Das Flaschen-Ensemble

Foto vom Flaschenensemble

Was haben Flaschen mit dem Schreibzentrum zu tun? – Was sich möglichweise wie eine Scherzfrage anhört, war tatsächlich einer der ersten Gedanken, der mir durch den Kopf ging, als ich begann mich mit dieser Objektbiographie auseinanderzusetzen.

Das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina blickt im Jahr 2017 auf sein 10-jähriges Jubiläum zurück. Seit 2007 befindet es sich im ersten Obergeschoss des Universitätsgebäudes in der August-Bebel-Str. 12, einer ehemaligen Kaserne. Beim Eintreten in den Raum 115 fällt sofort auf, dass irgendetwas anders ist als in den üblichen Seminarräumen. Die Computerecke, Tischgruppen, die Sitzecke mit Sofa und Sesseln und die informativen und verschönernden Elemente -– seien es Zitate, Reflexionen über das Schreiben, Weltkarten oder Pflanzen — an den Wänden und auf den mit Büchern über Schreibdidaktik und Schreibforschung gefüllten Regalen. Das Zusammenspiel der Objekte in diesem besonderen Raum strahlt einerseits eine Behaglichkeit aus, aber erinnert auch immer wieder an die praktische Funktion des Raumes: den Fokus auf Schreibprozesse.

Ein besonderer Bestandteil dieses einladenden Ortes sind eben auch diese dekorativen Objekte, deren praktische Funktionen auf den ersten Blick nicht eindeutig werden, aber dennoch vorhanden sind. Da wären etwa die oben erwähnten Glasflaschen, insgesamt fünf Stück, wobei zwei davon unterhalb des Flaschenhalses kegelförmig zulaufen, während die restlichen eine Zylinderform aufweisen. Sie sind dicht beklebt mit Zeitungsschnipseln. Schon seitdem ich den Raum zum ersten Mal betreten habe, bleibt mein Blick immer wieder auf diesem Flaschenensemble hängen. Die Flaschen – vermutlich ehemals Weinflaschen, man kann heute unter den vielen Zeitungsschnipseln kein Etikett mehr ausmachen – stehen auf einem Regal an der diagonalen Seite des Raumes, zwischen Grünpflanzen, einem eingerahmten Zitat, einem Doktorhut und einem rosafarbenen Sonnenhut. Beim Betrachten dieser Objekte ging mir die Frage durch den Kopf, wie diese Flaschen wohl in das Schreibzentrum gekommen sein mögen und ob sie neben dem schmückenden Moment auch einen praktischen Zweck erfüllen mögen.

Foto vom Flaschenensemble

Auf meine Nachfrage nach der Funktion der Flaschen, eröffnet sich mir ein bislang neuer Blick auf diese Objekte. Für bestimmte Veranstaltungen werden sie von dem Regal heruntergenommen und als Schildhalter eingesetzt. Ebendiese Verwendung war überhaupt erst der Anlass, um die ehemaligen Weinflaschen in dieser Form umzugestalten.  Erstmals in Erscheinung getreten sind sie nämlich im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin 2011. Die Mitarbeiterinnen des Schreibzentrums waren aktive Mitglieder im Arbeitskreis Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg, einem Zusammenschluss der damals noch sehr wenigen Schreibdidaktikerinnen und Schreibdidaktiker der Region. Und diese hatten beschlossen, mehr Menschen nahe zu bringen, dass es eine Wissenschaft vom Schreiben gibt und man erforscht hat, wie Menschen schreiben und wie man sie dabei unterstützen kann. Die Lange Nacht der Wissenschaften, mit ihrem Anliegen, Wissenschaft für Interessierte öffentlich zu machen, kam da genau richtig. Und so wurde vom Arbeitskreis Schreibdidaktik an der TU Berlin ein Raum eröffnet, in dem die Besucher in einer Ausstellung vieles über das Schreiben erfuhren, einen Schreibtypentest und „Speed-Beratungen“ machen konnten, und natürlich auch selbst schreiben durften – typgerecht.

