Gut gegründet – Die Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung nimmt ihre Arbeit auf

Göttingen, am 21. Januar 2013, ein Wintermärchen. Es schneit, und aus allen Himmelsrichtungen sind wir angereist zu einem großen „Date“: Nur ein Dreivierteljahr nach der Bochumer Open Space-Tagung „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ gründen wir die „Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung“. Sie wird am Internationalen Schreibzentrum der Universität Göttingen angesiedelt sein. Damit gibt es nun endlich auch in Deutschland einen Verein, der für die Interessen einer professionellen Schreibdidaktik in der höheren Bildung, in Forschung, Praxis, Aus- und Weiterbildung durch Vernetzung und Austausch eintritt:

„Die Gesellschaft versteht sich als Vertretung von Personen, die in Hochschulen, Schulen oder in freier Praxis insbesondere im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens lehren, beraten, vermitteln und forschen“.

So steht es auch in der Präambel der Satzung. Wir treten für die Gründung von Schreibzentren ein, engagieren uns für die Professionalisierung des Nachwuchses und für die Vernetzung der institutionell und freiberuflich tätigen SchreibdidaktikerInnen. Auch wollen wir Fachtagungen ausrichten und können uns dabei eine Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem deutschsprachigen Raum wie der Prowitec, dem Forum wissenschaftliches Schreiben in der Schweiz und der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben gut vorstellen.
Der Gründungsvorstand der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung

Der Gründungsvorstand der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung

Den Vorsitz übernimmt Melanie Brinkschulte (Internationales Schreibzentrum der Universität Göttingen). Als Stellvertreterin wurde Katrin Girgensohn (Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/O.) und als Schatzmeisterin Jana Zegenhagen (Lese- und Schreibzentrum der Universität Hildesheim) gewählt. Beisitzerinnen sind Andrea Frank (Schreiblabor der Universität Bielefeld), Eva-Maria Lerche (Kompetenzzentrum Schreiben der Universität Paderborn), Ulrike Lange und Maike Wiethoff (Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum) und Daniela Liebscher (als Vertreterin der FreiberuflerInnen). Die Kassenprüfung übernehmen Ella Grieshammer und Annett Mudoh (Internationales Schreibzentrum der Uni Göttingen).

Der Vorstand wird jetzt die erste Mitgliederversammlung organisieren, Mitglieder werben und sich auf den nächsten Fachtagungen vorstellen. Die erste Mitgliederversammlung findet am 26. September 2013 in Bochum statt – einen Tag vor der Peer-Schreib- TutorInnen-Konferenz des Schreibzentrums. Erste Informationen darüber wird es schon Mitte Februar auf der Prowitec-Tagung in Hamburg geben.

Nach unserer intensiven vierstündigen Sitzung laufen wir nun durch den Schnee zurück zum Bahnhof. Der Winter hat den Fahrplan durcheinandergewirbelt. Aber wir sind guter Dinge. Die „Gesellschaft“ ist auf den Weg gebracht, die Reise kann losgehen….

Und für alle, die sich der Reise anschließen wollen:

  • Mitglied werden! Beitrittsantrag ausfüllen und abschicken.
  • In die Mailing-Liste eintragen: gesellschaft@schreibdidaktik.de
  • Auf Tagungen, Konferenzen und Treffen über die „Gesellschaft“ reden und für sie werben.
  • Diesen Blogbeitrag verlinken.
  • Spenden für die Organisation der ersten Mitgliederversammlung, da wir noch keine Mitgliedsbeiträge erheben.
  • Zur Mitgliederversammlung kommen und mitbestimmen.
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Wir haben einen Namen!

Die Bochumer Initiative, einen Verband für Schreibdidaktiker_innen und Schreibforscher_innen an deutschen Hochschulen und in freier Praxis zu gründen, ist einen Schritt weiter. Der Gründungsausschuss hatte alle Interessierten eingeladen, bis zum 30. Juni 2012 über den Namen der künftigen Vereinigung online abzustimmen. Er stellte insgesamt sechs Namensvorschläge zur Wahl. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden (80 % ) votierte für

„Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung“.

13% unterstützten den Vorschlag „Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben“, und 7% plädierten für „Gesellschaft für akademische Schreibdidaktik und Schreibforschung“. Dieses Ergebnis ist eindeutig.

Wir danken allen, die teilgenommen haben, für ihre Unterstützung !

Die bundesdeutsche Schreibdidaktik geht unter die Gründer_innen

Der entscheidende Anstoß kam auf der Bochumer Open-Space-Tagung im März: Die Tagungsteilnehmerinnen beauftragten einen Ausschuss, die Gründung eines Berufsverbandes vorzubereiten. Für diesen Ausschuss berichte ich nun hier:
Wir vertreten die Schreibzentren Bochum, Göttingen, Hildesheim, Paderborn und den AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg. Die haupt- und freiberufliche Perspektive der deutschen Schreibdaktik finden hier zusammen. Otto Kruse unterstützt uns mit wertvollen Hinweisen aus seinen internationalen Verbandserfahrungen.

Warum wollen wir das?

Seit „Bologna“ ändert sich die Sicht auf das wissenschaftliche Schreiben an deutschen Hochschulen – und auch an den Oberschulen: Das wissenschaftliche Schreiben ist Teil der Lehr- und Studienpläne geworden; neue Textsorten entstehen; das Schreiben im Übergang zwischen Schule und Hochschule sowie zwischen Hochschule und Beruf gewinnt unter dem Schlagwort der „Berufsorientierung“ an Bedeutung. An immer mehr Hochschulen entstehen Schreibzentren, die die schreibintensive Lehre und Schreibberatung ebenso fördern wie die Erforschung des Schreibens. Dementsprechend nimmt die Zahl der Personen zu, die in diesem Bereich arbeitet, forscht, lehrt, ausbildet und berät.

Inzwischen sind die deutsche Schreibdidaktik und Schreibforschung sehr gut aufgestellt. Das soll im Berufsverband sichtbar werden.

Was wollen wir?

De jure geht es um die Gründung eines Vereins.
De facto soll die zu gründende Vereinigung

  • 1. das Wissen der deutschen Schreibdidaktik und –forschung über wissenschaftliches und domänenspezifisches Schreibens mehren,
    dieses Wissen international und interdisziplinär verbreiten und vernetzen und
    die Anliegen der Schreibdidaktik in der Öffentlichkeit vertreten.
  • 2. die Personen zusammenführen, die in Hochschulen, Schulen oder in freier Praxis insbesondere im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens arbeiten (in Lehre, Schreibberatung und/oder Schreibforschung),
    die schreibdidaktische Aus-, Fort- und Weiterbildung der Mitglieder fördern und
    ihre beruflichen Interessen vertreten.

Inzwischen haben wir eine Satzung entworfen, in der die Details geregelt sind. Der Entwurf kann angefordert werden beim:  kompetenzzentrum.schreiben@uni-paderborn.de

Was brauchen wir?

Einen Namen! Wir nutzen die Suche gleich für das, was die künftige Vereinigung ausmachen soll: für Vernetzung und Werbung in eigener Sache und für unsere Interessenvertretung. Alle Schreibdidaktiker_innen und Schreibforscher_innen an deutschen Hochschulen oder in freier Praxis haben ab sofort die Möglichkeit, über den Namen abzustimmen. Zur Abstimmung geht’s hier…

Die Abstimmung wird am 30.06.2012 geschlossen.

Vielen Dank!


Von Hummeln und Schmetterlingen: Die deutschsprachige Schreibdidaktik in Bochum

Die Open-Space Tagung in Bochum „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vom 22.-23. März bot die Möglichkeit über schreibdidaktische Themen zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln und über Wege für eine bessere Vernetzung nachzudenken. Ca. 70 Personen hatten sich angemeldet, von denen auch fast alle anwesend waren. Unter den TeilnehmerInnen waren FreiberuflerInnen, HochschulmitarbeiterInnen und studentische Peer-TutorInnen. Fast alle Schreibzentren aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Brandenburg, Bremen und Hamburg waren vertreten, sogar Schreibdidaktiker aus der Schweiz (Winterthur) und Österreich (Graz) nahmen teil. Wie gut wir teilweise bereits vernetzt sind, zeigte unser AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg auf der Tagung: Wir vertraten nicht nur den regionalen AK, sondern zugleich das Schreibzentrum der Viadrina (Simone Tschirpke) und die Schreibdidaktik an den Universitäten Hildesheim (Jana Zegenhagen), Hannover (Nora Peters) und Göttingen (Ella Grieshammer).

Marktplatz der Ideen

Besonders anregend fanden wir das gewählte Format: Zunächst wurden „Anliegen“ bzw. Themenbereiche von den Teilnehmerinnen (und ein paar Teilnehmern…) auf einem großen Blatt formuliert, z.B.

Open Space-"Anliegen".
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

  • „Organisation der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“
  •  „Faculty-Students Partnerships“
  •  „Standards einer Peer-Tutoren-Ausbildung“
  • „Möglichkeiten zur praxisnahen Forschung in der Schreibdidaktik“
  •  „Journal der Schreibberatung (JoSch)
  • „Gründung eines Berufsverbands“
  • „Schreibberatung für Berufstätige“
  • „Zusammenarbeit von NachwuchswissenschaftlerInnen“ uvm.

Insgesamt kamen so rasch 23 Themen zusammen; ein 24. Thema („Öffentlichkeitsarbeit für Schreibzentren“) wurde spontan noch Freitag morgen eingebracht. Auch dafür bot das Format Raum.

Wer ein Thema vorschlug, stellte es kurz dem Plenum vor, pinnte es dann an die große Wand in eine Zeiteinheit, in der er/sie das Thema diskutieren wollte: Donnerstag um 12 Uhr oder Freitag um 10.30 Uhr. Die Themenrunden wurden auf insgesamt 7 Räume verteilt oder spontan wegen des schönen Wetters ins Freie verlegt.

Man musste sich also für eine Runde entscheiden, hatte aber auch die Erlaubnis, eine Gruppe zu verlassen und sich eine Pause zu gönnen („Schmetterling“) oder zu „hummeln“ (zwischen den Gruppen zu springen).

Diskussion über Peer- Tutoren-Ausbildung
© AK Schreibdidaktik Berlin-Br.

Dokumentation der Gruppe "Peer- Tutoren-Ausbildung"
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Jede Gruppe dokumentierte ihre Ergebnisse abschließend im Flur. Ein großer Raum diente als „Café“ und Informationsbörse, dort hingen unsere „Steckbriefe“, die wir vorher den Organisatorinnen zugeschickt hatten.

Von der Idee zum Projekt

Am Freitag Nachmittag trugen wir im Plenum konkrete „Vorhaben“ zusammen, die sich aus den regen Diskussionsrunden ergeben hatten, und für die wir Unterstützung suchen:

  • Die Verbandsgruppe setzt einen Gründungsausschuss ein.
  • Die Zeitschrift „JoSCH“ sucht neue MitstreiterInnen, ReviewerInnen und MitarbeiterInnen.
  • Am 24.10.2012 soll um 11.55 in ganz Deutschland ein Schreib-Flashmob stattfinden.
  • Eine gemeinsame Datenbank für Protokollvorlagen und Datenerhebungen in den Schreibzentren soll erstellt werden usw.

Die letzte Runde bestand nun darin, dass sich zu jedem Vorhaben die Interessierten zusammensetzten und konkrete Schritte überlegten, um das Vorhaben in Gang zu setzen. Immer wieder wurde uns deutlich, wie sehr sich die SchreibdidaktikerInnen die Vernetzung untereinander wünschen. Als gemeinsame Plattform soll zunächst das Diskussionsforum schreibzentren.mixxt.de dienen.

Das war BÜZ!

Alles in allem:
B
(ehalten) werden wir die vielen neuen Kontakte.
Ü(berraschend) war die Vielfalt der diskutierten Themen und die Effektivität der Open-Space Methode, die das Erarbeiten konkreter, kleiner Ziele ermöglichte.
Z(ukünftig) sollte es weitere solche Formate geben, die SchreibdidaktikerInnen das Vernetzen und Austauschen ermöglichen.

Ein Riesendank an die Bochumer Organisatorinnen (samt Benny natürlich), die die Sache in die Hand genommen haben.

v.l.n.r. Mitglieder des AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg Daniela, Simone, Jana (jetzt Hildesheim), Nora (jetzt Hannover)
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Das Veröffentlichen lernen: Neue Ratgeber für Promovierende

Das Veröffentlichen gehört zunehmend zum Alltag der Promovierenden. Ich bemerke diese Veränderung auch in der Schreibberatung für Promovierende an der Viadrina: Schreibberatung geht immer öfter einher mit Publikationsberatung. Jetzt sind die ersten deutschsprachigen Ratgeber dazu erschienen. Ich sprach mit ihrer Herausgeberin Dr. Kathrin Ruhl, der Geschäftsführerin des Interdisziplinären Promotionszentrums der Universität Koblenz-Landau.

Daniela Liebscher: Gratuliere, Frau Ruhl! Soeben haben Sie als Herausgeberin einen Ratgeber über das Schreiben von Postern in der Wissenschaft veröffentlicht. Was war Ihr Anliegen mit diesem Buch?

