmenden, die neugierig waren, zum „Open House“ ins Schreibzentrum eingeladen, da die Konferenz selbst zwei Gebäude weiter in einem Konferenzhaus stattfand (mit Speisesaal mit wunderbarer Aussicht auf den See, den Brad bereits zwei Jahre im Voraus reserviert hatte – so weitblickend muss man erst mal sein!). Danielle, die das Open House organisiert hatte, stattete uns alle mit knallpinken Namensschildern aus, damit die Besuchenden uns erkennen konnten. Anfangs  gab es eine kurze Einführung, damit die Leute erfuhren, was das Schreibzentrum alles anbietet und dann verteilte sich das Team auf die verschiedenen Räume, wo sie mit den Besuchenden jeweils über ihre verschiedenen Programme ins Gespräch kamen (Zusammenarbeit mit Lehrenden, Multikulturelle Projekte, Schreibberatung in den Stadtbibliotheken, Onlineberatungen, Writing Fellows Programm, Workshopprogramm und noch einiges mehr). Ich war sehr stolz, mich als Teil des Teams fühlen zu dürfen, als ich im Schreibzentrum stand und erklärte, wie alles organisiert ist.

Open House

Danielle Warthen und das Open House Team am Donnerstag

Am Freitag hat mich besonders die Keynote von Deborah Brandt  beeindruckt. Ihr Thema ist „mass literacy“, also die Literalisierung oder Alphabethisierung der Massen. Sie dachte darüber nach, dass bei diesem Thema früher vor allem an Lesen gedacht wurde. Lesen sei gesetzlich geschützt in den USA durch das Gesetz der Pressefreiheit. Beim Schreiben habe man aber nie an eine Massentätigkeit gedacht, obwohl die meisten Menschen in der Schule Schreiben lernen. Schreiben sei schon immer vor allem der Arbeit gewidmet gewesen. Heute ist es aber so, dass die tägliche Arbeit von sehr vielen Menschen zu 50% oder mehr aus Schreiben besteht, wobei sie als Schreiben jegliche „Symbolarbeit“ bezeichnet. Schreiben ist zur alltäglichen Arbeit geworden. Ein lustiges Beispiel waren die „schreibenden Kühe“: Deborah war auf einer Forschungsfarm, wo die Arbeiter alle mit ihren Computern in den Ställen saßen, um ihre Forschungsdaten einzugeben. Und auch die Kühe selbst hatten Chips in den Ohren, die alle ihre Bewegungen aufzeichneten: sie schrieben also die ganze Zeit!
Weniger lustig waren Beispiele aus dem aktuellen Forschungsprojekt, in dem Deborah Menschen zu ihren Schreibprozessen am Arbeitsplatz befragt. Per Gesetz ist es in den USA wohl so, dass jedes Produkt, das am Arbeitsplatz entsteht, dem Arbeitgeber gehört. (Ich vermute, das ist in Deutschland auch so!) Dementsprechend gehören die vielen, vielen alltäglich entstehenden Texte nicht den Autoren. Hinzu kommt, dass die Schreibenden explizit nicht ihre eigene Meinung schreiben dürfen. Wenn sie für die Regierungen arbeiten, dürfen sie nicht einmal eine eigene Meinung haben. Werden sie dabei erwischt, dass sie sich öffentlich irgendwo äußern, auch jenseits des Arbeitsplatzes im Privatleben, kann sie das den Arbeitsplatz kosten. Deborah fragt sich, wie sich so ein alltägliches, massenhaftes Schreiben ohne Autorschaft auswirkt („it is torturous“, meinte sie, nach allem, was sie in den Interviews gehört hat.)
Und was bedeutet das eigentlich für die Schreibausbildung an den Hochschulen? Ist es überhaupt sinnvoll, wenn wir Schreiben als ein Instrument kritischen Denkens vermitteln? Sollten wir das jetzt erst Recht so sehen oder sollten wir lieber Techniken einüben, die ein solches Schreiben weniger qualvoll machen? Ich bin gespannt, mehr von diesem Forschungsprojekt zu lesen.

