Literacy und die Rettung der Welt

Ich lese im Moment viele Texte die sich mit „Literacy“ auseinander setzen, also mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Literacy wird aber im weiteren Sinne auch mit „Bildung“ übersetzt. Ich besuche hier das Seminar „Critical Perspectives on Literacy“, aber auch so begegnet mit das Thema dauernd – oder ich bin sensibilisiert dafür.

Besprochen haben wir zum Beispiel Texte von Paolo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ Schreiben und Lesen als Instrumente sieht, um Menschen zu befreien aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Freire macht deutlich, dass das Schreiben und Lesen lernen an sich überhaupt keinen Nutzen für arme Menschen hat, wenn sich dadurch nichts an ihrer Situation ändert. Wenn es zum Beispiel keine Arbeitsplätze gibt, dann gibt es auch für diejenigen keine Arbeit, die Lesen gelernt haben – auch wenn ihnen das suggeriert wird. Schreiben und Lesen sind nur dann sinnvoll, wenn die Menschen diese Werkzeuge nutzen können, um ihre Welt zu verändern, um Einfluss zu nehmen.

Aus diesem Grund finden andere, zum Beispiel die New London Group, dass einfaches Lesen und Schreiben heute nicht mehr ausreicht, weil unsere Welt sich verändert hat. Wer heute Einfluss nehmen will muss sich auch mit elektronischen Medien auskennen und muss mit Mehrsprachigkeit umgehen können, denn wir leben globalisiert und digitalisiert.

Im Seminar kam die Frage auf, ob die Art und Weise, wie hier und jetzt Schreiben vermittelt wird, diesem Anspruch gerecht werden kann. Sind die akademischen Schreibkurse nicht doch sehr fremd bestimmt? Führen sie nicht eher zu Anpassung als zu kritischer Einflussnahme? Wie können Studierende erkennen, wie wichtig Schreiben für sie persönlich und die Gestaltung ihres Lebens sein kann? Ich kam mir plötzlich ungeheuer fortschrittlich vor mit dem Seminarkonzept von „Schreiben wir!“, wo die Studierenden ihre eigenen Schreibaufgaben kreieren und autonom handeln.

Aber dann habe ich angefangen, das Buch „Writing at the End of the World“ von Richard E. Miller zu lesen. Das ist eine ganz schöne Herausforderung!

Miller setzt sich in seinem Buch mit dem Glauben seiner Zunft auseinander, der Zunft der Literacy Teacher (Er ist Englisch Professor).  Dieser Glaube ist der, dass Literacy die Welt retten könnte: Wenn alle Menschen lesen würden, über Bücher diskutieren würden, selbst schreiben würden, dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Miller analysiert auf der Basis verschiedenster Beispiele, dass das nicht so ist. Er zeigt zum Beispiel, dass die beiden Schüler, die das Massaker an der Highschool of Columbine begangen haben, ans Schreiben glaubten (sie propagierten ihre Ideen auf einer Internetseite) und in der Creative Writing Klasse tieftraurige Gedichte schrieben.

Er bezieht sich auch auf „Into the Wild“, den Fall des Studenten der in die Wildnis von Alaska zog um seinen Traum von Jack London zu leben und dort verhungerte, weil er so sehr auf das Wissen aus Büchern vertraute und sich nicht klar machte, dass er Fiktion (von Jack London) mit der Realität verwechselte. Dies ist ein Fall der zeigt, dass Vertrauen in Bücher auch gefährlich sein kann.

Ausführlich befasst er sich auch mit dem Fall des „Unabombers“, einem Attentäter der über Jahrzehnte hinweg Intellektuelle und Businessleute mit Paketbomben attackierte. Am Ende wurde er gefasst, weil er darauf bestand, sein Manifest in der New York Times zu veröffentlichen – sein Bruder erkannte den Stil und gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Auch dieser Mörder hatte geglaubt, er könne die Menschheit mit der Kraft seiner Worte überzeugen und auf seine Seite bringen.

Ein weiteres Beispiel ist das in den USA viel diskutierte Buch „The Bell Curve“, in dem zwei Wissenschaftler angeblich beweisen, dass Schwarze durchschnittlich einen niedrigeren IQ haben als Weiße. Sie nehmen diese „Tatsache“, die sie offenbar durch viele Diagramme und Statistiken untermauern, als Anlass, um ein Ende staatlicher Einmischungen und Fürsorge zu fordern, wenn ich es richtig verstanden habe. Miller stellt Überlegungen an, inwiefern dieses Buch tatsächlich fatale Folgen für die Gesellschaft haben könnte, wie viele Menschen befürchtet haben. Er geht die Rezensionen bei Amazon durch und stellt fest, dass lediglich vier von 142 Rezensenten erkennen lassen, dass sie ihre Meinung auf Grund des Buches  geändert hätten. Alle anderen nutzen das Buch um ihre schon vorhandene Meinung zu bekräftigen. Und selbst diese vier lassen nicht erkennen, was nun die Konsequenzen dieser Meinungsänderung sind. Miller fragt sich, ob nicht auch in diesem Fall der Macht des Wortes zu viel zugetraut wird.

Als Gegenpol zur Macht des Wortes setzt Miller in einem Abschnitt auf das unspektakuläre Wirken einzelner Lehrer. Er lobt die Bücher „Lives on the Boundary“ und „Possible Lives“ von Mike Rose als ein Tauchen unter die Oberfläche. Rose stellte fest, dass es auch innerhalb des von vielen als undemokratisch wahrgenommenen amerikanischen Schulsystems, das Kinder aufgrund von Multiple Choice Test sortiert, durchaus Klassenräume gibt, in denen Kindern Demokratie und kritisches Denken lernen. Dies sei  aber nicht festzumachen an bestimmten Methoden oder bestimmten Lehrplänen, sondern an bestimmten Lehrern. Rose benennt folgende wichtige Faktoren: 1. Schüler haben das Gefühl von mentaler und physischer Sicherheit; 2. Sie erfahren vielschichtigen Respekt, z.B. für ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Herkunft, aber auch für ihre Intelligenz, indem sie herausfordernde Lernaufgaben bekommen; und 3. sind die Lehrer nicht Autoritäten aufgrund von Macht oder Alter, sondern aufgrund von ihrem Wissen, ihres Herstellens der sicheren Lernatmosphäre und ihres Respekts für die Schüler.

Miller betont, dass die Lehrer so arbeiten, obwohl sie in den Mühlen der Bürokratie stecken. Die Vorstellung, man könnte die Gesellschaft – charakterisiert durch stumpfsinnige Bürokratie – durch Worte ändern sei eine Illusion, so Miller. Vielmehr sei Veränderung, wenn überhaupt, ein Resultat der stillen und geduldigen Bemühungen einzelner anonymer Menschen innerhalb eines unperfekten Systems.

Mich fasziniert dieses Buch sehr, auch wenn ich erst ungefähr ein Drittel gelesen habe. Wahrscheinlich, weil ich mich so ertappt fühle in meinen Illusionen. Ich glaube schließlich fest daran, dass Literacy die Welt verändern kann. Was würde es bedeuten, wenn ich nicht daran glauben würde? Ich finde es sehr spannend, mir dieses Glaubens bewusst zu werden und ihn auch mal in Frage zu stellen!

8 Responses to Literacy und die Rettung der Welt

  1. Stefanie sagt:

    Liebe Katrin,

    dank für Deine Blog-Einträge! Es ist spannend, an Deinen Gedanken und an Deiner Lektüre teilzuhaben. Zum Glauben an die „Literacy“ habe ich einen spontanen Gedanken: Die Frage ist ja nicht, OB Lesen+Schreiben-Können die Welt verändert, in der wir leben, das tut es zweifellos, in vielfältigen Formen. Die Frage ist doch eher, WIE wir lesen und schreiben, kritisch und reflektiert, oder dogmatisch und unreflektiert. Lesen+Schreiben sind mächtige Instrumente, und die Formen, in denen wir lesend und schreibend kommunizieren, beeinflussen, wie wir uns selbst, die Gesellschaft, das Zusammensein mit anderen und die Welt verstehen. Hier schick‘ ich Dir mal ein schönes Video zu „digital literacy“ (kennst Du möglicherweise schon: http://www.youtube.com/watch?v=NLlGopyXT_g&feature=relmfu). Ist von Michael Wesch, dessen andere YouTube-Videos ebenfalls sehr zu empfehlen sind, z.B. „A Portal to Media Literacy“

    Liebe Grüße aus Bielefeld

    Stefanie

  2. Hallo Stefanie,
    danke fuer das schoene Video!!
    Du hast natuerlich Recht, es geht um das „wie“. Ich freu mich, dass du mitliest!
    Viele Gruess aus Madison
    Katrin

  3. Kilian sagt:

    Super Post.Habe einige schöne Gedankenanstoesse bekommen. Warte auf weitere Beiträge.

  4. Anja sagt:

    Sehr interessant!! Danke für den Eintrag!! Katrin, hast du die Texte zufällig als PDF da? Ich würde diese auch gerne lesen…🙂

  5. Wir haben ja nun mit A.B. Breivik ein europäisches Gegenstück zu den hier erwähnten Verbrechern und es lassen sich mit Sicherheit noch einige andere finden.
    Bei der Sache mit dem IQ von Farbigen musste ich außerdem an Montford (2010) „The Hockey Stick Illusion“ denken, wo Gleiches auf anderem Gebiet betrieben wird. Mit Zahlen, Statistiken und Graphen wird eine Panik vor Erderwärmung und CO2-Ausstoß geschürt, die ökonomisch gesehen hochbrisant, aus wissenschaftlicher Perspektive aber v.a. korrupt ist.
    Spannende Lektüre jedenfalls, danke dafür, Weihnachten nht, Zeit, den Wunschzettel literarisch zu bestücken…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: