Erinnerungen an Göttingen

Vier Wochen sind es nun her, seit dem wir mit Rucksack, Büchern, vorbereiteten Workshops und guter Laune nach Göttingen gefahren sind. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Wenn ich jetzt die Augen schließe, bin ich noch einmal in der Fakultät für Interkulturelle Germanistik, die wir nach langem Suchen gefunden haben.

Die Göttinger begrüßten uns stürmisch und jeder erhielt ein Ansteckschildchen mit Namen. Gefühlte tausend neue Gesichter aus Bielefeld,  Darmstadt, Freiburg, Hildesheim und Jena. Auch ich war eines davon, meine erste PeertutorInnen- Konferenz. Am ersten Abend gab es viel Informationsaustausch, Plauderei und leckeres Essen: „Wo kommst du her? Was studierst du? Wie laufen bei euch die Schreibberatungen? Hast du den Salat schon gekostet oder die Nudeln?“

Dann begannen die Workshops und Seminare. Ich erinnere mich gut, dass mir die Entscheidung nicht leicht fiel, da alle Angebote so spannend waren. Warum haben wir nur ein Wochenende? Hätten wir zwei Tage mehr, hätte jeder jede Veranstaltung besuchen können.

Besonders interessant fand ich den Workshop Rollenbilder und Rollenkonflikte von SchreibberaterInnen“. Angeleitet wurde er von Melanie Brinkschulte und Ella Grieshammer vom Internationalen Schreibzentrum der Georg- August- Universität Göttingen.

Zum Workshop gehörten Diskussionsrunden über die eigene Schreibberaterrolle und über das Vorkommen von stereotypen Beraterbildern. In kleinen, inszenierten Mockberatungen wurden die etwas außergewöhnlichen Beratungssituationen durchgespielt. Ich weiß noch, dass ich mich gleich für die Rolle der Ratsuchenden entschieden hatte. Der Berater bekam ein festes Rollenmuster vorgeschrieben, das ich vorher nicht kannte. Und so kam ich als „Ersti“ in die Beratung, und wollte wissen, was denn nun wissenschaftliches Schreiben so ist und wie man es am besten lernt.

Mein Berater war ein Kumpeltyp, stellte sich heraus. Immer schnell mit den Argumenten zur Seite: „Ja, ja, das Problem kenne ich auch. Mach dir bloß keine Sorgen, das wird schon.“ Informationen und Hilfestellung zum wissenschaftlichen Schreiben hatte ich keine bekomme. Aber ich weiß zumindest, wen ich jetzt bei Facebook suchen kann, wenn ich abends mal quatschen möchte.

Andere Rollen waren, die Lehrerrolle, die Rolle der gestressten akademischen Mitarbeiterin oder die Mutterrolle. Abschließend wurde in großer Runde über das Thema diskutiert.

Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass jeder Mensch in verschiedenen Situationen entsprechende Rollen einnimmt. Einerseits wird meine Rolle durch meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen bestimmt. Andererseits können das Verhalten und die Situation meines Kommunikationspartners mich dazu verführen, ein bestimmtes Rollenmuster einzunehmen. Die Reflexion über die Rollenstereotypen hat sehr geholfen, bestimmte Rollenmuster zu erkennen und zu verdeutlichen, dass es in Schreibberatungen nicht genügt, nur in dieser Rolle zu agieren.

So konnte jeder insgeheim seine eigene Rolle entdecken, die ihm bisher vielleicht gar nicht bewusst war. Und welche Rolle war es bei mir? Soll ich es verarten? Nein, ich verrate es nicht! Aber jeder der möchte, kann es in meinen Beratungen selbst herausfinden.

Ein anderer Workshop beschäftigte sich mit dem Thema Interkulturalität in der Schreibberatung. Zunächst sollte jeder Teilnehmer den Begriff Kultur definieren. Schon hier war klar, dass die Definitionen unterschiedlich sein werden. Ist Kultur jede Form des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens und Verhaltens allgemein? Oder setzt Kultur erst dort ein, wo man von besonderer Bildung sprechen kann? Nein, Kultur ist alles, was eigentlich Luxus ist, wie Theater, Musik, Malerei, Dichtung. Aber grenzen wir hier nicht zu viel aus? Einen umfassenden Kulturbegriff konnten wir nicht zusammentragen, für jeden bedeutet Kultur eben etwas anderes.

Konferenz-Teilnehmer beim Schreiben

Dann folgte das kreative Spiel, „Zitronella“, für das wir uns in kleine Gruppen teilten. Jede  Gruppe bekam eine Zitrone. Jede der Zitronen hatte ihre eigene Geschichte und ihren Namen. Und so kam die eine Frucht aus Brasilien, die andere aus Italien, die eine war quittegelb, die andere blassgelb, die eine hieß Renata, die andere eben anders. Nach dem jede Gruppe eine kleine Geschichte über das Obststück verfasst hatte, gaben wir die Zitronen wieder zurück. Die Geschichten wurden gegenseitig vorgelesen. Dann sollte jede Gruppe erneut nach vorn kommen und jeweils ihre Zitrone wieder finden. Unglaublich! Jede Gruppe fand ihre Zitrone wieder. Wie unterschiedlich doch die Früchte sind, auch wenn man es zunächst nicht wahrnimmt. Wir mussten unsere Zitronen schließlich erst kennen lernen.

