Eine Schäfchentasse voller Geschichten

Das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina ist ein Ort, der Studierenden aller Fakultäten sämtliche Aktivitäten rund um die Schlüsselkompetenz „Schreiben“ anbietet. Ob in Gruppen oder alleine, ist es den Studierenden möglich, in angenehmer Lernatmosphäre an Hausarbeiten, Abschlussarbeiten o. Ä. zu schreiben, wobei sowohl die Vorbereitung von Texten als auch die verschiedenen Phasen des Schreibprozesses eine Rolle spielen können. Wenn man in diesen Raum, in einem alten Gebäude der August-Bebel-Straße in Frankfurt (Oder), eintritt, kann man viele unterschiedliche Objekte entdecken. Die Objekte variieren in ihrer Größe, Farbe, Funktion. Viele von ihnen sind offensichtlich und auf den ersten Blick erkennbar. Andere jedoch fallen erst nach genauerem Hinschauen ins Auge. So auch eine grüne mit Schäfchen geschmückte Tasse. Diese steht in einem grauen Regal, eher versteckt in einer Ecke. Die Tasse enthält ein Ensemble von insgesamt neun verschiedenen Stiften.

JpegDiese Tasse erzählt Geschichten über das Schreibzentrum und ist, wenn man es auch vorher nicht vermutet, ein besonderer Bestandteil des Schreibzentrums. Nun fragt ihr euch vielleicht: Wie können simple Stifte bedeutend für das Schreibzentrum sein? Es fällt sofort auf, dass all diese Stifte etwas Besonderes sind, denn sie sehen nicht aus wie x-beliebige, handelsübliche Stifte aus irgendeinem Schreibwarenladen. Hier steckt mehr dahinter.

Bei fünf dieser Stifte handelt es sich um etwa 25cm lange Holzbuntstifte mit einem Durchmesser von etwa 1,9cm. Die Maßangaben variieren hier von Stift zu Stift nur minimal. Es gibt sie in fünf verschiedenen Farben: orange, rosa, gelb, blau und braun. Zu beachten ist jedoch, dass nur die Minen in der jeweiligen Farbe sind. Die Struktur der Stifte unterscheidet sich von einem üblichen Buntstift – sie ähnelt der eines Astes. Die Beschaffung der Oberfläche ist eher rau mit leichten Unebenheiten. Die Stifte sind, gleich einem Ast, ummantelt von einer braunen Rinde, die noch gut erhalten ist und nur einige wenige Schäden aufweist. Die Spitzen der Stifte sind hellbeige-holzfarben und von einer flachen, glatten Beschaffenheit. Diese ist vermutlich durch das Spitzen mit einem Messer entstanden (für einen handelsüblichen Anspitzer sind die Stifte viel zu dick). Die Spitzen umgeben jeweils die farbigen Minen. Es handelt sich also um aus Ästen gefertigte Stifte.

Ein weiterer Stift scheint aus demselben Material, aus einem Ast, gefertigt zu sein. Dieser ist jedoch ein wenig kleiner als die Buntstifte. In der Mitte des Stiftes befindet sich eine ausgeschnitzte Wölbung, welche mit der Aufschrift „AZERBAiJAN“ versehen ist. Das Ende des Stiftes ist von einer blauen, seilähnlichen Schnur umschlungen und mit einer kleinen, hellblauen, aus Stoff gefertigten Blume geschmückt.

 

JpegBei dem nächsten Paar Stifte handelt es sich um die kleinsten des Ensembles. Sie sind in etwa halb so lang wie die Buntstifte und auch halb so dick. Hierbei handelt es sich ebenfalls um Holzstifte. Sie sind jedoch verarbeitet und bemalt, sodass von einer „Ast-Struktur“ nichts mehr zu erkennen ist. Ihre Oberfläche ist sehr glatt. Sie bilden ein Pärchen, geformt als eine Frau und ein Mann, vermutlich ein Ehepaar. Beide Stifte sind ähnlich angemalt worden, wobei viel mit rot gearbeitet wurde. Das Muster und die Art der Bemalung lassen vermuten, dass es sich um Stifte aus einem anderen Land als Deutschland handelt, da sie ein wenig orientalisch aussehen. Das Paar ist von einer weißen Schleife aus Stoff zusammengebunden. Dies verdeutlicht die Zusammengehörigkeit beider Stifte.

Bei dem letzten Stift handelt es sich tatsächlich gar nicht um einen echten Stift. Es ist nämlich eine Kerze in Form eines dicken Buntstiftes. Diese Kerze ist in etwa so lang wie der Azerbaijan Stift und ein klein wenig dicker. Bis auf die Spitze ist der Stift lila und auf der ebenfalls lila Spitze befindet sich der lilafarbene Kerzendocht.

Doch worin liegt nun die Bedeutung der Stifte für das Schreibzentrum, die Arbeit des Schreibzentrums und auch für das Team? Bei diesem Ensemble ist es diesbezüglich besonders wichtig und interessant zu betrachten, woher sie kommen und wie sie ihren Weg ins Schreibzentrum gefunden haben. Genau wie alle anderen Objekte des Schreibzentrums haben auch diese Stifte es irgendwie hierher geschafft. Doch wie?

Die fünf Buntstifte sind seit 2008 Bestandteil der Sammlung. Sie sind also kurz nach der Eröffnung im Jahr 2007 Teil des Schreibzentrums geworden. Sie waren ein Mitbringsel für das Schreibzentrum von der Mutter der Gründerin des Schreibzentrums, Katrin Girgensohn. Sie hat diese Stifte in Rumänien entdeckt und sofort an das Schreibzentrum denken müssen. So haben sie nach langer Reise ihren Platz im Schreibzentrum gefunden. Neben diesen Stiften stammen außerdem weitere Objekte von Katrins Eltern, um genauer zu sein aus deren Wohnung, beispielsweise ein Bücherregal samt Büchern und ein blaues Sofa. Sie wurden bei der Eröffnung an das Schreibzentrum gegeben. So kam es, dass mehrere Menschen an der Einrichtung des Schreibzentrums mitgewirkt und sie somit einzigartig gemacht haben.

Nun aber wieder zurück zu den Buntstiften. Die Stifte wurden einmal für ein Fotoshooting verwendet, welches im Rahmen der Schreib-Peer Tutor*innen Konferenz in Hildesheim stattgefunden hat. Peer-Tutor*innen sind in der Regel andere Studierende, die ihre Kommilitonen Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Sie sind Lernbegleiter und regen ihre Kommilitonen dazu an, eigene Lernprozesse und Probleme zu betrachten und zu reflektieren. In Einzelgesprächen oder in einer Peer-Gruppe wird also gemeinsam an Lösungen dieser Probleme gearbeitet. Somit entsteht eine Beratungssituation zwischen Gleichgestellten. Im Schreibzentrum sind die sogenannten Schreib-Peer-Tutor*innen zuständig. Diese beschäftigen sich ausschließlich mit der Schlüsselkompetenz „Schreiben“. Um Schreib-Peer-Tutor*in zu werden, wird es den Studierenden ermöglicht studienbegleitend eine Ausbildung an der Uni zu absolvieren, welche anschließend mit einem Zertifikat ausgezeichnet wird.

Auf einer Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz treffen Studierende, die in Schreibzentren arbeiten auf andere Studierende, die ebenfalls in einem Schreibzentrum arbeiten zusammen, wobei thematisch dazu passende Inhalte bestritten werden. Diese Form einer wissenschaftlichen Konferenz ist in der deutschen Wissenschaft jedoch noch sehr einzigartig denn meistens sind Konferenzen nur für Wissenschaflter*innen und nicht für Studierende. Die erste Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz fand 2008 in Frankfurt (Oder) statt. Inzwischen findet jedes Jahr eine solche Konferenz statt, wobei sich die Teilnehmerzahl von damals 20 auf heute 100-150 erweitert hat.

JpegIn Hildesheim fand nun die dritte Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz statt. Dabei war es ein Programmpunkt, gemeinsam Fotos von Schreibsituationen zu machen, die dann alle Schreibzentren für ihre Öffentlichkeitsarbeit verwenden dürfen. Die auf der Konferenz in Hildesheim entstandenen Fotos wurden anschließend für die Gestaltung der Homepage des Schreibzentrums in Frankfurt (Oder) verwendet. Neben dieser besonderen Ausnahme dienen die Stifte jedoch nur zu Deko-Zwecken. Die weiteren Stifte sind nach und nach zu diesem Stifte-Set hinzugekommen. Heute stehen sie alle gemeinsam in einer Schäfchentasse, die von einer Studentin, die regelmäßig ihren Weg ins Schreibzentrum gefunden hat, mitgebracht wurde.

Der Azerbaijan Stift stammt, wie sich ja vermuten lässt, aus Azerbaijan. Auch dieser war ein Mitbringsel für das Schreibzentrum. Mitgebracht wurde der Stift von Pascal, einem ehemaligen Peer-Tutor des Schreibzentrums. Er hat nach erfolgreichem Abschließen der Tutor*innen Ausbildung im SoSe 2013 angefangen, im Schreibzentrum der Viadrina zu arbeiten. Nach einigen Startschwierigkeiten hat er dennoch ganze 3 Jahre durchgehalten, wobei sich das Schreibzentrum für ihn zu einem besonderen Ort, mit vielen Erinnerungen und Erfahrungen, entwickelt hat. Heute studiert Pascal in den Niederlanden und hat hier seine Arbeit an einem Schreibzentrum fortgeführt. Doch zurück zum Stift – wie und von wo genau hat er nun seinen Weg ins Schreibzentrum gefunden?

JpegPascal hat 2015 sein Auslandssemester in Aserbaidschan, Seki, verbracht und diesen Stift an einem der zahlreichen Souvenirstände dort entdeckt und für das Schreibzentrum mitgebracht. An diesem Stift hängen besondere Erinnerungen, die in Verbindung mit seiner Herkunft stehen. Die Frage, warum man dem Schreibzentrum einen Stift mitbringen sollte, kommt einem im ersten Moment womöglich überflüssig vor, da es eigentlich offensichtlich ist: ein Stift ist zum Schreiben da und was macht man in einem Schreibzentrum vorrangig? Richtig, schreiben. Doch auch hinter dem Mitbringen dieses Stiftes steckt eine kleine persönliche Geschichte. Pascal kommt ursprünglich aus dem Rheinland, wo natürlich Karneval gefeiert wird. In einem Jahr hat seine Familie mit Stiftkostümen den ersten Preis gewonnen. Diese Geschichte machte im Schreibzentrum die Runde und es wurde häufig darüber gewitzelt, dass er sich das Kostüm anziehen und so für das Schreibzentrum Werbung machen sollte. Hieraus hat sich eine Art Running-Gag entwickelt und da es dieses Kostüm leider nicht mehr gibt, musste nun zumindest ein Stift als Andenken her.

Der Pärchen-Stift war – und wie sollte es auch anders sein – ebenfalls ein Mitbringsel. Die Stifte erzählen vermutlich auch Einiges, jedoch konnte nicht so viel in Erfahrung gebracht werden. Es steht aber soviel fest, dass dieser Stift seinen Weg über einen Peer-Tutor des Schreibzentrums aus der Ukraine ins Schreibzentrum gefunden hat. Er hat dort seine aus der Ukraine stammende Freundin geheiratet. Auch dieser Peer-Tutor ist bereits lange Zeit Teil des Schreibzentrums.

Kommen wir nun abschließend zum letzten Objekt der Schäfchentasse – dem Kerzenstift. Im Rahmen der Umbenennung der Schreibberatung der Universität Bayreuth in Schreibzentrum, was ein großer Schritt zur Etablierung und Institutionalisierung war, hat Katrin Girgensohn dort 2015 einen Festvortrag gehalten. Zum Dank erhielt sie verschiedene Kerzenstifte, unter anderem den lilafarbenen, der heute seinen Platz im Schreibzentrum in der grünen Schäfchentasse gefunden hat.

All diese Stifte sind nun zusammen vereint mit ihren verschiedenen Geschichten als Deko- Element in der Schäfchentasse im Schreibzentrum untergebracht. Hinter jedem dieser Stufte steckt eine ganz persönliche Geschichte. Jeder einzelne hat seine eigene Reise ins Schreibzentrum hinter sich, wodurch sich viele verschiedene Erinnerungen mit ihnen ergeben. Sie machen deutlich, dass sich das Schreibzentrum über die Jahre verändert hat, indem nach und nach neue Objekte hinzugekommen sind. Sie zeigen auch, wie vielfältig das Schreibzentrum ist und auch die Verbundenheit der Teammitglieder mit dem Schreibzentrum wird hier deutlich. Jeder fühlt sich hier wohl und kommt gerne zum Lehren, Lernen und Schreiben an diesen Ort.

Die Stifte können also nicht nur als „Symbol des Schreibens“ gesehen werden: es steckt viel mehr hinter diesen Stiften, und wer will kann daran etwas darüber lernen, was das Schreibzentrum ausmacht.

Manola

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

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One Response to Eine Schäfchentasse voller Geschichten

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