Schwerter zu Buchstaben

Gebäude Viadrina Sprachenzentrum_foursquare2

Seminargebäude der Viadrina, August-Bebel-Str. 12 (Quelle: Foursquare)

Als ich mich im Winter dieses Jahres das erste Mal zum Seminargebäude in der August-Bebel-Straße der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) begab, war der Himmel grau und ein Nebelschleier umhüllte alles was ich auf meiner Reise sah. Schon in Berlin war die Luft eisig und Krähen flogen krächzten über der Bahnhofshalle, wo sonst nur gurrende Tauben waren. Im Zug zog die Landschaft wie in einem schauderhaft, romantischen Landschaftsbild an mir vorbei. Die stimmungsvolle Düsternis des Tages wurde bei Ankunft in Frankfurt (Oder) noch durch einen eisigen Windhauch verstärkt. Die Menschen, die am Endbahnhof gleich einer Herde aus dem Zug drängten, schienen dadurch heute noch eiliger das Weite zu suchen. Ich ließ ihnen nur zu gern den Vortritt. Einige Minuten später passierte ich eine menschenlehre Unterführung und zog den Kragen hoch als ich in den zügigen Bahnhofsvorplatz betrat.

Doch ich hatte Glück und es kam schon nach wenigen Minuten die Straßenbahnlinie 5, die mich zu meinem Ziel bringen sollte. Vorbei am Stadtzentrum, wo neue Konsumtempel vom Zeitgeist künden und das Trümmerfrauendenkmal vor dem Lichtspieltheater der Jugend vom Untergang eines Landes mahnt, in dem ich einst geboren wurde. Weiter rumpelt die Bahn, vorbei an alten Kasernen, Plattenbauten und an Häuserruinen, die inmitten einer Schnellstraße stehen. Doch dann ein Idyll. Ein Park. Umrahmt von wundervollen Gründerzeithäusern des vergangenen Jahrhunderts. Wenigstens hier hat der Krieg etwas vom alten Frankfurt stehen gelassen. Weiter ging die Fahrt vorbei an Ruinen und modernen neuen Einfamilienhäusern, die nicht so recht zu den verfallenen Häusern nebenan passen wollen. Die Bahn fuhr unter einer alten Eisenbahnbrücke hindurch, die schon lange nicht mehr befahren wird. Dahinter plötzlich eine andere Welt. Wir fuhren direkt in eine Gartenhaus-Siedung der Zwanziger Jahre. Wer hätte dies hier erwartet?

Gebäude Viadrina Sprachenzentrum im SchneeDoch dann die Durchsage: „Witzlebenstraße“. Hier muss ich doch hin! Aber wo soll inmitten dieser Siedlung ein Uni-Gebäude sein!? Ich stieg aus und schaute der grauen Masse von Menschen nach, die alle in eine Richtung liefen. Dort musste es sein, kein Zweifel. Inmitten der Siedlung stand ein Solitär aus gelben Backstein, eine alte Kaserne. Das Gebäude dominierte alle umliegenden Gebäude und wirkte auf den ersten Eindruck wie ein riesiges, wehrhaftes Stadttor einer mittelalterlichen Stadt.

Der Mittelteil der Kaserne steht deutlich zur Straße hervor. Die Ecken des Mittelbaues haben dazu noch zwei Seitentürme, die auf dem Dach mit zwei Spitzdächern gekrönt werden. Die zwei Seitenflügel daneben erscheinen, da sie etwas zurückgesetzt und auch niedriger sind, wie eine Art imaginäre Stadtmauer. Verstärkt wird der gesamte Eindruck noch durch die Zinnen im Giebelbereich des Gebäudes.

JpegIch folgte der Masse und durchschritt nun ebenfalls das „Stadttor“ hinein in das Gebäude. Der eigentliche Innentorbereich wirkte düster. Das einzige Licht fiel durch die zwei Torbögen vorn und hinten. Die Dekoration in neogotischem Strebewerk aus gelben und roten Backsteinen erinnerte mich an mittelalterliche Säle. Ich lief erstmal geradeaus durch den hinteren Torbogen ins Freie und stand unverhofft auf einem riesigen Parkplatz. Am anderen Ende des Platzes erblickte ich einen großen Turm und mehrere kleinere Anbauten, die im selben neogotischen Stil gehalten sind wie die Kaserne. Rechst steht ein weiteres Kasernengebäude, was den großen Platz umrahmt. Alle Gebäude sehen stark verfallen und sehr ruinös aus. So sind alle Häuser von meterhohen Gestrüpp umwuchert. Das Bild Dornröschens im verwunschenen dornenumwucherten Schloss kam mir in den Sinn. Der Nebel, das Gestrüpp und die verfallene Kaserne im gotischen Stil erschienen wie das Schloss im Märchen. Ich wurde unverhofft wieder in die Realität zurückgeholt, als mir ein rotumrandetes Schild vor dem Zaun, der die Bauten umgibt, auffiel. In mahnenden Worten steht dort zu lesen: ACHTUNG! BETRETEN UND BEFAHREN VERBOTEN! EHEMALIGE MILITÄRISCHE KASERNENANLAGE / VON DER LIEGENSCHAFT GEHEN ERHEBLICHE GEFAHREN FÜR LEBEN UND GESUNDHEIT AUS“. Mich überkam ein leichter Schauder bei dem Gedanken, was dort wohl noch im Erdreich verborgen liegen mag. Ich drehte um und lief zurück zur Hauptkaserne um meinen Kurs pünktlich zu erreichen. Dabei fiel mir auf, dass ich einen Trampelpfad benutzt hatte, inmitten eines Wiesenabschnittes auf dem großen Platz. Genau dort, wo die Anwohner mit ihren Hunden spazieren gehen, haben sie das alte Pflaster des Exerzierplatzes frei getrampelt. Es liegt nur einen Zentimeter unter der Grasnarbe und doch verborgen, genauso wie die Geschichte dieses Ortes. Ich wollte mehr über diese Geschichte erfahren! Das Seminar „Objektbiografien“, zu dem ich gerade auf dem Weg war, bot mir dazu Gelegenheit.

„Fest steht und Treu, die Wacht am Rhein!“… und an der Oder!?

JpegSo wie das alte deutsche Soldatenlied „Die Wacht am Rhein“ besingt, stand das Deutsche Reich am Grenzfluss Rhein auf Wache. Das Lied sollte versinnbildlichen, dass man die Landesgrenzen sichert und verteidigt. Auch hier im Osten stand man an der Oder auf der Wacht. Nur eben in entgegengesetzter Richtung. Zwar war die Oder damals noch nicht der Grenzfluss, den wir heute kennen, aber im Kriegsfall war die Oder eine wichtige strategische Verteidigungslinie. Zu diesem Zweck benötigte man Soldaten und Kasernen. Aus diesen Grund wurde nach der Reichsgründung zwischen 1878 bis 1881 ebendiese Kaserne erbaut. Entworfen wurden das Hautgebäude und die dazugehörigen Häuser vom erfahrenen Kasernenarchitekten Spitzner. Der Standort war dabei wohl gewählt, da er strategisch günstig an den Bahngleisen von Frankfurt (Oder) lag, was im Kriegsfalle eine schnelle Verlagerung der Truppen an die Ostgrenze des Reiches möglich machte. Durch die weitere Angrenzung an eine der Hauptstraßen von Frankfurt (Oder) nach Fürstenwalde war auch hier eine schnelle Verlegung der Soldaten auf dem Landwege möglich. Doch unsere Kaserne stand nicht allein und bei Betrachtung alter Stadtpläne fällt auf, dass die Stadt Frankfurt (Oder) einst sehr viele Kasernen besaß. Bereits unmittelbar nach unserer gelben Kaserne folgt an der besagten Hauptstraße die rote Kaserne (Nuhnenkaserne). Diese verdankt ihren Namen, wie unsere gelbe Kaserne, hauptsächlich ihrer farblichen Erscheinung. Die Farbe rührt von dem verwendeten roten bzw. gelben Backstein der Außenverkleidung. Die Stadt selbst wurden wegen ihrer strategisch günstigen Lage zur Garnisonsstadt erklärt. So bildete sie mit anderen Städten an der Oder, wie Küstrin und Stettin, eine Kette von Garnisonsstädten. Diese sollten im Kriegsfall die Ostgrenze des Reiches verteidigen helfen. Da Frankfurt (Oder) somit ein wichtiger Eckpfeiler in der Verteidigung der Oderlinie und des östlichen Gebietes hinter der Oder war, sollte sich diese Bedeutung auch in der Gestaltung der Kaserne wiederspiegeln. So wurden von Spitzner die Bauelemente der Kaserne deutlich mit einem dominanten wehrhaften Charakter versehen, der an eine Mischung aus mittelalterliche Stadttor und Ritterburg erinnert.

Foto Sprachenzentrum_four squareDie Hauptkaserne besteht aus drei Teilen. Einem hervorstehenden Mittelbau zur Straße hin und zwei niedrigeren Seitenflügeln. Der Grundriss des Gebäudes ist dabei leicht V-Förmig. Der Mittelbau sticht nicht nur durch das beschriebene Stadttormotiv hervor, sondern auch durch ein Wappen auf dem Zinnenkranz. Es zeigt ein Wappen mit einem roten Adler. Dabei fällt mir ein altes Lied ein, das ich in der Grundschule auswendig lernen musste. Das Lied der Brandenburger, das gleich einer Nationalhymne bei keiner Kremserfahrt oder Wanderung fehlen durfte. Dessen Refrain: „Steige hoch du roter Adler!“ mir heute noch in den Ohren klingt. Es handelt sich also um das Wappentier Brandenburgs. Doch steht es nicht für das gleichnamige noch junge Bundesland, im vereinten Deutschland, sondern für die Altmark Brandenburg, zu der auch die Stadt Frankfurt (Oder) gehörte. Darüber mutet eine moderne zweckdienliche Installation dem ästhetischen Empfinden des Betrachters einiges zu. So ist das Flachdach des Mittelbaues der Hauptkaserne mit der Installation einer modernen Antenne eines Mobiltelefonanbieters „geschmückt“. Ein Verbrechen am Stil- und Schönheitsempfinden. Aber damit auch ein Kind der Zeit, welche vielfach Pragmatismus vor Schönheit stellt.

Die Seitenflügel weisen nur drei Etagen auf und sind ebenfalls mit Zinnen im Giebelbereich sowie einem Flachdach ausgestattet. Als bauliche Besonderheit haben die Seitenbauten noch jeweils hervorstehende Treppenhäuser zum Exerzierplatz hin. Der Garten vor dem Haus scheint heute etwas vernachlässigt. Ursprünglich wurde er als Offiziersgarten angelegt, mit geschwungener Wegeführung und unterschiedlichen Parkelementen. Von diesem hat sich bis heute lediglich der Baumbestand erhalten. Umfasst wird das Ganze von einem hohen schmiedeeisernen Zaun, dessen Pfosten aus demselben gelben Backstein bestehen wie unsere Kaserne. Die Form, die Aussparungen und Schmuckelemente der Pfosten harmonieren mit der Kaserne und ihren gotischen Fenstern und Zinnen. In der Gesamtansicht fällt daher auf, dass die Kasernenanlage ein neogotisches Gesamtkunstwerk ergibt. In der Neogotik spiegelt sich ein idealisiertes Mittelalterbild der Romantik wieder, das das Mittelalter als die Zeit eines starken Deutschen Reiches begriff, zu dem das junge deutsche Kaiserreich gern aufschließen wollte.

Warum eine Kaserne in Form einer Burg bzw. eines Stadttores!?

JpegDie Hintergrundgeschichte zum Bau beginnt einige Jahre vor dem Bau unserer Kaserne. Nach dem siegreichen Feldzug gegen Frankreich 1870/71 war das neu gegründete Deutsche Kaiserreich in die günstige Lage gekommen, umfangreiche Reparationszahlungen von Frankreich zu erwirken. Dadurch kam es zu einer immensen Finanzschwemme, infolge derer das junge Deutsche Kaiserreich zahlreiche Bauprojekte finanzieren konnten. So wurden neben militärischen Gebäuden, wie in unserem Fall, auch bedeutende Nationaldenkmäler verwirklicht. Diese hatten einen einfachen Zweck! Wie alle Prestigebauten eines neu gegründeten Staates sollten diese den Staat möglichst günstig darstellen und ihm eine geschichtliche Legitimation geben. Für eben diesen Zweck war das Objekt des Kölner Doms am besten geeignet. So wurden die Bauarbeiten am Kölner Dom, der seit über 500 Jahren auf seine Vollendung wartete, wieder begonnen. Doch kannte nach all den Jahrhunderten niemand die historischen Pläne. Einem Wink des Schicksals ist es zu verdanken, dass ein Kunsthistoriker zufällig die Originalpläne des Doms entdeckte. Auf einem Speicher einer Gastwirtschaft, in dem Bohnen trockneten, wurde er fündig und erwarb die Pläne, als er deren Wert erkannte. Dadurch konnte man anhand der alten Pläne des ersten Architekten, Meister Gerhard, nun den Dom vollenden. Die Fertigstellung des gotischen Domes in Köln war ein mediales Großereignis. Die Gotik selbst wurde im Zuge des Aufbaues als „Der deutscheste Stil“ der Architekturgeschichte begriffen. Es entbrannte um die Gotik ein Kulturkampf zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich. In der Kernfrage ging es darum, wessen Nation diesen Stil begründet hätte. Beide Seiten beharrten darauf, den Stil für ihre Nation zu beanspruchen. Ähnlich wie heute der Komponist Beethoven einerseits von Österreich und andererseits von Deutschland beansprucht wird. Doch eine solche Zuweisung zu treffen fällt umso schwerer in Bezug auf eine Zeitepoche, in der beide Staaten noch nicht existierten und die Wirkungsstätten heute auf beiden Staatsgebieten liegen.

So kam es, dass in Deutschland der Stil der Neogotik besonders in Mode kam. Ob nun in Form von Möbeln und kunsthandwerklichen Alltagsobjekten oder auch in Form von Mittelalterfesten. Aber auch die Architektur nahm diese Mode auf und entwarf Gebäude im neogotischen Stil. Dass nun auch neu zu errichtenden Kasernen vielfach in diesem Stil gehalten wurden, lag auf der Hand. Deshalb wurde die gelbe Kaserne in neogotischen Formen geplant und errichtet.

Die wechselvolle Nutzung der Kaserne

JpegDie Kaserne war wie erwähnt ab 1881 bezugsfertig. Genutzt wurde die Kaserne ab Fertigstellung vom Grenadiergarderegiment Prinz Karl von Preußen Nr. 12, weshalb die Kaserne auch die 12. Kaserne genannt wurde. Wieder ein neuer Name. Damit sie eindeutiger benannt werden konnte, wurde sie 1920, im Zuge der Umbenennung der Straße in Hindenburgstraße, in Hindenburgkaserne umbenannt. Noch ein neuer Name. Der Name steht dabei für einen Kriegshelden des ersten Weltkrieges und späteren Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg.

Doch warum heißt heute die Haltestelle der Straßenbahn nicht Hindenburgkaserne oder gelbe Kaserne, sondern Witzlebenstraße? Der spätere Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben war von 1931 bis 1933 Regimentskommandeur in der Hindenburgkaserne. Er war einer der bedeutenden Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Deshalb trägt heute die benachbarte Straße längs des Exerzierplatzes seinen Namen, so dass auch die Tramhaltestelle „Witzlebenstraße“ heißt.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde die Westkaserne hinter dem Hauptgebäude am 20. April 1945 von Fliegerbomben zerstört. Nach Einnahme der Stadt Frankfurt (Oder) durch die Rote Armee wurde auch das Kasernengelände von dieser übernommen. Des Weiteren wurde in der ehemaligen Hindenburgkaserne ein Lazarett für die in Frankfurt (Oder) ankommenden Vertriebenen Deutschen und Kriegsgefangene eingerichtet. Es bestand von 1945-1947. Danach übernahm die Rote Armee das Gelände und errichtete einige Schuppen und Stallgebäude am Rande des Exerzierplatzes. Dabei wurde auch die Ruine der Westkaserne abgerissen. Als die Rote Armee nach der Wiedervereinigung 1992 abzog, fiel das Gelände in einen tiefen Dornröschenschlaf. Nur das Hautgebäude und der Exerzierplatz wurden daraus erweckt. Denn in den Jahren 1993-1999 wurde schließlich das Hauptgebäude saniert und der Offiziersgarten sowie der Exerzierplatz von Munitionsresten befreit. Sodann konnte das Gebäude als Seminargebäude der neugegründeten Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) übergeben werden.

Doch wieso: Schwerter zu Buchstaben!?

Aus einem Ort des Militarismus und Krieges ist heute ein Ort der Muse und der Buchstaben geworden, an dem als größter Nutzer das Sprachenzentrum der Universität untergebracht wird. Statt um Krieg geht es hier heute also um Verständigung. Auch das in der gelben Kaserne beheimatete Schreibzentrum ist lebendiger Ausdruck dieser Entwicklung. Das abgewandelte Bibelzitat „Schwerter zu Buchstaben“ fasst dies humorvoll zusammen: Die Schwerter und Waffen sind Buchstaben gewichen. So ist aus einer ehemaligen Soldatenstube ein Ort der freien wissenschaftlichen Arbeit geworden. Eine der Hauptaufgaben des Schreibzentrums ist es, Studierende bei der Entwicklung von Schreibkompetenz zu unterstützen. Dabei geht es nicht etwa darum, das 10-Finger-System zu erlernen, sondern darum, mittels modernster Lernmethoden den Studierenden das Schreiben neu erlebbar zu machen. Denn es ist, wie das Sprichwort sagt, noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch das Schreiben kann erlernt und verbessert werden. Dabei unterstützt das Schreibzentrum die Studierenden und vermittelt ihnen wertvolle Ratschläge und Kniffe wie man z.B. anders schreiben kann, sich selbst besser motiviert und Schreibblockaden überwindet. Eine spezielle Tutoren Schreibausbildung ermöglicht den Studierenden darüber hinaus das erlernte Fachwissen an andere Studierende weiterzugeben. Neben diesem Aspekt der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten gibt es noch die fachliche wissenschaftliche Arbeit. So ist das Schreibzentrum aktiv in der internationalen Schreibforschung tätig, was durch zahlreiche Publikationen deutlich wird.

Metamorphose einer Kaserne

JpegIm Anschluss an meinen ersten Kurstermin wollte ich auch noch den Rest der militärischen Anlage sehen. So war es immer noch neblig und kühl. Ich trat aus dem Torbogen, aber diesmal ging ich in die entgegengesetzte Richtung. Ich suchte nach Überresten der erwähnten Westkaserne, die 1945 durch Bombardierung  zerstört worden war. Doch statt Trümmern und Ruinen fand ich neben einem Trampelpfad im ausgetrockneten Gras Granitblöcke, die so aneinandergereiht waren, dass sie die Grundform, den Umriss eines Gebäudes zeigten. Doch woher diese Blöcke!? Und warum nicht wie sonst bei Ruinen Fundamentreste!? So sollte doch die Ruine noch von den Sowjetsoldaten abgetragen worden sein? Vor allem beschäftigte mich die Frage, woher diese Granitblöcke nun stammten. Ich sollte es später herausfinden: Im Stadtarchiv fand ich eine Akte über die Munitionsbereinigung des Geländes. Darin enthalten war die kurze Randnotiz, dass man in den vergrabenen Überresten der Westkaserne Granitblöcke des Giebels oder der unteren Zone des Gebäudes gefunden hatte. Man sammelte diese und legte sie anschließend so aneinander, dass diese den Umriss der alten Kaserne nachbildeten. Da dies vor fast 20 Jahren geschah, ist es nicht verwunderlich, dass mittlerweile sprichwörtlich Gras über die Sache gewachsen ist. Ebenso wie über die alten Pflastersteine des Exerzierplatzes.

Ich dachte darüber nach, wie noch vor wenigen Jahrzehnten hier Männer meines Alters den Dienst an der Waffe erlernten und über diesen Platz marschierten. Auch das Leid und Elend, das aus den Folgen eines Krieges erwuchs, wurde in dieser Kaserne offenbar. So sind die zahlreichen Toten, die das Lazarett täglich auf eben diesen Platz ausspuckte, nie gezählt worden. Ja, nicht einmal ihre letzte Ruhestätte in Massengräbern ist bekannt. Damit steht die Kaserne durch ihre ureigene Geschichte mahnend für den Frieden. Um diesen zu gewährleisten ist eine Verständigung und Zusammenarbeit der europäischen Nationen zwingend notwendig, weshalb die neue Bestimmung als Seminargebäude der neugegründeten Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) sicherlich das Beste war, was dieser Kaserne passieren konnte. So lernen nun junge Europäer gemeinsam an einer Universität. Sie werden dabei kulturelle Schranken abbauen und Brücken bauen zwischen den Völkern. Aus ehemaligen Feinden wurden so Freunde und es entwickelt sich über Jahrzehnte eine europäische Union, die die alten Gräben hinter sich lassen wird, um vereint ein neues friedliches Europa zu schaffen.

Christopher

Weitere Objektbiographien zum Schreibzentrum

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One Response to Schwerter zu Buchstaben

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