„Das Persönliche“ bleibt politisch — ein Gedicht an der Wand des Schreibzentrums

Jpeg„Schreib, schreib“, fordert die erste Zeile eines Gedichts, bestehend aus vier ungleich großen Absätzen auf insgesamt 26 Zeilen verteilt, auf. Schwarze Druckbuchstaben auf grellem orangenen Papier, das so offensichtlich um Aufmerksamkeit schreit, schreien könnte, würde es sich nicht in einer Ecke zwischen Bücherregal, blauem Sofa und grüner Hängepflanze verstecken.

Verfasst hat die Gedanken ein gewisser Herr Theobald Tiger, ein am 9. Januar 1890 in Berlin geborener Satiriker, Romanautor, Lyriker, Sozialist, Pazifist, starke Stimme gegen die in den 30er Jahren immer stärker wachsende Bedrohung der, wie es in unseren Schulbüchern heißt, ersten Demokratie auf deutschem Boden durch die Nationalsozialisten und uns allen besser bekannt unter seinem richtigen Namen Kurt Tucholsky.

Wie das Gedicht von seiner Veröffentlichung in der ehemaligen deutschen Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, Die Weltbühne, Heftnummer 25 vom 26.06.31, einem Dienstag, Jahrzehnte später seinen Weg ins Schreibzentrum nach Frankfurt (Oder) gefunden hat, blieb trotz Recherche leider ungeklärt und damit ebenso im Dunkeln wie der Name der grünen, sich um das Gedicht rankenden Pflanze. Dieser vermag mir in diesem Moment einfach nicht einzufallen.

Die zum Inventar des Schreibzentrums gehörenden Personen vermuten hinter dem Auftauchen des Gedichts in ihren Räumen das Bedürfnis nach Verschönerung eben dieser. Dies würde im Umkehrschluss bedeuten, dass sich jemand die Mühe gemacht hat das Gedicht zu suchen, abzutippen und aufzuhängen. Womöglich stehen dahinter sogar weitere Motive als nur eine dekorative Umgestaltung der Räumlichkeiten. Vielleicht wollte gar einer der Tutoren etwas zur Motivation der Studierenden beitragen?

Unter Umständen hat es aber auch ein Studierender dort aufgehängt. Jemand, der es so richtig satt hatte, Texte nur für die dunklen, mit Büchern vollgestopften und verstaubten Büros von Dozierenden zu produzieren. Und das, obwohl es sich bei unseren Hausarbeiten doch in der Regel um wirkliche Meisterwerke handelt: Sprachneuschöpfungen, spät in der Nacht entwickelte kreative Methoden und weltverändernde Hypothesen, welche die Nachwelt zum Denken anregen sollen:

„Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm; Kein Aas kümmert sich drum.“

„Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm; Kein Aas kümmert sich drum.“

 

Außer das Prüfungsamt am Ende des Studiums, wenn es um die Anmeldung der Abschlussprüfung geht. Dort wird auf die Punktzahl hinter dem Komma genau vermerkt, ob alle Leistungsnachweise gemäß der Prüfungsordnung absolviert worden sind. Doch für den Inhalt all der zu Papier gebrachten Arbeiten interessiert man sich hier auch nicht. Doch

„[s]chreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch – die brauchst du gar nicht feilen.
Nenn mir zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.“

Die Menschheit, die sich nur für Klatsch und Tratsch interessiert, die hat unser Theobald Tiger schon ganz richtig durchschaut und ihr deswegen womöglich dieses Gedicht gewidmet, das dann in die Hände unserer unbekannten Person fiel. Heutzutage würde er womöglich ein Gedicht über „Fake News“ oder „Alternative Fakten“ schreiben.

Foto von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky in Paris 1928 Quelle: Wikipedia.org

Aber vielleicht war es Tucholsky trotz seines Sarkasmus etwas ernster mit der ganzen Sache. Wir schreiben schließlich das Jahr 1931. Da war die NSDAP bereits zweitstärkste Fraktion hinter der SPD im Reichstag.  Das war schon eine „Sache“, aber vielleicht hat er darauf auch gar nicht angespielt, sondern eigentlich die Rezeption des „Liebeslebens der Nordseemakrele“ gemeint. Nein, das ist doch kein Tucholsky! Aber vielleicht ein Theobald Tiger? Ja! Nein! Doch! Die Literatur, die versucht Tucholsky zu verstehen, erzählt nur, dass Theobald Tiger einst für den Ulk reserviert gewesen sei. Das war eine ganz andere Zeitung, eine satirische Beilage des linken Berliner Tageblatts. Also doch! Unser Theobald Tiger war im Ulk für den Ulk zuständig, aber ein paar Mal auch in der Weltbühne zu finden. All diese Pseudonyme können schon verwirren: Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger — und alle hatten sie unterschiedliche Aufgabenbereiche.

Die Sekundärliteratur erzählt, dass die Weltbühne ein Forum der radikaldemokratischen und bürgerlichen Linken gewesen ist. Ein politischer Anspruch liegt also dem Wesen der Zeitschrift zugrunde und gibt den darin veröffentlichten Artikeln, Gedichten, Kommentaren den gesellschaftspolitischen Kontext. Und Tucholsky war hier in guter Gesellschaft: da prosteten sich seine Artikel mit denen von Erich Mühsam zu, flogen auf die Seite direkt neben Erich Kästners Gedanken und begegneten alle sieben Tage einem Text von Else Lasker-Schüler.