Katrin Girgensohn und Nancy Linh Karls

Hier ein Konferenzbild mit mir, zusammen mit Nancy Linh Karls vom Schreibzentrum der UW Madison

Ganz toll fand ich auch die Präsentationen von Undergraduate Students, bei denen ich war. Die Writing Fellows müssen hier alle ein kleines Forschungsprojekt im Rahmen ihrer Arbeit durchführen, und dabei entstehen wirklich interessante Ergebnisse. So untersuchte Alexis Brown, ob und wie Smalltalk Tutoring Sessions vorantreibt und Jenna Mertz interviewte drei Writing Fellows zu Textausschnitten in denen die „Voice“, also der individuelle Ton der Studierenden, deutlich hervortritt und es schwierig ist zu beurteilen, ob das für einen wissenschaftlichen Text noch angemessen ist.
Vom Coe College in Iowa berichteten gleich acht Tutoren gemeinsam von ihren Forschungsteams, die ebenfalls Bestandteil der Ausbildung sind. Diese Forschungsteams machen kleine Studien, für die sie die Datenbasis der Schreibberatungen nutzen. Ähnlich wie bei uns an der Viadrina werden statistische Daten und eine ausformulierte Beschreibung der Gespräche gespeichert. Die Tutoren sammeln für die Forschungsprojekte zunächst Ideen und untersuchen dann an Hand der Protokolle z.B. wie es sich auf die Beratung auswirkt, wenn Beraterin und Ratsuchende befreundet sind, wenn sie das gleiche Fach studieren, wenn sie unterschiedlichen Geschlechts sind usw. Am Ende des Semesters, wenn alle Projekte und Ergebnisse präsentiert wurden, überlegen alle zusammen, was man hätte anders machen können und was noch spannend gewesen wäre als Untersuchungsfrage. Und dann machen alle im kommenden Semester noch ein Forschungsprojekt mit der gleichen Datenbasis!

Charette Verlesung

Hier wird der kollektive Charette-Text vorgelesen

Ein schöner Abschluss war „Let’s Meet at the Charette“ von Michele Eodice. Hier ging es nicht um die massenhaft verschwindenden Autoren, sondern darum, als massenhaft auftretende Autorinnen gemeinsam einen Text zu verfassen. Unser Ziel war ein Statement zu Schreibzentren im 21. Jahrhundert: welche Pädagogik sollen sie vertreten? Welche Ethik brauchen wir? Was für Orte, Räume und Ausstattungen?
Michele erklärte sich großzügigerweise bereit, das Schreibzentrum des 21. Jahrhunderts zu finanzieren, so dass wir uns um das Geld keine Sorgen machen mussten und dieses Thema uns nicht lähmte.
Und so sah unser kollektiver Schreibprozess aus: an den einzelnen Tischen sammelten wir Ideen zu jeweils einem der Unterpunkte auf Flipchartblättern. Die wurden dann weiter gereicht an den nächsten Tisch, der diese Ideen redigierte und ergänzte und wieder weiter reichte. An einem extra Tisch saßen Leute, die Rollen übernommen hatten von Menschen, die ein Interesse am Schreibzentrum des 21. Jahrhunderts haben: Eine Tutorin, ein Leiter, eine Dekanin, eine Vertreterin der Bürger der Stadt in der das Schreibzentrum sich befindet, eine schreibende Studentin… Jedes Mal, wenn die Plakate an diesem Tisch landeten, war es Aufgabe der Leute, in ihren Rollen darüber nachzudenken, ob sie sich repräsentiert sehen. Außerdem sollten sie „und warum muss das rein?“ fragen, so lange, bis sie mit der Erklärung einverstanden sind.
Am Ende gab es fünf neue Gruppen, in denen jeweils ein Abschnitt eines Texts verfasst wurde, der quasi unser gemeinsames Mission Statement bildete.
Ich hätte es zwischendurch nicht für möglich gehalten, aber es hat tatsächlich funktioniert! Es entstand ein überzeugender kurzer Text, mit dem alle Anwesenden einverstanden waren. Michele wird den nun mit all unseren Namen veröffentlichen – vielleicht das Schriftstück mit den meisten Autoren, das je in den Geisteswissenschaften veröffentlicht wurde, wow!
Das Verfahren „Charette“ kommt übrigens aus der Architektur und wird angewandt, um  Bürgerinnen und Bürger an Planungsverfahren zu beteiligen. Vielleicht eine schöne Idee für die Open Space Tagung im kommenden März in Bochum, bei der es um die Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik gehen soll?

Ich könnte noch sehr viel mehr berichten, aber da jetzt gleich der Schreibzentrumsworkshop zum professionellen Bloggen beginnt, werde ich aufhören und mich weiterbilden.

3 Responses to Von schreibenden Kühen und Massenautorschaft: ein paar Konferenzeindrücke

  1. Dorian sagt:

    Hey wo ist der Gefaellt mir Button?🙂

  2. Pingback: Madison Area Writing Center Colloquium « Schreiben im Zentrum

  3. Pingback: Frisch gerösteter Kaffee, frisch gebackenes Brot: Der Duft des Schreibzentrums im Coe College « Schreiben im Zentrum

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