Workshops und Weiterbildungen

In der letzten Woche hatte ich das Vergnügen, an zwei Brainstorming-Sessions in der Vorbereitung für das nächste Semester teilzunehmen. Wir haben überlegt, welche Weiterbildungen das Schreibzentrum anbieten könnte und welche Workshops.

Die Weiterbildungen („ongoing education“) sind für die vielen Mitarbeitenden im Schreibzentrum gedacht. Einerseits gibt es die gemeinsamen Teamtreffen, von denen ich ja bereits berichtet habe. Im Frühjahr werden fünf Stück stattfinden, eins davon zusammen mit den Writing Fellows, die sonst ihre eigenen Meetings haben. Andererseits gibt es aber auch Weiterbildungen in kleineren Gruppen. Dafür werden verschiedene Angebote gemacht und alle müssen sich mindestens eins aussuchen, an dem sie teilnehmen. Ein Beispiel: Im Moment guckt sich eine Gruppe die Homepage kritisch an und bezieht sich dabei auf einen Aufsatz von Muriel Harris im Writing Center Journal (Vol 30, Nr. 2, 2010), in dem sie überlegt, wie Schreibzentren ihre Öffentlichkeitsarbeit „more sticky“ gestalten können, also so, dass unsere Botschaften besser rüberkommen und besser haften bleiben. Die Gruppe entwickelt neue Entwürfe und wird diese demnächst in einer Videokonferenz mit Muriel besprechen.

Die Workshops richten sich an Studierende, Promovierende und Lehrende. Es gibt ein riesiges Angebot, oft mehrere pro Woche. Ich habe schon an ganz verschiedenen teilgenommen, zum Beispiel „Improving Style“, der sich über vier Termine erstreckte, aber auch an kurzen Workshops wie „Writing Research Proposals“, „Writing CVs“, „Professional Blogging“ oder „Presenting with Prezi“, die jeweils 1-2 Stunden dauerten. Die Workshops werden hauptsächlich von dem Leitungsteam angeboten und sind zugleich auch Öffentlichkeitsarbeit für das Schreibzentrum. Für die sich wiederholenden Workshops gibt es einen Fundus an Handouts, so dass ich denke, der Aufwand hält sich in Grenzen. Der Nutzen erscheint mir dagegen ziemlich hoch: Das Schreibzentrum ist durch die Ankündigungen der Workshops sehr präsent und erreicht andere Leute, als nur durch das Beratungsangebot. Viele Teilnehmende gehen gleich vom Workshop rüber zur Rezeption und machen einen Termin für eine Beratung aus.

Was ich sehr schön fand: unter anderem angeregt durch meinen Votrag zu „Schreiben wir!“ haben wir beim Brainstorming auch viel über „Writing for Pleasure“ geredet und ein Reihe von Schreibnächten im Frühjahr ins Auge gefasst. Und vielleicht wird sich das hiesige Schreibzentrum auch an der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten beteiligen!

Brainstorming Schreibzentrum

Ein Ausschnitt aus dem Brainstorming zu Schreibzentrumsworkshops

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Qualität ist wichtig! Open Space Tagung am 22. und 23.3. in Bochum

Immer wieder fällt mir beim Lesen der Fachliteratur auf, dass betont wird, wie wichtig es für die Professionalisierung der Schreibdidaktik war, dass es einen Austausch über Qualitätsstandards gab (und gibt). Deshalb, und weil mich die Bochumer Kolleginnen darum gebeten haben, möchte ich hier nochmal auf das Treffen hinweisen, das im März in Bochum stattfinden wird:

Das Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum lädt ein zum Open Space zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ am 22./23.3.2012
In den letzten Jahren haben wir, die Mitarbeiterinnen des Schreibzentrums an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen immer häufiger das Bedürfnis wahrgenommen, die mittlerweile sehr große SchreibdidaktikerInnen-Szene im deutschsprachi-gen Raum besser kennenzulernen, um sich über die unterschiedlichen Angebote und Arbeits-weisen auszutauschen und sich eventuell weiter zu vernetzen. Da wir dieses Bedürfnis teilen, würden wir gerne alle zu einem offenen Austausch an die RUB einladen, die im Bereich der Schreibdidaktik tätig sind – egal ob mit oder ohne institutionelle Anbindung, MitarbeiterInnen an Schreibzentren, FreiberuflerInnen, SchreibberaterInnen etc.
Diesem offenen Austausch wollen wir einen Rahmen geben: Wir bieten am 22. und 23. März 2012, jeweils von 10 bis 18 Uhr, eine Veranstaltung an, die sich an die Open-Space-Methode anlehnt. Jeder kann dort seine Anliegen zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vorschlagen und bearbeiten. Diese Veranstaltung kann natürlich nur dann erfolgreich sein, wenn sich möglichst viele in den verschiedenen Bereichen der Schreibdidaktik Tätige aktiv beteiligen. Jeder, der ein Anliegen einbringt, wird beim Open Space genügend Zeit und Raum haben, um mit einer Gruppe von Interessierten zu diskutieren und gegebenenfalls etwas zu erarbeiten.
Das bedeutet ganz konkret: Es gibt keine Workshops oder Vorträge, sondern prinzipiell offene Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen, die die Teilnehmenden entweder zu Beginn des Open Space oder – noch besser – im Vorfeld vorschlagen. Wir übernehmen also die organisato-rische Vorbereitung, die inhaltliche Gestaltung liegt in den Händen aller Teilnehmenden.
Wir möchten den Veranstaltungsbeitrag so gering wie möglich halten und gehen davon aus, dass er sich auf ca. dreißig Euro belaufen wird, die für Essen und Getränke anfallen.
Wir bitten Sie spätestens bis zum 31. Dezember 2011 um Rückmeldung, ob Sie teilnehmen wollen. Und wenn Sie ein Thema bzw. Anliegen für das Open Space haben, wäre es schön, wenn wir ganz rasch von Ihnen hören! Auf unserer Homepage (www.sz.rub.de) stellen wir in den kommenden Wochen organisatorische Informationen z.B. zu Unterkunft, Anreise, Abend-programm etc. bereit.
Wir freuen uns auf ein Kennenlernen/Wiedersehen in Bochum

