Schreibwissenschaft — eine neue Disziplin?

In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum so viel getan in Bezug auf das akademische Schreiben, dass mittlerweile die Frage im Raum steht, ob es allmählich an der Zeit ist, von einer deutschsprachigen Schreibwissenschaft als neuer Disziplin zu sprechen.

Kennzeichen wissenschaftlicher Disziplinen

Kennzeichen wissenschaftlicher Disziplinen sind nach Stichweh (1994) homogene Kommunikationszusammenhänge und Bestände von Wissen sowie gemeinsame Fragestellungen, Forschungsmethoden und paradigmatische Problemlösungen. Es gebe zudem disziplinspezifische Karrierewege und eigene Institutionen für die Wissenschaftssozialisation (zusammengefasst nach wissenschaft: im dialog).

Schreibwissenschaft in Deutschland

In Deutschland haben wir mit der gefsus – Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung inzwischen eine gut etablierte wissenschaftliche Fachgesellschaft. Dieses unterstützt nicht nur die Vernetzung durch aktive Spezielle Interessengruppen, sondern auch die Professionalisierung durch Weiterbildungsangebote.Und sie nimmt Einfluss auf Hochschulen und deren Politik, beispielsweise durch das Positionspapier Schreibkompetenz im Studium.

Logo von JoSch - Journal der SchreibberatungEs gibt verschiedene Fachpublikationen und mit JoSch, dem Journal der Schreibberatung, bei wbv media eine etablierte Fachzeitschrift, die in Print und Online erscheint. Ebenfalls bei wbv media erscheint die Buchreihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft„, in der unter anderem ein Handbuch zu Forschungsmethoden der qualitativen Schreibprozessforschung erschienen ist, aber auch Praxisbücher wie die zu Writing Fellow Programmen. Auch der wissenschaftliche Nachwuchs hat hier die Möglichkeit, Dissertationen zu veröffentlichen: Daniel Spielmann publizierte in der Reihe seine Monografie zur Portfolioarbeit in der Schreibberatungsausbildung, Ella Grieshammer ihre Studie zu Beratungsgesprächen im Schreibzentrum und Magdalena Knappik ihre subjektivierungstheoretischen Untersuchungen zu Schreibbiografien von ein- und mehrsprachigen Studierenden.

Außerdem gibt es nun auch eine erste Professur für Schreibwissenschaft an der Hochschule der Populären Künste in Berlin. Katrin Girgensohn und Nadja Sennewald bauen dort einen Bachelor-Studiengang für Kreatives Schreiben und Texten auf, der nicht nur explizit auf schreibwissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, sondern auch eine Ausbildung in Schreibberatung integriert, die den im Rahmen der gefsus erarbeiteten Qualitätsstandards für die Ausbildung von studentischen Schreibberater*innen entspricht. Letztere sorgen übrigens schon seit 2008 auch selbst für eine Qualitätssicherung, durch die jährlich stattfindenden und von den Studierenden selbst organisierten Schreib-Peer-Tutor*innen-Konferenzen (dieses Jahr in Dresden).

Tagung zur Schreibwissenschaft in Klagenfurt

Tagungsbanner Schreibwissenschaft

Tagung Schreibwissenschaft in Klagenfurt

Kurzum: Vieles spricht dafür, dass eine Disziplin im Entstehen ist. In Klagenfurt wird nun in der kommenden Woche eine spannende Konferenz stattfinden, die sich näher mit dem Thema beschäftigt. Sie wird ausgerichtet vom Schreibcenter der Alpen-Adria-Universität und den drei deutschsprachigen Fachgesellschaften GewissS (Österreich), Forum Wissenschaftliches Schreiben (Schweiz) und gefsus (Deutschland). Vertreter*innen verschiedener Disziplinen, wie zum Beispiel Literaturwissenschaften, Translationswissenschaften oder Technikwissenschaften, werden erläutern, wie in ihren Fächern mit dem Thema Schreiben umgegangen wird. Und die Teilnehmenden werden diese Beiträge fortlaufend diskutieren und um eigene Perspektiven anreichern. Am Ende wird es dann vielleicht möglich sein, die Frage, inwiefern es eine deutschsprachige Schreibwissenschaft gibt, besser zu beantworten.

Über Schreibzentrum Viadrina
www.europa-uni.de/schreibzentrum

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