Literatur zu Literacy: E-Books und Self-Publishing

Für das Seminar „Perspectives on Literacy“ habe ich diese Woche unter anderem einen Artikel über E-Books und Self-Publishing gelesen, den ich sehr interessant fand.

Laquintano, Tim (2010): Sustained Authorship: Digital Writing, Self-Publishing, and the Ebook, in: Written Communication, 4 / 2010, S. 469-493.

Laquintano hat eine Grounded Theory-Studie zu Autorschaft und Eigenverlagswesen im Internet durchgeführt. Im Mittelpunkt der Studie stehen professionelle Online-Pokerspieler, die E-Bücher geschrieben und vermarktet haben. Die Forschungsfage lautete: „What literate activity and processes are involved as ebook authors engage with reader/writers to produce and self-publish pedagogical texts? And how do they work to maintain possesive individualism over texts in digital environments of mass collaboration?“

Während der erste Datenerhebungsphase hat L. Texte in Foren und auf anderen Websites gesammelt und kodiert. Aus den im Netz erhobenen Daten  enstanden durch offenes Kodieren vier Hauptkategorien:

„(a) textual production

(b) generating publicity

(c) distribution and intellectual property

(d) peer review and communal sanction“ (p.474)

Diese vier Kategorien haben sich auch in der zweiten Datenerhebungsphase bewährt und erhalten, in der L. Einzelinterviews geführt hat. In einer dritten Phase hat er Folgeinterviews geführt.

In dem Artikel führt er die vier Kategorien jeweils am Beispiel eines ausgewählten Autors aus.

So zeigt er am Beispiel eines dänischen Autors, wie die Textproduktion mit Hilfe von Schülern des Autors stattfand. Diese gaben ihm Feedback – auch in sprachlicher Hinsicht – so dass die Buchentstehung und die Edierungsprozesse die früher in Verlagshand lagen ein kollektiver Prozess wurden. Dennoch wurde das Buch als Buch mit einem einzelnen Autor auf dem Titel veröffentlicht.[Anm.: kostet 400 €! Stand 16.11.11]

Die Kategorie Generating Publicity zeigt am Beispiel eines anderen Autors, wie dieser durch die Beteiligung an Foren und Communities auf sein Buch aufmerksam machte und es verbreitet hat. Sein Buch war kostenlos, aber die Verbreitung hat es ihm ermöglicht, sein Coaching teurer zu verkaufen.

Die Kategorie Distribution and Copyright Protection zeigt am Beispiel eines dritten Autors, welche Maßnahmen dieser ergriffen hat um zu verhindern, dass sein 750$ teures Buch kopiert wird und zirkuliert. So hat er zeitweise alle Kaufwilligen interviewt um herauszufinden, ob sie nicht evtl. vorhaben sein Buch zu kopieren und weiter zu verkaufen. Später hat er angefangen, bei jedem verkauften E-Book kleine Veränderungen in der Interpunktion zu machen, um nachvollziehen zu können, von welchem Käufer eine Kopie stammen sollte, falls eine auftaucht. Da seine Leser so viel Geld bezahlt hatten wollten auch sie das Buch schützen und meldeten dem Autor, sobald in irgendwelchen Foren Leute sich zusammentun wollten, um das Buch gemeinsam zu kaufen und zu kopieren.

Die Kategorie Peer Review and Communal Sanction wird schließlich am Beispiel eines Autors erläutert, der einige Monate vor Erscheinen des E-Buchs aus einer Online-Community ausgeschlossen wurde, weil er dort gegen die Netiquette verstoßen hatte. Das stellte ihn vor das Problem, sich in den Foren nicht zu seinem Buch äußern zu können. Als er unter neuem Namen wieder beitrat, hatte er die Glaubwürdigkeit als guter Pokerspieler und Kenner nicht mehr, die er sich über Jahre und tausende von Posts hin aufgebaut hatte. Damit hatten potentielle Lesende das Problem, nicht wissen zu können, ob das Buch wertvolle Informationen enthält oder nicht, da ein selbst produziertes und selbst vertriebenes Buch nicht den Qualitätskontrollen von Verlagen genügen muss. Das Buch wurde dann aber trotzdem populär, weil es in verschiedenen Foren gut besprochen und empfohlen wurde.

Der Artikel hat mir aus verschiedenen Gründen gut gefallen. Zum einen basiert er auf Grounded Theory als Forschungsstrategie, was mir aus meiner eigenen Arbeit vertraut ist und durch die Art, wie das methodische Vorgehen erklärt wird, die Forschungsarbeit glaubwürdig macht. Zum anderen eröffnet die Studie einen interessanten Blick auf E-Books und Selfpublishing, der tiefer geht als eine pauschale Diskreditierung von selbst publizierenden Autoren. Und darüber hinaus habe ich einen Einblick in das Feld Onlinepoker bekommen, das für mich eine absolut exotische Kultur ist. Die Autoren der besprochenen Bücher verkaufen ihre Bücher für mehrere hundert Euro – und finden Leser!

One Response to Literatur zu Literacy: E-Books und Self-Publishing

  1. onlinemeier sagt:

    zu punkt b) das gilt als ein nützlicher faktor in der akquise: etwas veröffentlichen, um damit eine andere dienstleistung besser verkaufen zu können. habe ich gelesen im blog von Annja Weinberger „Viva Akquise“. wen es interessiert: http://www.viva-akquise.de/die-3-besten-tipps-jetzt-akquise-aktionen-anzukurbeln.

    dass man diese bücher für mehrere hundert euro verkaufen kann, leuchtet ein: weil sie einen offensichtlich befähigen, viel geld mit pokern zu gewinnen.

    ich selbst habe mal von einem bekannten ein buch lektoriert, in dem es um roulette ging. allerdings nicht die online-variante. das ist aber nicht so teuer (nur 75 Euro). da frage ich mich wiederum, ob die gewinne, die man online machen kann, so viel höher sind, als wenn man in ein spielcasino geht…das buch ist von Victor Storm und es geht um´s so genannte Kesselgucken.

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