Eindrücke von der 5. Peer- SchreibtutorInnen- Konferenz in Jena

Interessierte Teilnehmende

Interessierte Teilnehmende

von Anja Poloubotko und Anja Schulz

 Herzlich Willkommen, steht auf dem Plakat am Haupteingang zur Friedrich- Schiller- Universität in Jena. Ich gehe in das Gebäude, eine Treppe führt mich in den ersten Stock. Dort sind drei Räume hergerichtet für Vorträge und Workshops, auf dem Gang bekomme ich Kaffee und Gebäck. Ich fühle mich eingeladen. Hier und dort gibt es schon kleine Gesprächsrunden um das Schreiben, Gedankenaustausch und Vorfreude auf die 5. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz der Schreibzentren.

So viele neue Gesichter! Das wichtigste ist zunächst das Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander. Im letzten Jahr fand die Peer- SchreibtutorInnen Konferenz in Göttingen statt, dort trafen sich rund 40 TutorInnen und MitarbeiterInnen. Dieses Jahr gibt es ca. 70 KonferenzteilnehmerInnen.  Neu sind  unter anderem die Schreibzentren Frankfurt am Main und Hamburg. Und es gibt über 20 Beiträge, zum Teil auch auf Englisch.

Viele Veranstaltungen finden parallel statt und es fällt mir schwer zu entscheiden, ob ich nun lieber am Workshop „Was ist ein Essay? Montaigne und Bacon wieder/ holen, wieder/lesen und wieder/ schreiben“ oder am Workshop „Schreibgruppen organisieren und begleiten“ teilnehmen werde. Und danach entweder zu „Kitchen Stories“ oder zu „Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung“ gehe. Den Workshop „Gestaltung von Lese- Workshops – Übungen und Handouts“ möchte ich auch nicht verpassen.

Ich wähle zunächst den Workshop „Schreibgruppen organisieren und begleiten“ von Simone Tschirpke und Anja Poloubotko. Darin erfahre ich viel über Herausforderungen und mögliche Konflikte, die in Schreibgruppen mit sehr heterogenen Teilnehmenden auftreten können. Einige ZuhörerInnen des Workshops werden gebeten ein Rollenspiel vorzuführen. Sie schlüpfen in vorgeschriebene Rollen und werden zu „Paula Peiler“, „Agatha Ängstlich“, „Paul Plauder“ und“ Greta Kritiker“. Dann gibt es noch eine Leiterin („Britta Begleiter“),  die weder mit den Teilnehmern noch mit deren Texte wirklich vertraut ist. Gezeigt wird eine Schreibgruppe in der Extremsituation, die keine Regel der Zusammenarbeit kennt. Anschließend tragen wir in einem Cluster zusammen, worauf wir achten sollten, wenn wir selbst eine Schreibgruppe betreuen: Kommunikationsregeln in der Gruppe festlegen, gemeinsame Ziele definieren, die Rolle des Leiters erklären, Rahmenbedingungen einhalten (Regelmäßigkeit, bestimmter Ort), eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, Probleme der Zusammenarbeit offen besprechen und vieles mehr. Dieser Workshop ist sehr interaktiv, durch das Rollenspiel wird eine sehr lockere Atmosphäre geschaffen. Alle  sind gleichermaßen eingeladen zu diskutieren, auch die Teilnehmenden, die selber noch keine Erfahrung in der Arbeit und Betreuung mit Schreibgruppen haben, bekommen einen guten Einblick.

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Danach gehe ich zum Workshop „Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung“ der von Katina Linguri, Katharina Meyer und Leonardo Dalessandro (Goethe- Universität Frankfurt) geleitet wird. Hier sammle ich viele wertvolle Tipps in kleinen Gruppendiskussionen zu den Themen „Diskriminierende Äußerungen“, „Psychische Instabilität“ und „Übergriffiges Verhalten“. Es wird deutlich, dass bereits einige Tutoren und Tutorinnen „unangemessenes und grenzüberschreitendes“ Verhalten seitens der Ratsuchenden in der Schreibberatung erfahren haben. Wie geht man mit Ratsuchenden um, die aufdringlich werden und private Verabredungen nach der Beratung wünschen? Wie geht man mit Ratsuchenden um, die in der Beratung anfangen zu weinen? Was mache ich mit solchen, die in ihren Hausarbeiten über ein politisch sensibles Thema schreiben und ethisch fragwürdige Einstellungen vertreten? All diese Fragen werden thematisch zunächst in Kleingruppen angeregt diskutiert und anschließend im Plenum vorgestellt. Ich finde es sehr nützlich, dass solche Themen, über das eigene Schreibzentrum hinaus auf PeertutorInnen- Konferenzen besprochen werden können. Andere TutorInnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht und wir suchen gemeinsam nach Lösungswegen.

In den Pausen bleibt nicht nur Zeit zum Reden und Diskutieren, wir wollen uns Jena anschauen und beschließen, vom Hauptgebäude der Uni einige Minuten Richtung Altstadt zu laufen. Die Altstadt ist gemütlich und klein. Vom Citytower bekommen wir ganz schnell einen Überblick über Stadt und Umgebung und genießen eine Weile die Aussicht über die endlosen bunten Laubwälder, die Jena umgeben.

