Neuer Durchgang Weiterbildung „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ 2015

coverflyer_hpLiebe Kolleginnen und Kollegen,

wir bieten ab 2015 eine neue Runde der Weiterbildung „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ für externe Interessierte an. Das Angebot reagiert auf verschiedene Anfragen und auf den wachsenden Bedarf an schreibdidaktisch ausgebildeten Menschen, die an Schreibzentren an Schulen und Hochschulen, in hochschuldidaktischen Einrichtungen, Graduate Schools oder auf dem freien Markt als SchreibberaterInnen, SchreibtrainerInnen und Literacy ManagerInnen arbeiten möchten. Unsere Weiterbildung unterstützt die Implementierung und Institutionalisierung schreibdidaktischer Angebote. Sie umfasst fünf dreitägige Präsenz-Module sowie Online-Arbeit zum Literacy-Management mit der E-Portfolio-Software Mahara.

Die Weiterbildung wird in Kooperation mit der PH Freiburg am Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina durchgeführt. Sie bringt außerdem die Expertise von Expertinnen und Experten weiterer universitärer Schreibzentrum und freiberuflich tätiger SchreibberaterInnen ein. Die Weiterbildung kostet 4.000 Euro incl. Lehrmaterialien sowie für die Präsenzmodule jeweils zwei Übernachtungen und Verpflegung. Übernachtungen und Verpflegung gehören zum Konzept der Ausbildung, da wir langfristige kollegiale Netzwerke initiieren wollen und die gemeinsam verbrachte Zeit dafür wichtig finden.

Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeiten gibt es auf unserer Homepage: www.europa-uni.de/schreibzentrumsweiterbildung und in unserem Flyer (Flyer_Schreibzentrum_web).
Bis zum 01.02. 2015 ist die Anmeldung möglich.

Wir freuen uns, wenn diese Informationen weiter geleitet werden!

Mit den besten Grüßen
Franziska Liebetanz & Katrin Girgensohn

 

 

 

 

 

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Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende

Das Semester ist hier schon seit Mai zu Ende und ein Großteil der Studierenden ist längst nach Hause oder sonstwohin gefahren. Aber es laufen auch Sommerkurse und das Schreibzentrum ist weiterhin offen – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Diese relative Ruhepause lässt Raum für andere Projekte, zum Beispiel die Disseration Camps des Schreibzentrums. Die Camps sind eine Kooperation des Schreibzentrums mit der Graduate School der Universität, die über die Mellon Foundation finanziert werden. Die Camps bieten Promovierenden in der Schreibphase die Möglichkeit, konzentriert über einen bestimmten Zeitraum an ihren Arbeiten zu schreiben und dabei die Unterstützung des Schreibzentrums zu bekommen – ähnlich wie bei unseren Schreibmarathons in Frankfurt (Oder). Nach einem sehr erfolgreichen Probelauf im letzten Sommer wurden in diesem Sommer gleich drei Camps angeboten: Zwei für jeweils eine Woche und eins über sechs Wochen. Über hundert Promovierende hatten sich für die insgesamt 60 Plätze in den Camps beworben. Sie mussten dafür online einen Bewerbungsbogen ausfüllen und auch die Dissertationsbetreuer mussten online eine Enschätzung abgeben. Wer ausgewählt wurde, musste 40 Dollar einbezahlen, um sich den Platz zu sichern, die zurück gezahlt wurden wenn man das Camp tatsächlich mitgemacht hat. Außerdem konnten diejenigen, die nicht in Madison wohnen, die Fahrtkosten bezahlt bekommen und Kinderbetreuung gab es auch auf Wunsch.

