Literacy Management: Zertifikatsverleihung des Schreibzentrums Frankfurt (Oder) im Schreibzentrum Frankfurt am Main

Die Goethe Universität, in deren Schreibzentrum wir zu Gast waren. (Zu dem beeindruckenden IG-Farben-Gebäude, das die Uni beherbergt, bekamen wir sogar eine Führung)

Dieses Wochenende war für uns ein ganz besonderes Wochenende. Wir reisten an die Goethe Universität in Frankfurt am Main, um den TeilnehmerInnen unserer Weiterbildung „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ ihre Zertifikate feierlich zu überreichen. Sieben von insgesamt elf Teilnehmenden konnten den zusätzlichen Termin wahrnehmen, zu dem Weiterbildungsteilnehmerin Stephanie Dreyfürst eingeladen hatte, eine der Leiterinnen des Schreibzentrums der Goethe Universität. Wir waren gespannt und glücklich, denn es war die erste Gruppe, die an unserer berufsbegleitenden Weiterbildung teilnahm und so auch die erste Gruppe, der wir unser Zertikat überreichen durften.

Im Laufe von fünf Monaten hatte die Gruppe fünf Wochenenden an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) verbracht und sich intensiv mit Schreibforschung, Schreibberatung, schreibintensiver Lehre und mit der Institutionalisierung schreibdidaktischer Angebote auseinandergesetzt. Parallel dazu erarbeiteten sie online eigene Konzepte für schreibdidaktische Angebote im Rahmen ihrer eigenen Institutionen, beruflichen Umfelder oder zukünftigen Tätigkeitsfelder. Diese Konzeptualisierung und Umsetzung von Schreib- und Leseförderung in Institutionen und anderen gesellschaftlichen Kontexten wird Literacy Management genannt. Das Online- Modul „International Literacy Management“ ist eine Kooperation von Hochschulen in der Schweiz, Frankreich, den USA, Deutschland und Kanada.

Unser „Weiterbildungsbaum“, an dem zu Beginn der Weiterbildung die Erwartungen in Apfelform reiften, wurde zum Abschluss geerntet.

Das Wochenende in Frankfurt am Main stand unter dem Motto Auswertung und Blick in die Zukunft. Alle Anwesenden berichteten, in welchen Bereichen sie mittlerweile als Literacy ManagerInnen tätig sind und wie sie das, was sie in der Weiterbildung gelernt hatten, nutzen und umsetzen. So leitet eine Teilnehmerin mittlerweile neben ihrer Arbeit als angestellte Lektorin Promovierende dabei an, gemeinsam ihre Dissertationsschriften zu überarbeiten.  Sie ist eine der wenigen, die sich theoretisch und praktisch mit Lektoratsarbeit und Schreibprozessbegleitung auseinandersetzt und diese produktiv verbindet.

Eine unserer freiberuflichen Teilnehmerinnen, die langjährige schreibdidaktische Erfahrungen und ein fundiertes Wissen einbrachte, konnte im Laufe der Weiterbildung ihr Profil als Literacy Managerin schärfen. Sie analysierte die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe und entwickelt eine Webpräsenz.

Eine andere Teilnehmerin hat aufgrund ihrer Kompetenzen und der Zusatzqualifikation durch unsere Weiterbildung eine Stelle in einem Verbundprojekt der Universitäten und Hochschulen in Flensburg und Kiel bekommen. Sie vertritt nun die universitäre Schreibdidaktik im hohen Norden, indem sie StudienanfängerInnen beim wissenschaftlichen Schreiben unterstützt.

Die Literacy ManagerInnen mit ihren Zertifikaten

Erfreuliches berichtete auch unsere „Grazer Zelle“, deren beide Mitglieder momentan eine österreichische Variante der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten entwickeln. Fortschritte gibt es auch bei der Entwicklung eines Schreibzentrums an der Uni in Graz: ein Pilotprojekt in drei Studiengängen wird schreibdidaktische Interventionen erproben.  Und in einer schreibintensiven Lehrveranstaltung in der Ethnologie entstand ein Buch mit Texten Studierender, die sie in einer öffentlichen Lesung einem begeisterten Publikum präsentierten.

Auch im Schreibzentrum der Universität Jena ist die universitäre Verankerung deutlich voran geschritten, berichtete uns dessen Leiter. So wird es im kommenden Semester bereits die zweite schreibintensive Lehrveranstaltung in den Literaturwissenschaften geben. Angedacht ist auch eine Meisterklasse für versierte Schreibende. In zwei Wochen wird das Schreibzentrum in Jena die fünfte Peer-Schreib-TutorInnen-Konferenz im deutschsprachigen Raum ausrichten.

Schreibberater Tasche

SchreibberaterInnen Tasche

Und natürlich berichtete auch unsere Gastgeberin von der Arbeit des Schreibzentrums an der Goethe Uni und der studentischen Schreibberatung, für die sie in der Weiterbildung viele Anregungen erhalten hat. Bereits 14 Peer TutorInnen sind in Frankfurt am Main im Einsatz. Alle Anwesenden waren begeistert von der mobilen Schreibberatung der Goethe Universität, für die die studentischen SchreibberaterInnen Taschen entwickelt haben, die bestückt sind mit Arbeitsblättern,Schreibutensilien, aber auch Schokolade und Taschentüchern.

Wir sind erstaunt und erfreut, wieviel sich bei den Teilnehmenden  getan hat und wieviel sie schon im Bereich Literacy Management bewirkt haben. Vielen Dank an die Gruppe, deren großartige Zusammenarbeit so viel zur guten und produktiven Atmosphäre der Weiterbildung beigetragen hat.

Der nächste Durchgang der Weiterbildung  „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ wird im Februar 2013 starten. Mehr Infos hier.

