Ich als Testpilotin: Writing Fellows in Frankfurt (Oder

„Also meine Texte wolltest du nie Korrekturlesen!“ muffelt mein Freund vor sich hin und stapft zum Kochen in die Küche. In der Tat konnte er mich in mehreren Jahren Jurastudium nicht dazu bringen, mehr als ein paar Absätze seiner Arbeiten zu lesen: Langweilig und verwirrend, viel zu viele Paragraphen… Nun aber sitze ich schon den dritten Tag an meinem Schreibtisch und kommentiere die Hausaufgaben fremder Jura-ErstsemestlerInnen. Was ist passiert?

Das Writing Fellows Programm

Ich arbeite als Schreib-Peertutorin im Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina und habe als Writing Fellow eine Jura AG betreut. Es war das erste Mal, dass das Projekt in Frankfurt (Oder) stattgefunden hat. Meine Betreuung der Jurastudierenden im Januar war gleichsam Testlauf und Generalprobe vor der Einführung des Projekts im Sommersemester 2014.

Aber was ist das eigentlich, ein/e Writing Fellow? Writing Fellows sind Peer-SchreibberaterInnen, die für einen konkreten Kurs AnsprechpartnerInnen für das Schreiben sind. Das Projekt basiert auf zwei Grundannahmen: Zum einen erleben wir in der Schreibzentrumsarbeit stets, dass kollaboratives Lernen auf Augenhöhe sehr fruchtbar sein kann. Zum anderen glauben wir, dass alle Schreibenden in der Lage sind, ihr Schreiben zu verbessern, wenn sie durch individuelles und konstruktives Feedback dabei unterstützt werden.

Die Writing Fellows geben den Studierenden ausgewählter Kurse genau solches Feedback auf zwei Schreibaufgaben, die diese im Rahmen der Veranstaltung erstellen. Im Vorfeld arbeiten sie eng mit den Dozierenden zusammen, z.B. spiegeln sie ihnen, wie sie die von ihnen gestellte Schreibaufgabe verstehen. So können etwaige Missverständnispotentiale in der Kommunikation zwischen Studierenden und Dozierenden gefunden und beseitigt werden. Die Studierenden erhalten die Schreibaufgabe dann in schriftlicher Form und erstellen zunächst eine Rohfassung ihres Textes. Ihr Writing Fellow liest und kommentiert diese. Auf das schriftliche Feedback folgt ein Treffen mit den Schreibenden. Dabei werden gemeinsam die Stärken und Schwächen des Textes erarbeitet und Überarbeitungsschwerpunkte festgelegt. Erst nach dieser Überarbeitung reichen die Studierenden den fertigen Text bei ihren Dozierenden ein.

Da die Writing Fellows ebenfalls Studierende sind und die Texte nicht bewerten, können sie den Schreibprozess in entspannter Atmosphäre ohne Ergebnisdruck unterstützen. Doch nicht nur die Studierenden profitieren von dem Projekt, auch für die Dozierenden hat es Vorteile: Beispielsweise beklagt ein Großteil von ihnen die schlechte Qualität der eingereichten Texte. Diese kann jedoch durch die Arbeit mit Writing Fellows verbessert werden. Indem die Dozierenden ihre Aufgabenstellung ausführlich formulieren müssen, konkretisiert sich auch ihr eigener Erwartungshorizont und die Kommunikation mit den Studierenden verbessert sich. Dadurch und durch den Zwischenschritt der Überarbeitung bekommen sie Texte eingereicht, die ihren Erwartungen besser entsprechen. Auch für die beteiligten Schreibzentren lohnt sich das Projekt: Durch die Betreuung durch Writing Fellows kommen mehr Studierende mit dem Schreibzentrum in Kontakt und auch die Lehrenden erhalten einen detaillierten Eindruck in die Schreibzentrumsarbeit. Ihre positiven Erfahrungen im Rahmen des Writing Fellow Programms führen dazu, dass ein Teil der Betreuten auch nach Ende des Projekts die Angebote des Schreibzentrums nutzt. Außerdem können sie Anderen davon berichten und so neue Studierende in das Schreibzentrum locken.

 Der Testlauf

Den endgültigen Startschuss für das schon lange anvisierte Writing Fellow Projekt in unserem Schreibzentrum gab ein Vortrag zum Thema von Brad Hughes, Direktor des Writing Centers der University of Wisconsin – Madison, im Novemer 2013. Dabei gelang es ihm, nicht nur uns, sondern auch die anwesenden Dozierenden von dem Programm zu überzeugen und wir vereinbarten den Testlauf mit „meiner“ Jura AG.

Aus organisatorischen Gründen betreute die Dozentin die erste Schreibaufgabe selbst. Im Januar fand dann der zweite Durchgang mit mir als Writing Fellow statt. Da ich nur etwa die Hälfte ihrer AG betreuen konnte, hat die Dozentin die Arbeit mit mir als Belohnung für jene Studierende genutzt, die die Aufgaben für ihre AG bisher stets termingerecht eingereicht hatten. So kam es, dass sich auf meinem Schreibtisch die Texte von 16 Studierenden sammelten. Ihre Aufgabe war es, einen Gesetzesentwurf danach zu untersuchen, ob er verfassungsgemäß ist. Dazu sollten sie eine kurze Erläuterungsaufgabe bearbeiten und – als wichtigsten Teil – ein juristisches Gutachten erstellen.

Bevor ich die Texte kommentierte, las ich sie einmal komplett, um einen Gesamteindruck zu erhalten. Erst im Laufe des zweiten Lesens formulierte ich mein Feedback. Dabei achtete ich besonders darauf, nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu loben. Dass ich den Studierenden nicht nur ihre Schwächen, sondern auch ihre Stärken aufzeigte, sollte sie motivieren und ihnen helfen, sich bei der Überarbeitung auf das Wesentliche zu fokussieren. Da es beim Gutachten sehr wichtig ist, die viergliedrige Struktur der Textsorte einzuhalten, bezog ich mich in meinen Feedbacks unter anderem sehr auf diesen Aspekt. So enthielten viele meiner Kommentare solche oder ähnliche Hinweise: „Man sieht, dass du dich in deinem Text am Gutachtenstil orientiert hast. Ich habe dir jeweils an den Rand geschrieben, wo ich welche Strukturpunkte erkannt habe […]. Leider konnte ich nicht immer alle vier Teile finden.“ Indem ich die von mir erkannten Strukturelemente an den Rand der Arbeiten schrieb, wollte ich den Studierenden die Möglichkeit geben, zu überprüfen, ob das, was sie ausdrücken wollten mit dem übereinstimmt, was ich als Leserin verstanden hatte.

Kurz darauf fanden die Konsultationen mit den Schreibenden statt. Für mich war es sehr interessant, die Studierenden, die ich bisher nur durch ihre Texte kannte, persönlich zu treffen. Für viele von ihnen war das Konzept des Peer-Tutoring noch neu und ich musste mich oft ihren Versuchen erwehren, mich zu siezen. Die Zusammenarbeit war jedoch ein tolles Erlebnis: Besonders interessant fand ich, in den Beratungen zu sehen, wie unterschiedliche Schreibtypen mit der sehr formalisierten Textsorte Gutachten umgehen. Mein Eindruck war, dass sie der Arbeitsweise planender Schreibender entgegenkommt. Studierende, die das Schreiben als Medium zum Denken benutzen und währenddessen neue Ideen entwickeln, hatten hingegen größere Probleme. Gerade bei handschriftlichen und zeitlich begrenzten Klausuren ist es aber schwierig, die spontan entstehenden Gedanken zu integrieren, ohne die Struktur des Textes zu gefährden. Mit diesen SchreiberInnen versuchte ich, Strategien zu entwickeln, um vor dem Schreiben der Reinschrift schon ein paar Assoziationen abzufangen, die dann bei der Planung des Textes schon berücksichtigt werden könnten. Vor allem das Erstellen von stichpunktartigen Lösungsskizzen und Mindmaps schien mir dafür geeignet zu sein.

Mein Fazit

Das Projekt zeigt, wie viel man erreichen kann, wenn verschiedene Akteure zugunsten der Studierenden zusammenarbeiten. So habe ich durch das Schreibzentrum tolle Unterstützung erfahren: Projektkoordinatorin Anja kümmerte sich um alles Organisatorische und stand mir stets mit Rat und Tat zur Seite. Mein Kollege Pascal wiederum las die Rohfassungen zu meinen Feedbacks und kommentierte sie. Dieses Feedback zum Feedback gab mir Sicherheit und sorgte dafür, dass die an die Studierenden geschickten Endfassungen auch wirklich verständlich und konstruktiv formuliert waren. Außerdem klappte die Zusammenarbeit mit der Dozentin super. Sie war für mich immer ansprechbar und stets bereit, eigenen Mehraufwand für Feedbackrunden, Treffen und die Digitalisierung der Arbeiten in Kauf zu nehmen. Besonders toll fand ich, wie sie mich gegenüber den Studierenden angekündigt hat. Ihre wiederholten Hinweise darauf, dass ich eine „Diskussionspartnerin, keine Korrektorin“ sei, hat dazu geführt, dass die Studierenden das Projekt als Chance verstanden und größtenteils gut vorbereitet in die Konsultationsgespräche kamen. Ich denke, dass die Studierenden und ich auch deshalb so motiviert und entspannt zusammen gearbeitet haben. Viele von ihnen äußerten dann auch, dass sie das Writing Fellow Projekt toll fänden und das Feedback ihnen geholfen hätte.

Aber nicht nur für die Schreibenden hat sich das Programm gelohnt, auch ich habe viel gelernt. Die Arbeit als Writing Fellow hat mir einen starken Anreiz gegeben, mich auf neues Terrain zu wagen und mich mit juristischen Textsorten und Themen zu beschäftigen – etwas, dass ich als Studentin der Kulturwissenschaften sonst sicher nicht gemacht hätte. Nun weiß ich aber genau, wie ein juristisches Gutachten strukturiert sein muss und habe von den Schreibenden viele Rechtsbegriffe und -prinzipien erklärt bekommen. Es zeigt sich also: Auch beim Writing Fellow Projekt können Peers miteinander und voneinander lernen. Mit seiner nächsten Seminararbeit steht mein Freund jedenfalls nicht mehr alleine da.

 

      Anne Kirschbaum

 

 

 

 

2 Responses to Ich als Testpilotin: Writing Fellows in Frankfurt (Oder

  1. Hallo Anne, danke für diesen wunderbaren Einblick in deine Arbeit als Writing Fellow. Du erklärst das so anschaulich und lebendig, dass man wirklich versteht, wie das Writing Fellows Programm funktioniert – da merkt man, dass du durch deine Arbeit sehr viel Textarbeit machst. Ich finde es toll, dass es an der Viadrina dieses Programm nun gibt. Und übrigens auch am Schreibzentrum der Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Ich bin sehr gespannt darauf, wie es weitergeht – in diesem Semester werden ja gleich vier Lehrveranstaltungen mit Writing Fellows arbeiten, nicht nur in Jura, sondern auch in Linguistik und Kulturgeschichte.

  2. Pingback: Hochschulperle für Writing Fellow Programme – bitte bis 26.1. abstimmen! | Schreiben im Zentrum

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