Das Schreibzentrum wächst über die Uni hinaus – Madison Writing Assistance

Elisabeth Miller

Elisabeth Miller (Foto: Writing Center Madison)

Kurz vor meiner Abfahrt hier habe ich endlich geschafft, was ich schon lange vorhatte und habe mir die Community Writing Assistance angeschaut. Elizabeth Miller, die während meiner Zeit hier im Schreibzentrum meine feste Schreibberaterin war, ist in diesem Projekt besonders engagiert und hat mich mitgenommen in eine der vielen Zweigstellen der hiesigen Stadtbibliothek. Zufällig war das Pinney Branch, genau die Zweigstelle, die ganz in der Nähe unseres Hauses ist und die mich das Jahr über mit Reiseführern, Romanen und DVDs versorgt hat – völlig kostenlos, mit großer Auswahl, langen Öffnungszeiten sogar am Wochenende und unglaublich netten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Daher hatte die Stadtbibliothek von Madison sowieso schon mein Herz gewonnen, aber mit dem Erleben der Community Writing Assistance ist meine Begeisterung gleich nochmal größer geworden.

Was ist die Community Writing Assistance?

Die Community Writing Assistance (CWA – es gibt hier für alles Akronyme) ist eine Kooperation zwischen dem Writing Center, der Stadtbibliothek und einigen Nachbarschaftszentren sowie einer Stiftung (der Evjue Foundation). Ausgebildete Peer TutorInnen des Schreibzentrums und Freiwillige aus Madison bieten zu bestimmten Terminen öffentliche Schreibberatungen an. Insgesamt finden wöchentlich in fünf Stadtteilbibliotheken und zwei Nachbarschaftszentren acht Schichten a drei Stunden statt. An einigen Orten melden sich die Leute vorher an, indem sie sich in Listen eintragen, an anderen Orten kommen die Schreibenden einfach vorbei. Prinzipiell kann jeder der will mit jedem Text in jedem Stadium kommen. Lebensläufe, Bewerbungsschreiben, Lebensgeschichten, Gedichte, Liedtexte, Schulaufsätze, Arbeitsberichte, Leserbriefe, Korrespondenz mit dem Vermieter – das ist alles schon vorgekommen. Hinzu kommt Unterstützung für die Arbeit mit dem Computer. Das Projekt hat für alle Standorte Laptops gespendet bekommen. Für viele Menschen, die Unterstützung suchen, ist es sehr wichtig, nicht nur zu lernen wie sie ihren Lebenslauf ansprechend gestalten, sondern auch, wie sie ihn im Zuge einer Onlinebewerbung hochladen können.

Stadtteilbibliothek Madison – Pinney Branch

Bewerbungshilfe

Unterstützung bei Bewerbungen wird überdurchschnittlich häufig angefragt – was sicher einerseits an der krisengeschüttelten Wirtschaftslage liegt, andererseits aber auch daran, dass es dafür wenig andere gute Angebote gibt. Mittlerweile weisen die Arbeitsämter ihre Klienten schon auf die CWA hin.

Auch die beiden Schreibberatungen, bei denen ich hospitieren durfte, drehten sich um Bewerbungen. So kam eine Frau, die seit vielen Jahren in Restaurants in Madison als Köchin arbeitete. Sie ist keine ausgebildete Köchin, aber ihre Berufserfahrung macht die fehlende Ausbildung mehr als wett und sie hat schon oft die neuen Küchenhilfen eingearbeitet. Ihr Anliegen war es nun, ihre Qualifikationen in ihren Bewerbungsunterlagen entsprechend darzustellen und sich fortan als Köchin zu bewerben. Elisabeth und sie formulierten gemeinsam den Text um, wobei von Elisabeth vor allem Tipps zur grafischen Gestaltung, Leseeindrücke und Ermutigungen kamen. Die Köchin wusste sehr genau, was sie wollte und konnte auch genau sagen, welche Fachausdrücke keiner weiteren Erklärung bedürfen, aber sie brauchte die Bestätigung von einer Leserin. Eigentlich also gar nicht viel anders als es oft im Schreibzentrum war, wenn ich mit meinem Forschungsprojekt zu Elisabeth kam und mir im Grunde vor allem eine interessierte Zuhörerin wünschte, der ich meine Gedanken erklären konnte. Das konkrete Ergebnis der Beratung waren eine Jobanzeige für craigslist (eine beliebte Anzeigen-Homepage) und ein überarbeiteter Lebenslauf.

