Make critical thinking great again

Vom 27.09.-29.09.2018 fand die 11. Schreib-Peer-Tutor*innen Konferenz an der TH Nürnberg statt. Was 2008 in Frankfurt (Oder) mit 20 Teilnehmer*innen begonnen hat, ist mittlerweile zu einem großen Event geworden, an dem rund 170 Schreib-Peer-Tutor*innen und Schreibzentrumsmitarbeiter*innen aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen haben.

Dem Thema “Kritisches Denken im Kontext der Schreibberatung” näherten wir uns auf unterschiedliche Art und Weise – unter anderem durch Workshops, Vorträge, Lesekreise und Open Spaces. Wir diskutierten über Fragen, wie z.B. “Was bedeutet kritisch in Bezug auf Denken” oder “Denken wir beispielsweise auch kritisch, wenn wir über unsere Schreibberatungen reflektieren?” Das Programm wurde abgerundet durch morgendliche Yoga-Stunden, Stadtführungen und Restaurantbesuche am Abend – eine ordentliche Portion bayerische Gastfreundschaft gab es immer oben drauf.

Wir haben zahlreiche Ideen und Impulse mitnehmen können und möchten einige davon mit euch teilen:

Was wir von Sokrates über das kritische Denken lernen können – oder Sokrates als erster Peer-Tutor?

Eine kleine Geschichte aus Sokrates´ Leben:

“Sokrates ging jeden Tag auf den Athener Marktplatz und verwickelte die Bürger*innen in Gespräche. Mit seinen Fragen weckte Sokrates Zweifel an vorschnellen Urteilen, ohne sich selbst auf eine bestimmte Ansicht festzulegen. Eines Tages traf er dort auf einen seiner Schüler, Theaitetos, und sie führten einen Dialog: Sokrates fragte seinen Schüler, was Erkenntnis ist. Dieser entgegnete: Ich glaube, daß sowohl dasjenige, was jemand vom [Mathematiker] Theodoros lernen kann, Erkenntnisse sind, die Meßkunst nämlich und die Schuhmacherkunst und die Künste der übrigen Handwerker scheinen mir alle und jede nichts anders zu sein als Erkenntnis. Sokrates entgegnete: Wenn du sagst das Schuhmachern, meinst du damit etwas anderes als die Erkenntnis von Verfestigung von Schuhen? Und wenn du sagst die Tischlerei, meinst du dann damit etwas anderes als die Erkenntnis von Verfestigung hölzerner Gerätschaften?  Theaitetos antwortete: Du hast recht, ich meine nichts anderes. Das Gefragte war aber nicht dieses, wovon es Erkenntnis gäbe, noch auch, wie vielerlei sie wäre. Denn wir fragten nicht mit der Absicht, sie aufzuzählen, sondern um die Erkenntnis selbst zu begreifen, was sie wohl sein mag. Oder habe ich Unrecht?, fragte Sokrates. Nein, du hast recht, entgegnete Theaitetos.”

Platon (1991): Alkibiades. In: Platon. Sämtliche Werke. Herausgegeben von Karlheinz Hülser. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher u.a. Bd. 2. Frankfurt a.M., Leipzig: Insel: 64-173.

Was hat das mit dem kritischen Denken und vor allem mit unserer Tätigkeit als Schreib-Peer-Tutor*innen zu tun?

Wie aus dem Dialog zwischen Sokrates und seinem Schüler Theaitetos deutlich wird, versucht Sokrates ihn zum kritischen Denken anzuregen. Durch das konsequente Hinterfragen versucht Sokrates Aussagen und Denkmuster seines Schülers offenzulegen, so dass sein Schüler sie selbst auf mögliche Widersprüche überprüfen kann. Theaitetos widerlegt seine Ideen und  gelangt eigenständig zu neuen Überzeugungen. Durch seine Fragen und die Einhaltung eines nicht-direktiven Beratungsstils (wie wir Tutor*innen sagen würden), fördert Sokrates kritisches Denken, wobei die Verantwortung des eigenen Denkens und die Erkenntnisse stets bei Theaitetos bleiben.

Wir Schreib-Peer-Tutor*innen verstehen uns wie Sokrates als interessierte Zuhörer*innen und Leser*innen, ohne die Absicht zu haben, die Ratsuchenden zu belehren. Durch das Stellen von Fragen und die nicht-direktive Gesprächsführung innerhalb von Schreibberatungen, können wir nicht nur kritische Denkprozesse bei den Ratsuchenden initiieren, sondern auch die kritische Reflexion des eigenen Denkens fördern.

Für diesen wunderbaren Exkurs in die Antike mit vielen Aha-Momenten danken wir Leonardo vom Schreibzentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Kritisches Denken und die Freude am Lernen

Auf dem Cover ihrer Autobiographie ist die Autorin bell hocks [die Autorin publiziert ihr Pseudonym in Kleinschreibung] selbst als junges Mädchen zu sehen, welche ein Buch in ihrer Hand mit interessierten und gleichzeitig kritischen Blick betrachtet. Die Autorin bezeichnet ihr jüngeres Ich dabei selbst als ihre Version eines ‚Thinkers‘. Den Drang Dinge zu hinterfragen und den kindlichen Durst nach Wissen kennen wir alle, wenn uns Kinder mit Fragen nach dem Warum und Wieso der Welt durchlöchern. Ihr Drang danach die Welt um sie herum zu begreifen und zu hinterfragen, bringt uns durchaus manchmal selbst in Bedrängnis. Doch wenn aus Schülern*innen Studenten*innen werden, scheint gerade dieser Drang, dieses Hinterfragen vielen verloren gegangen. Aus den aktiv lernenden Kindern, wurden junge Erwachsene, welche in den meisten Fällen in Hoffnung auf eine annehmbare Note passiv Wissen aufnehmen und wiedergeben.

Die Autorin bell hocks erzählt dazu aus ihrer eigenen Erfahrung als Lehrende. Denn sie selbst hat erlebt, wie Student*innen sich bemühen die Meinungen ihrer Professor*innen einzunehmen und wiederzugeben, in der Hoffnung, eine gute Note zu erhaschen. Diese Student*innen, die Wissen aufnehmen und es schlicht wiedergeben, stehen im Gegensatz zu dem Kind, welches der Freude des Lernen willens lernt. Wie können Student*innen nun wieder zu dieser Freude zurückkehren und selbst zu neuen Ansichten kommen? Durch das Erlernen und Schulen ihres kritischen Denkens.

Mehr dazu haben wir durch Daniel Willingham erfahren. Dieser ist ein Professor für kognitive Psychologie und deren Anwendung im schulischen Umfeld. Er  beschreibt kritisches Denken als die Einnahme eines offenen Standpunktes, der es erlaubt, auch Meinungen und Belege aufzunehmen, welche der eigenen Idee widersprechen. Kritisches Denken soll Probleme lösen und angenommene Fakten hinterfragen, um zu neuen Anstößen und Ansichten zu gelangen. Doch wie lässt sich dies mit Student*innen vereinbaren, welche darauf hoffen, mit der Meinung des Lehrenden um eine Note willens konform zu sein, welche oftmals nur Powerpoints bis zur nächsten Klausur auswendig lernen? Student*innen, die keine Freude am Lernen empfinden.

Bell beschreibt das Erlernen des kritischen Denkens an der Hochschule als einen gemeinsamen Akt zwischen Lernendem und Lehrenden. Die Aufgabe des Lehrenden, ob Professor*in oder Peer-Tutor*in ist es, die Student*innen zu ermutigen ihre Standpunkte zu hinterfragen. Sich zu öffnen für andere Ansichten und zu eigenen Schlüssen zu gelangen, welche auch mit ihren zuvor gefassten Eindrücken brechen können. Gleichzeitig fordert uns das kritische Denken dazu auf, ebenfalls unsere eigenen Ansichten zu hinterfragen. Nur so ist das Erlangen neuer Einblicke möglich und eine offene Kommunikation miteinander. Lernen wird damit wieder zu einem aktiven Akt und einer Freude, welche uns dazu anregt, ganz in kindlicher Manier nach dem Wieso und dem Warum zu fragen und der Welt um uns herum offen zu begegnen.

Das Motto der SPTK 2018 hat letztendlich dazu geführt, dass wir uns als Schreib-Peer-Tutor*innen damit auseinandergesetzt haben, wie wir kritisches Denken bei Ratsuchenden fördern können, aber vor allem auch wie wir unsere Rolle als Schreib-Peer-Tutor*innen und unsere Schreibberatungen kritisch reflektieren, wie z.B. durch regelmäßige Gespräche mit Kolleg*innen während der Teamtreffen, persönliche Journale oder kollegiale Fallberatungen. Wir sind mit vielen erfrischenden Impulsen nach Hause gefahren und freuen uns schon auf die nächste SPTK im kommenden Jahr in Dresden.

Literatur:

Platon (1991): Alkibiades. In: Platon. Sämtliche Werke. Herausgegeben von Karlheinz Hülser. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher u.a. Bd. 2. Frankfurt a.M., Leipzig: Insel: 64-173.

bell hooks (2007): Teaching Critical Thinking: Practical Wisdom. London: Routledge: 1-12, 43-48.

Über Schreibzentrum Viadrina
www.europa-uni.de/schreibzentrum

One Response to Make critical thinking great again

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