Franziska Liebetanz und Katrin Girgensohn

Das Schreibzentrum wächst über die Uni hinaus – Madison Writing Assistance

Elisabeth Miller

Elisabeth Miller (Foto: Writing Center Madison)

Kurz vor meiner Abfahrt hier habe ich endlich geschafft, was ich schon lange vorhatte und habe mir die Community Writing Assistance angeschaut. Elizabeth Miller, die während meiner Zeit hier im Schreibzentrum meine feste Schreibberaterin war, ist in diesem Projekt besonders engagiert und hat mich mitgenommen in eine der vielen Zweigstellen der hiesigen Stadtbibliothek. Zufällig war das Pinney Branch, genau die Zweigstelle, die ganz in der Nähe unseres Hauses ist und die mich das Jahr über mit Reiseführern, Romanen und DVDs versorgt hat – völlig kostenlos, mit großer Auswahl, langen Öffnungszeiten sogar am Wochenende und unglaublich netten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Daher hatte die Stadtbibliothek von Madison sowieso schon mein Herz gewonnen, aber mit dem Erleben der Community Writing Assistance ist meine Begeisterung gleich nochmal größer geworden.

Was ist die Community Writing Assistance?

Die Community Writing Assistance (CWA – es gibt hier für alles Akronyme) ist eine Kooperation zwischen dem Writing Center, der Stadtbibliothek und einigen Nachbarschaftszentren sowie einer Stiftung (der Evjue Foundation). Ausgebildete Peer TutorInnen des Schreibzentrums und Freiwillige aus Madison bieten zu bestimmten Terminen öffentliche Schreibberatungen an. Insgesamt finden wöchentlich in fünf Stadtteilbibliotheken und zwei Nachbarschaftszentren acht Schichten a drei Stunden statt. An einigen Orten melden sich die Leute vorher an, indem sie sich in Listen eintragen, an anderen Orten kommen die Schreibenden einfach vorbei. Prinzipiell kann jeder der will mit jedem Text in jedem Stadium kommen. Lebensläufe, Bewerbungsschreiben, Lebensgeschichten, Gedichte, Liedtexte, Schulaufsätze, Arbeitsberichte, Leserbriefe, Korrespondenz mit dem Vermieter – das ist alles schon vorgekommen. Hinzu kommt Unterstützung für die Arbeit mit dem Computer. Das Projekt hat für alle Standorte Laptops gespendet bekommen. Für viele Menschen, die Unterstützung suchen, ist es sehr wichtig, nicht nur zu lernen wie sie ihren Lebenslauf ansprechend gestalten, sondern auch, wie sie ihn im Zuge einer Onlinebewerbung hochladen können.

Stadtteilbibliothek Madison – Pinney Branch

Bewerbungshilfe

Unterstützung bei Bewerbungen wird überdurchschnittlich häufig angefragt – was sicher einerseits an der krisengeschüttelten Wirtschaftslage liegt, andererseits aber auch daran, dass es dafür wenig andere gute Angebote gibt. Mittlerweile weisen die Arbeitsämter ihre Klienten schon auf die CWA hin.

Auch die beiden Schreibberatungen, bei denen ich hospitieren durfte, drehten sich um Bewerbungen. So kam eine Frau, die seit vielen Jahren in Restaurants in Madison als Köchin arbeitete. Sie ist keine ausgebildete Köchin, aber ihre Berufserfahrung macht die fehlende Ausbildung mehr als wett und sie hat schon oft die neuen Küchenhilfen eingearbeitet. Ihr Anliegen war es nun, ihre Qualifikationen in ihren Bewerbungsunterlagen entsprechend darzustellen und sich fortan als Köchin zu bewerben. Elisabeth und sie formulierten gemeinsam den Text um, wobei von Elisabeth vor allem Tipps zur grafischen Gestaltung, Leseeindrücke und Ermutigungen kamen. Die Köchin wusste sehr genau, was sie wollte und konnte auch genau sagen, welche Fachausdrücke keiner weiteren Erklärung bedürfen, aber sie brauchte die Bestätigung von einer Leserin. Eigentlich also gar nicht viel anders als es oft im Schreibzentrum war, wenn ich mit meinem Forschungsprojekt zu Elisabeth kam und mir im Grunde vor allem eine interessierte Zuhörerin wünschte, der ich meine Gedanken erklären konnte. Das konkrete Ergebnis der Beratung waren eine Jobanzeige für craigslist (eine beliebte Anzeigen-Homepage) und ein überarbeiteter Lebenslauf.

Win-Win-Situation

Die Schreibberatung findet im Meeting Room der Bücherei statt

Die CWA stellt eine Verbindung zwischen der Universität und der Gemeinde her, die für beide Seiten wichtig ist. Die Gemeinde profitiert von dem Wissen und Können des universitären Schreibzentrums. Und das Schreibzentrum profitiert davon, indem die Schreibberatenden Erfahrungen sammeln können, die über das wissenschaftliche Schreiben hinaus gehen. Sie bekommen Einblicke ins „echte Leben“, wie man so schön sagt. Sie können sehr direkt helfen und konkrete Ergebnisse sehen – zum Beispiel wenn die Köchin eine neue Arbeit findet oder die Enkel die Memoiren ihrer Oma begeistert lesen und mehr einfordern. Die CWA bietet den TutorInnen die Chance, mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen zu arbeiten. Es kommen alle Altersklassen und Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten oder Schwierigkeiten. Die CWA-Jobs des Schreibzentrums sind deshalb sehr beliebt. Die TutorInnen müssen sich dafür bewerben und die Besetzung rotiert, damit mehr Leute eine Chance bekommen.

Worauf achten?

Ich habe Elisabeth gefragt, worauf man achten müsste, wenn man ein ähnliches Projekt plant. Sie meinte, dass ein nicht zu unterschätzender Arbeitsaufwand durch die Koordination entsteht. Es ist sehr wichtig, dass in den Bibliotheken Leute arbeiten, die sich um das Projekt kümmern. Sie machen Öffentlichkeitsarbeit, nehmen die Anmeldungen an, führen Wartelisten und beantworten Fragen. Wenn das gegeben ist, bietet ein solches Projekt eine wunderbare Gelegenheit, Uni und Stadt zu vernetzen.

Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende

Das Semester ist hier schon seit Mai zu Ende und ein Großteil der Studierenden ist längst nach Hause oder sonstwohin gefahren. Aber es laufen auch Sommerkurse und das Schreibzentrum ist weiterhin offen – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Diese relative Ruhepause lässt Raum für andere Projekte, zum Beispiel die Disseration Camps des Schreibzentrums. Die Camps sind eine Kooperation des Schreibzentrums mit der Graduate School der Universität, die über die Mellon Foundation finanziert werden. Die Camps bieten Promovierenden in der Schreibphase die Möglichkeit, konzentriert über einen bestimmten Zeitraum an ihren Arbeiten zu schreiben und dabei die Unterstützung des Schreibzentrums zu bekommen – ähnlich wie bei unseren Schreibmarathons in Frankfurt (Oder). Nach einem sehr erfolgreichen Probelauf im letzten Sommer wurden in diesem Sommer gleich drei Camps angeboten: Zwei für jeweils eine Woche und eins über sechs Wochen. Über hundert Promovierende hatten sich für die insgesamt 60 Plätze in den Camps beworben. Sie mussten dafür online einen Bewerbungsbogen ausfüllen und auch die Dissertationsbetreuer mussten online eine Enschätzung abgeben. Wer ausgewählt wurde, musste 40 Dollar einbezahlen, um sich den Platz zu sichern, die zurück gezahlt wurden wenn man das Camp tatsächlich mitgemacht hat. Außerdem konnten diejenigen, die nicht in Madison wohnen, die Fahrtkosten bezahlt bekommen und Kinderbetreuung gab es auch auf Wunsch.

Schreibübung im Camp für Promovierende

Nancy leitet eine Schreibübung an.
Foto: Writing Center Madison

Die Camps starteten morgens mit einer kurzen Schreibübung und damit, dass alle ihre Ziele für den Tag formulierten. Dann suchten sich alle Plätze und schrieben los. Mittags gab es Workshopangebote für diejenigen, die wollten und im langen Camp trafen sich die Teilnehmenden zusätzlich täglich in Kleingruppen, um sich über ihre Texte auszutauschen. Und natürlich konnten alle Teilnehmenden im Schreibzentrum mit Schreibtutoren über ihre Texte sprechen. Auch zum Abschluss kamen noch einmal alle zusammen zu einer ganz kurzen Übung. Besonder schön finde ich folgende Übung: Alle Teilnehmenden stellen sich in einer Reihe auf, in der Reihenfolge dessen, wieviel sie an diesem Tag geschrieben haben – von einem Absatz bis hin zu mehreren Seiten. Nachdem alle stehen, bekommen sie die Aufgabe, zu begründen, warum diese Menge, die sie an diesem Tag geschafft haben, genau richtig ist. Dadurch entsteht eine positive Stimmung und es wird deutlich, dass Quantität alleine nichts aussagt. Das kann denen, die als Schreibtypen keine Vielschreiber sind, Druck nehmen.

Bei der Abschlussveranstaltung des langen Camps waren Vertreter der Graduate Schools, diverse Dekane und Vertreter der Stiftung anwesend. Alle Teilnehmenden hielten eine einminütige Rede darüber, was ihnen das Camp gebracht hat. Offenbar sind die Ziele, die das Schreibzentrum verfolgt hatte, aufgegangen: Schreibroutinen aufbauen, Gemeinschaft stiften und die Texte vorantreiben.  Ich finde die Idee sehr gut, diesen Erfolg für die Geldgeber, Kooperationspartner und Dekane sichtbar zu machen. Die waren denn auch so begeistert, dass nun eine Diskussion aufgekommen ist, ob solche Camps obligatorisch sein sollten. Das wird sich aber hoffentlich nicht durchsetzen, die Promotion hier ist schon mit genug Vorgaben belastet und es ist doch wunderbar, dass diejenigen, die sich eine Schreib-Gemeinschaft wünschen, diese bekommen können!

Promovieren – strukturierter aber auch kontrollierter

Ich bin gebeten worden, etwas darüber zu schreiben, wie Promovieren hier abläuft.

Insgesamt betrachtet ist Promovieren hier eine sehr viel strukturiertere Angelegenheit als ich das aus Deutschland kenne. Stephanie, meine Bürokollegin, promoviert in Rhetoric and Composition. Ich weiß nicht, wie weit ihre Erfahrungen sich verallgemeinern lassen, aber bei ihr hatte ich den besten Einblick. Der gesamte Promotionsprozess gliedert sich in drei Phasen.

Phase 1 Coursework

Stephanie musste zunächst noch einmal Seminare besuchen und Scheine machen wie im Studium. Innerhalb von vier Semestern musste sie sechs Hauptseminare absolvieren und zusätzliche Kurse in Forschungsmethodik. Wer keine Fremdsprachenkenntnisse auf akademischem Niveau nachweisen kann, muss außerdem auch noch Sprachkurse belegen.

Phase 2 Prelims

Katrin und Stephanie

Stephanie und ich werden nächste Woche auf ihre abgeschlossenen Prelims anstoßen!                                                (Foto: Schreibzentrum Madison)

In diesem Semester war Stephanie scheinfrei und arbeitete an ihren Prelims (Preliminary Examinations).  Für die Prelims muss sie ein Portfolio erstellen, dessen Schwerpunkt zwei längere Essays bilden. Der eine basiert auf einer ca. 60 Bücher umfassenden Buchliste, die als Kanon von den Lehrenden in Rhetoric and Composition zusammengestellt wurde. Jedes Semester verfassen die Lehrenden verschiedene Forschungsfragen, von denen eine ausgewählt und im Essay beantwortet wird. Der zweite Essay basiert auf einer selbst gewählten Literaturliste und diskutiert eine selbst gewählte Frage. Dieser zweite Essay ist in der Regel eine Vorarbeit für die Dissertation, bei der man anfängt, sich den Forschungsstand zum Thema zu erarbeiten, zu dem man auch promovieren möchte. Beide Essays müssen zunächst als Rohfassungen eingereicht werden und mehrere Lehrende geben darauf Feedback. Dann werden sie überarbeitet und sind Bestandteil des Portfolios. Dazu kommt ein Einleitungsessay, in dem die Promovierenden reflektieren sollen, wie das Promotionsstudium bis dato verlaufen ist, was sie bei sich als Stärken und Schwächen sehen, wie ihr Portfolio diese spiegelt und was sie für Zukunftspläne haben. Außerdem gehört in das Portfolio die nach eigener Ansicht beste schriftliche Arbeit aus der Kursphase und eine Dokumentation der eigenen Lehre. Es müssen nämlich – zumindest in diesem Fach – alle Promovierenden auch selbst lehren. Ins Portfolio gehören eine schriftlich formulierte Lehrphilosophie, beispielhafte Lehrpläne und mindestens eine komplette Evaluation eines Seminars durch Studierende.  Das gesamte Portfolio wird schließlich auch noch mündlich verteidigt.