Schreibübung im Camp für Promovierende

Nancy leitet eine Schreibübung an.
Foto: Writing Center Madison

Die Camps starteten morgens mit einer kurzen Schreibübung und damit, dass alle ihre Ziele für den Tag formulierten. Dann suchten sich alle Plätze und schrieben los. Mittags gab es Workshopangebote für diejenigen, die wollten und im langen Camp trafen sich die Teilnehmenden zusätzlich täglich in Kleingruppen, um sich über ihre Texte auszutauschen. Und natürlich konnten alle Teilnehmenden im Schreibzentrum mit Schreibtutoren über ihre Texte sprechen. Auch zum Abschluss kamen noch einmal alle zusammen zu einer ganz kurzen Übung. Besonder schön finde ich folgende Übung: Alle Teilnehmenden stellen sich in einer Reihe auf, in der Reihenfolge dessen, wieviel sie an diesem Tag geschrieben haben – von einem Absatz bis hin zu mehreren Seiten. Nachdem alle stehen, bekommen sie die Aufgabe, zu begründen, warum diese Menge, die sie an diesem Tag geschafft haben, genau richtig ist. Dadurch entsteht eine positive Stimmung und es wird deutlich, dass Quantität alleine nichts aussagt. Das kann denen, die als Schreibtypen keine Vielschreiber sind, Druck nehmen.

Bei der Abschlussveranstaltung des langen Camps waren Vertreter der Graduate Schools, diverse Dekane und Vertreter der Stiftung anwesend. Alle Teilnehmenden hielten eine einminütige Rede darüber, was ihnen das Camp gebracht hat. Offenbar sind die Ziele, die das Schreibzentrum verfolgt hatte, aufgegangen: Schreibroutinen aufbauen, Gemeinschaft stiften und die Texte vorantreiben.  Ich finde die Idee sehr gut, diesen Erfolg für die Geldgeber, Kooperationspartner und Dekane sichtbar zu machen. Die waren denn auch so begeistert, dass nun eine Diskussion aufgekommen ist, ob solche Camps obligatorisch sein sollten. Das wird sich aber hoffentlich nicht durchsetzen, die Promotion hier ist schon mit genug Vorgaben belastet und es ist doch wunderbar, dass diejenigen, die sich eine Schreib-Gemeinschaft wünschen, diese bekommen können!

Promovieren – strukturierter aber auch kontrollierter

Ich bin gebeten worden, etwas darüber zu schreiben, wie Promovieren hier abläuft.

Insgesamt betrachtet ist Promovieren hier eine sehr viel strukturiertere Angelegenheit als ich das aus Deutschland kenne. Stephanie, meine Bürokollegin, promoviert in Rhetoric and Composition. Ich weiß nicht, wie weit ihre Erfahrungen sich verallgemeinern lassen, aber bei ihr hatte ich den besten Einblick. Der gesamte Promotionsprozess gliedert sich in drei Phasen.

Phase 1 Coursework

Stephanie musste zunächst noch einmal Seminare besuchen und Scheine machen wie im Studium. Innerhalb von vier Semestern musste sie sechs Hauptseminare absolvieren und zusätzliche Kurse in Forschungsmethodik. Wer keine Fremdsprachenkenntnisse auf akademischem Niveau nachweisen kann, muss außerdem auch noch Sprachkurse belegen.

Phase 2 Prelims

Katrin und Stephanie

Stephanie und ich werden nächste Woche auf ihre abgeschlossenen Prelims anstoßen!                                                (Foto: Schreibzentrum Madison)

In diesem Semester war Stephanie scheinfrei und arbeitete an ihren Prelims (Preliminary Examinations).  Für die Prelims muss sie ein Portfolio erstellen, dessen Schwerpunkt zwei längere Essays bilden. Der eine basiert auf einer ca. 60 Bücher umfassenden Buchliste, die als Kanon von den Lehrenden in Rhetoric and Composition zusammengestellt wurde. Jedes Semester verfassen die Lehrenden verschiedene Forschungsfragen, von denen eine ausgewählt und im Essay beantwortet wird. Der zweite Essay basiert auf einer selbst gewählten Literaturliste und diskutiert eine selbst gewählte Frage. Dieser zweite Essay ist in der Regel eine Vorarbeit für die Dissertation, bei der man anfängt, sich den Forschungsstand zum Thema zu erarbeiten, zu dem man auch promovieren möchte. Beide Essays müssen zunächst als Rohfassungen eingereicht werden und mehrere Lehrende geben darauf Feedback. Dann werden sie überarbeitet und sind Bestandteil des Portfolios. Dazu kommt ein Einleitungsessay, in dem die Promovierenden reflektieren sollen, wie das Promotionsstudium bis dato verlaufen ist, was sie bei sich als Stärken und Schwächen sehen, wie ihr Portfolio diese spiegelt und was sie für Zukunftspläne haben. Außerdem gehört in das Portfolio die nach eigener Ansicht beste schriftliche Arbeit aus der Kursphase und eine Dokumentation der eigenen Lehre. Es müssen nämlich – zumindest in diesem Fach – alle Promovierenden auch selbst lehren. Ins Portfolio gehören eine schriftlich formulierte Lehrphilosophie, beispielhafte Lehrpläne und mindestens eine komplette Evaluation eines Seminars durch Studierende.  Das gesamte Portfolio wird schließlich auch noch mündlich verteidigt.

Phase 3 Dissertation und Übergang in den Beruf

Spätestens zum Ende des sechsen Semester muss man die Prelims abgeschlossen haben und bekommt zur Belohnung eine Gehaltserhöhung für die Lehre. Dann hat man ein Semester Zeit, um ein umfangreiches Expose für die Dissertation einzureichen, das vor einem fünfköpfigen Kommittee verteidigt werden muss. Anschließend geht es ans Forschen und Schreiben, wobei ein enger Kontakt mit den beiden Hauptbetreuern die Regel zu sein scheint. Und schließlich wird die Dissertation eingereicht. Allerdings besteht ein großer Unterschied zu Deutschland darin, dass diese Dissertation ausdrücklich als Rohfassung betrachtet wird. Bei der Verteidigung wird diskutiert im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten des Textes und auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen für den zukünftigen Job. Denn die dritte Phase wird zugleich auch als Übergang in den Beruf gesehen. Deshalb werden den Promovierenden Betreuer zur Seite gestellt, die sie im Hinblick auf ihre Karriere beraten. Es gibt zumdem verschiedenste Bewerbungsworkshops, Job-Interview-Rollenspiele, und so weiter. Eine Promovendin des Schreibzentrums hatte mich eingeladen, zu einem Vortrag zu kommen, den sie im English Department hielt, um sich auf einen Probevortrag im Rahmen einer ihrer Bewerbungen vorzubereiten. Ich war sehr erstaunt, dass so viele Professoren kamen, um zuzuhören und ihr hinterher sehr konstruktive Rückmeldung zu geben – sowohl inhaltlich als auch rhetorisch und bis hin zur Kleidung! Die Fakultät sieht es offenbar selbstverständlich als ihre Aufgabe an, die erfolgreichen Absolventen anschließend auch gut unterzubringen.

Der PhD als akademischer Grad wird mit der erfolgreichen Verteidigung der Dissertation verliehen.  Die Texte werden dann erst im Laufe der nächsten Jahre überarbeitet und veröffentlicht, wenn man schon im Job an der nächsten Uni steckt. Wenn Deutsche sich für Uni-Jobs in den USA bewerben haben sie mit der veröffentlichen Diss daher oft einen großen Vorteil, da sie schon ein Buch auf der Publikationsliste haben. Allerdings fehlen ihnen all die anderen Komponenten, die hierzulande selbstverständlich sind: Lehrerfahrungen, Lehrevaluationen, Preise und Auszeichnungen und das Training für den Bewerbungsprozess.

Es hat also alles Vor- und Nachteile. Stephanie und ich haben oft darüber geredet, was die Unterschiede zwischen den Systemen sind. Sie findet es etwas zu reguliert und möchte sich endlich „erwachsen“ fühlen in dem Sinne, dass sie eigenständig forschen kann ohne ständig kontrolliert zu werden. Ich kann das gut verstehen, finde es aber auch großartig, dass Betreuung hier wirklich Betreuung ist. Und die Unterstützung bei der Berufssuche hätte ich mir gewünscht!

Institutionelle Kooperation von Schreibzentren: So machen’s die BIG TEN

Ich glaube ich hatte bereits an anderer Stelle erwähnt, wie wichtig an den hiesigen Universitäten der Sport ist. Uni-Sportteams sind identitätsstiftend, werden bejubelt, Spiele laufen im Fernsehen und es ist völlig unmöglich, keine Meinung dazu zu haben. Um diese Sportbegeisterung, aber auch die AtlethInnen besser fördern zu können, haben sich bereits vor über 100 Jahren zehn große und sportbegeisterte Forschungsuniversitäten zusammengetan, die größtenteils aus dem mittleren Westen der USA stammen. Die BIG TEN vermarkten z.B. gemeinsam die Fernsehrechte für die Sport-Events, ermöglichen es den AtlethInnen zwischen den Unis zu pendeln, vergeben Stipendien usw. Inzwischen beteiligen sich 12 Universitäten und die Kooperation hat sich auf andere Felder als den Sport ausgedehnt. 1958 wurde das CIC gegründet, das Commitee for Institutional Cooperation, das sich als akademische Ergänzung zur Sport-Kooperation versteht. Die 12 Universitäten haben ein gemeinsames Gebäude in der Nähe des Flughafens in Chicago gebaut, um die Kooperation zu erleichtern. Dort treffen sich nun an einem Tag die Präsidenten der Universitäten, an einem anderen uniübergreifende Forschungsgruppen oder BibliotheksleiterInnen – und einmal im Jahr die LeiterInnen der Schreibzentren.

Benchmarks

Letzte Woche durfte ich also dabei sein, als die SchreibzentrumsleiterInnen der 12 großen Forschungsunis des Mittleren Westens eingeflogen bzw. angefahren kamen nach Chicago. Nach einem allgemeinen Austausch wurden „Benchmarks“ besprochen, d.h. Tabellen, in die alle schon vorab bestimmte Daten und Merkmale ihrer Schreibzentren eingetragen hatten und die vor dem Treffen herumgeschickt worden waren. Festgehalten wird zum Beispiel welchen Bereichen der Uni das Schreibzentrum dient, welchen Titel die Direktorin trägt, wer wichtige Verbündete in der Uni sind, welche finanziellen Sponsoren es gibt. Darüber hinaus sind Zahlen wichtig: Wieviele TutorInnen gibt es, wieviele Stunden arbeiten sie, wieviele Leitungspersonen, was verdienen die TutorInnen, wie oft werden die Gehälter der TutorInnen erhöht und wann zuletzt um wieviel, etc. Diese Vergleiche dienen den einzelnen Schreibzentren der Big Ten/Twelve dazu, Vergleichsgrößen und damit auch Verhandlungsbasen gegenüber den eigenen Institutionen zu haben. So war zum Beispiel an einer der Unis die Stelle einer Associate Direktorin des Schreibzentrums neu eingerichtet worden und dabei war ein Budget für Konferenzteilnahmen vergessen worden. Mit Hilfe der Benchmarks kann sie nun leichter durchsetzen, dass es dafür ein vernünftiges Budget geben muss, denn die Universitäten sind alle miteinander vergleichbar und keine wird hinter den anderen zurückstehen wollen.

Graduate Students

Der zweite Teil des Treffens war der Diskussion um Graduate Students in Schreibzentren gewidmet. Der Unterschied zwischen Undergraduate Students und Graduate Students spielt in den USA eine große Rolle. Graduate Students sind sowohl Masterstudierende als auch Promovierende. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, sehe ich bei uns keinen so großen Unterschied zwischen BA-Studierenden und MA-Studierenden, was vermutlich daran liegt, dass bei uns von Anfang an sehr disziplinspezifisch studiert wird und von Anfang an Wert gelegt wird auf eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten, während es in den USA anfangs mehr Studium Generale und allgemeine Unterstützung gibt. Außerdem sind die Undergraduates hier einfach jünger. Sie sind mit dem BA fertig wenn deutsche Studierende gerade erst anfangen. Als Forschungsuniversitäten legen die Big Ten großen Wert auf die Ausbildung der Graduate Students, wobei zwischen Master und Promotion weniger Unterschied ist als bei uns. Wie auch immer – die Situation der Graduate Students in den Schreibzentren sollte besprochen und eine Stellungnahme entwickelt werden. Dabei geht es zum einen darum, dass die Arbeit von Schreibzentren oft mit „Hilfe für Schreibanfänger“ assoziiert wird – was insbesondere an den Forschungsuniversitäten nicht stimmt, wo viele Graduate Students die Schreibzentren nutzen. Zum anderen arbeiten viele Graduate Students in Schreibzentren als SchreibtutorInnen und häufig auch in Leitungspositionen, z.B. als „Teaching Assistant Associate Director“. Insbesondere diese Leitungspositionen ermöglichen wertvolle zusätzliche Berufserfahrungen während des Studiums und der Promotion und sollten daher gefördert werden. Darüber hinaus gibt es in Schreibzentren auch Forschung über Graduate Writers – und gemeinsam mit Graduate Writers, wie zum Beispiel in einem speziellen Research Cluster zu Graduate Writing Groups an der Michigan State University. Im Meeting wurde beschlossen, die Arbeit an der Stellungnahme bei der nächsten Konferenz der International Writing Centers Association für weitere Leute zu öffnen und sie dann online fortzuführen, um sie später zu publizieren.

Abschließend betonte eine der Teilnehmerinnen noch einmal, wie wichtig ihr der Austausch in dieser Gruppe ist, denn es sei eine eine sehr spezielle Situation: Sie alle leiten sehr große Schreibzentren an sehr großen Universitäten, die sehr auf Forschung ausgerichtet sind.

Dieses Statement hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es wichtig ist, innerhalb der Vernetzung die wir in Deutschland voran treiben, auch Raum für die Bedürfnisse bestimmter Gruppen zu schaffen. So zum Beispiel für diejenigen, die freiberuflich schreibdidaktisch an und mit Universitäten arbeiten, oder für diejenigen, die insbesondere mit NaturwissenschaftlerInnen arbeiten. Im Hinblick auf die Zukunft unseres Schreibzentrums an der Viadrina finde ich es eine gute Idee, wenn wir uns mit denjenigen austauschen, die wie wir, in den nächsten Jahren über den Qualitätspakt Lehre in ihrer schreibdidaktischen Arbeit gefördert werden. Den Stellenausschreibungen der letzten Monate zufolge dürfte da eine recht große Special Interest Group zusammenkommen!

 

Das Veröffentlichen lernen: Neue Ratgeber für Promovierende

Das Veröffentlichen gehört zunehmend zum Alltag der Promovierenden. Ich bemerke diese Veränderung auch in der Schreibberatung für Promovierende an der Viadrina: Schreibberatung geht immer öfter einher mit Publikationsberatung. Jetzt sind die ersten deutschsprachigen Ratgeber dazu erschienen. Ich sprach mit ihrer Herausgeberin Dr. Kathrin Ruhl, der Geschäftsführerin des Interdisziplinären Promotionszentrums der Universität Koblenz-Landau.

Daniela Liebscher: Gratuliere, Frau Ruhl! Soeben haben Sie als Herausgeberin einen Ratgeber über das Schreiben von Postern in der Wissenschaft veröffentlicht. Was war Ihr Anliegen mit diesem Buch?

Kathrin Ruhl: Vielen Dank. Seitens des Interdisziplinären Promotionszentrums haben wir an unserer Hochschule im Wintersemester 2010/11 eine Postersession für Nachwuchswissenschaftlerinnen organisiert und begleitend dazu einen Workshop zur Postererstellung angeboten, um den Promovierenden, die bislang keine oder wenige Erfahrungen mit dieser Form der Wissenschaftskommunikation gesammelt haben, eine Hilfestellung zu geben. Im Rahmen der Vorbereitung dieser Veranstaltungen recherchierte ich, welche Literatur es zu diesem Thema gibt und stellte fest, dass Informationen bislang nur vereinzelt und vor allem als knappe Handlungsempfehlungen im Internet verfügbar sind. Dadurch entstand die Idee, einen Band herauszugeben, der sich inhaltlich und nicht nur formal mit dem Thema Poster in der Wissenschaft beschäftigt und zugleich Beispiele liefert.