Kathrin Ruhl: Vielen Dank. Seitens des Interdisziplinären Promotionszentrums haben wir an unserer Hochschule im Wintersemester 2010/11 eine Postersession für Nachwuchswissenschaftlerinnen organisiert und begleitend dazu einen Workshop zur Postererstellung angeboten, um den Promovierenden, die bislang keine oder wenige Erfahrungen mit dieser Form der Wissenschaftskommunikation gesammelt haben, eine Hilfestellung zu geben. Im Rahmen der Vorbereitung dieser Veranstaltungen recherchierte ich, welche Literatur es zu diesem Thema gibt und stellte fest, dass Informationen bislang nur vereinzelt und vor allem als knappe Handlungsempfehlungen im Internet verfügbar sind. Dadurch entstand die Idee, einen Band herauszugeben, der sich inhaltlich und nicht nur formal mit dem Thema Poster in der Wissenschaft beschäftigt und zugleich Beispiele liefert.

Sie haben außerdem 2010 einen Sammelband zum „Publizieren während der Promotion“ mitherausgegeben. Es ist der erste deutschsprachige Ratgeber zu diesem Thema. Wie sind Sie darauf gekommen, Promovierende beim Publizieren zu beraten? Sollten diese sich nicht besser ganz auf das Schreiben ihrer Doktorarbeit konzentrieren?

Auch dieser Band ist aus meiner regulären Arbeit heraus entstanden. In der Vergangenheit hatten wir im Promotionszentrum bereits mehrere Veranstaltungen zum Verfassen von Fachartikeln oder auch Rezensionen im Programm. Bei der Planung und im Gespräch mit den verschiedenen Referentinnen und Referenten dachte ich immer wieder über die Unterschiede in den Disziplinen nach und auch über die Veränderungen bezüglich des Publikationsverhaltens von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern. Es wird immer stärker von Promovierenden erwartet, dass sie sich bereits in dieser Phase in der Scientific Community vernetzen und mit Vorträgen und Publikationen präsent sind. Dies ist zwar in den Fächern unterschiedlich stark ausgeprägt, aber grundsätzlich ist die Tendenz erkennbar. Der Gedanke, dass Promovierende mit der Veröffentlichung der Dissertation erstmals in der Wissenschaft in Erscheinung treten, gilt daher so nicht mehr. Dies zeigt sich zum Beispiel auch in der Entwicklung der kumulativen, also publikationsbasierten, Promotion, die in einigen Fächern, wie beispielsweise den Naturwissenschaften, verstärkt vorzufinden ist und die als Alternative für die bisherige Form der Promotion auch in anderen Fächern eingeführt wird. Wer kumulativ promoviert, muss sich mit den Kriterien von Fachartikeln auseinandersetzen und die Gepflogenheiten im Fach kennen. Es ist aufgrund der vielfältigen Veränderungen wichtig, frühzeitig die verschiedenen wissenschaftlichen Textsorten und die Anforderungen an diese zu kennen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern in der Nachfrage nach Unterstützung beim Schreiben?

Zumindest für unsere Hochschule kann ich sagen, dass die Nachfrage zwischen den Fächern nicht größer oder kleiner ist. Aber es gibt verschiedene Gepflogenheiten bei den Fachartikeln, d.h. was die Strukturierung der Artikel, den Grad der Standardisierung, die Sprache und auch die formale Gestaltung anbelangt. Und darauf nehmen wir bei unseren Veranstaltungen Rücksicht und bieten die Workshops zum Verfassen von Fachartikeln deshalb für die Disziplinen getrennt an.

Was ist Ihr Hauptanliegen mit diesen beiden Schreibratgebern?

Die Idee war, systematisch über das Thema Publizieren zu informieren und dieses in seinen verschiedenen Facetten aufzubereiten. Es gibt für jede Textsorte bestimmte Konventionen und ungeschriebene Regeln, die vorausgesetzt werden, aber die Promovierende nicht unbedingt kennen. Daher sollten in den Bänden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Expertise weitergeben, die sie als Autoren oder als Herausgeberinnen von Fachzeitschriften gesammelt haben. Natürlich gibt es keinen festen Ablaufplan, den man nur befolgen muss und schon ist ein Beitrag fertig und wird auch automatisch angenommen – zentral ist die Qualität des Inhalts. Aber wenn sich Promovierende über die Anforderungen an eine Textsorte informieren können, bleibt ihnen hoffentlich mancher Fehler oder manche Enttäuschung erspart. Und ich denke, dass eine Person umso erfolgreicher ist, je mehr Informationen sie sich vorab einholt und Gedanken macht.

Das Poster gehört inzwischen für viele deutschsprachige Promovierende zum Promotionsalltag. Gibt es auch andere Textsorten, die von Promovierenden genutzt werden oder die sich für Promovierende besonders eignen?

Die wissenschaftlichen Textsorten und Publikationsmöglichkeiten sind vielfältig, es gibt beispielsweise Artikel in Fachzeitschriften, Beiträge in Lexika und Handbüchern, Artikel in Sammelbänden und Festschriften usw. Das sind sehr umfangreiche und komplexe Texte – zum Teil wird man für diese angefragt und muss daher schon einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Scientific Community haben oder ein Auswahlverfahren durchlaufen wie bei den Fachzeitschriften. Die Hürden liegen bei diesen Texten also hoch bzw. sehr hoch.

Aber es gibt auch Texte, die Promovierenden eher offen stehen, wo die Hürde niedriger liegt – zum Beispiel Posterbeiträge, Rezensionen oder Tagungsberichte. Sie sind gut geeignet, um einen Einstieg ins wissenschaftliche Veröffentlichen zu realisieren, weil sie einen überschaubaren Arbeitsumfang haben. Viele Fachzeitschriften veröffentlichen eine Liste der Bücher, die besprochen werden können – das ist eine gute Chance, sich an die Redaktion zu wenden und Interesse für eine Rezension zu bekunden. Das heißt nicht, dass es sehr einfach ist, eine Rezension zu schreiben – es sollte eine gute Kenntnis des Feldes vorliegen, um das Buch einordnen zu können, die Fachbegriffe sollten richtig platziert werden. Und auch den richtigen Ton zu treffen, erfordert Geschick.

Die Frage bezüglich der Nutzung ist nicht eindeutig zu beantworten, das ist meines Erachtens je nach Fach verschieden. In Fächern, in denen Postersessions mittlerweile ein fester Bestandteil von Tagungen geworden sind, werden Promovierende sich an diesem Format versuchen. In anderen Disziplinen sind die ersten Publikationsschritte vielleicht eher über Rezensionen. Welche Veröffentlichungen die Ersten sein sollten und welches Medium dafür geeignet ist, all das sind Überlegungen, die sehr gut mit dem Betreuer oder der Betreuerin reflektiert werden können, da würde ich auf deren Urteil und Empfehlungen vertrauen.

Wie sieht es mit der Nutzung des Web fürs wissenschaftliche Schreiben aus? Ich denke da an Forschungsblogs?

Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten, wissenschaftlich zu kommunizieren. Online-Journals oder Forschungsblogs sind für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ebenfalls eine gute Möglichkeit, Publikationserfahrungen zu sammeln, wobei sich ein Forschungsblog sehr von den „klassischen“ Formen unterscheidet, weil man selbstverantwortlich schreibt und es keine Redaktion gibt, die die Qualitätssicherung übernimmt. Und genau das ist auch der Knackpunkt bei Forschungsblogs, sie sind bei renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern daher häufig nicht sehr anerkannt.

Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps an Promovierende, die während ihrer Promotion publizieren wollen?

1. Ich würde mich vorab gut informieren, was die Bedingungen des favorisierten Mediums sind und dann meinen Beitrag genau darauf zuschneiden, damit ich nicht an formalen Dingen scheitere oder mein Beitrag zwar inhaltlich gut ist, aber leider nicht in das wissenschaftliche Profil der Zeitschrift passt.

2. Auch wenn Publikationen nicht bis ins letzte Detail geplant werden können und häufig Zufälle eine Rolle spielen (dass man beispielsweise aufgrund einer Publikation zu einer weiteren eingeladen wird), würde ich versuchen, so etwas wie eine Publikationsstrategie zu entwerfen: Welche Inhalte kann ich bereits während der Promotion veröffentlichen? Wie kann ich mich in meiner Community platzieren? Worauf kommt es in meiner Disziplin an – nationale oder internationale Veröffentlichungen etc.?

3. Publikationen sind wichtig und Promovierende sollten frühzeitig damit beginnen, aber sie sollten vor lauter Veröffentlichungen auch nicht den Abschluss der Dissertation aus den Augen verlieren und sich bei allem Engagement für die verschiedenen Herausforderungen auch genug Freiräume für ihr Privatleben bewahren.

Literaturtipps:

Kathrin Ruhl u.a. (Hg.), Publizieren während der Promotion, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.

Kathrin Ruhl (Hg.), Das Poster in der Wissenschaft. Zum Stellenwert des Posters in der Nachwuchsförderung am Beispiel der Universität Koblenz-Landau, Gießen: Johannes Herrmann Verlag 2011.

Wo geht’s hier zum Doktor?

Hilft der Doktortitel beim sozialen Aufstieg in die deutsche Wirtschaftselite? Jein. Der „Dr.“ ist inzwischen wichtig, aber was wirklich zu zählen scheint, ist der familiäre Hintergrund. „Mit Powerpoint-Kursen können Sie das nicht wettmachen!“, ruft uns der Referent zu. Wir Teilnehmenden der Tagung „Doktortitel zwischen Status und Qualifikation“ reagieren ein bisschen unruhig. Die meisten im Publikum vertreten Graduiertenschulen oder -akademien oder die Graduiertenförderung einer Stiftung oder eines Verbandes oder setzen sich anderswie dafür ein, dass die Promotion für die Promovierenden ein handhabbares und erfolgreiches Projekt wird. Wir sind die mit den Powerpoint-Kursen.

Jung und weiblich
Es ist offensichtlich, dass dieses Berufsfeld in Deutschland jung ist und auffallend weiblich. Ich fühle mich jedenfalls passend hier: Seit April bin ich Schreibberaterin für Promovierende am Viadrina Center for Graduate Studies und arbeite mit dem Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina zusammen, dem einzigen in der gesamten Region Berlin-Brandenburg. Ich berate in- und ausländische Promovierende (und solche, die es werden wollen) bei der Themensuche, beim Exposéschreiben für Stipendienanträge, beim Schreiben und Umschreiben der Dissertation, bei der Literaturverarbeitung, bei der Suche nach Publikationsmöglichkeiten, beim Vernetzen mit Peers und beim Hinweinwachsen in die deutsche Wissenschaftswelt. Meine Sprechstunden sind ausgebucht, es gibt neuerdings Anfragen nach Unterstützung sogar aus anderen Ecken Brandenburgs.

Strukturierte Promotion, was nun?
Auf der Jahrestagung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung IFQ vom 5.-6. Dezember leuchten noch andere Lehrende, Hochschul- und Wissenschaftsforscher/innen (mit reichlich Powerpoint-Slides….) ins verschlungene Dickicht der deutschen Promotion hinein. Sie stellen fest: Am Ende ist es vermutlich egal, wie man promoviert. Es scheint keine großen Unterschiede zwischen den Bedürfnissen und Karrieren von Promovierenden in strukturierten Programmen und dem Gros der „unstrukturierten“ Otto-Normal-Doktoranden. Prägender und entscheidender über den späteren beruflichen und wissenschaftlichen Erfolg seien das soziale Kapital, das man mitbringe, oder die Art des Berufseinstiegs nach dem Abschluss, ganz gleich ob dieser im akademischen oder nicht-akademischen Bereich stattfinde.

Was zu tun ist
Lohnt sich also der Aufwand, mit dem Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsorganisationen in Deutschland das Promotionswesen reformieren? Was Kinder aus nicht-akademischen Familien oder Frauen betrifft, hat sich eigentlich nicht viel verändert. Wenn sie die Promotion überhaupt erreichen, erleben sie diese Phase als überaus prekär, und Frauen kehren nach dieser Phase der Wissenschaft immer noch größtenteils den Rücken, so strukturiert sie inzwischen auch promoviert haben mögen. Die einzige Referentin, die sich diesem Thema auf der Tagung widmet, erfährt heftige Kritik wegen ihres Vortragsstils und ihrer „weichen“ Fakten. Deswegen wird über das Thema leider nicht mehr gesprochen. Schade.

Auf dem Anmeldetisch finde ich beim Hinausgehen die Einladung des Hochschuldidaktischen Zentrums der TU Dortmund zu einer Online-Befragung: „Mobile Drop Outs. Auf der Suche nach dem ,verlorenen‘ Nachwuchs. Mobilität und Drop-Out des wissenschaftlichen Nachwuchses“. Gefördert von der BMBF-Linie „Frauen an die Spitze“. Warum hat das Team sein Projekt nicht auf dieser Tagung vorgestellt? Es hätte gut gepasst. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse. Ach ja, vermutlich überflüssig zu sagen, dass meine Schreibberatung zu 85% von Frauen aufgesucht wird.

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