schreibzentrum(at)rub.de

Peer Tutoring ist mehr als Schreibberatung – warum ehemalige Tutoren gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben

sign writing fellows ongoing education

Gestern konnte ich an einer sogenannten „Ongoing Education“-Session für Writing Fellows teilnehmen. Das sind Weiterbildungsworkshops oder andere Weiterbildungsmaßnahmen, die regelmäßig und zusätzlich zu Teamtreffen stattfinden, ähnlich wie bei uns in Frankfurt (Oder) auch. Gestern ging es aber nicht um die Schreibberatung, sondern darum, wie die Tutoren ihre Arbeitserfahrung für Bewerbungen nutzen können – sei es für Bewerbungen für Masterstudiengänge oder sei es für Jobs. Es haben etwa 15 Writing Fellows teilgenommen, die aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kamen. Zunächst initiierte Brad einen Austausch darüber, wer denn schon einmal seine Writing Fellow-Tätigkeit in Bewerbungen eingebracht und wie die Erfahrungen damit waren. Das führte zu einer Diskussion darüber, wie schwierig es sein kann, das zu tun, denn viele Leute wissen mit dem Begriff „Writing Fellows“ oder auch „Peer Tutor“ oder „Writing Tutor“ nichts anzufangen. Man müsste den Begriff also erklären, was wiederum schwierig ist, wenn das Bewerbungsschreiben kurz gehalten werden soll. Zu diesem Thema erzählte dann ein Doktorand von seinen Erfahrungen. Er hatte in einer Bewerbung von seinen Schreibzentrumserfahrungen berichtet und als Rückmeldung bekommen, es sei unklar, was  das eigentlich mit seiner Bewerbung zu tun habe. Daraufhin hatte er einen langen Brief geschrieben, in dem er erklärt hat, was er aus dieser Tätigkeit alles für Qualifikationen mitgenommen hat. Er hat zwar den Job nicht bekommen, aber dafür einen herzlichen Dank dafür, dass er der Kommission so gut erklärt hat, was in Schreibzentren eigentlich passiert und er wurde gefragt, ob sein Brief im Department verbreitet werden darf.

Als nächstes gab es zwei Schreibaufgaben: Die Writing Fellows sollten sich zunächst vorstellen, dass sie in einer Auswahlkommission sitzen (für welche Bewerbungen war frei wählbar) und mindestens fünf Eigenschaften notieren, nach denen sie als Kommissionsmitglieder Ausschau halten würden. Daran anschließend sollten sie nach Stärken suchen, die sie in ihrer Arbeit als Writing Fellows entwickelt haben und die für Arbeitgeber interessant sein könnten. Diese Schreibaufgaben wurden hinterher in Kleingruppen besprochen.

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Anschliessend sammelten wir die Ergebnisse an der Tafel. Ich fand die Ergebnisse sehr beeindruckend. Hier alles aufzuführen wäre zuviel, aber einiges möchte ich nennen:

Writing Fellows/ Peer Tutoren lernen durch ihre Arbeit als Schreibberatende

  •  reflektiertes und produktives Feedback zu geben
  • Stärken zu identifizieren und auszubauen
  • Verantwortung zu übernehmen
  • mit fremden Menschen eng zusammenzuarbeiten
  • Rollen zu verhandeln und zu definieren
  • sich zu organisieren und Gespräche zu strukturieren
  • kreativ zu sein (Improvisation in Gesprächssituationen, Fragen entwickeln, neue Wege für Erklärungen suchen, usw)
  • andere zu motivieren und sie dazu zu bringen, weiter zu arbeiten bzw. weiter zu gehen, als sie vielleicht bequemerweise wollten
  • komplexe Themen und Texte innerhalb kurzer Zeit zu erfassen und effektiv zu bearbeiten
  • Leserorientierte Texte zu schreiben und zu redigieren
  • Texte kritisch zu betrachten und anderen zu helfen, kritisch zu denken
  • Außerdem bekommen sie Einblicke in ganz verschiedene Diskursgemeinschaften und Schreibkonventionen.

Nachdem wir die Sammlung beendet hatten, überlegten wir gemeinsam, wie sich diese Qualifikationen am besten in Bewerbungen unterbringen lassen. Dabei wurde deutlich, dass es keine pauschalen Antworten geben kann, sondern es immer darauf ankommt, bei wem man sich für was bewirbt. Auf jeden Fall ist es aber gut, so konkret wie möglich zu werden. Statt also zu schreiben „Als Schreibtutorin habe ich gelernt, gut zu schreiben“ könnte man z.B. schreiben: „Das Lesen und Besprechen von  gut fünfzig Hausarbeiten jedes Semester hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich strukturiert und präzise auszudrücken – sowohl auf der Satzebene als auch im Gesamttext. Das hilft mir beim Schreiben und Redigieren meiner eigenen Texte“.

Als Handout gab es Beispiele von Bewerbungsschreiben früherer Fellows, von denen wir einige kurz durchsprachen. Zum Abschluss zitierte Brad Kenneth Bruffee, der schon 1978 darauf verwiesen hat, dass Peer Tutoren durch ihre Tätigkeit viel mehr lernen als Schreiben. Und er verwies auf das Peer Writing Tutor Alumni Research Project, das ebenfalls gezeigt hat, wie wertvoll die Erfahrungen von ehemaligen Peer Tutoren für ihre späteren Berufe sind.

Mir ist bei dieser Veranstaltung wieder einmal aufgefallen, dass wir noch viel lernen können darüber, wie wir unsere Arbeit nach Außen darstellen. Peer Tutoring hat ein so großes Lernpotential, dass man eigentlich allen Studierenden nur wünschen kann, die Chance zu bekommen, als SchreibberaterIn zu arbeiten!

Literatur zu Literacy: E-Books und Self-Publishing

Für das Seminar „Perspectives on Literacy“ habe ich diese Woche unter anderem einen Artikel über E-Books und Self-Publishing gelesen, den ich sehr interessant fand.

Laquintano, Tim (2010): Sustained Authorship: Digital Writing, Self-Publishing, and the Ebook, in: Written Communication, 4 / 2010, S. 469-493.

Laquintano hat eine Grounded Theory-Studie zu Autorschaft und Eigenverlagswesen im Internet durchgeführt. Im Mittelpunkt der Studie stehen professionelle Online-Pokerspieler, die E-Bücher geschrieben und vermarktet haben. Die Forschungsfage lautete: „What literate activity and processes are involved as ebook authors engage with reader/writers to produce and self-publish pedagogical texts? And how do they work to maintain possesive individualism over texts in digital environments of mass collaboration?“

Während der erste Datenerhebungsphase hat L. Texte in Foren und auf anderen Websites gesammelt und kodiert. Aus den im Netz erhobenen Daten  enstanden durch offenes Kodieren vier Hauptkategorien:

„(a) textual production

(b) generating publicity

(c) distribution and intellectual property

(d) peer review and communal sanction“ (p.474)

Diese vier Kategorien haben sich auch in der zweiten Datenerhebungsphase bewährt und erhalten, in der L. Einzelinterviews geführt hat. In einer dritten Phase hat er Folgeinterviews geführt.

In dem Artikel führt er die vier Kategorien jeweils am Beispiel eines ausgewählten Autors aus.

So zeigt er am Beispiel eines dänischen Autors, wie die Textproduktion mit Hilfe von Schülern des Autors stattfand. Diese gaben ihm Feedback – auch in sprachlicher Hinsicht – so dass die Buchentstehung und die Edierungsprozesse die früher in Verlagshand lagen ein kollektiver Prozess wurden. Dennoch wurde das Buch als Buch mit einem einzelnen Autor auf dem Titel veröffentlicht.[Anm.: kostet 400 €! Stand 16.11.11]

Die Kategorie Generating Publicity zeigt am Beispiel eines anderen Autors, wie dieser durch die Beteiligung an Foren und Communities auf sein Buch aufmerksam machte und es verbreitet hat. Sein Buch war kostenlos, aber die Verbreitung hat es ihm ermöglicht, sein Coaching teurer zu verkaufen.

Die Kategorie Distribution and Copyright Protection zeigt am Beispiel eines dritten Autors, welche Maßnahmen dieser ergriffen hat um zu verhindern, dass sein 750$ teures Buch kopiert wird und zirkuliert. So hat er zeitweise alle Kaufwilligen interviewt um herauszufinden, ob sie nicht evtl. vorhaben sein Buch zu kopieren und weiter zu verkaufen. Später hat er angefangen, bei jedem verkauften E-Book kleine Veränderungen in der Interpunktion zu machen, um nachvollziehen zu können, von welchem Käufer eine Kopie stammen sollte, falls eine auftaucht. Da seine Leser so viel Geld bezahlt hatten wollten auch sie das Buch schützen und meldeten dem Autor, sobald in irgendwelchen Foren Leute sich zusammentun wollten, um das Buch gemeinsam zu kaufen und zu kopieren.

Die Kategorie Peer Review and Communal Sanction wird schließlich am Beispiel eines Autors erläutert, der einige Monate vor Erscheinen des E-Buchs aus einer Online-Community ausgeschlossen wurde, weil er dort gegen die Netiquette verstoßen hatte. Das stellte ihn vor das Problem, sich in den Foren nicht zu seinem Buch äußern zu können. Als er unter neuem Namen wieder beitrat, hatte er die Glaubwürdigkeit als guter Pokerspieler und Kenner nicht mehr, die er sich über Jahre und tausende von Posts hin aufgebaut hatte. Damit hatten potentielle Lesende das Problem, nicht wissen zu können, ob das Buch wertvolle Informationen enthält oder nicht, da ein selbst produziertes und selbst vertriebenes Buch nicht den Qualitätskontrollen von Verlagen genügen muss. Das Buch wurde dann aber trotzdem populär, weil es in verschiedenen Foren gut besprochen und empfohlen wurde.

Der Artikel hat mir aus verschiedenen Gründen gut gefallen. Zum einen basiert er auf Grounded Theory als Forschungsstrategie, was mir aus meiner eigenen Arbeit vertraut ist und durch die Art, wie das methodische Vorgehen erklärt wird, die Forschungsarbeit glaubwürdig macht. Zum anderen eröffnet die Studie einen interessanten Blick auf E-Books und Selfpublishing, der tiefer geht als eine pauschale Diskreditierung von selbst publizierenden Autoren. Und darüber hinaus habe ich einen Einblick in das Feld Onlinepoker bekommen, das für mich eine absolut exotische Kultur ist. Die Autoren der besprochenen Bücher verkaufen ihre Bücher für mehrere hundert Euro – und finden Leser!

Madison Area Writing Center Colloquium

Gestern fand wieder das Madison Area Writing Center Colloquium statt. Dieses Mal habe ich einen Vortrag gehalten, der Titel lautete: „How Contexts Shape Writing Center Work – Insights into Developments of Writing Instruction and a Writing Center in Germany“. Ungefähr zwanzig Leute von verschiedenen Hochschulen kamen und ich fühlte mich besonders geehrt, dass darunter auch Deborah Brandt war, deren Publikationen ich für das Literacy Seminar lese und von deren Keynote ich bei der Konferenz im Oktober so begeistert war.

Writing Center Colloquium

Für die Vorbereitung des Vortrags hat mir das Buch „Writing and learning in cross-national perspective – transitions from secondary to higher education“ von David Foster und David Russell sehr geholfen (Urbana, Ill: National Council of Teachers of English, 2002). David Foster hat in einer Studie untersucht, wie in Deutschland an Schulen und Hochschulen Schreiben gelehrt wird –  oder eben auch nicht gelehrt wird. Da er das aus amerikanischer Perspektive beschreibt, konnte ich daraus ziehen, was an unserem System aus hiesiger Perspektive anders, befremdlich und kurios ist. So fanden es viele erstaunlich, dass in Deutschland Schreiben selten explizit gelehrt wird und dass Hausarbeiten während der vorlesungsfreien Zeit geschrieben werden. Sehr gefreut habe ich mich über das große Interesse an dem Seminarkonzept von „Schreiben wir!“ und über die Wertschätzung für das Wunder, das wir mit dem Auf- und Ausbau unseres Schreibzentrums an der Viadrina vollbracht haben.

Wer geduldig genug ist kann hier eine Audioaufzeichnung des Colloquiums anhören:
mms://winstreamer.doit.wisc.edu/uwwc/writingcentercolloquium/girgensohn_madison_wc_colloquium_nov2011.mp3

In dem oben erwähnten Buch finden sich übrigens auch Studien dazu, wie in anderen Ländern Schreiben gelehrt wird, z.B. in China, Frankreich oder Kenia.

Writing across the curriculum

Brad Hughes ist nicht nur der Leiter des hiesigen Schreibzentrums, sondern auch der Leiter des writing-across-the-curriculum-Programms (wac).Und da meine Bürokollegin Stephanie White Teaching Assistant Direktorin für wac ist, bekomme ich von diesem Programm besonders viel mit.

Co-Teaching

Gestern zum Beispiel bin ich mit ihr zu einer Vorlesung über Wissenschaftsgeschichte gegangen. Die Studierenden haben im Rahmen der Vorlesung die Aufgabe, in Kleingruppen wikis zu erstellen, die sich mit bestimmten Aspekten von Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen. Stephanie war für eine Vorlesung als „Co-Teacher“ eingeladen und hatte mit dem Professor zusammen eine Einheit über wikis vorbereitet. Stephanie stellte zunächst das Schreibzentrum vor und ließ die Studierenden anschließend zunächst ein kurzes Freewriting machen, bei dem sie sich fragen sollten: „What are wikis useful for?“ Die Ideen, die den Studierenden dabei einfielen, besprachen sie zunächst mit den Leuten, mit denen sie zusammen saßen und dann wurden sie für alle zusammen an der Tafel gesammelt. Als nächstes besprachen Stephanie und der Professor am Beispiel der Wikipedia-Seite zu Wissenschaftsgeschichte typische Eigenschaften von wikis, zum Beispiel die vielen Links, die kurzen Abschnitte, Zwischenüberschriften, usw. Sie nutzten das auch gleich, um darüber aufzuklären, wie die Studierenden Wikipedia nutzen bzw. nicht nutzen sollen und hoben hervor, dass Quellenbelege bei Onlinepublikationen mindestens genauso wichtig sind wie in gedruckten wissenschaftlichen Texten. Anschließend analysierten die Studierenden in Kleingruppen eine andere wiki-Seite zur Quantenphysik und stellten ihre Ergebnisse vor. Nachdem die Studierenden sich aktiv mit wikis auseinander gesetzt hatten, waren auch die Vorstellungen von den eigene wiki-Seiten konkreter geworden und so schloss sich eine Fragerunde zur Aufgabenstellung mit dem Professor an. Zum Abschluss sollten die Studierenden sich eine Sache aufschreiben, an die sie sich auf jeden Fall erinnern möchten, wenn sie ihr eigenes Wiki erstellen und Stephanie erinnerte noch einmal daran, dass sie auch als Kleingruppe wegen ihrer wiki-Seite ins Schreibzentrum kommen können.

Obwohl es nicht so leicht war, in einem riesigen Vorlesungssaal Kleingruppenarbeit zu initiieren und die Studierenden zu involvieren, haben die Fragen der Studierenden gezeigt, dass die Vorlesung sie angeregt hat, sich mit ihrem wiki-Projekt konkret auseinanderzusetzen.

Stephanie White coteaches wiki lecture

Stephanie beim Co-Teaching zu wikis

Brown Bag Lunch Hour

Eine andere wac-Veranstaltung war eine sogenannte Brown Bag Lunch Hour im Fachbereich Politikwissenschaften. Brown Bag Hours sind Veranstaltungen, die in der Mittagspause abgehalten werden, damit die Leute dafür Zeit in ihren vollen Kalendern finden können. Die Uni bietet dabei einen Mittagssnack an (in diesem Falle Pizza) oder die Leuten bringen ihr Essen mit. Der Name kommt von den Braunen Tüten, in denen das Mittagessen angeblich transportiert wird. (Ich sehe immer nur Plastiktüten oder Styroporcontainer, in braunen Tüten wird eher der Alkohol transportiert, aber das nur als Beobachtung am Rande!).

Bei dieser Veranstaltung waren jüngere Lehrende aus den Politikwissenschaften da, vor allem Teaching Assistants. Brad sprach darüber, wie wichtig es ist, Schreiben und Lernen zu verbinden, um nachhaltige Lernergebnisse zu ermöglichen. Er verwies auf die Ergebnisse der NSSE-Studie von 2008, die dies eindrucksvoll belegt hat. Er sprach über einige Möglichkeiten, was für Schreibaufgaben jenseits von Essays und Hausarbeiten in der Lehre genutzt werden könnten, was sinnvolle Schreibaufgaben kennzeichnet und wie man Feedback geben und benoten kann, ohne sich selbst zu überlasten. Anschließend ergänzte ein Politik-Student, der als Writing Fellow im Schreibzentrum arbeitet, was aus seiner Sicht als Student und als Writing Fellow eine gute Aufgabenstellung ausmacht und wie Feedback hilfreich sein kann. Es schloss sich eine lebhafte Diskussions- und Fragerunde an.

 Workshops für Lehrende und Teaching Assistants

Eine weitere Aufgabe des wac-Programms ist es, regelmäßig Workshops für Lehrende und Teaching Assistants anzubieten, die sich mit ähnlichen Themen befassen wie die Brown Bag Lunch Hour. Stephanie bietet zum Beispiel Workshops dazu an, Aufgabenstellungen für Schreibaufgaben zu entwickeln, Feedback zu geben, Peer Feedback zu organisieren oder Bewertungskriterien für studentische Texte zu entwickeln und zu kommunizieren.

 Schreibintensive Lehre

Einige Seminare sind an der UW Madison in fast allen Fachbereichen schreibintensive Seminare, sogenannte „Comm B“-Kurse. Alle BA-Studierenden müssen zunächst allgemeine Schreibkurse belegen („Comm A“, entspricht den Compositionkursen, d.h. den Schreibkursen, die alle amerikanischen Unis anbieten) und dann einen Comm B-Kurs, der innerhalb des Hauptfaches stattfindet, fachwissenschaftliche Inhalte vermittelt und gleichzeitig schreibintensiv gelehrt wird. So bekommen die Studierenden einen Einstieg in das fachwissenschaftliche Schreiben. Die Lehrenden dieser Kurse durchlaufen ein Training bei Stephanie und Brad und haben die Möglichkeit, in ihren Kursen mit Writing Fellows zu arbeiten, die sie bei der Rückmeldung auf die studentischen Texte und bei der Entwicklung von Schreibaufgaben entlasten.

 Einzelberatungen

Stephanie ist außerdem die Ansprechpartnerin für alle Lehrenden, die schreibdidaktische Unterstützung suchen. Oft finden diese Gespräche in unserem Büro statt, so dass ich mitbekomme, wie vielfältig die Inhalte dieser Gespräche sind. Manchmal kommen Lehrende und wissen nicht, wie sie ein bestimmtes Genre oder eine Komponente einführen sollen. Zum Beispiel: Was ist ein „Thesis-Statement“ und wie schreibt man das? Stephanie geht dann ganz ähnlich vor wie eine Schreibberaterin in der Schreibberatung: Durch offene Fragen und durch Wiederspiegeln des Gehörten versucht sie zunächst, herauszufinden, was ein bestimmter Begriff für die Lehrenden bedeutet. Denn bei den vielen unterschiedlichen Fächern, aus denen die Lehrenden kommen, kann sie unmöglich alle Textsorten kennen. Aber sie gibt natürlich auch Hinweise aus ihrer Sicht als Schreibdidaktikerin und entwickelt, je nach Bedarf, mit den Lehrenden Unterrichtseinheiten oder kommt in die Seminare, um selbst etwas anzuleiten oder ein „Co-Teaching“ durchzuführen.

Andere Lehrende wissen nicht, wie sie Feedback auf Texte geben können, das den Studierenden wirklich weiter hilft. So war neulich eine Lehrende da, die einen Stapel studentischer Essays hervorholte und meinte, dass einige so sehr am Thema vorbei geschrieben seien oder formal so falsch seien, dass sie nicht wisse, wie sie damit umgehen solle. Stephanie ist dann gemeinsam mit ihr einige der Essays durchgegangen und hat mit ihr gemeinsam nach Formulierungen gesucht, die eine produktive Rückmeldung ermöglichen.

Newsletter Time to Write

Der Newsletter Time to Write

Ressourcen

Das wac-Programm sieht sich außerdem dafür zuständig, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, mit denen die Lehrenden arbeiten können. So gibt es ein umfangreiche Sammlung mit Handouts. Außerdem gibt es ein eigens an der UW erstelltes Sourcebook, das 270 Seiten umfasst und verschiedenste Schreibaufgaben, Feedbacktechniken, Bewertungsraster usw. enthält. Einmal im Semester wird außerdem ein gedruckter Newsletter an die Lehrenden verschickt.

Wac Sourcebook

Das Sourcebook wac

Kurzum: Das wac-Programm ist ein tolles und umfangreiches Programm hier an der Uni. Ich finde es sehr eindrucksvoll, wie die verschiedenen Programme des Schreibzentrums (Beratung, Writing Fellows und wac) miteinander verknüpft sind. Mein Eindruck ist, dass es auch deshalb so gut funktioniert, weil die Uni als Institution dahinter steht. Nicht nur finanziell, sondern auch strukturell, indem die Comm-B-Kurse obligatorischer Bestandteil der Bachelorstudiengänge sind. Bis dahin ist es bei uns noch ein langer Weg, auch wenn es inzwischen immerhin einige Workshops für Lehrende gibt, die sich mit produktiven Rückmeldungen auf studentische Texte befassen. Und zumindest vom Schreiblabor Bielefeld gibt es ein strukturiertes Programm, das Lehrende auf schreibintensive Lehre vorbereitet

Erinnerungen an Göttingen

Vier Wochen sind es nun her, seit dem wir mit Rucksack, Büchern, vorbereiteten Workshops und guter Laune nach Göttingen gefahren sind. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Wenn ich jetzt die Augen schließe, bin ich noch einmal in der Fakultät für Interkulturelle Germanistik, die wir nach langem Suchen gefunden haben.

Die Göttinger begrüßten uns stürmisch und jeder erhielt ein Ansteckschildchen mit Namen. Gefühlte tausend neue Gesichter aus Bielefeld,  Darmstadt, Freiburg, Hildesheim und Jena. Auch ich war eines davon, meine erste PeertutorInnen- Konferenz. Am ersten Abend gab es viel Informationsaustausch, Plauderei und leckeres Essen: „Wo kommst du her? Was studierst du? Wie laufen bei euch die Schreibberatungen? Hast du den Salat schon gekostet oder die Nudeln?“

Dann begannen die Workshops und Seminare. Ich erinnere mich gut, dass mir die Entscheidung nicht leicht fiel, da alle Angebote so spannend waren. Warum haben wir nur ein Wochenende? Hätten wir zwei Tage mehr, hätte jeder jede Veranstaltung besuchen können.

Besonders interessant fand ich den Workshop Rollenbilder und Rollenkonflikte von SchreibberaterInnen“. Angeleitet wurde er von Melanie Brinkschulte und Ella Grieshammer vom Internationalen Schreibzentrum der Georg- August- Universität Göttingen.

Zum Workshop gehörten Diskussionsrunden über die eigene Schreibberaterrolle und über das Vorkommen von stereotypen Beraterbildern. In kleinen, inszenierten Mockberatungen wurden die etwas außergewöhnlichen Beratungssituationen durchgespielt. Ich weiß noch, dass ich mich gleich für die Rolle der Ratsuchenden entschieden hatte. Der Berater bekam ein festes Rollenmuster vorgeschrieben, das ich vorher nicht kannte. Und so kam ich als „Ersti“ in die Beratung, und wollte wissen, was denn nun wissenschaftliches Schreiben so ist und wie man es am besten lernt.

Mein Berater war ein Kumpeltyp, stellte sich heraus. Immer schnell mit den Argumenten zur Seite: „Ja, ja, das Problem kenne ich auch. Mach dir bloß keine Sorgen, das wird schon.“ Informationen und Hilfestellung zum wissenschaftlichen Schreiben hatte ich keine bekomme. Aber ich weiß zumindest, wen ich jetzt bei Facebook suchen kann, wenn ich abends mal quatschen möchte.

Andere Rollen waren, die Lehrerrolle, die Rolle der gestressten akademischen Mitarbeiterin oder die Mutterrolle. Abschließend wurde in großer Runde über das Thema diskutiert.

Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass jeder Mensch in verschiedenen Situationen entsprechende Rollen einnimmt. Einerseits wird meine Rolle durch meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen bestimmt. Andererseits können das Verhalten und die Situation meines Kommunikationspartners mich dazu verführen, ein bestimmtes Rollenmuster einzunehmen. Die Reflexion über die Rollenstereotypen hat sehr geholfen, bestimmte Rollenmuster zu erkennen und zu verdeutlichen, dass es in Schreibberatungen nicht genügt, nur in dieser Rolle zu agieren.

So konnte jeder insgeheim seine eigene Rolle entdecken, die ihm bisher vielleicht gar nicht bewusst war. Und welche Rolle war es bei mir? Soll ich es verarten? Nein, ich verrate es nicht! Aber jeder der möchte, kann es in meinen Beratungen selbst herausfinden.

Ein anderer Workshop beschäftigte sich mit dem Thema Interkulturalität in der Schreibberatung. Zunächst sollte jeder Teilnehmer den Begriff Kultur definieren. Schon hier war klar, dass die Definitionen unterschiedlich sein werden. Ist Kultur jede Form des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens und Verhaltens allgemein? Oder setzt Kultur erst dort ein, wo man von besonderer Bildung sprechen kann? Nein, Kultur ist alles, was eigentlich Luxus ist, wie Theater, Musik, Malerei, Dichtung. Aber grenzen wir hier nicht zu viel aus? Einen umfassenden Kulturbegriff konnten wir nicht zusammentragen, für jeden bedeutet Kultur eben etwas anderes.

Konferenz-Teilnehmer beim Schreiben

Dann folgte das kreative Spiel, „Zitronella“, für das wir uns in kleine Gruppen teilten. Jede  Gruppe bekam eine Zitrone. Jede der Zitronen hatte ihre eigene Geschichte und ihren Namen. Und so kam die eine Frucht aus Brasilien, die andere aus Italien, die eine war quittegelb, die andere blassgelb, die eine hieß Renata, die andere eben anders. Nach dem jede Gruppe eine kleine Geschichte über das Obststück verfasst hatte, gaben wir die Zitronen wieder zurück. Die Geschichten wurden gegenseitig vorgelesen. Dann sollte jede Gruppe erneut nach vorn kommen und jeweils ihre Zitrone wieder finden. Unglaublich! Jede Gruppe fand ihre Zitrone wieder. Wie unterschiedlich doch die Früchte sind, auch wenn man es zunächst nicht wahrnimmt. Wir mussten unsere Zitronen schließlich erst kennen lernen.