Sie haben außerdem 2010 einen Sammelband zum „Publizieren während der Promotion“ mitherausgegeben. Es ist der erste deutschsprachige Ratgeber zu diesem Thema. Wie sind Sie darauf gekommen, Promovierende beim Publizieren zu beraten? Sollten diese sich nicht besser ganz auf das Schreiben ihrer Doktorarbeit konzentrieren?

Auch dieser Band ist aus meiner regulären Arbeit heraus entstanden. In der Vergangenheit hatten wir im Promotionszentrum bereits mehrere Veranstaltungen zum Verfassen von Fachartikeln oder auch Rezensionen im Programm. Bei der Planung und im Gespräch mit den verschiedenen Referentinnen und Referenten dachte ich immer wieder über die Unterschiede in den Disziplinen nach und auch über die Veränderungen bezüglich des Publikationsverhaltens von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern. Es wird immer stärker von Promovierenden erwartet, dass sie sich bereits in dieser Phase in der Scientific Community vernetzen und mit Vorträgen und Publikationen präsent sind. Dies ist zwar in den Fächern unterschiedlich stark ausgeprägt, aber grundsätzlich ist die Tendenz erkennbar. Der Gedanke, dass Promovierende mit der Veröffentlichung der Dissertation erstmals in der Wissenschaft in Erscheinung treten, gilt daher so nicht mehr. Dies zeigt sich zum Beispiel auch in der Entwicklung der kumulativen, also publikationsbasierten, Promotion, die in einigen Fächern, wie beispielsweise den Naturwissenschaften, verstärkt vorzufinden ist und die als Alternative für die bisherige Form der Promotion auch in anderen Fächern eingeführt wird. Wer kumulativ promoviert, muss sich mit den Kriterien von Fachartikeln auseinandersetzen und die Gepflogenheiten im Fach kennen. Es ist aufgrund der vielfältigen Veränderungen wichtig, frühzeitig die verschiedenen wissenschaftlichen Textsorten und die Anforderungen an diese zu kennen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern in der Nachfrage nach Unterstützung beim Schreiben?

Zumindest für unsere Hochschule kann ich sagen, dass die Nachfrage zwischen den Fächern nicht größer oder kleiner ist. Aber es gibt verschiedene Gepflogenheiten bei den Fachartikeln, d.h. was die Strukturierung der Artikel, den Grad der Standardisierung, die Sprache und auch die formale Gestaltung anbelangt. Und darauf nehmen wir bei unseren Veranstaltungen Rücksicht und bieten die Workshops zum Verfassen von Fachartikeln deshalb für die Disziplinen getrennt an.

Was ist Ihr Hauptanliegen mit diesen beiden Schreibratgebern?

Die Idee war, systematisch über das Thema Publizieren zu informieren und dieses in seinen verschiedenen Facetten aufzubereiten. Es gibt für jede Textsorte bestimmte Konventionen und ungeschriebene Regeln, die vorausgesetzt werden, aber die Promovierende nicht unbedingt kennen. Daher sollten in den Bänden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Expertise weitergeben, die sie als Autoren oder als Herausgeberinnen von Fachzeitschriften gesammelt haben. Natürlich gibt es keinen festen Ablaufplan, den man nur befolgen muss und schon ist ein Beitrag fertig und wird auch automatisch angenommen – zentral ist die Qualität des Inhalts. Aber wenn sich Promovierende über die Anforderungen an eine Textsorte informieren können, bleibt ihnen hoffentlich mancher Fehler oder manche Enttäuschung erspart. Und ich denke, dass eine Person umso erfolgreicher ist, je mehr Informationen sie sich vorab einholt und Gedanken macht.

Das Poster gehört inzwischen für viele deutschsprachige Promovierende zum Promotionsalltag. Gibt es auch andere Textsorten, die von Promovierenden genutzt werden oder die sich für Promovierende besonders eignen?

Die wissenschaftlichen Textsorten und Publikationsmöglichkeiten sind vielfältig, es gibt beispielsweise Artikel in Fachzeitschriften, Beiträge in Lexika und Handbüchern, Artikel in Sammelbänden und Festschriften usw. Das sind sehr umfangreiche und komplexe Texte – zum Teil wird man für diese angefragt und muss daher schon einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Scientific Community haben oder ein Auswahlverfahren durchlaufen wie bei den Fachzeitschriften. Die Hürden liegen bei diesen Texten also hoch bzw. sehr hoch.