Im September 1905 erstmalig noch als Schaubühne erschienen, erreichte die Weltbühne nie eine besonders hohe Auflage: 15.000 Stück in ihrer Hochphase. Wie viele gedruckte kritische Stimmen, wurde auch sie unmittelbar nach dem Reichstagsbrand 1933 von einem Verbot eingeholt.

Und nun hängt dieses Gedicht hier in Frankfurt (Oder)  an einer Wand des Schreibzentrums und sagt: „Schreib, schreib“. Wie gut kennen wir als Studierende diese Aufforderung. Sehr gut. Zu gut. So gut, dass wir sie schon im Schlaf in unseren Gehirnen produzieren. Dann hält uns „Schreib, schreib“ entweder vom Schlafen ab oder weckt uns schlagartig aus unseren Träumen.

Wie oft können wir diesen zwei Worten einfach nicht nachkommen. Dahinter stecken kein böser Wille, sondern Facebook, Fake News, Zeitungsartikel, Gedanken an die nächste Mahlzeit und andere Dinge, die das Herz in der Regel mehr begehrt als das Anfertigen einer Hausarbeit. Ein besonders gravierender Zustand, wenn in nur wenigen Tagen eine schriftliche Arbeit eingereicht werden muss.

Doch für genau diese Momente der Blockade steht uns das Schreibzentrum mit all seinen breiten und bunten Angeboten zur Verfügung. Angebote, die einen offensichtlich und latent dazu bringen, das Grübeln und Schreiben wieder aufzunehmen. Zu Beginn etwas zögerlich, doch irgendwann mit der nötigen Sicherheit und Zielstrebigkeit.

Da gibt es Nächte in denen ganze Hausarbeiten ihren letzten Schliff erhalten. Und es gibt Kurse, die einen dazu anleiten Dinge zu beschreiben, Fragen zu diskutieren, einfache Geschichten zu erzählen und herauszufinden, weshalb die Dinge, die diesen Raum von den anderen Seminarräumen in diesem alten Gebäude aus Ziegelstein irgendwie abheben, irgendwann ihren Weg hierher gefunden haben.

Die klugen Studierenden belegen rechtzeitig jene Kurse, die ihnen von Anfang an beibringen wie die unterschiedlichen Textsorten anständig, zügig und für die Professoren angemessen formuliert werden sollten. Es ist bedauerlich, dass sie keine Pflichtkurse darstellen, denn das würde das Leben aller Beteiligten um ein Vielfaches erleichtern.

Wie viele Texte und Geschichten hier im Schreibzentrum in den letzten zehn Jahren ihren Anfang nahmen oder gerettet worden sind, dürfte niemand gezählt haben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Anzahl jene Unmenge an Texten übersteigt, welche Tucholsky der Welt hinterlassen hat und die Eingang in unsere Schulen gefunden haben, insbesondere „Schloß Gripsholm“ und „Rheinsberg“.

Wie die meisten Studierenden unserer Viadrina ist er herumgekommen, unser Autor. Zumindest innerhalb von Europa. Ein Jurastudium in der Schweiz, eine langsam beginnende Schriftstellerkarriere, durchbrochen von einem Soldatenleben im Ersten Weltkrieg, das ihn wohl am Ende auch zu einem überzeugten Pazifisten werden ließ. Der berühmte Satz „Soldaten sind Mörder“, entsprang seiner Feder.

Er publizierte und publizierte, hatte zu allem etwas zu sagen: zur gescheiterten Revolution, zur Demokratie in Weimar, den politischen Morden durch die politische Rechte und zur SPD. Die zu kritisieren liebte er besonders.

In den 20er Jahren verließ er Deutschland und sollte nie wieder ganz zurückkehren, obwohl er einer der gefragtesten Autoren seiner Zeit werden sollte. Neben seinen Romanen veröffentlichte er knapp 3.000 Artikel, von denen mehr als die Hälfte in der Weltbühne erschienen. Und einer dieser Texte hängt nun hier. Doch was gibt es Schöneres, als wenn ein längst verstorbener Autor höchst persönlich mit seiner Ironie und seinem Sarkasmus einen dazu auffordert, die eigene Schreibarbeit, wenn auch zu einem völlig unnützen und uninteressanten Thema, konsequent fortzusetzen?

Vielleicht verhält es sich mit der Intention dieses Gedichtes wie mit seinem für uns unbekannten Weg ins Schreibzentrum: schlicht und ergreifend unbekannt. Aber vielleicht soll das auch so bleiben und gibt dem Gedicht genau das, was es ausmacht: eine standortgebundene Objektivität, deren Sinn nur der jeweilige Leser selbst für sich erschließen kann und soll, denn wir erinnern uns:

„Die Sache? Interessiert in Paris und Bentschen
Keinen Menschen.
Derweil, lieber Freund, zu jeder Frist
Die Hauptsache das Persönliche ist.“

JpegKurt Tucholsky verstarb am 4. November 1935 vermutlich nach einer Überdosis an Tabletten in einem Göteborger Krankenhaus. Seine Gedanken sind geblieben, aktueller denn je. Und einer davon hängt hier im Schreibzentrum in einer Ecke, versteckt zwischen Bücherregal, Sofa und einer Pflanze, deren Namen ich immer noch nicht kenne.

Michelle-Inge

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

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One Response to „Das Persönliche“ bleibt politisch — ein Gedicht an der Wand des Schreibzentrums

  1. Pingback: Was Dinge über ihre Geschichte verraten – Objektbiografien zum Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina | Schreiben im Zentrum

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