Mentoring und Videoaufzeichnungen: Noch mehr Weiterbildung

Neben den schon erwähnten Weiterbildungen gibt es hier am Schreibzentrum noch Weiterbildungen, die man vielleicht auch als Supervision bezeichnen könnte. Ich habe inzwischen bei mehreren hospitieren dürfen.

Die Writing Fellows haben alle einen Mentor oder eine Mentorin aus den Reihen der Professional Staff des Schreibzentrums. Auch einige sehr erfahrene Teaching Assistants sind Mentoren. Neue Mentoren werden von der Teaching Assistant Direktorin des Writing Fellow Programms zunächst selbst darin ausgebildet, Mentor zu sein. Die Mentoren besprechen mit den Writing Fellows die schriftlichen Kommentare, die sie den Studierenden der Seminare geben, denen sie zugeteilt sind. Im ersten Jahr als Writing Fellows sind Mentoring-Treffen obligatorisch. In den Jahren danach können die Writing Fellows sich aussuchen, ob sie weitere Treffen möchten. Ich war bei einem solchen Treffen dabei, das Eric, einer der Fellows der schon länger dabei ist, sich gewünscht hatte . Er ist einem Seminar zugeordnet, das einem „Service-Learning„-Konzept folgt. Das Thema des Seminars ist „Citizenship“, also sowas wie Staatsbürgerkunde. Die Studierenden in diesem Seminar lesen nicht nur theoretische Texte, sondern müssen sich darüber hinaus in einem sozialen Projekt engagieren. Diese Erfahrungen sollen die Studierenden reflektieren und in Zusammenhang mit den theoretischen Texten zum Thema Staatsbürgerschaft bringen. (Service Learning ist hier übrigens nicht ungewöhnlich und wird in verschiedenen Fächern eingesetzt. So fährt meine hiesige Vermieterin, die Biologin an der Uni ist, jedes Jahr mit Studierenden nach Equador, so diese sich in Umweltschutzprojekten engagieren).

Die aktuelle Schreibaufgabe für die Studierenden in Eriks Seminar lautete, auf ca. 15 Seiten zu reflektieren, wie sich ihre Vorstellung von Citizenship während des Seminars verändert hat. Der Schwerpunkt sollte auf persönlicher Reflexion liegen, aber auch Literatur sollte einbezogen werden. Wie in allen Writing Fellows-unterstützten Seminaren sollten die Studierenden zwei Wochen vor der eigentlichen Deadline eine Rohfassung des Textes an den Writing Fellow schicken, zusammen mit einem Coverletter, in dem sie selbst schonmal reflektieren, was sie gelungen finden und worin sie noch unsicher sind. Eric hatte für das Gespräch mit Brad drei Rohfassungen mitgebracht, über die er gerne sprechen wollte. Eine war sehr unstrukturiert und Erik war sich unsicher, wie detailliert er das aufzeigen sollte. Brad bestärkte ihn in dem gewählten Weg, nur exemplarisch auf den Mangel an Struktur einzugehen, der offensichtlich daher rührte, dass die Schreiberin keine Fragestellung bzw. keine Hauptaussage gefunden hatte (das berühmte „Thesis-Statement“). Brad fragte, ob der Text auch Stärken hatte und Erik hob hervor, dass die Autorin viele persönliche Anekdoten eingebaut hatte, was von der Dozentin ausdrücklich gewünscht war. Diese Stärken sollten auch in die Rückmeldung einfließen. Bei dem Treffen, das stattfinden wird, wenn die Studentin Eriks Kommentare schon gelesen hat, sollte es dann darum gehen, wie die Studentin eine Hauptaussage finden kann und wie sie ihren Text bearbeiten kann, d.h. konkrete nächste Schritte.

Interessant war, dass ein weiterer Text, den Erik mit Brad besprechen wollte, genau das gegenteilige Problem hatte: Hier war das Thesis Statement sehr klar und die Struktur beinah ein wenig zu sehr darauf ausgerichtet, weil jeder Absatz wieder explizit darauf Bezug nahm. Der Student hatte in seinem ersten Text des Semesters auch noch keine Struktur in seinem Text gehabt und nun Erics Rückmeldung zu stark umgesetzt. Brad und Eric verständigten sich darauf, hervorzuheben, wie toll es ist, dass der Student so viel gelernt und umgesetzt hat, aber ihn auch darauf hinzuweisen, dass er es vielleicht ein wenig übertrieben hat.

Insgesamt war ich sehr beeindruckt von diesem Mentoring-Gespräch, weil ich sehen konnte, was für ein vielschichtiger Lernprozess da stattfand. So hatte Eric zunächst darüber reflektiert, was er für Rückmeldungen auf die Texte gibt und dann darüber, welche der Rückmeldungen er aus welchen Gründen mit Brad besprechen will. Die Dozentin des Seminars ist zu beneiden – sie wird so viel bessere studentische Arbeiten bekommen als ohne Writing Fellows!