Die nächste Übung fand in der großen Gruppe statt. Sie hieß „Der Eisberg der Kultur“. Ein Eisberg ragt aus dem Wasser, nur die Spitze ist wahrnehmbar, alles andere ist verdeckt. Im übertragenden Sinne wurde gefragt, was man an einer Person äußerlich erkennen kann und was uns verborgen bleibt. Die Leiter des Workshops (Carolin Hermann, Maike Krieger, Julia Schneider aus Darmstadt) klebten unsere Antworten auf kleinen Zetteln rund um den skizzierten „Eisberg“ an die Tafel. Deutlich wurde allen Teilnehmern, dass die wenigen sichtbaren Elemente wie Kleidung, Aussehen und Sprache auf der Spitze des Bergs nicht viel sagen gegenüber den Elementen unter der Wasseroberfläche: Erfahrung,  Erziehung, Denkweisen, Interessen, Kommunikationsstile, Religion, Werte und so weiter. Und wie lange braucht es, um den „Anderen“ wirklich zu verstehen?

Die Arbeit im Workshop „Interkulturalität in der Schreibberatung“ diente nicht nur dazu, den SchreibberaterInnen zu zeigen, wie wichtig eine offene und unvoreingenommene Haltung gegenüber Ratsuchenden mit anderem kulturellen und sprachlichen Hintergrund ist. Noch stärker war die Botschaft, dass jeder Mensch seine individuelle Kultur lebt, eben so, wie er sie definiert und beschreibt. Schon dafür braucht es gegenseitige Wertschätzung und Toleranz.

Die Beiträge gingen dem Ende zu und das Autorenteam, Franziska Liebetanz, Nora Peters, Ella Gieshammer und Jana Zegenhagen stellte noch ihr Buchprojekt vor: Zukunftsmodell Schreibberatung: Eine Anleitung für die Begleitung von Schreibenden im Studium.

Dann brachen wir auf zu unserem einstündigen Stadtrundgang, bevor das Abendessen in der „Blooming Bar“ auf uns wartete. Die Konferenzteilnehmer sollten den Rundgang literarisch gestalten und in kleinen Gruppen Texte schreiben. Das Thema: Eine Liebesgeschichte, zwischen zwei Studenten in Göttingen. Während David Kreitz uns durch die Stadt führte, machte er immer wieder an besonderen Plätzen und Gebäuden Halt und erklärte sie uns. So lernten wir das Deutsche Theater kennen, die Stadtbibliothek, das „Gänseliesel“ (Brunnen als Wahrzeichen der Stadt) und vieles mehr. Dann sollten wir diese Orte in unsere Göttinger Begegnungsgeschichte einfließen lassen.

Nach gut einer Stunde trafen wir in der „Blooming Bar“ ein, etwas durchgefroren, munter und hungrig. Nach dem Essen stellten alle Gruppen ihre kleinen Kunstwerke vor. Es sind viele Kurzgeschichten, Fragmente und Anekdoten entstanden. Juliane Patz hatte sich für das Genre „Gedicht“ entschieden. Hier könnt ihr es lesen, um einen besonderen Eindruck von Göttingen zu bekommen:

Göttinger Liebeslied

Vom Fahrrad fiel einmal Susann,
da fasste mutig Pierre mit an,
um sie schnell wieder hochzuheben,
ihr ’ne Theaterkarte abzugeben.

Im Saal spielte „Romeo und Juliette“,
er sagte, dass er gern ’ne Freundin hätt‘,
bisher sei er immer alleine gewesen
und habe nur in der Bib gelesen.

„Ich saß am Schreibtisch nächtelang“,
sprach er, „und mir war angst und bang,
dass sich wohl niemals jemand findet,
der sich für einen Abend an mich bindet.“

„Doch doch, ja ja, ich komme mit,
hab‘ Zeit und halte mit dir Schritt.“

Das Fahrrad ließ sie liegen,
für heute sollt‘ er siegen.

„Woll’n wir uns morgen am Gänseliesel wiedersehen
und auf dem Brunnensims spazieren gehen?“

Tja, bis wir von ihm und Susann wieder singen,
freut sich der Pierre vor allen Dingen,
dass Göttingen, die schöne Stadt,
für ihn nun auch ein Mädchen hat.

(Juliane Patz)

One Response to Erinnerungen an Göttingen

  1. Hallo Anja, vielen Dank fuer den Einblick in die Peer Tutoren Konferenz 2011! Die Workshops, die du beschreibst, hoeren sich toll an. Ich freue mich sehr dareuber, dass die Peer Tutoren Konferenzen sich so gut etabliert haben und alle von den Workshops und Beitraegen ihrer Kolleginnen und Kollegen profitieren koennen.
    Ueber die Zitronen musste ich lachen, weil ich einmal aus unserer Uni-Verwaltung eine Rueckfrage bekam, wieso wir denn Zitronen als Seminarmaterial abrechnen wollten? Kristin Draheim vom ZiL hatte da wohl eine aehnliche Uebung gemacht…
    Wie schoen, dass es auch dieses Mal einen kreativen Stadtrundgang gab! Danke fuer das Teilen des Gedichts an Julie!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: