Writing across the curriculum

Brad Hughes ist nicht nur der Leiter des hiesigen Schreibzentrums, sondern auch der Leiter des writing-across-the-curriculum-Programms (wac).Und da meine Bürokollegin Stephanie White Teaching Assistant Direktorin für wac ist, bekomme ich von diesem Programm besonders viel mit.

Co-Teaching

Gestern zum Beispiel bin ich mit ihr zu einer Vorlesung über Wissenschaftsgeschichte gegangen. Die Studierenden haben im Rahmen der Vorlesung die Aufgabe, in Kleingruppen wikis zu erstellen, die sich mit bestimmten Aspekten von Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen. Stephanie war für eine Vorlesung als „Co-Teacher“ eingeladen und hatte mit dem Professor zusammen eine Einheit über wikis vorbereitet. Stephanie stellte zunächst das Schreibzentrum vor und ließ die Studierenden anschließend zunächst ein kurzes Freewriting machen, bei dem sie sich fragen sollten: „What are wikis useful for?“ Die Ideen, die den Studierenden dabei einfielen, besprachen sie zunächst mit den Leuten, mit denen sie zusammen saßen und dann wurden sie für alle zusammen an der Tafel gesammelt. Als nächstes besprachen Stephanie und der Professor am Beispiel der Wikipedia-Seite zu Wissenschaftsgeschichte typische Eigenschaften von wikis, zum Beispiel die vielen Links, die kurzen Abschnitte, Zwischenüberschriften, usw. Sie nutzten das auch gleich, um darüber aufzuklären, wie die Studierenden Wikipedia nutzen bzw. nicht nutzen sollen und hoben hervor, dass Quellenbelege bei Onlinepublikationen mindestens genauso wichtig sind wie in gedruckten wissenschaftlichen Texten. Anschließend analysierten die Studierenden in Kleingruppen eine andere wiki-Seite zur Quantenphysik und stellten ihre Ergebnisse vor. Nachdem die Studierenden sich aktiv mit wikis auseinander gesetzt hatten, waren auch die Vorstellungen von den eigene wiki-Seiten konkreter geworden und so schloss sich eine Fragerunde zur Aufgabenstellung mit dem Professor an. Zum Abschluss sollten die Studierenden sich eine Sache aufschreiben, an die sie sich auf jeden Fall erinnern möchten, wenn sie ihr eigenes Wiki erstellen und Stephanie erinnerte noch einmal daran, dass sie auch als Kleingruppe wegen ihrer wiki-Seite ins Schreibzentrum kommen können.

Obwohl es nicht so leicht war, in einem riesigen Vorlesungssaal Kleingruppenarbeit zu initiieren und die Studierenden zu involvieren, haben die Fragen der Studierenden gezeigt, dass die Vorlesung sie angeregt hat, sich mit ihrem wiki-Projekt konkret auseinanderzusetzen.

Stephanie White coteaches wiki lecture

Stephanie beim Co-Teaching zu wikis

Brown Bag Lunch Hour

Eine andere wac-Veranstaltung war eine sogenannte Brown Bag Lunch Hour im Fachbereich Politikwissenschaften. Brown Bag Hours sind Veranstaltungen, die in der Mittagspause abgehalten werden, damit die Leute dafür Zeit in ihren vollen Kalendern finden können. Die Uni bietet dabei einen Mittagssnack an (in diesem Falle Pizza) oder die Leuten bringen ihr Essen mit. Der Name kommt von den Braunen Tüten, in denen das Mittagessen angeblich transportiert wird. (Ich sehe immer nur Plastiktüten oder Styroporcontainer, in braunen Tüten wird eher der Alkohol transportiert, aber das nur als Beobachtung am Rande!).

Bei dieser Veranstaltung waren jüngere Lehrende aus den Politikwissenschaften da, vor allem Teaching Assistants. Brad sprach darüber, wie wichtig es ist, Schreiben und Lernen zu verbinden, um nachhaltige Lernergebnisse zu ermöglichen. Er verwies auf die Ergebnisse der NSSE-Studie von 2008, die dies eindrucksvoll belegt hat. Er sprach über einige Möglichkeiten, was für Schreibaufgaben jenseits von Essays und Hausarbeiten in der Lehre genutzt werden könnten, was sinnvolle Schreibaufgaben kennzeichnet und wie man Feedback geben und benoten kann, ohne sich selbst zu überlasten. Anschließend ergänzte ein Politik-Student, der als Writing Fellow im Schreibzentrum arbeitet, was aus seiner Sicht als Student und als Writing Fellow eine gute Aufgabenstellung ausmacht und wie Feedback hilfreich sein kann. Es schloss sich eine lebhafte Diskussions- und Fragerunde an.

 Workshops für Lehrende und Teaching Assistants

Eine weitere Aufgabe des wac-Programms ist es, regelmäßig Workshops für Lehrende und Teaching Assistants anzubieten, die sich mit ähnlichen Themen befassen wie die Brown Bag Lunch Hour. Stephanie bietet zum Beispiel Workshops dazu an, Aufgabenstellungen für Schreibaufgaben zu entwickeln, Feedback zu geben, Peer Feedback zu organisieren oder Bewertungskriterien für studentische Texte zu entwickeln und zu kommunizieren.

