Wo geht’s hier zum Doktor?

Hilft der Doktortitel beim sozialen Aufstieg in die deutsche Wirtschaftselite? Jein. Der „Dr.“ ist inzwischen wichtig, aber was wirklich zu zählen scheint, ist der familiäre Hintergrund. „Mit Powerpoint-Kursen können Sie das nicht wettmachen!“, ruft uns der Referent zu. Wir Teilnehmenden der Tagung „Doktortitel zwischen Status und Qualifikation“ reagieren ein bisschen unruhig. Die meisten im Publikum vertreten Graduiertenschulen oder -akademien oder die Graduiertenförderung einer Stiftung oder eines Verbandes oder setzen sich anderswie dafür ein, dass die Promotion für die Promovierenden ein handhabbares und erfolgreiches Projekt wird. Wir sind die mit den Powerpoint-Kursen.

Jung und weiblich
Es ist offensichtlich, dass dieses Berufsfeld in Deutschland jung ist und auffallend weiblich. Ich fühle mich jedenfalls passend hier: Seit April bin ich Schreibberaterin für Promovierende am Viadrina Center for Graduate Studies und arbeite mit dem Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina zusammen, dem einzigen in der gesamten Region Berlin-Brandenburg. Ich berate in- und ausländische Promovierende (und solche, die es werden wollen) bei der Themensuche, beim Exposéschreiben für Stipendienanträge, beim Schreiben und Umschreiben der Dissertation, bei der Literaturverarbeitung, bei der Suche nach Publikationsmöglichkeiten, beim Vernetzen mit Peers und beim Hinweinwachsen in die deutsche Wissenschaftswelt. Meine Sprechstunden sind ausgebucht, es gibt neuerdings Anfragen nach Unterstützung sogar aus anderen Ecken Brandenburgs.

Strukturierte Promotion, was nun?
Auf der Jahrestagung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung IFQ vom 5.-6. Dezember leuchten noch andere Lehrende, Hochschul- und Wissenschaftsforscher/innen (mit reichlich Powerpoint-Slides….) ins verschlungene Dickicht der deutschen Promotion hinein. Sie stellen fest: Am Ende ist es vermutlich egal, wie man promoviert. Es scheint keine großen Unterschiede zwischen den Bedürfnissen und Karrieren von Promovierenden in strukturierten Programmen und dem Gros der „unstrukturierten“ Otto-Normal-Doktoranden. Prägender und entscheidender über den späteren beruflichen und wissenschaftlichen Erfolg seien das soziale Kapital, das man mitbringe, oder die Art des Berufseinstiegs nach dem Abschluss, ganz gleich ob dieser im akademischen oder nicht-akademischen Bereich stattfinde.

Was zu tun ist
Lohnt sich also der Aufwand, mit dem Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsorganisationen in Deutschland das Promotionswesen reformieren? Was Kinder aus nicht-akademischen Familien oder Frauen betrifft, hat sich eigentlich nicht viel verändert. Wenn sie die Promotion überhaupt erreichen, erleben sie diese Phase als überaus prekär, und Frauen kehren nach dieser Phase der Wissenschaft immer noch größtenteils den Rücken, so strukturiert sie inzwischen auch promoviert haben mögen. Die einzige Referentin, die sich diesem Thema auf der Tagung widmet, erfährt heftige Kritik wegen ihres Vortragsstils und ihrer „weichen“ Fakten. Deswegen wird über das Thema leider nicht mehr gesprochen. Schade.

Auf dem Anmeldetisch finde ich beim Hinausgehen die Einladung des Hochschuldidaktischen Zentrums der TU Dortmund zu einer Online-Befragung: „Mobile Drop Outs. Auf der Suche nach dem ,verlorenen‘ Nachwuchs. Mobilität und Drop-Out des wissenschaftlichen Nachwuchses“. Gefördert von der BMBF-Linie „Frauen an die Spitze“. Warum hat das Team sein Projekt nicht auf dieser Tagung vorgestellt? Es hätte gut gepasst. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse. Ach ja, vermutlich überflüssig zu sagen, dass meine Schreibberatung zu 85% von Frauen aufgesucht wird.

Über DaLi
Die Schreibkultur in der Geschichtswissenschaft fand ich als Doktorandin alles andere als ermutigend. Meinen Spaß am Schreiben habe ich dann dank meiner Ausbildung zur Schreibtrainerin für wissenschaftliches Schreiben wiederentdeckt, also außerhalb der Universität. Seitdem unterrichte ich wissenschaftliches Schreiben an Hochschulen, inzwischen fächerübergreifend. Aber immer wieder treffe ich Studierende, Promovierende und Lehrende der Geschichte, die über das Schreiben klagen. Ja, klar, die Geschichtswissenschaft braucht das Schreiben. Aber für mich ist auch klar: Das Schreiben in der Geschichtswissenchaft geschieht erstaunlich gedankenlos. Es wird Zeit, sich Gedanken zum Schreiben machen. Wie es ist. Wie es dazu kam. Wie es besser sein könnte.

2 Responses to Wo geht’s hier zum Doktor?

  1. Stefan sagt:

    Nette Seite, sehr informativ und schoen gemacht.

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