Zurück in der Universität, es ist Samstagnachmittag, klingt Musik aus den Lautsprechern im Konferenzraum (Hörsaal 9): „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm!“ Es ist Werbung für den Workshop, „Wie wirken Fragen in der Peer- Schreibberatung?“.  Viele TeilnehmerInnen haben sich in diesem Raum bereits eingefunden. Der Workshop ist sowohl für TutorenInnen, die noch wenig praktische Erfahrung mit Schreibberatung haben hilfreich, als auch für solche, die bereits seit längerem beraten. Es geht um die Anwendung von Fragetechniken in der Beratung. Die Schreibtutoren aus Bielefeld stellen in einem Rollenspiel sehr schön dar, wie offene und geschlossene Fragen seitens der Beratenden jeweils auf die  Ratsuchenden wirken (können). Sowohl geschlossene als auch offene Fragen sind in einer Schreibberatung notwendig, wobei es wichtig ist, eine Balance zu finden. Geschlossene Fragen helfen bestimmte Daten abzufragen, wohingegen offene Fragen sinnvoll sind, um Ratsuchende „reden zu lassen“. Die Verwendung von offenen Fragen stellt eine vertrauensvolle Atmosphäre her, in der sich die Ratsuchenden angenommen fühlen. Wir als SchreibberaterInnen sollten uns ein Beispiel an Kindern nehmen und stets eine neugierige Grundhaltung annehmen.

Im Hörsaal 7 gibt es einen weiteren interessanten Beitrag: „Inklusion durch kollaborative Übungen in interkulturellen Schreibworkshops“. David Kreitz und Nadine Stahlberg vom internationalen Schreibzentrum der Universität Göttingen stellen ihr Workshopkonzept vor und lassen gleichzeitig Raum für Selbstarbeit. Wichtig ist für die Workshops, die das wissenschaftliche Schreiben auf Deutsch fördern sollen, die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen in den Schreibgruppen, die Mischung aus MuttersprachlerInnen und Nicht- Muttersprachlern. Denn das leitende Konzept der Inklusion ist das Einschließen von Unterschiedlichkeiten, die von einander im Team profitieren können und eine Einheit bilden.  Viele Workshopteilnehmer bringen ihr Erfahrungswissen mit ein. Schwierig ist es zum Beispiel in heterogenen Gruppen eine Struktur festzulegen, die alle zu Wort kommen lässt. Kleine Übungen können hier weiterhelfen, wie zum Bespiel ein Blitzlicht zu Beginn einer Sitzung zu gestalten, indem die Teilnehmenden spontan über ihre Eindrücke und Ideen berichten können. Darüber hinaus sollten die interkulturellen Schreibgruppen zum selbstständigen und autonomen Arbeiten animieren werden. Das Seminar „Schreiben(d) lernen im Team“ zum Beispiel, das an der Viadrina Universität in Frankfurt/ Oder angeboten wird, versucht diese Idee umzusetzen. Dabei lernen Studierende unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammen. Sie besuchen Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Schreiben und arbeiten parallel dazu in kleinen Schreibteams (4- 6 Mitglieder), in denen sie selbst ihre Sitzungen mit kreativen Schreibübungen organisieren.

Cluster zu einem Rollenspiel

Im Beitrag von Ina Brauckhoff (Schreib- Lese- Zentrum Münster) erfahren wir über ihr Dissertationsprojekt „Tutoring für Schreiber mit der Fremdsprache Deutsch – wissenschaftliche Studien“. Sie untersucht, welche Sprachhandlungsmuster der Schreibberater gegenüber Nicht- Muttersprachlern geeignet sind. Wir hören uns eine Audioaufzeichnung an, in der deutlich wird, dass die von der Beraterin durchgeführte Beratung, nach den Regeln der Non- Direktivität zu keinem Ergebnis führt. Der Ratsuchenden werden wichtige Informationen über Text- und Argumentationsstrukturen zu Beginn der Textarbeit nicht gegeben. Daher fällt es der Ratsuchenden schwer, ihre Fehler einzuordnen. Ihr wird nicht bewusst, dass es um die Prozesshaftigkeit des Schreibens und Lernens geht, anstatt um die  einmalige Überarbeitung ihres Textes. Durch das non- direktive Vorgehen der Beraterin und das passive Verhalten der Ratsuchenden wird kein eindeutiges Ziel der Beratung festgelegt und der Gesprächsgegenstand nicht eingegrenzt. Dies führt zu Orientierungslosigkeit, Beraterin und Ratsuchende können daher an keinem konkreten Textausschnitt arbeiten. Während wir diskutieren, grenzt  Ina Brauckhoff ihre Fragestellung weiter ein. Sie möchte herausfinden, in welchen Fällen direktive und non- direktive Beratungsstrategien bei Nicht- Muttersprachlern angewendet werden sollten. Für ihre Untersuchung hat sie bis jetzt 52 Gespräche mit ausländischen und 21 Gespräche mit deutschen Schreibenden aufgezeichnet. Auf die Ergebnisse bin ich sehr gespannt.

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

 

Zum Abschluss des Konferenzwochenendes gibt es noch viele Diskussionen über die Workshops, Gespräche über das neue Buch „Zukunftsmodell Schreibberatung. Eine Anleitung zur Begleitung von Schreibenden im Studium“,  von Ella Grieshammer, Franziska Liebetanz, Nora Peters und Jana Zegenhagen, Austausch von Kontaktdaten, Umarmungen, gemeinsame Pläne. Peter Braun, Leiter des Schreibzentrums Jena, moderiert die Plenarveranstaltung am Sonntag, zu der alle Teilnehmenden noch einmal zusammen kommen. Er bedankt sich für die zahlreichen Beiträge der TeilnehmerInnen und stellt die brennende Fragen in den Raum, wo denn die 6. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz stattfinden wird? Es wird immer stiller. Die Spannung steigt. Etwas Rascheln und Flüstern gibt es im Hörsaal. Die Frage bleibt zunächst offen. Doch jetzt, im Dezember, wissen wir es: Wir sehen uns im September 2013 zur 6. Peer -SchreibtutorInnen Konferenz in Bochum wieder!

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