Phase 3 Dissertation und Übergang in den Beruf

Spätestens zum Ende des sechsen Semester muss man die Prelims abgeschlossen haben und bekommt zur Belohnung eine Gehaltserhöhung für die Lehre. Dann hat man ein Semester Zeit, um ein umfangreiches Expose für die Dissertation einzureichen, das vor einem fünfköpfigen Kommittee verteidigt werden muss. Anschließend geht es ans Forschen und Schreiben, wobei ein enger Kontakt mit den beiden Hauptbetreuern die Regel zu sein scheint. Und schließlich wird die Dissertation eingereicht. Allerdings besteht ein großer Unterschied zu Deutschland darin, dass diese Dissertation ausdrücklich als Rohfassung betrachtet wird. Bei der Verteidigung wird diskutiert im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten des Textes und auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen für den zukünftigen Job. Denn die dritte Phase wird zugleich auch als Übergang in den Beruf gesehen. Deshalb werden den Promovierenden Betreuer zur Seite gestellt, die sie im Hinblick auf ihre Karriere beraten. Es gibt zumdem verschiedenste Bewerbungsworkshops, Job-Interview-Rollenspiele, und so weiter. Eine Promovendin des Schreibzentrums hatte mich eingeladen, zu einem Vortrag zu kommen, den sie im English Department hielt, um sich auf einen Probevortrag im Rahmen einer ihrer Bewerbungen vorzubereiten. Ich war sehr erstaunt, dass so viele Professoren kamen, um zuzuhören und ihr hinterher sehr konstruktive Rückmeldung zu geben – sowohl inhaltlich als auch rhetorisch und bis hin zur Kleidung! Die Fakultät sieht es offenbar selbstverständlich als ihre Aufgabe an, die erfolgreichen Absolventen anschließend auch gut unterzubringen.

Der PhD als akademischer Grad wird mit der erfolgreichen Verteidigung der Dissertation verliehen.  Die Texte werden dann erst im Laufe der nächsten Jahre überarbeitet und veröffentlicht, wenn man schon im Job an der nächsten Uni steckt. Wenn Deutsche sich für Uni-Jobs in den USA bewerben haben sie mit der veröffentlichen Diss daher oft einen großen Vorteil, da sie schon ein Buch auf der Publikationsliste haben. Allerdings fehlen ihnen all die anderen Komponenten, die hierzulande selbstverständlich sind: Lehrerfahrungen, Lehrevaluationen, Preise und Auszeichnungen und das Training für den Bewerbungsprozess.

Es hat also alles Vor- und Nachteile. Stephanie und ich haben oft darüber geredet, was die Unterschiede zwischen den Systemen sind. Sie findet es etwas zu reguliert und möchte sich endlich „erwachsen“ fühlen in dem Sinne, dass sie eigenständig forschen kann ohne ständig kontrolliert zu werden. Ich kann das gut verstehen, finde es aber auch großartig, dass Betreuung hier wirklich Betreuung ist. Und die Unterstützung bei der Berufssuche hätte ich mir gewünscht!

Podcasts am Schreibzentrum der UW Madison

Letzte Woche ist ein Podcast online gegangen, der aus meinem Vortrag beim Schreibzentrumscolloquium im letzten Herbst entstanden ist. Brad und Christopher, der für das Online-Writingcenter zuständig ist, haben den Tonmitschnitt und die Powerpointpräsentation zusammengeschnitten und das ganze wird eingeleitet von dem schicken Intro, das sie für alle ihre Podcasts hier benutzen. Ich fühle mich sehr geehrt und nehme diese Veröffentlichung zum Anlass, auf die gut sortierte Podcast-Abteilung des Schreibzentrums aufmerksam zu machen.

Zu finden sind drei verschiedene Podcast-Kategorien:

Zum einen gibt es Podcasts mit Schreibtipps. Darin wird zum Beispiel erklärt, wie man nach APA-Style oder MLA-Style zitiert, oder wie man erfolgreiche Bewerbungen für die Business School oder Law School schreibt.

Die zweite Kategorie sind Podcasts zur Theorie von Schreibzentrumsarbeit und zu Schreibzentrumsforschung. Da finden sich verschiedenste Interviews mit Forschenden unserer Zunft, zum Beispiel zu Forschungsmethoden, zur Evaluation von Schreibzentrumsarbeit  – oder eben zu Schreibzentren in Deutschland 🙂

Die dritte Art von Podcasts erklärt die Angebote des Schreibzentrums, wie z.B. die Möglichkeit, Schreibberatung in Chatform zu nutzen.

Viel Spaß beim Hören!

International Writing Across the Curriculum Conference

Die letzten drei Tage war ich auf der International Writing Across the Curriculum (WAC) Conference in Savannah. Der WAC-Ansatz versucht Schreiben und Lehre besser zusammen zu bringen, auf ganz verschiedenen Wegen. Schreibzentren können dabei eine wichtige Rolle spielen. In Madison ist es so, dass Brad sowohl der Schreibzentrumsleiter ist als auch der Direktor des WAC-Programms, eine sehr sinnvolle Kombination.

Schreibend Lernen in großen Vorlesungen

An der Konferenz hat mich beeindruckt, wie viele Lehrende aus verschiedenen Disziplinen da waren, die ich erstmal nicht mit Schreiben in Verbindung bringen würde. Ich war in Präsentationen von MathematikerInnen, ChemikerInnen, PharmazeutInnen, IngenieurInnen und ManagerInnen. Sie alle berichteten davon, wie sie WAC-Programme aufgebaut oder an solchen partizipiert haben. Viele erzählten, dass ihre Lerngruppen als klein gelten, wenn sie unter 100 Studierende haben, oft sind es mehrere hundert. Aber auch in solch großen Vorlesungen lässt sich Schreiben einsetzen, um Lernmöglichkeiten zu schaffen. So bekommen die Studierenden kleine Schreibaufgaben, bei denen sie sich mit dem Lernstoff auseinander setzen, die sie in kurzen Zeitfenstern während der Vorlesung bearbeiten. Anschließend diskutieren sie sie mit ihren Nachbarn oder in Kleingruppen. Die Texte werden hier nicht bewertet, sondern dienen dazu, aktives Lernen zu ermöglichen. Im Anschluss an die Kleingruppendiskussion wird durch die Lehrenden demonstriert, wie eine Lösung aussehen könnte. In anderen Vorlesungen dürfen die Studierenden zwischendurch SMS an die Lehrenden schicken, die diese während des Vortragens aus einem Display sehen können, so dass sie auf Fragen und Kommentare eingehen können. Das finde ich einen sehr spannenden Ansatz, denn das SMS-Format zwingt dazu, präzise Fragen zu formulieren.

Peer Groups zur Unterstützung

Eine wichtige Ressource in den großen Lehrveranstaltungen sind allerdings die Teaching Assistants, d.h. die Lehrenden sind meistens nicht ganz allein. Ken Tallmann von der University of Toronto hat ein Team von insgesamt 22 Teaching Assistants und 9 Communication Instructors für eine Vorlesung für 305 Studierende. Die Communication Instructors betreuen jeweils 12 Dreier-Peer-Groups von Studierenden, die sich für wöchentlich 30 Minuten zusätzlich zur Vorlesung treffen. Die Peer Groups müssen selbst eine Agenda aufstellen für die Sitzung, diese abwechselnd moderieren und haben das Ziel, die Vorlesungsinhalte zu vertiefen und zu diskutieren und einander Feedback auf Hausaufgaben zu geben. Die Instructors sind fachfremd, sie sind die Kommunikations-ExpertInnen. D.h. sie unterstützen die Studierenden-Teams dabei, gut miteinander zu kommunizieren und effektive Arbeitsstrukturen aufzubauen. Die fachfremde Ergänzung funktioniert offenbar sehr gut, vor allem weil sie die Studierenden dazu zwingt, Fachinhalte gut zu erklären und ihnen ein Gefühl für verschiedene Zielgruppen gibt, sie aber auch das Gefühl bekommen, in eine Disziplin hineinzuwachsen und immer mehr ExpertInnen zu werden. Das Modell ist für mich eine gute Anregung für die künftige Arbeit mit TutorInnen für große Vorlesungen an der Viadrina.

Wikis erleichtern den Einstieg in die eigene Disziplin

Was wir ebenfalls an der Viadrina planen, sind Peer Tutoren, die speziell den Studieneinstieg verbessern sollen. Dafür kam eine schöne Anregung von Jacob Craig aus Arkansas. Er lässt die Studierenden in einem fachübergreifenden Einführungsseminar wikis zu ihren Studienfächern erstellen. Dafür müssen diese Interviews führen mit fortgeschrittenen Studierenden, um herauszufinden was in den Fächern wichtig ist, wie dort geschrieben wird und worauf Wert gelegt wird. Die Studierenden sollen so eine Art Meta-Verständnis für ihre Fächer entwickeln und zugleich Erfahrungen mit wikis sammeln. Eine kleine Studie hat allerdings gezeigt, dass darüber hinaus für die Studierenden das wichtigste war, mit den fortgeschrittenen Studierenden in Kontakt zu kommen und durch die Zusammenarbeit an den Texten (Feedback usw.) Freunde zu finden – der soziale Faktor stellt sich immer wieder als extrem bedeutend für jegliches Lernen heraus!

Business Writing: Wie schreibe ich meinem Professor eine E-Mail?

Sehr schön fand ich auch das Design eines Einführungskurses in Business Writing. Studierende der Wirtschaftswissenschaften sollen darin im ersten Semester auf das berufliche Schreiben vorbereitet werden. Meghan Griffin aus Florida berichtete, dass es dabei um Genres geht wie Exposes, Memos, Berichte oder Zusammenfassungen. Sie hat die Entwicklung dieses Seminars dazu genutzt, um an ihrer Fakultät Gespräche über das Schreiben anzuregen. Obwohl sich alle Lehrenden einig waren, dass Schreiben wichtig ist, konnten sich doch die wenigsten vorstellen, zusätzlichen Arbeitsaufwand durch Schreibaufgaben aufbringen zu können. Daher hat Meghan überlegt, mit welchen Texten der Studierenden die Lehrenden sowieso zu tun haben. Das sind zum Beispiel Anfragen für Referenzen, Entschuldungsschreiben, Anfragen für verlängerte Deadlines, etc. Sie hat diese für die Studierenden und Lehrenden sehr relevanten Textsorten in berufliche Genres übersetzt und in ihrem Seminar mit den Studierenden erarbeitet und geübt. Also zum Beispiel: Wie frage ich höflich nach einer Referenz und wie stelle ich die dafür wichtigen Informationen in einem Resumee zusammen? Wie entschuldige ich mich für mein Fehlen und fasse die wichtigsten Informationen über das, was ich nachgearbeitet habe zusammen? Alle Lehrenden der Fakultät haben dann Beispieltexte aus dem Seminar bekommen, damit sie wissen, was sie künftig von den Studierenden erwarten können. Die Studierenden haben aber auch mögliche höfliche Ablehnungen z.B. für eine Referenzanfrage formuliert. Diese werden den Lehrenden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Damit ist für beide Seiten klar, dass es auch möglich ist, solche Anfragen abzulehnen. Manche Lehrende kündigen an, dass sie diese schriftliche Kommunikation der Studierenden mit ihnen in die Bewertung einfließen lassen. Sie sagen z.B., dass sie mindestens einmal pro Semester per E-Mail kontaktiert werden wollen, damit die Studierenden das üben.

National Novel Writing Month in der Fachlehre

In einer Session berichteten Lehrende von drei verschiedenen Universitäten, wie sie den National Novel Writing Month für wac genutzt haben. Großartig fand ich die Idee von Kerri Augusto vom Becker-College, die dort ein Seminar in Psychologie gibt. Sie lässt die Studierende ein Thema aus dem Lehrplan wählen, z.B. psychische Belastung weil ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, und dann dazu Quellen recherchieren wie in jedem anderen Seminar auch. Diese Quellen werden ausgewertet und dann erst werden Charaktere und ein Plot entworfen. Die Studierenden schreiben ihre Romane auf der Basis der Recherche. Sie müssen das Wissen aus den Quellen und die Konzepte aus dem Seminar einbauen. Obwohl sowohl die Professorin als auch die Studierenden im Verlauf des Seminars total gestresst waren, waren am Ende doch alle so begeistert von der Tiefe der Lernergebnisse, dass sich das auf dem Campus total schnell rumgesprochen hat und nun schon Studierende anfragen, ob sie das Seminar im nächsten Jahr besuchen dürfen, auch wenn sie nicht Psychologie studieren…

Science Poetry

Verpasst habe ich leider die Session über Science Poetry, aber es gibt ein neues Buch dazu auf dem Markt: „Writing Poetry through the Eyes of Science: A Teacher’s Guide to Scientific Literacy and Poetic Response“, von Nancy Gorrell. Ich habe es (noch) nicht gelesen, aber es hört sich sehr vielversprechend an.

Alles in allem mal wieder eine sehr spanndende Konferenz. Ich bin Brad und Stephanie dankbar, dass sie mich eingeladen haben, mit ihnen hier zu präsentieren, denn sonst wäre ich vielleicht nicht bis Savannah gefahren – was übrigens eine wunderschöne Stadt ist.

Peer Tutoren Ausbildung in Oklahoma – Preparing for Surprise is Education

Neulich war ich am Writing Center der University of Oklahoma, bei Michele Eodice, Moira Ozias und ihrem Team. Michele leitet das Schreibzentrum, Moira ist Associate Director. Außerdem gibt es noch einen Graduate Assistant Director und eine Office Managerin, die sich um alles Organisatorische kümmert. Und dann sind da natürlich noch ca. 20 Schreibberaterinnen und –berater (sowohl Graduates als auch Undergraduates). Das Schreibzentrum hat tolle Räume, in denen es sogar ein Piano gibt.

Ausbildungsmodelle für Peer TutorInnen

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir unser Gespräch über die Ausbildung der Peer Tutoren. Ich habe ja an dieser Stelle schon einige Male von der Aus- und Weiterbildung am Schreibzentrum in Madison berichtet, und auch von anderen Hochschulen die ich besucht habe. Insgesamt würde ich sagen, dass allen Schreibzentrumsleitenden, die ich gesprochen habe, sowohl eine Grundausbildung als auch die kontinuierliche Weiterbildung sehr wichtig sind. Aber die Modelle dafür sind durchaus unterschiedlich. An einigen Schreibzentren müssen die Studierenden erst die Ausbildung durchlaufen, bevor sie sich für die Arbeit im Schreibzentrum bewerben können. In anderen Schreibzentren bewerben sie sich erst, um dann die Aubildung zu durchlaufen, aber manchmal läuft es auch parallel: die Ausbildung erfolgt während die Beratenden schon anfangen zu arbeiten. Weiterbildungen gibt es überall, manchmal wöchentlich, manchmal nur monatlich, manchmal unregelmäßig. Auch Mentoring gehört dazu. In einigen Schreibzentren haben die erfahreneren TutorInnen regelmäßige Gespräche mit den

mit Moira vor dem Writing Center
(Foto: Michele Eodice)

neueren, in anderen übernimmt das Leitungsteam die Mentoring-Gespräche.

Keine Lehrbuch-Vorschriften

In Oklahoma führt Moira am Ende jedes Semester mit allen TutorInnen einzeln Gespräche und leitet daraus ab, was es für Weiterbildungsbedarf gibt und welche Schwerpunkte die Ausbildungsklasse für die angehenden TutorInnen haben soll. Michele sagte mir im Gespräch, für sie sei es besonders wichtig, Studierende nicht mit Dogmen zu belasten. Sie ist gegen Lehrbuch-Vorschriften, wie z.B. „Sei nicht-direktiv!“ oder „Schreibe nie in den Text der Studierenden!“ oder „Gehe in diesen Schritten vor!“. Daher mag sie auch den Begriff Training nicht. „To prepare against surprise is training“, meinte sie, denn wenn man für etwas trainiert wurde sei man der Meinung man könne es nun und wisse wie es geht. Sie findet den Begriff „education“ besser: „To prepare for surprise is education”. Zu dieser Vorbereitung auf Überraschungen gehört es zum Beispiel, dass man Improvisationsregeln verinnerlicht: Ja sagen, zu dem was kommt und spontan darauf reagieren. Eine solche Haltung kann man nicht mit einem Lehrbuch lernen, meinte sie. Deshalb nutzt sie für die Ausbildung der TutorInnen auch keins, sondern bespricht mit ihnen Studien, die in Schreibzentren durchgeführt und veröffentlicht wurden, wie z.B. „Scaffolding the Writing Center“ von Isabelle Thompson. Mit diesem Artikel hat das Team ein ganzes Semester lang in der Weiterbildung gearbeitet. Erst haben sie die im Artikel identifizierten Strategien besprochen, erprobt und Vor- und Nachteile erarbeitet. Dann haben alle Beratenden aus diesem eine persönliche Forschungsfrage abgeleitet und das Semester über bearbeitet, z.B. indem eigene Beratungen aufgezeichnet und angeguckt wurden. Aus einer publizierten Schreibzentrumsforschung wurden also persönliche kleine Forschungsprojekte abgeleitet, die es den TutorInnen erlaubten, ihre eigenen Beratungstätigkeiten strukturiert zu reflektieren.

Nicht dogmatisch werden

Auch generell plädiert Michele dafür, die Schreibzentrumsarbeit nicht zu dogmatisch zu sehen, sondern offen zu bleiben für Neues. So lasse sie auch mal Leute im Schreibzentrum mitarbeiten, die die Ausbildung noch nicht durchlaufen haben, wenn sie sie gerne dabei haben möchte und es gerade anders nicht passt.

Blick ins Writing Center der University of Oklahoma

Surprise!

Ich finde sowohl die Idee, Weiterbildung mit eigener Forschung zu verbinden, als auch die Grundhaltung, keine Dogmen aufzustellen und offen für Überraschungen zu sein, sehr inspirierend. Und apropos Überraschungen: Ich konnte das auch gleich testen! Am Freitag überraschte mich das Madisoner Schreibzentrumsteam mit einer echten Surprise-Party zu meinem Geburtstag. Das kannte ich nur aus Filmen bisher. Ich habe mich sehr gefreut!

Surprise Party für mich am Writing Center in Madison

Das Writing Lab der Purdue University: Online und Offline aktiv

Das Writing Lab der Purdue University kennen viele Menschen weltweit, weil es eines der ersten Online-Angebote in unserem Bereich war. Das OWL (Online Writing Lab) bietet jede Menge Ressourcen für akademisch Schreibende an, von Tipps für Lehrende über Schreibprozessinformationen über Grammatik bis hin zu Styleguides. Ich hatte neulich die Gelegenheit, das Writing Lab auch offline zu besuchen, als ich in Indiana war. Dabei konnte ich mich davon überzeigen, dass auch im echten Leben viel los ist im Writing Lab.

Konversationsgruppen

Neben den Beratungen und Schreibgruppen finden beispielsweise fast jeden Tag Konversationsgruppen für ausländische Studierende statt. Diese sind auf Wunsch von Studierenden entstanden und wurden immer mehr, weil sie so gut nachgefragt werden. Die TutorInnen, die die Gruppen leiten, erarbeiten für jedes Semester einen wöchentlichen Themenvorschlag, so dass alle Konversationsrunden der Woche sich mit dem gleichen Thema befassen. Als ich dabei war, drehte sich das Gespräch um das Thema Familie. Laurie, die Gruppenleiterin, ließ uns zunächst eine kleine kreative Aufgabe lösen: wir sollten einen Stammbaum zeichnen. Dann erklärten alle fünf Teilnehmenden nacheinander ihren Stammbaum und Laurie nutzte das, um Vokabeln auf die Tafel zu schreiben und sie nach dem Gespräch zu erklären. Die Tafelbilder veröffentlich sie in ihrem Blog. Obwohl diese Runden überwiegend mündlich sind, scheinen sie doch gut ins Schreibzentrum zu passen. Sie helfen ausländischen Studierenden, ihren Wortschatz zu erweitern und sie können ausländischen Studierenden helfen, das Schreibzentrum kennenzulernen und sich dort Zuhause zu fühlen.

Seminar zu Schreibzentrumstheorie und -praxis

Beeindruckt hat mich auch das Seminar für Graduate Students zum Thema Schreibzentrumsarbeit in Theorie und Praxis. Studierenden müssen in dem Seminar zwischen ein und drei Projekten bearbeiten, je nachdem was sie studieren und welche Note sie haben wollen. Obligatorisch müssen alle mindestens fünf Schreibberatungen beobachten und in einem Essay in Bezug setzen zu der Schreibzentrumstheorie, die sie im Seminar lesen.

Weitere Projekte sind:

–          Ein Proposal für eine Schreibzentrumskonferenz vorbereiten und eine Powerpoint-Präsentation dazu erstellen.

–          Einen Vorschlag für ein Forschungsprojekt im Schreibzentrum erarbeiten.

–          Eine Rezension für ein Schreibzentrumsbuch schreiben und dabei auch eine annotierte Bibliografie zum Thema erstellen.

–          Ein Szenario für eine Schreibzentrumsweiterbildung erstellen.

–          Eine Reflexion zu den Diskussionen auf wcenter-listserv schreiben und diese auf die im Seminar gelesene Lektüre beziehen.

Ich erlebte dort im Seminar Semesterabschluss-Präsentationen. Eine war theoretisch angelegt und der Student befasste sich mit Community Writing Centers und dem außeruniversitären Engagement von Schreibzentren. Eine andere Studentin präsentierte gleich zwei Projekte. Zuerst hatte sie sich in das Archiv des seit 1975 bestehenden Writing Labs begeben und sich die Jahresberichte daraufhin angeguckt, wie das Writing Lab ESL-Studierende thematisiert. Das Thema hat im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen und das Writing Lab hat schließlich angefangen, von sich aus aktiv zu werden im Bereich ESL, statt nur auf bestimmte Anfragen zu reagieren.

Blick ins Writing Lab

Darüber hinaus hat die Studentin das Schreibzentrum ihrer früheren Uni untersucht, an der sie ihren BA-Abschluss gemacht hatte. Dort hatte sie die TutorInnen in einer Online-Umfrage zu ihrer Ausbildung befragt und dies mit dem im Seminar Erlernten in Verbindung gebracht. Sie wird nun für das Schreibzentrum ein neues Aus- und Weiterbildungskonzept entwickeln – was für ein Geschenk für den dort gerade neu eingesetzten Leiter, der das Schreibzentrum nur nebenbei betreuen kann!

Das Seminar scheint sehr umfassend auf Mögliche Tätigkeiten im Bereich von Schreibzentren vorzubereiten – sowas wünsche ich mir für Deutschland auch.

Schreibzentrumsforschung: Gesprächs- und Gestenanalyse einer Beratung

Isabelle Thompson hat 2009 von der International Writing Centers Association den Preis für den besten Artikel des Jahres für ihren Artikel „Scaffolding the Writing Center. A Microanalysis of an Experienced Tutor’s Verbal and Nonverbal Tutoring Strategies“ bekommen (erschienen in Written Communication, 26 (4), 417-453)

Isabelle Thompson untersucht in diesem Artikel eine Tutoring-Session eines erfahrenen Peer Tutors, die sie auf Video aufgezeichnet hat, sowohl gesprächsanalytisch als auch im Hinblick auf die Gesten. Dabei stellt sie in Frage, inwiefern eine gelungene Beratung tatsächlich nicht-direktiv ist und stellt fest, dass der Begriff „Scaffolding“ für die Tätigkeit des Tutors in der Beratung passt. Scaffolding bedeutet in etwa: ein Gerüst geben.

