Schreibzentrumsforschung: Gesprächs- und Gestenanalyse einer Beratung

Isabelle Thompson hat 2009 von der International Writing Centers Association den Preis für den besten Artikel des Jahres für ihren Artikel „Scaffolding the Writing Center. A Microanalysis of an Experienced Tutor’s Verbal and Nonverbal Tutoring Strategies“ bekommen (erschienen in Written Communication, 26 (4), 417-453)

Isabelle Thompson untersucht in diesem Artikel eine Tutoring-Session eines erfahrenen Peer Tutors, die sie auf Video aufgezeichnet hat, sowohl gesprächsanalytisch als auch im Hinblick auf die Gesten. Dabei stellt sie in Frage, inwiefern eine gelungene Beratung tatsächlich nicht-direktiv ist und stellt fest, dass der Begriff „Scaffolding“ für die Tätigkeit des Tutors in der Beratung passt. Scaffolding bedeutet in etwa: ein Gerüst geben.

Kognitives Scaffolding
Thompson stellt in der analysierten Beratung verschiedene Varianten von „scaffolding“ fest. So gibt es zum einen kognitives Scaffolding. Darunter zählt sie alle Strategien, die den Ratsuchenden die Möglichkeit geben, eine Lösung zu finden. Sie zählt dazu folgende verbale Strategien:
– etwas demonstrieren
– die Wahl geben zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten
– Hinweise geben um einen Sachverhalt zu vereinfachen
– eine Vorgehensweise vorschlagen
– eine Frage teilweise beantworten
– die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken
– einen Rahmen herstellen für etwas Neues oder ein neues Thema einführen
– beim Antworten eine Leerstelle lassen, so dass die Ratsuchende selbst aktiv werden muss
– Ermunterungen zum Suchen einer Antwort ohne inhaltliche Hinweise zu geben
– den Text laut vorlesen oder vorlesen lassen
– als Leser antworten

Entsprechende nonverbale Strategien von kognitivem Scaffolding sind:
– Gesten die als Hinweise fungieren
– Gesten die die Ratsuchende auf bestimmte Textteile fokussieren

Motivationales Scaffolding
Eine weitere Strategie ist das motivationale Scaffolding. Dazu gehören folgende verbale Strategien:
– Anerkennung für die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe
– Humor
– negatives oder positives Feedback
– Bestärkung richtiger Antworten durch Wiederholung derselben
– Erhaltung der Motivation und Bekämpfung von Frustration durch Sympathie und Empathie
Nonverbale Gesten die als motivationales Scaffolding zählen sind alle Gesten, die eine Übereinstimmung und Verbindung mit der Ratsuchenden signalisieren.

Neben dem Scaffolding gab es im aufgezeichneten Gespräch auch direkte Instruktionen.

Methode
Thompson hat das Gespräch im Hinblick auf dieses Scaffolding seitens des Tutors untersucht, indem sie es zunächst gesprächsanalytisch transkribiert und dieses Transkript vom Tutor hat korrigieren und kommentieren lassen. Beim Kodieren ist die den Scaffolding-Definitionen von Cromley und Azevedo (2005) gefolgt und den Gesten-Definitionen von Bavela (1992). Sie hat beim Kodieren ihre Interpretationen mit einem Doktoranden abgeglichen, wobei sie auf 90% Übereinstimmung kamen und die restlichen 10% im Gespräch klären konnten.

Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass der Tutor kognitives und motivationales Scaffolding gleichzeitig nutzt, um die aktive Beteiligung der Ratsuchenden zu erhöhen, die Diskussion voran zu treiben und effektive Überarbeitungen des Textes zu ermöglichen. So ist es wichtig, dass der Tutor eine Art Sicherheitsnetz bildet, mit dem er die Ratsuchende vor Frustration und Scham schützt. Dabei spielen auch die Gesten eine wichtige Rolle, sie sind ein entscheidender Faktor in der gelungenen Gesprächsführung.
Thompson stellt zudem fest, dass der Tutor die verschiedenen Strategien unterschiedlich stark einsetzt: Wenn die Ratsuchende verwirrt ist, bietet er mehr Hilfe an, und wenn sie selbst einen Weg zu finden scheint hält er sich zurück.
Thompson betont, dass eine Schreibberatung offensichtlich nicht einem vorab festgelegten Schema folgen sollte. Zwar beginnt die Beratung damit, gemeinsam eine Agenda festzulegen, doch ist es im Verlauf wichtiger, den Bedürfnissen der Ratsuchenden zu folgen als dem, was vorab festgelegt wurde. Diese Bedürfnisse werden u.U. nicht gleich am Anfang sichtbar, weil sich das Vertrauensverhältnis zwischen Tutor und Ratsuchender erst im Verlauf des Gesprächs entwickelt.
Ferner kritisiert Thompson, dass die Nutzung des Begriffs „Direktivität“ unser Verständnis von Beratungsabläufen limitieren könnte. Scaffolding sei ein günstigerer Begriff, der sowohl direktivere als auch nicht-direktivere Strategien beinhalten könne, aber vor allem auf darauf abziele, dass die Ratsuchende sich wohl fühle und aktiv werde. Wenn Studierende im Verlaufe der Beratung motivational bereit genug seien, könnten Tutoren auch direktiv sehr produktiv agieren, so Thompson. Sei dagegen die Motivation noch nicht genügend aufgebaut wenn Tutoren anfangen direktiver zu agieren, dann würde die Beratung vermutlich weniger erfolgreich verlaufen.
Thompson plädiert dafür, Motivation im Zusammenhang mit Schreibzentrumsarbeit näher zu untersuchen und dabei auch Gesten, Körperhaltung, Gesichtsausdruck etc. stärker in die Forschung mit einzubeziehen.

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