 Schreibintensive Lehre

Einige Seminare sind an der UW Madison in fast allen Fachbereichen schreibintensive Seminare, sogenannte „Comm B“-Kurse. Alle BA-Studierenden müssen zunächst allgemeine Schreibkurse belegen („Comm A“, entspricht den Compositionkursen, d.h. den Schreibkursen, die alle amerikanischen Unis anbieten) und dann einen Comm B-Kurs, der innerhalb des Hauptfaches stattfindet, fachwissenschaftliche Inhalte vermittelt und gleichzeitig schreibintensiv gelehrt wird. So bekommen die Studierenden einen Einstieg in das fachwissenschaftliche Schreiben. Die Lehrenden dieser Kurse durchlaufen ein Training bei Stephanie und Brad und haben die Möglichkeit, in ihren Kursen mit Writing Fellows zu arbeiten, die sie bei der Rückmeldung auf die studentischen Texte und bei der Entwicklung von Schreibaufgaben entlasten.

 Einzelberatungen

Stephanie ist außerdem die Ansprechpartnerin für alle Lehrenden, die schreibdidaktische Unterstützung suchen. Oft finden diese Gespräche in unserem Büro statt, so dass ich mitbekomme, wie vielfältig die Inhalte dieser Gespräche sind. Manchmal kommen Lehrende und wissen nicht, wie sie ein bestimmtes Genre oder eine Komponente einführen sollen. Zum Beispiel: Was ist ein „Thesis-Statement“ und wie schreibt man das? Stephanie geht dann ganz ähnlich vor wie eine Schreibberaterin in der Schreibberatung: Durch offene Fragen und durch Wiederspiegeln des Gehörten versucht sie zunächst, herauszufinden, was ein bestimmter Begriff für die Lehrenden bedeutet. Denn bei den vielen unterschiedlichen Fächern, aus denen die Lehrenden kommen, kann sie unmöglich alle Textsorten kennen. Aber sie gibt natürlich auch Hinweise aus ihrer Sicht als Schreibdidaktikerin und entwickelt, je nach Bedarf, mit den Lehrenden Unterrichtseinheiten oder kommt in die Seminare, um selbst etwas anzuleiten oder ein „Co-Teaching“ durchzuführen.

Andere Lehrende wissen nicht, wie sie Feedback auf Texte geben können, das den Studierenden wirklich weiter hilft. So war neulich eine Lehrende da, die einen Stapel studentischer Essays hervorholte und meinte, dass einige so sehr am Thema vorbei geschrieben seien oder formal so falsch seien, dass sie nicht wisse, wie sie damit umgehen solle. Stephanie ist dann gemeinsam mit ihr einige der Essays durchgegangen und hat mit ihr gemeinsam nach Formulierungen gesucht, die eine produktive Rückmeldung ermöglichen.

Newsletter Time to Write

Der Newsletter Time to Write

Ressourcen

Das wac-Programm sieht sich außerdem dafür zuständig, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, mit denen die Lehrenden arbeiten können. So gibt es ein umfangreiche Sammlung mit Handouts. Außerdem gibt es ein eigens an der UW erstelltes Sourcebook, das 270 Seiten umfasst und verschiedenste Schreibaufgaben, Feedbacktechniken, Bewertungsraster usw. enthält. Einmal im Semester wird außerdem ein gedruckter Newsletter an die Lehrenden verschickt.

Wac Sourcebook

Das Sourcebook wac

Kurzum: Das wac-Programm ist ein tolles und umfangreiches Programm hier an der Uni. Ich finde es sehr eindrucksvoll, wie die verschiedenen Programme des Schreibzentrums (Beratung, Writing Fellows und wac) miteinander verknüpft sind. Mein Eindruck ist, dass es auch deshalb so gut funktioniert, weil die Uni als Institution dahinter steht. Nicht nur finanziell, sondern auch strukturell, indem die Comm-B-Kurse obligatorischer Bestandteil der Bachelorstudiengänge sind. Bis dahin ist es bei uns noch ein langer Weg, auch wenn es inzwischen immerhin einige Workshops für Lehrende gibt, die sich mit produktiven Rückmeldungen auf studentische Texte befassen. Und zumindest vom Schreiblabor Bielefeld gibt es ein strukturiertes Programm, das Lehrende auf schreibintensive Lehre vorbereitet

2 Responses to Writing across the curriculum

  1. Stefanie sagt:

    Wieder tausend Dank für diesen superinformativen und hilfreichen Artikel! Es macht wirklich Spaß, Deine Texte zu lesen. Schön auch, dass Du unsere Fortbildung für schreibintensive Lehre erwähnst. Wenn Du magst, kannst Du auf unsere Seite verlinken: http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Studium/SL_K5/slab/schreibenlehren/Schreiben_Uni.html
    Herzliche Grüße aus Bielefeld

    Stefanie

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