Kognitives Scaffolding
Thompson stellt in der analysierten Beratung verschiedene Varianten von „scaffolding“ fest. So gibt es zum einen kognitives Scaffolding. Darunter zählt sie alle Strategien, die den Ratsuchenden die Möglichkeit geben, eine Lösung zu finden. Sie zählt dazu folgende verbale Strategien:
– etwas demonstrieren
– die Wahl geben zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten
– Hinweise geben um einen Sachverhalt zu vereinfachen
– eine Vorgehensweise vorschlagen
– eine Frage teilweise beantworten
– die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken
– einen Rahmen herstellen für etwas Neues oder ein neues Thema einführen
– beim Antworten eine Leerstelle lassen, so dass die Ratsuchende selbst aktiv werden muss
– Ermunterungen zum Suchen einer Antwort ohne inhaltliche Hinweise zu geben
– den Text laut vorlesen oder vorlesen lassen
– als Leser antworten

Entsprechende nonverbale Strategien von kognitivem Scaffolding sind:
– Gesten die als Hinweise fungieren
– Gesten die die Ratsuchende auf bestimmte Textteile fokussieren

Motivationales Scaffolding
Eine weitere Strategie ist das motivationale Scaffolding. Dazu gehören folgende verbale Strategien:
– Anerkennung für die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe
– Humor
– negatives oder positives Feedback
– Bestärkung richtiger Antworten durch Wiederholung derselben
– Erhaltung der Motivation und Bekämpfung von Frustration durch Sympathie und Empathie
Nonverbale Gesten die als motivationales Scaffolding zählen sind alle Gesten, die eine Übereinstimmung und Verbindung mit der Ratsuchenden signalisieren.

Neben dem Scaffolding gab es im aufgezeichneten Gespräch auch direkte Instruktionen.

Methode
Thompson hat das Gespräch im Hinblick auf dieses Scaffolding seitens des Tutors untersucht, indem sie es zunächst gesprächsanalytisch transkribiert und dieses Transkript vom Tutor hat korrigieren und kommentieren lassen. Beim Kodieren ist die den Scaffolding-Definitionen von Cromley und Azevedo (2005) gefolgt und den Gesten-Definitionen von Bavela (1992). Sie hat beim Kodieren ihre Interpretationen mit einem Doktoranden abgeglichen, wobei sie auf 90% Übereinstimmung kamen und die restlichen 10% im Gespräch klären konnten.

Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass der Tutor kognitives und motivationales Scaffolding gleichzeitig nutzt, um die aktive Beteiligung der Ratsuchenden zu erhöhen, die Diskussion voran zu treiben und effektive Überarbeitungen des Textes zu ermöglichen. So ist es wichtig, dass der Tutor eine Art Sicherheitsnetz bildet, mit dem er die Ratsuchende vor Frustration und Scham schützt. Dabei spielen auch die Gesten eine wichtige Rolle, sie sind ein entscheidender Faktor in der gelungenen Gesprächsführung.
Thompson stellt zudem fest, dass der Tutor die verschiedenen Strategien unterschiedlich stark einsetzt: Wenn die Ratsuchende verwirrt ist, bietet er mehr Hilfe an, und wenn sie selbst einen Weg zu finden scheint hält er sich zurück.
Thompson betont, dass eine Schreibberatung offensichtlich nicht einem vorab festgelegten Schema folgen sollte. Zwar beginnt die Beratung damit, gemeinsam eine Agenda festzulegen, doch ist es im Verlauf wichtiger, den Bedürfnissen der Ratsuchenden zu folgen als dem, was vorab festgelegt wurde. Diese Bedürfnisse werden u.U. nicht gleich am Anfang sichtbar, weil sich das Vertrauensverhältnis zwischen Tutor und Ratsuchender erst im Verlauf des Gesprächs entwickelt.
Ferner kritisiert Thompson, dass die Nutzung des Begriffs „Direktivität“ unser Verständnis von Beratungsabläufen limitieren könnte. Scaffolding sei ein günstigerer Begriff, der sowohl direktivere als auch nicht-direktivere Strategien beinhalten könne, aber vor allem auf darauf abziele, dass die Ratsuchende sich wohl fühle und aktiv werde. Wenn Studierende im Verlaufe der Beratung motivational bereit genug seien, könnten Tutoren auch direktiv sehr produktiv agieren, so Thompson. Sei dagegen die Motivation noch nicht genügend aufgebaut wenn Tutoren anfangen direktiver zu agieren, dann würde die Beratung vermutlich weniger erfolgreich verlaufen.
Thompson plädiert dafür, Motivation im Zusammenhang mit Schreibzentrumsarbeit näher zu untersuchen und dabei auch Gesten, Körperhaltung, Gesichtsausdruck etc. stärker in die Forschung mit einzubeziehen.

Unser Buch ist erschienen: Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung

Ich habe es zwar noch nicht in den Händen gehalten, aber bei meiner geschätzten Kollegin Nadja ist es heute angekommen: Unser Lehrbuch. In den ersten Monaten, als ich hier war, haben wir noch online am letzten Schliff gearbeitet, buchstäblich Tag und Nacht, da wir ja praktischerweise zeitversetzt wach waren. Nun ist es also lieferbar und das freut mich so sehr, dass ich es hier gleich posten muss.

Buchcover Girgensohn Sennewald Schreiben lehren Schreiben lernen

Zum Inhalt:

Diese kompakte und verständliche Einführung gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Schreibforschung und Schreibdidaktik im Hochschulbereich. Sie stellt Schreibprozesstheorien vor, führt in die disziplinär unterschiedlichen Methoden der Schreibforschung ein und beleuchtet dabei beispielhaft einzelne Forschungsprojekte. Schreibdidaktische Ansätze an Hochschulen, wie zum Beispiel Schreibzentren, schreibintensive Lehre und Portfolioarbeit, werden vorgestellt. Ein Praxisteil gibt Impulse und Anregungen für Studierende, um das eigene Schreiben im Kontext der Universität zu verbessern.

Das Buch ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt in der Reihe Einführungen in die Germanistik erschienen und kostet bei der WBG studentenfreundliche  9,90 Euro und im Buchhandel 14,90 Euro.

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