Vorhang auf ! Eindrücke von der 10. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz in Köln

von Elisabeth, Alyssa, Anja und Michał

Vom 30.09-02.10.2017 fand an der Universität zu Köln die 10. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz statt. Organisiert vom Kompetenzzentrum Schreiben der Universität zu Köln trafen sich an diesem Wochenende rund 100 Schreib-Peer-Tutor*innen und Schreibzentrumsmitarbeiter*innen aus dem deutschsprachigen Raum, um sich über das Thema „Von der Rolle? Schluss mit dem Theater! Rollen(konflikte) in der Peer-Schreibberatung“ auszutauschen.

Logo_SPTK 10

Rollenkonflikte sind in der Schreibberatung oft präsent. Einerseits sind Schreib-Peer-Tutor*innen Expert*innen im Bereich Schreibmethoden und Schreibberatung, andererseits sind sie aber auch Kommiliton*innen. Sie sind manchmal selbst auf die Beratung der Dozierenden angewiesen, allerdings schicken dieselben Dozierenden die Studierenden zur Schreibberatung. Die Beiträge – in Form von Vorträgen, Workshops und Posterpräsentationen – näherten sich diesem Thema auf unterschiedliche Art und Weise.

Wir erlebten viele inspirierende, lebendige und lehrreiche Diskussionen. Natürlich durfte auch eine ordentliche Portion rheinländischer Humor nicht fehlen, der hilft ja bekanntlich auch beim Vernetzen. Im Anschluss an die Konferenz hielten wir einige Eindrücke, die uns besonders im Gedächtnis geblieben sind, in Form von kleinen Kurzgeschichten fest.

Vorhang auf, Sie betreten ein Schreibzentrum…

… in dieser freien wie auch wilden Bahn der Schreibbegleitenden, tummeln sich zurückhaltende, extrovertierte, gestreifte, gescheckte Exemplare; aber eines müssen sie doch gemeinsam haben: sie sind gute Schreiber*innen, nicht?! Sie haben bestimmt immer gute Noten. Die Schreibwerkzeuge Hände,Tastatur und Stift finden sich bei ihnen leicht zu einem gelungenen Konglomerat zusammen. Geistige Ergüsse sprudeln in geplanter Zeit aus der Feder und sie plaudern ungezwungen über ihr Schreiben und holen sich gerne Rückmeldung auf ihre Texte?!

So oder so ähnlich kann sich die Bühne der Schreib-Peer-Tutor*innen für die Ratsuchenden darstellen. Vor diesem Hintergrund können Ratsuchende in die Sprechstunde kommen. Ein Problem hiermit könnte unter anderem sein, dass Ratsuchende die Verantwortung für ihren Schreibprozess nicht voll annehmen, weil sie auf den Rat der vermeintlich besseren Schreibenden – der Schreibberater*innen – hoffen. Und wie ist es für die andere Seite am Tisch? Wie ist es für die Tutor*innen, sich diesen Erwartungen von Ratsuchenden oder Kolleg*innen wie auch von ihnen selbst ausgesetzt zu fühlen? Sehen sie sich als bessere Schreibende durch die Schreibausbildung?

Diesen und ähnlichen Fragen stellten wir uns in der Einheit Schreib-Peer-Tutor*innen als bessere Schreiber*innen?! Selbsteinschätzung des eigenen Schreibhandelns von Schreib-Peer-Tutor*innen von Özlem aus der Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit an der Universität Hamburg.

Neben den Aspekten des inneren Leistungsdrucks sowie den Erwartungen der Ratsuchenden, widmeten wir uns auch der Frage, wie im Team von Schreibberatenden mit dem Thema umgegangen wird. Beraten sich Kolleg*innen gegenseitig? Wird im Team über die eigenen Schreibprojekte gesprochen? Wird auch über schwierige Schreiberfahrungen gesprochen? Wir fanden im Gespräch heraus, dass es in Schreibteams durchaus zu einer Tabuisierung bezüglich des eigenen Schreibens kommen kann.

Erste Rückschlüsse haben wir aus dem Vergleich mit anderen Berufsgruppen gezogen: Psycholog*innen beispielsweise sehen sich mit den Erwartungen konfrontiert, besonders gut mit ihren Emotionen und ihrem sozialen Umfeld umgehen zu können, was in der Realität aber nicht der Fall sein müsse. Eine Schlussfolgerung ist außerdem, dass es einen Unterschied macht, ob man Beratungs- und Schreibtechniken auf sich selbst oder aber auf andere Schreibende anwendet: schließlich sind Schreib-Peer-Tutor*innen in dieser Situation selbst betroffen und nicht mehr distanzierte Außenstehende. Letztlich, so ein weiteres Ergebnis des Vortrags, werden Tutor*innen mit ähnlichen Herausforderungen beim Schreiben konfrontiert wie Ratsuchende.