Auch für die Teaching Assistants gibt es Mentoring-Gespräche. Sie müssen in ihrem zweiten Jahr ihrer Arbeit als Peer Tutoren zwei Beratungen auf Video aufnehmen. Diese Videos schauen sie sich zunächst alleine an und dann nochmal – ausschnittsweise – zusammen mit ihrem Mentor oder ihrer Mentorin. In dem Gespräch geht es darum, das eigene Beratungshandeln zu reflektieren, Stärken zu identifizieren und Schwächen zu sehen. Durch das Video werden die Gespräche sehr konkret, das hat mir gut gefallen. Brad hat erzählt, dass diese Videoaufzeichnungen und -auswertungen seit ein paar Jahren obligatorisch sind im zweiten Jahr, weil alle, die das gemacht hatten, betont haben, wie viel ihnen das gebracht hat. Das ganze Verfahren läuft sehr routiniert ab. Der TA Assistant Director bereitet die ganze Technik vor, die Beratungen finden dafür in einem Extra-Raum statt. Die Ratsuchenden werden gefragt ob sie einverstanden sind und unterschreiben ein entsprechendes Formular. Das Video wird dann auf einen internen, geschützten Server hochgeladen und die Tutoren bekommen den Link, mit dem sie sich den Stream angucken können.

Für die Mentoring-Gespräche gilt die gleiche Kultur der Wertschätzung, die ich hier im Schreibzentrum bei der ganzen Arbeit bemerke. Vielleicht ist das auch typisch amerikanisch? Jedenfalls wird immer viel gelobt und Stärken werden hervorgehoben, während Kritik äußerst vorsichtig geäußert wird – was aber nicht heißt, dass man unkritisch ist. Im Gegenteil: es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle im Schreibzentrum sehr professionell arbeiten und sich ihrer hohen Verantwortung bewusst sind.

4 Responses to Mentoring und Videoaufzeichnungen: Noch mehr Weiterbildung

  1. Die Verbindung von „Kultur der Wertschätzung“ und dem Attribut „typisch amerikanisch“ finde ich, sagen wir mal „interessant“. Wenn ich da an meine Amerikanistik-Seminare zurück denke, frage ich mich gleich, inwiefern also so eine „Kultur“ nun positiv ist und inwiefern vielleicht nicht.

    Nimmt man „Höflichkeit“ und „typisch amerikanisch“ zusammen, so hört man oft, dass das, was in Amerika als normal gilt, auf dem europäischen Festland als aufgesetzt, oberflächlich und „nicht ernst gemeint“ beim Gegenüber ankommt, als Floskeln ohne emotionale / psychologische Entsprechung.

    Auf die Schreibberatung bezogen kann ich mir darunter gar nichts Konkretes vorstellen – was macht diese „Kultur der Wertschätzung“ aus, worin manifestiert sie sich, wie gehen Interaktanten produktiv und rezeptiv damit um und v.a.: ist sie wirklich mehr, als nur oberflächliches Schönwetter? Ich nehme an, da ließe sich ein Buch darüber schreiben. Oder wurde evtl. sogar schon eines dazu geschrieben?

  2. Ich hab tatsächlich eine Weile überlegt, ob ich das so schreiben kann – gerade, weil es klischeehaft wirkt. Deshalb das „vielleicht“. Ob diese Kultur positiv ist oder eher nicht, ist bestimmt davon abhängig, was man selbst mag. Ich persönlich habe hier gemerkt, dass ich diese Art des Umgangs miteinander sehr schätze. Ich finde es überhaupt nicht oberflächlich, sondern einfach freundlich und aufmerksam: Im Schreibzentrumsalltag hier äußert sich diese Kultur zum Beispiel so, dass ab und zu mal eine E-Mail kommt, in der bestimmten Leuten (kollegiums-)öffentlich für einen bestimmten Einsatz gedankt wird oder indem ich erklärt kriege, was Leute für eine tolle Arbeit machen, während ich ihnen vorgestellt werde. Es wird bemerkt, wenn du etwas leistet und das wird dir dann auch gezeigt – und allen anderen auch. In der Schreibberatung ist das nicht anders als bei uns. In Frankfurt (Oder) im Schreibzentrum heben wir auch die Stärken in den Ideen und Texten der Ratsuchenden hervor. Schon allein deshalb, weil es zu besseren Lerneffekten führt, wenn man auch Stärken kennt und ausbaut statt immer nur auf die Schwächen zu gucken.
    Kurzum, ich empfinde das nicht als oberflächliches Schönwettermachen, sondern als Aufmerksamkeit.
    Sicherlich wurden dazu schon Bücher geschrieben. Einen schönen Blog-Beitrag zu dem Thema gibts hier: http://usaerklaert.wordpress.com/2006/09/18/warum-amerikaner-briten-kanadier-nicht-sagen-was-sie-meinen/

  3. So, nochmal drüber nachgedacht und bei Hofstede nachgeschaut.
    Vielen Dank für die Erläuterungen und den Link. Für mich liegen hier zwei unterschiedliche Aspekte vor: zum einen, dass eine „Kultur der Wertschätzung“ (wie sie sich u.a. in der Schreibberatung bewährt), die Unversehrtheit der Gefühle anderer über die reine Wahrheit stellt. Für Lernräume, in denen Lerner sich ausprobieren, ist das mit Sicherheit sinnvoll.

    Zum anderen spricht der verlinkte Blog-Beitrag von einer „gesellschaftlich akzeptierte(n), mehr noch, eine(r) gesellschaftlich vorgeschriebene(n) Flunkerei.“ Dies scheint mir etwas anderes zu sein, als die wohlwollende Unterstützung Lernender. Die Bewertung einer solchen gesellschaftlich sanktionierten „Flunkerei“ scheint auch mir (anders, als der learner support, für den man empirisch argumentieren kann) von einigen Faktoren (u.a. persönlicher Präferenz) abhängig zu sein.

    Das voneinander zu trennen ist für mich gerade recht hilfreich. Viele weitere spannende Eindrücke wünscht
    D.

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