Aber es gibt auch Texte, die Promovierenden eher offen stehen, wo die Hürde niedriger liegt – zum Beispiel Posterbeiträge, Rezensionen oder Tagungsberichte. Sie sind gut geeignet, um einen Einstieg ins wissenschaftliche Veröffentlichen zu realisieren, weil sie einen überschaubaren Arbeitsumfang haben. Viele Fachzeitschriften veröffentlichen eine Liste der Bücher, die besprochen werden können – das ist eine gute Chance, sich an die Redaktion zu wenden und Interesse für eine Rezension zu bekunden. Das heißt nicht, dass es sehr einfach ist, eine Rezension zu schreiben – es sollte eine gute Kenntnis des Feldes vorliegen, um das Buch einordnen zu können, die Fachbegriffe sollten richtig platziert werden. Und auch den richtigen Ton zu treffen, erfordert Geschick.

Die Frage bezüglich der Nutzung ist nicht eindeutig zu beantworten, das ist meines Erachtens je nach Fach verschieden. In Fächern, in denen Postersessions mittlerweile ein fester Bestandteil von Tagungen geworden sind, werden Promovierende sich an diesem Format versuchen. In anderen Disziplinen sind die ersten Publikationsschritte vielleicht eher über Rezensionen. Welche Veröffentlichungen die Ersten sein sollten und welches Medium dafür geeignet ist, all das sind Überlegungen, die sehr gut mit dem Betreuer oder der Betreuerin reflektiert werden können, da würde ich auf deren Urteil und Empfehlungen vertrauen.

Wie sieht es mit der Nutzung des Web fürs wissenschaftliche Schreiben aus? Ich denke da an Forschungsblogs?

Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten, wissenschaftlich zu kommunizieren. Online-Journals oder Forschungsblogs sind für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ebenfalls eine gute Möglichkeit, Publikationserfahrungen zu sammeln, wobei sich ein Forschungsblog sehr von den „klassischen“ Formen unterscheidet, weil man selbstverantwortlich schreibt und es keine Redaktion gibt, die die Qualitätssicherung übernimmt. Und genau das ist auch der Knackpunkt bei Forschungsblogs, sie sind bei renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern daher häufig nicht sehr anerkannt.

Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps an Promovierende, die während ihrer Promotion publizieren wollen?

1. Ich würde mich vorab gut informieren, was die Bedingungen des favorisierten Mediums sind und dann meinen Beitrag genau darauf zuschneiden, damit ich nicht an formalen Dingen scheitere oder mein Beitrag zwar inhaltlich gut ist, aber leider nicht in das wissenschaftliche Profil der Zeitschrift passt.

2. Auch wenn Publikationen nicht bis ins letzte Detail geplant werden können und häufig Zufälle eine Rolle spielen (dass man beispielsweise aufgrund einer Publikation zu einer weiteren eingeladen wird), würde ich versuchen, so etwas wie eine Publikationsstrategie zu entwerfen: Welche Inhalte kann ich bereits während der Promotion veröffentlichen? Wie kann ich mich in meiner Community platzieren? Worauf kommt es in meiner Disziplin an – nationale oder internationale Veröffentlichungen etc.?

3. Publikationen sind wichtig und Promovierende sollten frühzeitig damit beginnen, aber sie sollten vor lauter Veröffentlichungen auch nicht den Abschluss der Dissertation aus den Augen verlieren und sich bei allem Engagement für die verschiedenen Herausforderungen auch genug Freiräume für ihr Privatleben bewahren.

Literaturtipps:

Kathrin Ruhl u.a. (Hg.), Publizieren während der Promotion, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.

Kathrin Ruhl (Hg.), Das Poster in der Wissenschaft. Zum Stellenwert des Posters in der Nachwuchsförderung am Beispiel der Universität Koblenz-Landau, Gießen: Johannes Herrmann Verlag 2011.

Wo geht’s hier zum Doktor?