Win-Win-Situation

Die Schreibberatung findet im Meeting Room der Bücherei statt

Die CWA stellt eine Verbindung zwischen der Universität und der Gemeinde her, die für beide Seiten wichtig ist. Die Gemeinde profitiert von dem Wissen und Können des universitären Schreibzentrums. Und das Schreibzentrum profitiert davon, indem die Schreibberatenden Erfahrungen sammeln können, die über das wissenschaftliche Schreiben hinaus gehen. Sie bekommen Einblicke ins „echte Leben“, wie man so schön sagt. Sie können sehr direkt helfen und konkrete Ergebnisse sehen – zum Beispiel wenn die Köchin eine neue Arbeit findet oder die Enkel die Memoiren ihrer Oma begeistert lesen und mehr einfordern. Die CWA bietet den TutorInnen die Chance, mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen zu arbeiten. Es kommen alle Altersklassen und Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten oder Schwierigkeiten. Die CWA-Jobs des Schreibzentrums sind deshalb sehr beliebt. Die TutorInnen müssen sich dafür bewerben und die Besetzung rotiert, damit mehr Leute eine Chance bekommen.

Worauf achten?

Ich habe Elisabeth gefragt, worauf man achten müsste, wenn man ein ähnliches Projekt plant. Sie meinte, dass ein nicht zu unterschätzender Arbeitsaufwand durch die Koordination entsteht. Es ist sehr wichtig, dass in den Bibliotheken Leute arbeiten, die sich um das Projekt kümmern. Sie machen Öffentlichkeitsarbeit, nehmen die Anmeldungen an, führen Wartelisten und beantworten Fragen. Wenn das gegeben ist, bietet ein solches Projekt eine wunderbare Gelegenheit, Uni und Stadt zu vernetzen.

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Wir haben einen Namen!

Die Bochumer Initiative, einen Verband für Schreibdidaktiker_innen und Schreibforscher_innen an deutschen Hochschulen und in freier Praxis zu gründen, ist einen Schritt weiter. Der Gründungsausschuss hatte alle Interessierten eingeladen, bis zum 30. Juni 2012 über den Namen der künftigen Vereinigung online abzustimmen. Er stellte insgesamt sechs Namensvorschläge zur Wahl. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden (80 % ) votierte für

„Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung“.

13% unterstützten den Vorschlag „Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben“, und 7% plädierten für „Gesellschaft für akademische Schreibdidaktik und Schreibforschung“. Dieses Ergebnis ist eindeutig.

Wir danken allen, die teilgenommen haben, für ihre Unterstützung !

Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende

Das Semester ist hier schon seit Mai zu Ende und ein Großteil der Studierenden ist längst nach Hause oder sonstwohin gefahren. Aber es laufen auch Sommerkurse und das Schreibzentrum ist weiterhin offen – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Diese relative Ruhepause lässt Raum für andere Projekte, zum Beispiel die Disseration Camps des Schreibzentrums. Die Camps sind eine Kooperation des Schreibzentrums mit der Graduate School der Universität, die über die Mellon Foundation finanziert werden. Die Camps bieten Promovierenden in der Schreibphase die Möglichkeit, konzentriert über einen bestimmten Zeitraum an ihren Arbeiten zu schreiben und dabei die Unterstützung des Schreibzentrums zu bekommen – ähnlich wie bei unseren Schreibmarathons in Frankfurt (Oder). Nach einem sehr erfolgreichen Probelauf im letzten Sommer wurden in diesem Sommer gleich drei Camps angeboten: Zwei für jeweils eine Woche und eins über sechs Wochen. Über hundert Promovierende hatten sich für die insgesamt 60 Plätze in den Camps beworben. Sie mussten dafür online einen Bewerbungsbogen ausfüllen und auch die Dissertationsbetreuer mussten online eine Enschätzung abgeben. Wer ausgewählt wurde, musste 40 Dollar einbezahlen, um sich den Platz zu sichern, die zurück gezahlt wurden wenn man das Camp tatsächlich mitgemacht hat. Außerdem konnten diejenigen, die nicht in Madison wohnen, die Fahrtkosten bezahlt bekommen und Kinderbetreuung gab es auch auf Wunsch.

Schreibübung im Camp für Promovierende

Nancy leitet eine Schreibübung an.
Foto: Writing Center Madison

Die Camps starteten morgens mit einer kurzen Schreibübung und damit, dass alle ihre Ziele für den Tag formulierten. Dann suchten sich alle Plätze und schrieben los. Mittags gab es Workshopangebote für diejenigen, die wollten und im langen Camp trafen sich die Teilnehmenden zusätzlich täglich in Kleingruppen, um sich über ihre Texte auszutauschen. Und natürlich konnten alle Teilnehmenden im Schreibzentrum mit Schreibtutoren über ihre Texte sprechen. Auch zum Abschluss kamen noch einmal alle zusammen zu einer ganz kurzen Übung. Besonder schön finde ich folgende Übung: Alle Teilnehmenden stellen sich in einer Reihe auf, in der Reihenfolge dessen, wieviel sie an diesem Tag geschrieben haben – von einem Absatz bis hin zu mehreren Seiten. Nachdem alle stehen, bekommen sie die Aufgabe, zu begründen, warum diese Menge, die sie an diesem Tag geschafft haben, genau richtig ist. Dadurch entsteht eine positive Stimmung und es wird deutlich, dass Quantität alleine nichts aussagt. Das kann denen, die als Schreibtypen keine Vielschreiber sind, Druck nehmen.

Bei der Abschlussveranstaltung des langen Camps waren Vertreter der Graduate Schools, diverse Dekane und Vertreter der Stiftung anwesend. Alle Teilnehmenden hielten eine einminütige Rede darüber, was ihnen das Camp gebracht hat. Offenbar sind die Ziele, die das Schreibzentrum verfolgt hatte, aufgegangen: Schreibroutinen aufbauen, Gemeinschaft stiften und die Texte vorantreiben.  Ich finde die Idee sehr gut, diesen Erfolg für die Geldgeber, Kooperationspartner und Dekane sichtbar zu machen. Die waren denn auch so begeistert, dass nun eine Diskussion aufgekommen ist, ob solche Camps obligatorisch sein sollten. Das wird sich aber hoffentlich nicht durchsetzen, die Promotion hier ist schon mit genug Vorgaben belastet und es ist doch wunderbar, dass diejenigen, die sich eine Schreib-Gemeinschaft wünschen, diese bekommen können!

Promovieren – strukturierter aber auch kontrollierter

Ich bin gebeten worden, etwas darüber zu schreiben, wie Promovieren hier abläuft.

Insgesamt betrachtet ist Promovieren hier eine sehr viel strukturiertere Angelegenheit als ich das aus Deutschland kenne. Stephanie, meine Bürokollegin, promoviert in Rhetoric and Composition. Ich weiß nicht, wie weit ihre Erfahrungen sich verallgemeinern lassen, aber bei ihr hatte ich den besten Einblick. Der gesamte Promotionsprozess gliedert sich in drei Phasen.

Phase 1 Coursework

Stephanie musste zunächst noch einmal Seminare besuchen und Scheine machen wie im Studium. Innerhalb von vier Semestern musste sie sechs Hauptseminare absolvieren und zusätzliche Kurse in Forschungsmethodik. Wer keine Fremdsprachenkenntnisse auf akademischem Niveau nachweisen kann, muss außerdem auch noch Sprachkurse belegen.

Phase 2 Prelims

Katrin und Stephanie

Stephanie und ich werden nächste Woche auf ihre abgeschlossenen Prelims anstoßen!                                                (Foto: Schreibzentrum Madison)

In diesem Semester war Stephanie scheinfrei und arbeitete an ihren Prelims (Preliminary Examinations).  Für die Prelims muss sie ein Portfolio erstellen, dessen Schwerpunkt zwei längere Essays bilden. Der eine basiert auf einer ca. 60 Bücher umfassenden Buchliste, die als Kanon von den Lehrenden in Rhetoric and Composition zusammengestellt wurde. Jedes Semester verfassen die Lehrenden verschiedene Forschungsfragen, von denen eine ausgewählt und im Essay beantwortet wird. Der zweite Essay basiert auf einer selbst gewählten Literaturliste und diskutiert eine selbst gewählte Frage. Dieser zweite Essay ist in der Regel eine Vorarbeit für die Dissertation, bei der man anfängt, sich den Forschungsstand zum Thema zu erarbeiten, zu dem man auch promovieren möchte. Beide Essays müssen zunächst als Rohfassungen eingereicht werden und mehrere Lehrende geben darauf Feedback. Dann werden sie überarbeitet und sind Bestandteil des Portfolios. Dazu kommt ein Einleitungsessay, in dem die Promovierenden reflektieren sollen, wie das Promotionsstudium bis dato verlaufen ist, was sie bei sich als Stärken und Schwächen sehen, wie ihr Portfolio diese spiegelt und was sie für Zukunftspläne haben. Außerdem gehört in das Portfolio die nach eigener Ansicht beste schriftliche Arbeit aus der Kursphase und eine Dokumentation der eigenen Lehre. Es müssen nämlich – zumindest in diesem Fach – alle Promovierenden auch selbst lehren. Ins Portfolio gehören eine schriftlich formulierte Lehrphilosophie, beispielhafte Lehrpläne und mindestens eine komplette Evaluation eines Seminars durch Studierende.  Das gesamte Portfolio wird schließlich auch noch mündlich verteidigt.

Phase 3 Dissertation und Übergang in den Beruf

Spätestens zum Ende des sechsen Semester muss man die Prelims abgeschlossen haben und bekommt zur Belohnung eine Gehaltserhöhung für die Lehre. Dann hat man ein Semester Zeit, um ein umfangreiches Expose für die Dissertation einzureichen, das vor einem fünfköpfigen Kommittee verteidigt werden muss. Anschließend geht es ans Forschen und Schreiben, wobei ein enger Kontakt mit den beiden Hauptbetreuern die Regel zu sein scheint. Und schließlich wird die Dissertation eingereicht. Allerdings besteht ein großer Unterschied zu Deutschland darin, dass diese Dissertation ausdrücklich als Rohfassung betrachtet wird. Bei der Verteidigung wird diskutiert im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten des Textes und auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen für den zukünftigen Job. Denn die dritte Phase wird zugleich auch als Übergang in den Beruf gesehen. Deshalb werden den Promovierenden Betreuer zur Seite gestellt, die sie im Hinblick auf ihre Karriere beraten. Es gibt zumdem verschiedenste Bewerbungsworkshops, Job-Interview-Rollenspiele, und so weiter. Eine Promovendin des Schreibzentrums hatte mich eingeladen, zu einem Vortrag zu kommen, den sie im English Department hielt, um sich auf einen Probevortrag im Rahmen einer ihrer Bewerbungen vorzubereiten. Ich war sehr erstaunt, dass so viele Professoren kamen, um zuzuhören und ihr hinterher sehr konstruktive Rückmeldung zu geben – sowohl inhaltlich als auch rhetorisch und bis hin zur Kleidung! Die Fakultät sieht es offenbar selbstverständlich als ihre Aufgabe an, die erfolgreichen Absolventen anschließend auch gut unterzubringen.

Der PhD als akademischer Grad wird mit der erfolgreichen Verteidigung der Dissertation verliehen.  Die Texte werden dann erst im Laufe der nächsten Jahre überarbeitet und veröffentlicht, wenn man schon im Job an der nächsten Uni steckt. Wenn Deutsche sich für Uni-Jobs in den USA bewerben haben sie mit der veröffentlichen Diss daher oft einen großen Vorteil, da sie schon ein Buch auf der Publikationsliste haben. Allerdings fehlen ihnen all die anderen Komponenten, die hierzulande selbstverständlich sind: Lehrerfahrungen, Lehrevaluationen, Preise und Auszeichnungen und das Training für den Bewerbungsprozess.

Es hat also alles Vor- und Nachteile. Stephanie und ich haben oft darüber geredet, was die Unterschiede zwischen den Systemen sind. Sie findet es etwas zu reguliert und möchte sich endlich „erwachsen“ fühlen in dem Sinne, dass sie eigenständig forschen kann ohne ständig kontrolliert zu werden. Ich kann das gut verstehen, finde es aber auch großartig, dass Betreuung hier wirklich Betreuung ist. Und die Unterstützung bei der Berufssuche hätte ich mir gewünscht!

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