Und die Flaschen? Im Vorfeld der Veranstaltung wurden in einer Vorbesprechung noch letzte Details besprochen. Dabei stellte man fest, dass noch Aufsteller benötigt wurden, um die herum Materialien zu dem jeweiligen Schreibtyp gesammelt werden sollen. So kam die Idee auf Flaschen als Schildhalter zu benutzen. Auf jede Flasche wurde schließlich ein Korken gesteckt, an dem wiederum ein Hinweisschild befestigt wurde, dass auf Material für einen bestimmten Schreibtyp an dem jeweiligen Tisch hinwies. Mit Zeitungsschnipseln wurden die Flaschen beklebt, um einen Zusammenhang mit dem Thema Schreiben zu evozieren.

Frau Dr. Daniela Liebscher, eine Schreibberaterin aus Berlin, erklärte sich dazu bereit die Bastelaufgabe zu übernehmen.  Sie erinnert sich, dass die Bearbeitung sehr einfach und schnell ging. Sie vermutet, dass alle benötigten Materialien aus ihrem Haushalt stammten: die Weinflaschen, die Zeitungsausschnitte und der Leim, mit dem sie die Papierschnipsel in mehreren Schichten mithilfe der Serviettentechnik auf den Flaschen befestigte.

Und am 28. Mai 2011 schließlich traten die Flaschen, die die Transformation von der ursprünglichen Nutzung als Weinflasche zu einem Schildhalter durchlaufen hatten, zum ersten Mal in ihrer neuen Funktion in Erscheinung. Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg und gab der Öffentlichkeitswirksamkeit der Schreibdidaktik einen kräftigen Anstoß.

Danach gelangten die Flaschen in das Schreibzentrum der Europa-Universität, da die Gruppe davon ausging, dass sie dort am ehesten von Nutzen sein könnten. So etwa bei dem „Writer’s Circus“, einem Schreibevent, dass vom Schreibzentrum der Viadrina entwickelt wurde: dies ist eine Veranstaltung, bei der die Teilnehmer in Gruppen von Zirkusartisten eingeteilt werden – Jongleure, Dompteure, SeiltänzerInnen, Kartentrickkünstler und Clowns – je nach Charakter sollen sich die Mitglieder einer Gruppe spielerisch und kreativ mit dem Schreiben auseinandersetzen. Anschließend werden die Ergebnisse in einer „Zirkusshow“ präsentiert. Zu diesem Anlass kommen die besagten Flaschen zu ihrem Einsatz, indem in jede Flasche jeweils ein Fähnchen mit dem Bild eines Zirkusartisten gesteckt wird. Das Schreibzentrum der Europa-Universität hat diese Idee bereits verbreitet und zu verschiedenen Gelegenheiten diese Zirkusevents an anderen – teils internationalen – Meetings veranstaltet.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen den Flaschen und dem Schreibzentrum? …Wie diese kleine Reise durch die Geschichte der Flaschen gezeigt hat, stehen die Flaschen gewissermaßen als Zeugnis für die Arbeit des Schreibzentrums und für das steigende Interesse an Schreibdidaktik und Schreibforschung. Vielleicht stehen sie aber auch dafür, wie kreativ und engagiert Schreibzentren sich dafür einsetzen, ihr Betätigungs- und Forschungsfeld bekannt zu machen. Und schließlich geht es auch beim wissenschaftlichen Schreiben darum, mit dem, was da ist, etwas Neues und Eigenes zu kreieren – nichts anderes ist mit den Weinflaschen passiert, die im Regal des Schreibzentrums die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Carla

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One Response to Das Flaschen-Ensemble

  1. Pingback: Was Dinge über ihre Geschichte verraten – Objektbiografien zum Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina | Schreiben im Zentrum

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