Hilft der Doktortitel beim sozialen Aufstieg in die deutsche Wirtschaftselite? Jein. Der „Dr.“ ist inzwischen wichtig, aber was wirklich zu zählen scheint, ist der familiäre Hintergrund. „Mit Powerpoint-Kursen können Sie das nicht wettmachen!“, ruft uns der Referent zu. Wir Teilnehmenden der Tagung „Doktortitel zwischen Status und Qualifikation“ reagieren ein bisschen unruhig. Die meisten im Publikum vertreten Graduiertenschulen oder -akademien oder die Graduiertenförderung einer Stiftung oder eines Verbandes oder setzen sich anderswie dafür ein, dass die Promotion für die Promovierenden ein handhabbares und erfolgreiches Projekt wird. Wir sind die mit den Powerpoint-Kursen.

Jung und weiblich
Es ist offensichtlich, dass dieses Berufsfeld in Deutschland jung ist und auffallend weiblich. Ich fühle mich jedenfalls passend hier: Seit April bin ich Schreibberaterin für Promovierende am Viadrina Center for Graduate Studies und arbeite mit dem Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina zusammen, dem einzigen in der gesamten Region Berlin-Brandenburg. Ich berate in- und ausländische Promovierende (und solche, die es werden wollen) bei der Themensuche, beim Exposéschreiben für Stipendienanträge, beim Schreiben und Umschreiben der Dissertation, bei der Literaturverarbeitung, bei der Suche nach Publikationsmöglichkeiten, beim Vernetzen mit Peers und beim Hinweinwachsen in die deutsche Wissenschaftswelt. Meine Sprechstunden sind ausgebucht, es gibt neuerdings Anfragen nach Unterstützung sogar aus anderen Ecken Brandenburgs.

Strukturierte Promotion, was nun?
Auf der Jahrestagung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung IFQ vom 5.-6. Dezember leuchten noch andere Lehrende, Hochschul- und Wissenschaftsforscher/innen (mit reichlich Powerpoint-Slides….) ins verschlungene Dickicht der deutschen Promotion hinein. Sie stellen fest: Am Ende ist es vermutlich egal, wie man promoviert. Es scheint keine großen Unterschiede zwischen den Bedürfnissen und Karrieren von Promovierenden in strukturierten Programmen und dem Gros der „unstrukturierten“ Otto-Normal-Doktoranden. Prägender und entscheidender über den späteren beruflichen und wissenschaftlichen Erfolg seien das soziale Kapital, das man mitbringe, oder die Art des Berufseinstiegs nach dem Abschluss, ganz gleich ob dieser im akademischen oder nicht-akademischen Bereich stattfinde.

Was zu tun ist
Lohnt sich also der Aufwand, mit dem Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsorganisationen in Deutschland das Promotionswesen reformieren? Was Kinder aus nicht-akademischen Familien oder Frauen betrifft, hat sich eigentlich nicht viel verändert. Wenn sie die Promotion überhaupt erreichen, erleben sie diese Phase als überaus prekär, und Frauen kehren nach dieser Phase der Wissenschaft immer noch größtenteils den Rücken, so strukturiert sie inzwischen auch promoviert haben mögen. Die einzige Referentin, die sich diesem Thema auf der Tagung widmet, erfährt heftige Kritik wegen ihres Vortragsstils und ihrer „weichen“ Fakten. Deswegen wird über das Thema leider nicht mehr gesprochen. Schade.

Auf dem Anmeldetisch finde ich beim Hinausgehen die Einladung des Hochschuldidaktischen Zentrums der TU Dortmund zu einer Online-Befragung: „Mobile Drop Outs. Auf der Suche nach dem ,verlorenen‘ Nachwuchs. Mobilität und Drop-Out des wissenschaftlichen Nachwuchses“. Gefördert von der BMBF-Linie „Frauen an die Spitze“. Warum hat das Team sein Projekt nicht auf dieser Tagung vorgestellt? Es hätte gut gepasst. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse. Ach ja, vermutlich überflüssig zu sagen, dass meine Schreibberatung zu 85% von Frauen aufgesucht wird.

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