Peer Tutoring ist mehr als Schreibberatung – warum ehemalige Tutoren gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben

sign writing fellows ongoing education

Gestern konnte ich an einer sogenannten „Ongoing Education“-Session für Writing Fellows teilnehmen. Das sind Weiterbildungsworkshops oder andere Weiterbildungsmaßnahmen, die regelmäßig und zusätzlich zu Teamtreffen stattfinden, ähnlich wie bei uns in Frankfurt (Oder) auch. Gestern ging es aber nicht um die Schreibberatung, sondern darum, wie die Tutoren ihre Arbeitserfahrung für Bewerbungen nutzen können – sei es für Bewerbungen für Masterstudiengänge oder sei es für Jobs. Es haben etwa 15 Writing Fellows teilgenommen, die aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kamen. Zunächst initiierte Brad einen Austausch darüber, wer denn schon einmal seine Writing Fellow-Tätigkeit in Bewerbungen eingebracht und wie die Erfahrungen damit waren. Das führte zu einer Diskussion darüber, wie schwierig es sein kann, das zu tun, denn viele Leute wissen mit dem Begriff „Writing Fellows“ oder auch „Peer Tutor“ oder „Writing Tutor“ nichts anzufangen. Man müsste den Begriff also erklären, was wiederum schwierig ist, wenn das Bewerbungsschreiben kurz gehalten werden soll. Zu diesem Thema erzählte dann ein Doktorand von seinen Erfahrungen. Er hatte in einer Bewerbung von seinen Schreibzentrumserfahrungen berichtet und als Rückmeldung bekommen, es sei unklar, was  das eigentlich mit seiner Bewerbung zu tun habe. Daraufhin hatte er einen langen Brief geschrieben, in dem er erklärt hat, was er aus dieser Tätigkeit alles für Qualifikationen mitgenommen hat. Er hat zwar den Job nicht bekommen, aber dafür einen herzlichen Dank dafür, dass er der Kommission so gut erklärt hat, was in Schreibzentren eigentlich passiert und er wurde gefragt, ob sein Brief im Department verbreitet werden darf.

Als nächstes gab es zwei Schreibaufgaben: Die Writing Fellows sollten sich zunächst vorstellen, dass sie in einer Auswahlkommission sitzen (für welche Bewerbungen war frei wählbar) und mindestens fünf Eigenschaften notieren, nach denen sie als Kommissionsmitglieder Ausschau halten würden. Daran anschließend sollten sie nach Stärken suchen, die sie in ihrer Arbeit als Writing Fellows entwickelt haben und die für Arbeitgeber interessant sein könnten. Diese Schreibaufgaben wurden hinterher in Kleingruppen besprochen.

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Anschliessend sammelten wir die Ergebnisse an der Tafel. Ich fand die Ergebnisse sehr beeindruckend. Hier alles aufzuführen wäre zuviel, aber einiges möchte ich nennen:

Writing Fellows/ Peer Tutoren lernen durch ihre Arbeit als Schreibberatende

  •  reflektiertes und produktives Feedback zu geben
  • Stärken zu identifizieren und auszubauen
  • Verantwortung zu übernehmen
  • mit fremden Menschen eng zusammenzuarbeiten
  • Rollen zu verhandeln und zu definieren
  • sich zu organisieren und Gespräche zu strukturieren
  • kreativ zu sein (Improvisation in Gesprächssituationen, Fragen entwickeln, neue Wege für Erklärungen suchen, usw)
  • andere zu motivieren und sie dazu zu bringen, weiter zu arbeiten bzw. weiter zu gehen, als sie vielleicht bequemerweise wollten
  • komplexe Themen und Texte innerhalb kurzer Zeit zu erfassen und effektiv zu bearbeiten
  • Leserorientierte Texte zu schreiben und zu redigieren
  • Texte kritisch zu betrachten und anderen zu helfen, kritisch zu denken
  • Außerdem bekommen sie Einblicke in ganz verschiedene Diskursgemeinschaften und Schreibkonventionen.

Nachdem wir die Sammlung beendet hatten, überlegten wir gemeinsam, wie sich diese Qualifikationen am besten in Bewerbungen unterbringen lassen. Dabei wurde deutlich, dass es keine pauschalen Antworten geben kann, sondern es immer darauf ankommt, bei wem man sich für was bewirbt. Auf jeden Fall ist es aber gut, so konkret wie möglich zu werden. Statt also zu schreiben „Als Schreibtutorin habe ich gelernt, gut zu schreiben“ könnte man z.B. schreiben: „Das Lesen und Besprechen von  gut fünfzig Hausarbeiten jedes Semester hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich strukturiert und präzise auszudrücken – sowohl auf der Satzebene als auch im Gesamttext. Das hilft mir beim Schreiben und Redigieren meiner eigenen Texte“.

Als Handout gab es Beispiele von Bewerbungsschreiben früherer Fellows, von denen wir einige kurz durchsprachen. Zum Abschluss zitierte Brad Kenneth Bruffee, der schon 1978 darauf verwiesen hat, dass Peer Tutoren durch ihre Tätigkeit viel mehr lernen als Schreiben. Und er verwies auf das Peer Writing Tutor Alumni Research Project, das ebenfalls gezeigt hat, wie wertvoll die Erfahrungen von ehemaligen Peer Tutoren für ihre späteren Berufe sind.

Mir ist bei dieser Veranstaltung wieder einmal aufgefallen, dass wir noch viel lernen können darüber, wie wir unsere Arbeit nach Außen darstellen. Peer Tutoring hat ein so großes Lernpotential, dass man eigentlich allen Studierenden nur wünschen kann, die Chance zu bekommen, als SchreibberaterIn zu arbeiten!

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