Olivgrüne Samtsessel

Bild der Samtsessel

Wir befinden uns im Jahre 2007. Zwei Möbelstücke machen sich auf den Weg nach Frankfurt. Genau, das an der Oder. Sie haben eine weite Strecke vor sich. Düsseldorf, bzw. der Landkreis Niederkassel waren ihre letzte Heimat. Dort werden sie nun nicht mehr gebraucht, machen Platz, um in Frankfurt (Oder) ein neues Leben zu beginnen. Hier werden sie noch viele Jahre -mindestens 10 – den Studierenden der Viadrina und Ratsuchenden des Schreibzentrums, gute Dienste leisten. Sie machen es wohlig warm und geben ein Gefühl von „zu Hause“, dort, wo sonst eher Bücher und Kopierer den Raum einnehmen. Hier soll etwas Neues, etwas bislang Einzigartiges, etwas Innovatives entstehen, das neue Zentrum der Schreibberatung an der Europa-Universität Viadrina.

Fast 10 Jahre später haben sich diese zwei Möbelstücke, Sessel aus den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, ins Bild eingefügt. Sie gehören hier hin, bilden eine Einheit mit der dazugehörigen Sitzgruppe, bestehend aus einem etwas lädierten Sofa und einem braunen, kleinen Tisch. Schaut man sich in den Räumlichkeiten des Schreibzentrums um, so wird man feststellen, dass diese sich abheben, von den sonst eher tristen Räumen des Gebäudes in der August-Bebel-Straße.

Beim Betreten des Raumen wird einem die Aufteilung in Lernen, Erfahren, miteinander Schreiben, sofort bewusst. Ja, es gibt Tische und Stühle, ja, es gibt Computerplätze. Dennoch, dieser Raum strahlt etwas aus, was den anderen zu fehlen scheint. Hier stehen Erinnerungsstücke, Meisterwerke, neben rauem Putz, auf abgewetztem Teppich.

Die sich in der rechten Ecke befindliche Kaffee-Ecke beherbergt nicht nur einen kleinen Kühlschrank, Equipment um ein Heißgetränk herzustellen, nein, auch viele bunt gemischte Tassen und eine „upside-down Weltkarte“ sind hier zu finden. Zufall? Nein, denn diese Dinge zeugen von der langen und persönlichen Geschichte des Schreibzentrums, welche durch viele Menschen geprägt wurde.
JpegDirekt gegenüber, auf der linken Seite des Raumes, befindet sich eben jene eingangs beschriebene Sitzgruppe. Ein schwarzes, ca. 1,80m hohes Bücherregal, einige Pflanzen und sie, die Sessel. Unterschiedlicher könnten Einrichtungsgegenstände nicht zusammengewürfelt sein. Aber dennoch, sie gehören hier hin, geben den Ideen Raum.

JpegSchaut man sich die Sessel genauer an, so wird man schnell feststellen, dass diese weit älter wirken, als sie in Wirklichkeit sind. Ihr Holz, besonders an den Armlehnen, ist abgegriffen, ihre Polster sind teilweise fleckig und ausgesessen. Letzteres jedoch bezieht sich nur auf den Stoff der Polsterung. Die Federung kann durchaus mithalten mit neueren Modellen, wenn sie diese nicht sogar noch um Jahre überdauern. Der samtweiche Bezug wird durchzogen, von einem olivgrünen, floralen Muster. Die Grundfarbe geht ins Beige. Das Holz ist weitaus dunkler, braun und ebenso der Korbbeschlag zwischen Armlehne und Sesselbeinen. Die klobigen, geschwungenen Beine bieten ein standhaftes Bild. Wie mag die Reise der Sessel damals – 2007 — wohl von Statten gegangen sein? Rühren einige Kratzer von der turbulenten „Überfahrt“ aus dem Rheinland her? Oder waren sie schon da, als sie noch in einer schicken Villa am Stadtrand standen?

Wozu dienten Möbel dieser Art in der damaligen Zeit? Ganz klar, Sessel waren und sind dazu gedacht, Sitzmöglichkeiten zu schaffen, Gemütlichkeit in einen Raum zu bringen. In eine Bibliothek – hauseigen –, ein Kaminzimmer. Sind sie in einem Privathaushalt schon fast eine Selbstverständlichkeit, so bilden sie an einer Universität ein eher untypisches, mittlerweile allerdings nicht mehr allzu seltenes Bild.

Diese Möbel sind das Beispiel eines Jahrzehnts, in dem es als sehr chic galt, alte Möbel möglichst echt nachzubauen. So scheinen die Polster auf den ersten Blick barock anzumuten, bedienen sich dann aber einer Materialzusammensetzung des mittleren 20. Jahrhunderts. Genutzt wurden Stoffe, die es so erst seit einigen Jahrzehnten gibt, da sie nicht natürlich gewonnen, sondern synthetisch hergestellt wurden. Als Glanzstück eines neuen Raumes, waren sie vor gut 50 Jahren der ganze Stolz ihrer neuen Besitzer. Sie boten Raum für das Gespräch vor dem Kamin, das Glas Wein zu einem guten Buch. Ist es die Umgebung, die diese Möbelstücke so besonders macht, oder sind sie es selbst, die dies mit einem Raum versuchen? Fänden sie heute auch Platz in einer Studenten-WG, so wären sie damals von Leuten der Altersklasse, die sie sie heute zum Austausch im Schreibzentrum nutzen, wahrscheinlich als höchst altmodisch und nicht zeitgemäß verstanden worden,
Diese Sessel vermitteln Halt. Es sind ihre dicken, runden, klobigen Beine, die nicht daran zweifeln lassen, dass sie auch in 20 Jahren noch hier stehen könnten. Dann vielleicht zusammen mit einer anderen Sitzgruppe.

JpegWürde man einige Menschen fragen, in welche Epoche sie diese Möbel einordnen würden, so würde man wahrscheinlich in viele fragende Gesichter blicken und nicht selten die — nicht ganz ernst gemeinte — Antwort „Gelsenkirchener Barock“ erhalten. Historisierende Kopien erfreuten sich, gerade in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, größter Beliebtheit. Sei es als Prestigeobjekt, oder als Möglichkeit, dem Hang und der Sehnsucht nach etwas bewusst gefestigtem, bekannten, anmutig Zuverlässigem nachzukommen. Nun ist es mit Möbeln wie in jedem Gebiet, sei es das der Literatur, der Kunst oder Mode. Auch die Epochen der Möbel, die Entwicklung der Industrie eben jener, zeugt von kulturhistorischer Wichtigkeit. Nichts gibt so viel Aufschluss darüber, wie Menschen – miteinander — lebten, wie die Stücke, auf denen sie saßen, sitzen konnten und auch durften. Werkstoffe waren Ausdruck eines gewissen Standes, Farben und Muster zeugten von Stilsicherheit.

Wie war es mit diesen zwei Stücken des Schreibzentrums? Waren sie der ganze Stolz ihrer alten Besitzer, oder gar lästiges Beiwerk zur Aussteuer? Die Innenarchitektur gewann in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Gewicht. Was passte zusammen? Was war gerade en vogue? Auch bei diesen Fragen wird einem klar, wie sehr diese Sessel ihre Rollen verändert haben. Bevor sie nach Frankfurt kamen, waren sie weitaus intakter, gepflegter und wirkten fast, als kämen sie aus einer Ausstellung. In den 10 Jahren, in denen sie nun das Schreibzentrum bereichern, saßen mehr Menschen auf ihnen, als in den Jahrzehnten davor zusammen. Sie erfüllen nun einen Zweck. Sie halfen etwas wohnlicher zu machen, was es so sonst nie gegeben hätte. Sie waren nicht länger Aushängeschild einer Familie, sondern wurden zum Gebrauchsgegenstand vieler.
JpegGibt es eine Verbindung zwischen dem nun ein Jahrzehnt andauernden Erfolg des Schreibzentrums und dem Konzept der heimeligen Wohnzimmeratmosphäre in dessen Räumlichkeiten? Die vielen hier entstandenen Texte, gelesenen Bücher und überarbeiteten Schriftstücke lassen jedenfalls keinen Zweifel, dass sich die Schreibenden hier wohl fühlen und dass mit dem Schreibzentrum an der Viadrina etwas entstand, das eine ganz besondere Atmosphäre hat und so sogar zum Vorbild für viele andere Schreibzentren weltweit wurde.

Stephanie

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

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One Response to Olivgrüne Samtsessel

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