Die nächste Übung fand in der großen Gruppe statt. Sie hieß „Der Eisberg der Kultur“. Ein Eisberg ragt aus dem Wasser, nur die Spitze ist wahrnehmbar, alles andere ist verdeckt. Im übertragenden Sinne wurde gefragt, was man an einer Person äußerlich erkennen kann und was uns verborgen bleibt. Die Leiter des Workshops (Carolin Hermann, Maike Krieger, Julia Schneider aus Darmstadt) klebten unsere Antworten auf kleinen Zetteln rund um den skizzierten „Eisberg“ an die Tafel. Deutlich wurde allen Teilnehmern, dass die wenigen sichtbaren Elemente wie Kleidung, Aussehen und Sprache auf der Spitze des Bergs nicht viel sagen gegenüber den Elementen unter der Wasseroberfläche: Erfahrung,  Erziehung, Denkweisen, Interessen, Kommunikationsstile, Religion, Werte und so weiter. Und wie lange braucht es, um den „Anderen“ wirklich zu verstehen?

Die Arbeit im Workshop „Interkulturalität in der Schreibberatung“ diente nicht nur dazu, den SchreibberaterInnen zu zeigen, wie wichtig eine offene und unvoreingenommene Haltung gegenüber Ratsuchenden mit anderem kulturellen und sprachlichen Hintergrund ist. Noch stärker war die Botschaft, dass jeder Mensch seine individuelle Kultur lebt, eben so, wie er sie definiert und beschreibt. Schon dafür braucht es gegenseitige Wertschätzung und Toleranz.

Die Beiträge gingen dem Ende zu und das Autorenteam, Franziska Liebetanz, Nora Peters, Ella Gieshammer und Jana Zegenhagen stellte noch ihr Buchprojekt vor: Zukunftsmodell Schreibberatung: Eine Anleitung für die Begleitung von Schreibenden im Studium.

Dann brachen wir auf zu unserem einstündigen Stadtrundgang, bevor das Abendessen in der „Blooming Bar“ auf uns wartete. Die Konferenzteilnehmer sollten den Rundgang literarisch gestalten und in kleinen Gruppen Texte schreiben. Das Thema: Eine Liebesgeschichte, zwischen zwei Studenten in Göttingen. Während David Kreitz uns durch die Stadt führte, machte er immer wieder an besonderen Plätzen und Gebäuden Halt und erklärte sie uns. So lernten wir das Deutsche Theater kennen, die Stadtbibliothek, das „Gänseliesel“ (Brunnen als Wahrzeichen der Stadt) und vieles mehr. Dann sollten wir diese Orte in unsere Göttinger Begegnungsgeschichte einfließen lassen.

Nach gut einer Stunde trafen wir in der „Blooming Bar“ ein, etwas durchgefroren, munter und hungrig. Nach dem Essen stellten alle Gruppen ihre kleinen Kunstwerke vor. Es sind viele Kurzgeschichten, Fragmente und Anekdoten entstanden. Juliane Patz hatte sich für das Genre „Gedicht“ entschieden. Hier könnt ihr es lesen, um einen besonderen Eindruck von Göttingen zu bekommen:

Göttinger Liebeslied

Vom Fahrrad fiel einmal Susann,
da fasste mutig Pierre mit an,
um sie schnell wieder hochzuheben,
ihr ’ne Theaterkarte abzugeben.

Im Saal spielte „Romeo und Juliette“,
er sagte, dass er gern ’ne Freundin hätt‘,
bisher sei er immer alleine gewesen
und habe nur in der Bib gelesen.

„Ich saß am Schreibtisch nächtelang“,
sprach er, „und mir war angst und bang,
dass sich wohl niemals jemand findet,
der sich für einen Abend an mich bindet.“

„Doch doch, ja ja, ich komme mit,
hab‘ Zeit und halte mit dir Schritt.“

Das Fahrrad ließ sie liegen,
für heute sollt‘ er siegen.

„Woll’n wir uns morgen am Gänseliesel wiedersehen
und auf dem Brunnensims spazieren gehen?“

Tja, bis wir von ihm und Susann wieder singen,
freut sich der Pierre vor allen Dingen,
dass Göttingen, die schöne Stadt,
für ihn nun auch ein Mädchen hat.

(Juliane Patz)

Literacy und die Rettung der Welt

Ich lese im Moment viele Texte die sich mit „Literacy“ auseinander setzen, also mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Literacy wird aber im weiteren Sinne auch mit „Bildung“ übersetzt. Ich besuche hier das Seminar „Critical Perspectives on Literacy“, aber auch so begegnet mit das Thema dauernd – oder ich bin sensibilisiert dafür.

Besprochen haben wir zum Beispiel Texte von Paolo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ Schreiben und Lesen als Instrumente sieht, um Menschen zu befreien aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Freire macht deutlich, dass das Schreiben und Lesen lernen an sich überhaupt keinen Nutzen für arme Menschen hat, wenn sich dadurch nichts an ihrer Situation ändert. Wenn es zum Beispiel keine Arbeitsplätze gibt, dann gibt es auch für diejenigen keine Arbeit, die Lesen gelernt haben – auch wenn ihnen das suggeriert wird. Schreiben und Lesen sind nur dann sinnvoll, wenn die Menschen diese Werkzeuge nutzen können, um ihre Welt zu verändern, um Einfluss zu nehmen.

Aus diesem Grund finden andere, zum Beispiel die New London Group, dass einfaches Lesen und Schreiben heute nicht mehr ausreicht, weil unsere Welt sich verändert hat. Wer heute Einfluss nehmen will muss sich auch mit elektronischen Medien auskennen und muss mit Mehrsprachigkeit umgehen können, denn wir leben globalisiert und digitalisiert.