Özlem wird das Thema weiter beforschen, anhand eines Fragebogens für Schreibpeertutor*innen. Neben den ersten Ergebnissen, die sie auf der SPTK 2017 präsentierte, möchte Özlem noch mehr Antworten von Tutor*innen gewinnen. Den Link zum Fragebogen wird sie in nächster Zeit an mehrere Schreibzentren schicken.

Rotkäppchen betritt die Theaterbühne…

Das Publikum blickt gespannt auf ihren Korb mit Kuchen und Wein. Das Mädchen mit der roten Kappe spaziert los durch den Wald und kommt vom Weg ab. Ein Wolf schleicht um sie herum. Doch noch bevor er die Großmutter in ihrem Haus fressen kann, fällt eine Kokosnuss vom Baum und erschlägt ihn. Das Publikum ist enttäuscht, die Kinder fühlen sich betrogen. Sie sind so sehr in die eigentliche Geschichte vernarrt, dass jede Alternative dazu sie nur enttäuscht.

So oder so ähnlich kann es auch Schreibberater*innen gehen, die sich zu sehr in ihre Vorstellungen und Hypothesen über ihre*n Gesprächspartner*in  verlieben, dass man das eigentliche Anliegen des Gegenüber immer schon verstanden glaubt. Und dadurch letztlich doch wieder verhindert, was wir eigentlich wollen, nämlich gute Gespräche über das Schreiben führen oder – wie beim vermeintlich falschen Rotkäppchen -Verlauf – sich  darüber zu freuen, dass der Wolf seinen Hunger nicht stillen konnte. Im Workshop zur systemischen Schreibberatung haben wir gelernt, dass es in der Schreibberatung Raum geben muss zum Erzählen, zum Kontextualisieren von Aussagen. Und selbst wenn es zum 7. Mal in dieser Woche um Literaturrecherche ging, sich trotzdem zu fragen: Warum genau spreche ich mit dieser Person darüber? Was bringt mein Gegenüber dazu, danach zu fragen? Welche Ideen sind damit verbunden?

Wichtig ist, sich nicht zu sehr in eine Hypothese über eine Person zu verlieben, dass sie fortan immer nur noch so und nicht anders verstanden werden kann und der gefühlte Erfolg nur davon abhängt. Oder eben davon, wie genau das Märchen am Ende dann doch gut ausgeht und vielleicht ist Rotkäppchens Weg durch den Wald viel spannender als die Frage nach dem Wolf. Dann ist die Vorstellung vielleicht doch ihr Geld wert.

Der Schreibprozess als Theater

Eine spannende Idee wäre es, den eigenen Schreibprozess als Theaterstück zu sehen. Plötzlich wirst du als Autor*in ein*e Held*in einer Geschichte und nimmst dich selbst auf eine Heldenreise. Woher kommst du und wo gehst du hin? Warum brichst du überhaupt auf? Was passiert, wenn du in einem unbekannten Land ankommst? Welche Torwächter und Bösewichter triffst du auf deinem Weg? Welche Helferfiguren kannst du in deine Geschichte einbauen? So wirst du zur*zum Regisseur*in und kannst deinen Schreibprozess auf eine lockere Art und Weise reflektieren.

Um Inspirationen für diese Geschichte zu finden, kannst du die selbst verfassten oder gelesenen Texte interviewen. Oder mit ihnen ins Gespräch kommen. Dein Forschungsgegenstand kannst du mit einem realen Gegenstand aus deiner Umgebung vergleichen und so zu einem Requisit in deinem Theater machen. Ein leeres Blatt wird plötzlich lebendig und beobachtet deinen Schreibprozess. Was würde es dir erzählen?

Diese kreativen Übungen kennen wir dank Deborah und Natascha von der Universität Bochum, die den Workshop “Werde der Held deiner Hausarbeit und rette die Prinzessin der Forschungslandschaft” durchgeführt haben. Inwieweit sich diese Methoden in der Beratungspraxis anwenden lassen, werden wir sehen. Eins ist aber sicher: Kreativität beim wissenschaftlichen Schreiben ist nötig und macht Spaß.

Insgesamt hat das Motto der Konferenz dazu geführt, dass wir uns als Schreibberatende mit den verschiedenen Erwartungen an unsere Rolle aus erfrischend neuen Perspektiven auseinandersetzen konnten. Und wir sind bereits gespannt, unter welchem Motto wir uns im nächsten Jahr wieder treffen und uns und unsere Arbeit gegenseitig durch Austausch und konstruktive Gespräche bereichern werden.

Advertisements

One Response to Vorhang auf ! Eindrücke von der 10. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz in Köln

  1. Pingback: Eine Schäfchentasse voller Geschichten | Schreiben im Zentrum

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: