Promovieren – strukturierter aber auch kontrollierter

Ich bin gebeten worden, etwas darüber zu schreiben, wie Promovieren hier abläuft.

Insgesamt betrachtet ist Promovieren hier eine sehr viel strukturiertere Angelegenheit als ich das aus Deutschland kenne. Stephanie, meine Bürokollegin, promoviert in Rhetoric and Composition. Ich weiß nicht, wie weit ihre Erfahrungen sich verallgemeinern lassen, aber bei ihr hatte ich den besten Einblick. Der gesamte Promotionsprozess gliedert sich in drei Phasen.

Phase 1 Coursework

Stephanie musste zunächst noch einmal Seminare besuchen und Scheine machen wie im Studium. Innerhalb von vier Semestern musste sie sechs Hauptseminare absolvieren und zusätzliche Kurse in Forschungsmethodik. Wer keine Fremdsprachenkenntnisse auf akademischem Niveau nachweisen kann, muss außerdem auch noch Sprachkurse belegen.

Phase 2 Prelims

Katrin und Stephanie

Stephanie und ich werden nächste Woche auf ihre abgeschlossenen Prelims anstoßen!                                                (Foto: Schreibzentrum Madison)

In diesem Semester war Stephanie scheinfrei und arbeitete an ihren Prelims (Preliminary Examinations).  Für die Prelims muss sie ein Portfolio erstellen, dessen Schwerpunkt zwei längere Essays bilden. Der eine basiert auf einer ca. 60 Bücher umfassenden Buchliste, die als Kanon von den Lehrenden in Rhetoric and Composition zusammengestellt wurde. Jedes Semester verfassen die Lehrenden verschiedene Forschungsfragen, von denen eine ausgewählt und im Essay beantwortet wird. Der zweite Essay basiert auf einer selbst gewählten Literaturliste und diskutiert eine selbst gewählte Frage. Dieser zweite Essay ist in der Regel eine Vorarbeit für die Dissertation, bei der man anfängt, sich den Forschungsstand zum Thema zu erarbeiten, zu dem man auch promovieren möchte. Beide Essays müssen zunächst als Rohfassungen eingereicht werden und mehrere Lehrende geben darauf Feedback. Dann werden sie überarbeitet und sind Bestandteil des Portfolios. Dazu kommt ein Einleitungsessay, in dem die Promovierenden reflektieren sollen, wie das Promotionsstudium bis dato verlaufen ist, was sie bei sich als Stärken und Schwächen sehen, wie ihr Portfolio diese spiegelt und was sie für Zukunftspläne haben. Außerdem gehört in das Portfolio die nach eigener Ansicht beste schriftliche Arbeit aus der Kursphase und eine Dokumentation der eigenen Lehre. Es müssen nämlich – zumindest in diesem Fach – alle Promovierenden auch selbst lehren. Ins Portfolio gehören eine schriftlich formulierte Lehrphilosophie, beispielhafte Lehrpläne und mindestens eine komplette Evaluation eines Seminars durch Studierende.  Das gesamte Portfolio wird schließlich auch noch mündlich verteidigt.

Phase 3 Dissertation und Übergang in den Beruf

Spätestens zum Ende des sechsen Semester muss man die Prelims abgeschlossen haben und bekommt zur Belohnung eine Gehaltserhöhung für die Lehre. Dann hat man ein Semester Zeit, um ein umfangreiches Expose für die Dissertation einzureichen, das vor einem fünfköpfigen Kommittee verteidigt werden muss. Anschließend geht es ans Forschen und Schreiben, wobei ein enger Kontakt mit den beiden Hauptbetreuern die Regel zu sein scheint. Und schließlich wird die Dissertation eingereicht. Allerdings besteht ein großer Unterschied zu Deutschland darin, dass diese Dissertation ausdrücklich als Rohfassung betrachtet wird. Bei der Verteidigung wird diskutiert im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten des Textes und auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen für den zukünftigen Job. Denn die dritte Phase wird zugleich auch als Übergang in den Beruf gesehen. Deshalb werden den Promovierenden Betreuer zur Seite gestellt, die sie im Hinblick auf ihre Karriere beraten. Es gibt zumdem verschiedenste Bewerbungsworkshops, Job-Interview-Rollenspiele, und so weiter. Eine Promovendin des Schreibzentrums hatte mich eingeladen, zu einem Vortrag zu kommen, den sie im English Department hielt, um sich auf einen Probevortrag im Rahmen einer ihrer Bewerbungen vorzubereiten. Ich war sehr erstaunt, dass so viele Professoren kamen, um zuzuhören und ihr hinterher sehr konstruktive Rückmeldung zu geben – sowohl inhaltlich als auch rhetorisch und bis hin zur Kleidung! Die Fakultät sieht es offenbar selbstverständlich als ihre Aufgabe an, die erfolgreichen Absolventen anschließend auch gut unterzubringen.

Der PhD als akademischer Grad wird mit der erfolgreichen Verteidigung der Dissertation verliehen.  Die Texte werden dann erst im Laufe der nächsten Jahre überarbeitet und veröffentlicht, wenn man schon im Job an der nächsten Uni steckt. Wenn Deutsche sich für Uni-Jobs in den USA bewerben haben sie mit der veröffentlichen Diss daher oft einen großen Vorteil, da sie schon ein Buch auf der Publikationsliste haben. Allerdings fehlen ihnen all die anderen Komponenten, die hierzulande selbstverständlich sind: Lehrerfahrungen, Lehrevaluationen, Preise und Auszeichnungen und das Training für den Bewerbungsprozess.

Es hat also alles Vor- und Nachteile. Stephanie und ich haben oft darüber geredet, was die Unterschiede zwischen den Systemen sind. Sie findet es etwas zu reguliert und möchte sich endlich „erwachsen“ fühlen in dem Sinne, dass sie eigenständig forschen kann ohne ständig kontrolliert zu werden. Ich kann das gut verstehen, finde es aber auch großartig, dass Betreuung hier wirklich Betreuung ist. Und die Unterstützung bei der Berufssuche hätte ich mir gewünscht!

2 Responses to Promovieren – strukturierter aber auch kontrollierter

  1. Pingback: Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende « Schreiben im Zentrum

  2. Juliane Patz sagt:

    Liebe Katrin,

    großartiger Artikel, total spannend, wie das in den USA abläuft! Ist im eigenständig-forschen-Land Deutschland eine tolle Wissensbasis für Verhandlungen, welche Betreuung man sich bei der Uni wünscht, an der man seine Diss schreibt!

    Julie

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