Im Seminar kam die Frage auf, ob die Art und Weise, wie hier und jetzt Schreiben vermittelt wird, diesem Anspruch gerecht werden kann. Sind die akademischen Schreibkurse nicht doch sehr fremd bestimmt? Führen sie nicht eher zu Anpassung als zu kritischer Einflussnahme? Wie können Studierende erkennen, wie wichtig Schreiben für sie persönlich und die Gestaltung ihres Lebens sein kann? Ich kam mir plötzlich ungeheuer fortschrittlich vor mit dem Seminarkonzept von „Schreiben wir!“, wo die Studierenden ihre eigenen Schreibaufgaben kreieren und autonom handeln.

Aber dann habe ich angefangen, das Buch „Writing at the End of the World“ von Richard E. Miller zu lesen. Das ist eine ganz schöne Herausforderung!

Miller setzt sich in seinem Buch mit dem Glauben seiner Zunft auseinander, der Zunft der Literacy Teacher (Er ist Englisch Professor).  Dieser Glaube ist der, dass Literacy die Welt retten könnte: Wenn alle Menschen lesen würden, über Bücher diskutieren würden, selbst schreiben würden, dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Miller analysiert auf der Basis verschiedenster Beispiele, dass das nicht so ist. Er zeigt zum Beispiel, dass die beiden Schüler, die das Massaker an der Highschool of Columbine begangen haben, ans Schreiben glaubten (sie propagierten ihre Ideen auf einer Internetseite) und in der Creative Writing Klasse tieftraurige Gedichte schrieben.

Er bezieht sich auch auf „Into the Wild“, den Fall des Studenten der in die Wildnis von Alaska zog um seinen Traum von Jack London zu leben und dort verhungerte, weil er so sehr auf das Wissen aus Büchern vertraute und sich nicht klar machte, dass er Fiktion (von Jack London) mit der Realität verwechselte. Dies ist ein Fall der zeigt, dass Vertrauen in Bücher auch gefährlich sein kann.

Ausführlich befasst er sich auch mit dem Fall des „Unabombers“, einem Attentäter der über Jahrzehnte hinweg Intellektuelle und Businessleute mit Paketbomben attackierte. Am Ende wurde er gefasst, weil er darauf bestand, sein Manifest in der New York Times zu veröffentlichen – sein Bruder erkannte den Stil und gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Auch dieser Mörder hatte geglaubt, er könne die Menschheit mit der Kraft seiner Worte überzeugen und auf seine Seite bringen.

Ein weiteres Beispiel ist das in den USA viel diskutierte Buch „The Bell Curve“, in dem zwei Wissenschaftler angeblich beweisen, dass Schwarze durchschnittlich einen niedrigeren IQ haben als Weiße. Sie nehmen diese „Tatsache“, die sie offenbar durch viele Diagramme und Statistiken untermauern, als Anlass, um ein Ende staatlicher Einmischungen und Fürsorge zu fordern, wenn ich es richtig verstanden habe. Miller stellt Überlegungen an, inwiefern dieses Buch tatsächlich fatale Folgen für die Gesellschaft haben könnte, wie viele Menschen befürchtet haben. Er geht die Rezensionen bei Amazon durch und stellt fest, dass lediglich vier von 142 Rezensenten erkennen lassen, dass sie ihre Meinung auf Grund des Buches  geändert hätten. Alle anderen nutzen das Buch um ihre schon vorhandene Meinung zu bekräftigen. Und selbst diese vier lassen nicht erkennen, was nun die Konsequenzen dieser Meinungsänderung sind. Miller fragt sich, ob nicht auch in diesem Fall der Macht des Wortes zu viel zugetraut wird.

Als Gegenpol zur Macht des Wortes setzt Miller in einem Abschnitt auf das unspektakuläre Wirken einzelner Lehrer. Er lobt die Bücher „Lives on the Boundary“ und „Possible Lives“ von Mike Rose als ein Tauchen unter die Oberfläche. Rose stellte fest, dass es auch innerhalb des von vielen als undemokratisch wahrgenommenen amerikanischen Schulsystems, das Kinder aufgrund von Multiple Choice Test sortiert, durchaus Klassenräume gibt, in denen Kindern Demokratie und kritisches Denken lernen. Dies sei  aber nicht festzumachen an bestimmten Methoden oder bestimmten Lehrplänen, sondern an bestimmten Lehrern. Rose benennt folgende wichtige Faktoren: 1. Schüler haben das Gefühl von mentaler und physischer Sicherheit; 2. Sie erfahren vielschichtigen Respekt, z.B. für ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Herkunft, aber auch für ihre Intelligenz, indem sie herausfordernde Lernaufgaben bekommen; und 3. sind die Lehrer nicht Autoritäten aufgrund von Macht oder Alter, sondern aufgrund von ihrem Wissen, ihres Herstellens der sicheren Lernatmosphäre und ihres Respekts für die Schüler.

Miller betont, dass die Lehrer so arbeiten, obwohl sie in den Mühlen der Bürokratie stecken. Die Vorstellung, man könnte die Gesellschaft – charakterisiert durch stumpfsinnige Bürokratie – durch Worte ändern sei eine Illusion, so Miller. Vielmehr sei Veränderung, wenn überhaupt, ein Resultat der stillen und geduldigen Bemühungen einzelner anonymer Menschen innerhalb eines unperfekten Systems.

Mich fasziniert dieses Buch sehr, auch wenn ich erst ungefähr ein Drittel gelesen habe. Wahrscheinlich, weil ich mich so ertappt fühle in meinen Illusionen. Ich glaube schließlich fest daran, dass Literacy die Welt verändern kann. Was würde es bedeuten, wenn ich nicht daran glauben würde? Ich finde es sehr spannend, mir dieses Glaubens bewusst zu werden und ihn auch mal in Frage zu stellen!

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