Von Hummeln und Schmetterlingen: Die deutschsprachige Schreibdidaktik in Bochum

Die Open-Space Tagung in Bochum „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vom 22.-23. März bot die Möglichkeit über schreibdidaktische Themen zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln und über Wege für eine bessere Vernetzung nachzudenken. Ca. 70 Personen hatten sich angemeldet, von denen auch fast alle anwesend waren. Unter den TeilnehmerInnen waren FreiberuflerInnen, HochschulmitarbeiterInnen und studentische Peer-TutorInnen. Fast alle Schreibzentren aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Brandenburg, Bremen und Hamburg waren vertreten, sogar Schreibdidaktiker aus der Schweiz (Winterthur) und Österreich (Graz) nahmen teil. Wie gut wir teilweise bereits vernetzt sind, zeigte unser AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg auf der Tagung: Wir vertraten nicht nur den regionalen AK, sondern zugleich das Schreibzentrum der Viadrina (Simone Tschirpke) und die Schreibdidaktik an den Universitäten Hildesheim (Jana Zegenhagen), Hannover (Nora Peters) und Göttingen (Ella Grieshammer).

Marktplatz der Ideen

Besonders anregend fanden wir das gewählte Format: Zunächst wurden „Anliegen“ bzw. Themenbereiche von den Teilnehmerinnen (und ein paar Teilnehmern…) auf einem großen Blatt formuliert, z.B.

Open Space-"Anliegen".
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

  • „Organisation der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“
  •  „Faculty-Students Partnerships“
  •  „Standards einer Peer-Tutoren-Ausbildung“
  • „Möglichkeiten zur praxisnahen Forschung in der Schreibdidaktik“
  •  „Journal der Schreibberatung (JoSch)
  • „Gründung eines Berufsverbands“
  • „Schreibberatung für Berufstätige“
  • „Zusammenarbeit von NachwuchswissenschaftlerInnen“ uvm.

Insgesamt kamen so rasch 23 Themen zusammen; ein 24. Thema („Öffentlichkeitsarbeit für Schreibzentren“) wurde spontan noch Freitag morgen eingebracht. Auch dafür bot das Format Raum.

Wer ein Thema vorschlug, stellte es kurz dem Plenum vor, pinnte es dann an die große Wand in eine Zeiteinheit, in der er/sie das Thema diskutieren wollte: Donnerstag um 12 Uhr oder Freitag um 10.30 Uhr. Die Themenrunden wurden auf insgesamt 7 Räume verteilt oder spontan wegen des schönen Wetters ins Freie verlegt.

Man musste sich also für eine Runde entscheiden, hatte aber auch die Erlaubnis, eine Gruppe zu verlassen und sich eine Pause zu gönnen („Schmetterling“) oder zu „hummeln“ (zwischen den Gruppen zu springen).

Diskussion über Peer- Tutoren-Ausbildung
© AK Schreibdidaktik Berlin-Br.

Dokumentation der Gruppe "Peer- Tutoren-Ausbildung"
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Jede Gruppe dokumentierte ihre Ergebnisse abschließend im Flur. Ein großer Raum diente als „Café“ und Informationsbörse, dort hingen unsere „Steckbriefe“, die wir vorher den Organisatorinnen zugeschickt hatten.

Von der Idee zum Projekt

Am Freitag Nachmittag trugen wir im Plenum konkrete „Vorhaben“ zusammen, die sich aus den regen Diskussionsrunden ergeben hatten, und für die wir Unterstützung suchen:

  • Die Verbandsgruppe setzt einen Gründungsausschuss ein.
  • Die Zeitschrift „JoSCH“ sucht neue MitstreiterInnen, ReviewerInnen und MitarbeiterInnen.
  • Am 24.10.2012 soll um 11.55 in ganz Deutschland ein Schreib-Flashmob stattfinden.
  • Eine gemeinsame Datenbank für Protokollvorlagen und Datenerhebungen in den Schreibzentren soll erstellt werden usw.

Die letzte Runde bestand nun darin, dass sich zu jedem Vorhaben die Interessierten zusammensetzten und konkrete Schritte überlegten, um das Vorhaben in Gang zu setzen. Immer wieder wurde uns deutlich, wie sehr sich die SchreibdidaktikerInnen die Vernetzung untereinander wünschen. Als gemeinsame Plattform soll zunächst das Diskussionsforum schreibzentren.mixxt.de dienen.

Das war BÜZ!

Alles in allem:
B
(ehalten) werden wir die vielen neuen Kontakte.
Ü(berraschend) war die Vielfalt der diskutierten Themen und die Effektivität der Open-Space Methode, die das Erarbeiten konkreter, kleiner Ziele ermöglichte.
Z(ukünftig) sollte es weitere solche Formate geben, die SchreibdidaktikerInnen das Vernetzen und Austauschen ermöglichen.

Ein Riesendank an die Bochumer Organisatorinnen (samt Benny natürlich), die die Sache in die Hand genommen haben.

v.l.n.r. Mitglieder des AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg Daniela, Simone, Jana (jetzt Hildesheim), Nora (jetzt Hannover)
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

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The Writing University – ein Writing Center an der University of Iowa

Klingt das nicht traumhaft? Eine Universität, die sich selbst als „The Writing University“ bezeichnet! Hinter der Bezeichnung steht die Feststellung, dass Schreiben ein Markenzeichen der University of Iowa ist. Es gibt hier so viele Angebote zum Schreiben, und Schreiben ist insgesamt so wichtig, dass man leicht den Überblick verliert. Deshalb hat die Uni ein Webportal für alle Schreibangebote aufgebaut und nennt sich „writing university“.

Iowa Wegweiser

Das Schreibzentrum gehört, wie das Speaking Center, zum Department für Rhetorik

Angefangen hat es mit dem „Iowa Writer’s Workshop“, dem ersten Creative Writing Angebot eine Universität in den USA – das war 1897. Seit 1922 kann man an der University of Iowa mit Romanen, Gedichten und anderen Texten einen akademischen Titel erlangen, den Master of Fine Arts in Creative Writing. Seit dem hat die Universität unzählige SchriftstellerInnen ausgebildet, von denen viele berühmt geworden und z.B. den renommierten Pulitzer Preis gewonnen haben (17x bisher). Und berühmte SchriftstellerInnen, die nicht hier ausgebildet wurden, haben höchstwahrscheinlich mindestens ein Semester lang hier gelehrt, denn die Uni hat immer Gastlehrende. Mittlerweile gibt es außer dem Writer’s Workshop auch verschiedene Studiengänge in Creative Non-Fiction, Poetry, International Literature (auf Spanisch) und Spezialsierungsmöglichkeiten für BA-Studierende. Inzwischen ist Iowa City eine von drei Städten weltweit, die den Titel „Unesco City of Literature“ tragen dürfen. Ich habe mich in der Stadt ein bisschen an Walter Moers‘ „Stadt der träumenden Bücher“ erinnert gefühlt, denn an jeder Ecke ist ein Buchladen, in jedem Café sitzen schreibende oder Texte diskutierende Menschen herum und überall stehen Bücherdenkmäler.

Schreibzentrum University of Iowa

Blick ins Writing Center

In so einem Klima sollte ein Schreibzentrum doch hervorragend gedeihen. Und in der Tat gibt es an der Uni nicht nur ein Schreibzentrum, sondern jede Menge. Es gibt ein Schreibzentrum für Geschichtswissenschaften, eins für Ingenieure, eins für Wirtschaftswissenschaften, und sogar eins in der Medizin, das aber weniger beim akademischen Schreiben unterstützt und eher dafür da ist, gestresste Ärzte durch das Schreiben von Lyrik zu entspannen. Das Schreibzentrum, das ich besucht habe, gehört zum Department für Rhetorik und ist das Älteste von allen. Es wurde bereits 1938 gegründet. Wie alle der Schreibzentren, die ich bisher besucht habe, arbeitet es mit gut ausgebildeten Peer Tutoren. Aber es gibt eine Besonderheit, und das ist die „Iowa-Methode“: Neben den normalen Sprechzeiten, für die man sich anmelden kann, gibt es die Möglichkeit, sich gleich für ein ganzes Semester verbindlich anzumelden und sich dann 2x die Woche mit dem gleichen Tutor oder der gleichen Tutorin zu treffen. Bei diesen Treffen werden natürlich die für das Studium zu schreibenden Texte besprochen, aber wenn mal nichts aktuell anliegt wird kreativ-reflexiv geschrieben. Im Laufe der Jahre wurden reichlich Schreibaufgaben zu diesem Zweck entwickelt, z.B. um die eigene Schreibentwicklung oder den eigenen Stil zu reflektieren. Es gibt auch wechselnde Kunstausstellungen an den Wänden des Writing Centers, die zum Objekt für kreative Texte werden.

Außerdem gibt es drei Schreibgruppen im Schreibzentrum, eine für Non-Fiction, also Schreiben über eigene Erfahrungen, eine für Fiction und eine für Poetry. In der Non-Fiction-Gruppe, an der ich teilnehmen konnte, wurde erst ein berühmter Beispieltext mit bestimmten Stilmitteln gelesen, dann eine eigene entsprechende Schreibaufgabe durchgeführt und schließlich ein Text einer Teilnehmerin diskutiert, die diesen eine Woche vorher verschickt hatte. Die Autorin durfte sich erst nach der Diskussion selbst äußern.
In der Fiction-Gruppe wurde gleich die vorab verschickte Geschichte diskutiert und die Autorin durfte auch mit diskutieren. In die Lyrikgruppe habe ich es leider nicht geschafft.

Bei so viel kreativem Schaffen liegt es nahe, auch Texte zu veröffentlichen. Einmal pro Semester gibt das Schreibzentrum daher die Sammlung „Voices from the writing center“ heraus, in der Texte veröffentlicht werden, die im Schreibzentrum besprochen wurden.

Wie schon so oft habe ich auch hier wieder viele interessante Anregungen mitgenommen!

Multiliteracies Center: Vorbereitung auf eine globalisierte und digitalisierte Welt

Schild Multiliteracies CenterLetzte Woche war ich am Multilitercies Center der Michigan Tech University in Houghton, Nortern Michigan. Auf den Besuch dieses Schreibzentrums war ich gespannt, seit wir in unserem Team den Artikel „New Conceptual Frameworks for Writing Centers“ von Nancy Grimm gelesen und diskutiert haben (Quelle siehe unten). Darin führt Nancy Grimm drei Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert aus.

Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert

1. Schreibzentren im 21. Jahrhundert müssen im Kontext von globalen Varianten des Englischen arbeiten, d.h. sie müssen akzeptieren, dass es DAS Englische nicht mehr gibt. Schreibzentren müssen Studierende darauf vorbereiten, unterschiedliche Sprach- Varianten zu verstehen, weil sie das auch für ihre späteres Berufsleben brauchen.

2. Schreibzentren im 21. Jahrhundert verstehen unter „literacy“ nicht mehr nur Bildung im Sinne von klassischer Schriftsprache, sondern literacy umfasst z.B. auch visuelle und ikonische Kommunikation, das Verstehen der Unterschiede von Diskursen und das Beherrschen verschiedener Register („Multiliterarcies“). Multiliteracies bedeutet also zum Beispiel ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche sprachlichen Register in welchem Zusammenhang passend sind, und dazu gehört auch Körpersprache. Studierende können in Schreibzentren lernen, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, flexibel und undogmatisch zu sein und dies später in ihre Berufsfelder einbringen.

3. Schreibzentren verstehen Multiliteracies als Möglichkeit, soziale Veränderungen zu bewirken. Demnach seien einige Selbstverständnisse von Schreibzentren überholt, so z.B. der Anspruch, „better writers“ (Stephen North) zu erzielen. Ziel müsse es statt dessen sein, die Schwierigkeiten erkennen zu lernen, die sich aus der Bewegung zwischen verschiedenen Sprachen, Bildungssystemen und Kontexten ergeben können. Auch der Anspruch des „minimalistischen“, also nicht-direktiven Tutorings sei demnach nicht mehr richtig. Vielmehr müssten Tutoren direkte und konkrete Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die Schreibende in diesen komplexen Verhältnissen wählen können. Das Ziel ist es dann, die Besucher des Schreibzentrums zu befähigen, unterhalb der Oberfläche zu lesen und die Wertesysteme und Machtverhältnisse zu erkennen, die in verschiedenen Kontexten operieren.

Das ist natürlich eine sehr komprimierte Zusammenfassung des Artikels, dessen Lektüre ich sehr empfehle! Beim Lesen im Team waren uns damals, bei aller Faszination, doch einige Aspekte ziemlich abstrakt vorgekommen. Daher habe ich mich besonders gefreut, die Gelegenheit zu haben, Nancy Grimm kennenzulernen und ihr Multiliteracies Center zu sehen.

Michigan Technological University und ihr Multiliteracies Center

Die Michigan Technological University ist eine forschungsorientierte technische Uni mit gut 6000 Studierenden. Die meisten studieren technische Fächer wie Ingenieurswissenschaften. Seit einigen Jahren gibt es einen hohen Anteil internationaler Studierender (ca. 20 %). Das Multiliteracies Center gehört zur Fakultät für Arts and Humanities, ist aber für alle Studierenden da. Nancy arbeitet momentan zusammen mit zwei Graduate Assistant Directors, zwei Undergraduate Assistants und ca. 30 studentischen Coaches (so heißen die Peer Tutoren dort). Die Administratorin ist derzeit im Mutterschutz.

welcome reception multiliteracies center

Nancy Grimm bei der welcome reception

Einen Teil des Teams konnte ich gleich am ersten Abend kennen lernen, als Nancy uns zum Abendessen zu sich nach Hause einlud. Am nächsten Morgen wurde ich dann mit einer Welcome-Reception im Center begrüßt, zu der auch der Dean des Departments und verschiedene Kolleginnen anderer Abteilungen kamen. Insgesamt habe ich drei Tage lang bei Beratungen und Lerngruppen hospitiert, an Teamtreffen und Weiterbildungen teilgenommen und an einem Abend einen kleinen Vortrag über die Entwicklungen in Deutschland gehalten.

Der physische Raum des Multiliteracies Center

Ich habe mich sehr wohl gefühlt und dazu hat nicht nur das nette Team beigetrafen, sondern auch die Räume sind einfach einladend. Der Hauptraum ist ungefähr so groß wie unser Schreibzentrum in FfO und durch große Fenster zum Flur hin sehr offen. Im Raum verteilt stehen viele kleine Runde Tische mit bunten Stühlen für die Beratungen. Da die Tische und Stühle Rollen haben, lässt sich der Raum flexibel verändern. Es gibt außerdem eine Schreibtischecke für die Administratorin und eine am Eingang, die sich als Rezeption verwenden lässt, aber nicht immer besetzt ist. Mir ist gleich aufgefallen, dass eine Wimpelkette „Frieden“ in verschiedenen Schriften und Sprachen wünscht und eine Weltzeituhr anzeigt, wo es gerade hell ist auf der Erde. Vom Hauptraum gehen verschiedene kleine Räume ab: Ein Büro für die Graduate Assistants, drei kleine

Appointments im Multiliteracies Center

Gespräche im Multiliteracies Center

Gruppenarbeitsräume, ein Raum für die Coaches und ein Flur, der zu ein paar weiteren Büros und Besprechungsräumen führt. Alle angrenzenden Räume haben Fenster in den Türen und Wänden, so dass ein sehr transparenter und offener Eindruck entsteht.

Writing Coaches

Die Coaches kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, viele sind Natur- und IngenieurswissenschaftlerInnen. Mit Motivations- und Empfehlungsschreiben können sie sich für die Stellen bewerben. Wenn sie nach dem Bewerbungsgespräch eingestellt werden, absolvieren sie ein einmal pro Woche stattfindendes Seminar und nehmen mit dem gesamten Team an den wöchentlich stattfindenden Dienstagabend-Weiterbildungen teil. Außerdem hospitieren sie, suchen selbst Schreibberatungen auf und treffen sich einmal wöchentlich mit erfahrenen Coaches zum Erfahrungsaustausch. Nancy bietet außerdem wöchentliche Lektürerunden an, in denen sie mit interessierten Graduate Students Texte liest und diskutiert.

tutor's pieday

Writing Coaches feiern in ihrem Raum den "Pie Day", den Tag des griechischen Buchstaben pi, der für die Zahl 3,14... steht. In der amerikanischen Datumsschreibung entspricht das dem 14.3. und pie ist Kuchen, den hatte eine der Coaches für alle gebacken.

Die Coaches bieten Einzelberatungen an und moderieren Lerngruppen. Täglich von 11-15 Uhr gibt es offene Sprechstunde, die immer mit mehreren Coaches belegt ist. Darüber hinaus haben alle Coaches bestimmte Zeiten, in denen sie für verabredete Beratungen im Center sind. Angestrebt werden „weekly appointments“, d.h. eine regelmäßige wöchentliche Zusammenarbeit mit bestimmten Studierenden.

Study Teams (Lerngruppen)

Ein wichtiger Bestandteil des Centers sind die Lerngruppen. Vor ein paar Jahren wurde das Studium Generale der Michigan Tech neu strukturiert und Nancy hat darauf hingewirkt, dass die Studierenden mehr interkulturelles Wissen erlangen. Seit dem müssen alle Studierenden eine große Vorlesung zu „World Cultures“ besuchen oder alternativ eine Sprache lernen. Die Vorlesung führt in 2 Lesungen pro Woche in verschiedene Kulturen der Weltgeschichte und von Heute ein und wird ergänzt durch wöchentliche Film- und Musikvorführungen. Die Studierenden müssen verschiedene Texte und Examen schreiben. Wenn sie wollen, können sie sich zu Lerngruppen zusammenschließen, die sich 2x wöchentlich im Multiliteracies Center treffen und von Coaches moderiert werden. Es nutzen sehr viele Studierende diese Gelegenheit und die Statistiken zeigen, dass sie oft deutlich bessere Noten erzielen als Kommilitonen die keine Lerngruppen haben. Die Coaches helfen den Gruppen, das Studieren zu lernen. Sie diskutieren mit ihnen Inhalte der Vorlesung, aber es geht auch um das Mitschreiben, um Zeitplanung, Lernsysteme, Interpretation von Filmen und Musik und effektive Vor- und Nachbereitung. Thema ist auch das Zusammmenarbeiten in den Teams, die oft interkulturell gemischt sind.

Was ist es also, das dieses Zentrum zu einem Multi Literacies Center macht?

Zum einen ist es die Ausbildung der Coaches. Es ist Nancy sehr wichtig, die literacies, die Studierenden schon mitbringen, zu würdigen. Sei es die Muttersprache oder sei es die mathematische Sprache der Ingenieure. Das Center hilft dabei, weitere literacies auszubauen. Es geht nicht um Defizite. Die Coaches sollen den Studierenden dabei helfen, zu verstehen, wie unterschiedlich verschiedene Sprachen und Diskurse funktionieren.Multiliteracies Center

In den Gesprächen ging es oft nicht in erster Linie um mitgebrachte Texte, sondern um das Studierenden im Allgemeinen: Was verwendest du für Techniken zum Mitschreiben, wo und wie lernst du am besten, hast du verstanden, was von dir verlangt wird, wie motivierst du dich wenn Draußen so schön die Sonne scheint? Wenn internationale Studierende kamen, drehte sich das Gespräch erstmal um Fremdsprachen, Auslanderfahrungen und Zukunftspläne. Dabei hatte ich oft wirklich mehr den Eindruck eines Gesprächs als einer Beratungssituation. In einem der Gespräche erkundigte sich ein Austauschstudent aus Korea, wie er bestimmte Steuerformulare ausfüllen muss. Dann haben Coach und Student gemeinsam überlegt, wie sie das herausfinden können.

Auch die Werbung des Centers stellt nicht das Schreiben in den Mittelpunkt, sondern erwähnt es gleichberechtigt neben Denken, Design und Kommunikation, alles mit dem Ziel des akademischen Erfolgs. Schreiben wird also nicht isoliert von anderen akademischen Tätigkeiten.

Als etwas Besonderes habe ich auch die Lerngruppen erlebt. Sie erinnern von der Idee her an die Tutorien, die es bei uns zu großen Vorlesungen gibt. Aber die Lerngruppen sind mit 4-8 Studierenden viel kleiner und persönlicher und zielen so darauf, den Studierenden zu zeigen, wie sie mehr erreichen können, wenn sie gemeinsam arbeiten. Sie sind außerdem freiwillig, was sicherlich zu einer anderen Arbeitsatmosphäre beiträgt.

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Alles in allem hatte ich den Eindruck einer sehr erfolgreichen Verschmelzung von Schreibberatung, Sprachlernberatung, Lernberatung, interkulturellem Training, Studienberatung und Sozialberatung. Ich habe massenhaft Anregungen mitgenommen für das neue Zentrum für Schlüsselqualifikationen, das an der Viadrina entstehen soll und denke, dass alle Bereiche dieses Zentrums sehr eng zusammenarbeiten sollten!

Literatur

Grimm, N. M. (2009) ‚New Conceptual Frameworks for Writing Center Work‘ The Writing Center Journal 29 (2), 11-27

Center for Excellence in Writing an der Florida International University

Florida International University  Letzte Woche konnte ich das Center for Excellence in Writing an der Florida International University besuchen. Das    Schreibzentrum wurde vor knapp drei Jahren neu gegründet, bzw. ersetzte das alte Writing Center nach dem Umzug auf einen neuen Campus. Ich habe mich sehr gefreut, dort auf Paula Gillespie als Direktorin zu treffen, denn sie und Harvey Kail waren diejenigen, von denen ich vor vielen Jahren erstmals etwas über Peer Tutoring gelernt habe – als sie 2002 einen Workshop am Schreiblabor der Universität Bielefeld gaben.

Warum Excellence?

Als ich mich im Vorfeld über das Center informierte, bin ich zunächst über die „Excellence“ im Namen gestolpert. Einerseits finde ich es eine gute Idee, das Schreibzentrum so zu benennen, um deutlich zu zeigen, dass es sich nicht um eine Nachhilfeeinrichtung handelt, sondern um eine Institution die zur Exzellenz der Uni beiträgt. Andererseits erscheint mir der Begriff „Exzellenz“ inflationär gebraucht, aber das ist vielleicht eine sehr deutsche Perspektive, denn eine „Exzellenz-Initiative“ gibt es meines Wissens hierzulande nicht. Einen interessanten Artikel zum Thema fand ich in dem auch sonst empfehlenswerten Band „Before and After the Tutorial“ von Mauriello, Macauley und Koch (2011). Emily Isaacs setzt sich in ihrem Essay „The Emergence of Centers for Writing Excellence“ ausführlich mit dem Begriff auseinander (S. 131-149). Centers for Writing Excellence seien demnach Center, die der gesamten Instutition dienen, indem sie eine intellektuelle Diskussionskultur fördern. Ihrer Meinung nach haben Schreibzentren es trotz vieler Diskussionen nicht geschafft, jenseits der eigenen Kreise deutlich zu kommunizieren, was sie machen und anbieten und warum sie wichtig sind. Der Eingang zum Center for Excellence in Writing
Für Außenstehende ist es am Naheliegendsten, davon auszugehen, dass Schreibzentren vor allem dazu da sind, schwachen Studierenden dabei zu helfen, ihre Schreibaufgaben zu bewältigen. Das zeigt sich auch in der Diskussion, die Anfang des Jahres im Forum der ZEIT zu dem Artikel über unser Schreibzentrum geführt wurde. Da hieß es z.B., dass jemand, der seine Gedanken nicht selbst strukturieren kann, sich fragen sollte ob ein Studium das Richtige ist und dass die Uni dafür keine Ressourcen verschwenden sollte, solchen Menschen zu helfen. Für uns, die wir in Schreibzentren oder als Schreibberaterinnen arbeiten ist es klar, dass man Schreiben nicht auslernt, dass alle Schreibenden Gespräche über das Schreiben brauchen und dass es in Schreibzentren um viel mehr geht als nur um gute Texte. Aber für Außenstehende kommt unsere Botschaft oft nicht rüber, selbst wenn wir ausführlich darüber reden, wie im Falle des Zeit-Artikels. Deshalb plädiert Isaacs dafür, die Sprache derjenigen zu nutzen, die wir erreichen wollen und uns mit dem Namen des Schreibzentrums entsprechend zu positionieren.

Eine internationale Uni

Im Falle der Florida International University (FIU) ging der Wunsch nach einem starken Schreibzentrum, das sich an alle Studierenden und Lehrenden richtet, von der Institution aus. Die FIU ist „international“ weil 57% der Bevölkerung von Miami nicht in den USA geboren wurden. International zu sein ist dort Normalität, nicht die Ausnahme. Entsprechend haben auch die Studierenden an der FIU sehr häufig Familien, in denen Zuhause nicht Englisch gesprochen wird. Viele haben Einwanderungsgeschichten, die ihnen nur wenig formales Training in Englisch ermöglicht haben. Bei uns würden sie „Studierende mit Migrationshintergrund“ genannt werden. An der FIU gibt es keine besondere Bezeichnung für sie, weil sie den ganz normalen studentischen Durchschnitt repräsentieren.  Die Uni-Leitung sieht in einem starken Schreibzentrum eine Möglichkeit, es allen Studierenden zu ermöglichen, sich gleichermaßen an den intellektuellen Diskussionen zu beteiligen, die von Studierenden und Absolventen  einer Universität  in den USA erwartet werden. Entsprechend hat sie viel daran gesetzt, eine besonders erfahrene Leiterin für das Zentrum zu finden und unterstützt und fördert das Center for Excellence in Writing sehr.

Eindrücke aus der FIU

Paula und ihr Team sind im Erdgeschoss des Gebäudes der zentralen Bibliothek zu finden, außerdem gibt es zwei Zweigstellen auf anderen Teilen des Campus.
Blick ins Center for Excellence in WritingIch konnte zwei Tage lang hospitieren und habe erlebt, wie international es wirklich zugeht. So habe ich an einem Workshop für sogenannte „Personal Statements“ teilgenommen, die hier zur Bewerbung für die Graduate School dazu gehören. Für alle der knapp 20 Teilnehmenden war Englisch eine Zweit- oder Fremdsprache! Paula und Glenn, der Associate Director, begannen den Workshop daher damit, die Teilnehmenden zu ermutigen, sich trotzdem für Graduate Schools zu bewerben. Sie hoben hervor, dass Absolventen der FIU geschätzt und gesucht werden, gerade weil Englisch für sie nur eine von mehreren Sprachen ist und sie interkulturell erfahren sind. Sehr gut gefallen hat mir, wie stark thematisiert wurde, dass das „Personal Statement“ eine sehr kulturell geprägte Textsorte ist. Da ich dieses Genre aus Deutschland auch nicht in dieser Form kenne, war ich nämlich genauso befremdet wie viele der Teilnehmenden, als ich hörte, dass es darum geht, eine persönliche Geschichte zu erzählen, wenn man sich um ein Promotionsstipendium bewirbt. Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie befremdlich für internationale Studierende in Deutschland unsere Textsorten sein können.

Auch viele von Paulas Tutoren sind keine English Native Speaker. Mit drei von ihnen habe ich mich länger unterhalten. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie es von sich aus überhaupt nicht thematisiert haben, was es für sie heißt, Schreibberatung in einer Zeit- oder Fremdsprache anzubieten. Das ist für sie einfach normal. Unsere Gesprächsthemen rund um das Tutoring waren die gleichen, die auch bei uns im Team immer wieder aktuell sind: Wie lenke ich das Gespräch und stelle trotzdem die Bedürfnisse der Ratsuchenden in den Mittelpunkt? Wie gehe ich damit um, wenn die Gesprächszeit zu Ende geht und trotzdem noch so viel Redebedarf da ist? Wie kann ich Gespräche strukturieren, wenn meine Gesprächspartner sehr viel reden? Was mache ich, wenn ich keine Antwort auf die Fragen weiß, die im Gespräch aufkommen? Ich fand es schön zu sehen, dass die Tutoren sich als Team wahrnehmen und das Schreibzentrum gerne auch dann aufsuchen und zum Arbeiten und Reden nutzen, wenn sie nicht mit Beraten dran sind. Paula hält außerdem wöchentlich Teamtreffen ab.

Leadership Team FIU
Das Leadership Team des Centers for Excellence in Writing vor einem Baum mit unglaublich riesigen Wurzeln in der Nähe von Paulas Haus. Ich finde, das ist eine schöne Metapher: Ein gutes Leadership-Team ist eine starke Wurzel für ein starkes Schreibzentrum.

Seit diesem Semester gibt es zudem ein Writing Fellows Program, das sich an dem der UW Madison orientiert und diesmal mit Seminaren in Architektur und Soziologie zusammen arbeitet. Ich konnte an zwei der wöchentlich stattfindenen Ausbildungsseminare für die Fellows teilnehmen. Die Fellows hatten gerade Artikel zum Thema Genderrollen im Schreibzentrum gelesen und die Aufgabe gehabt, die Rollenverteilungen in  Gesprächen in ihrer Umgebung (nicht im Schreibzentrum) zu beobachten. Paula wollte damit einBewusstsein dafür wecken, wie wir uns in Gesprächen verhalten und welche genderspezifischen Signale wir senden.

Das war wieder ein sehr spannender und inspirierender Besuch! Zumal er mir, über die Schreibzentrumsarbeit hinaus,  wurde durch einen Abstecher in den tropischen  Sommer erlaubt hat. Ein Uni-Campus unter Palmen ist schon etwas Besonderes. Im Teich schwammen Schildkröten statt Enten und in den Everglades, die ganz in der Nähe der Uni beginnen, lauern die Alligatoren.

Schildkröte im Uniteich

Schildkröte im Uniteich

Wer mehr über Paulas Sicht auf ihr Schreibzentrum erfahren möchte, kann in diesen Blogs weiterlesen:

http://writing.wisc.edu/blog/?p=1076

und http://cccc-blog.blogspot.com/2010/09/successes-and-mini-successes-of-latin.html

Writing Center Professionals Meeting: Wie stellen wir unsere Arbeit dar und brauchen wir Zertifizierungen?

Bei meinem Besuch in den Twin Cities (Minneapolis und St. Paul) hatte ich auch die Gelegenheit, an einem Treffen der Writing Center Professionals der Region teilzunehmen, das an der Hamline University in St. Paul stattfand. Diese Treffen finden vierteljährlich statt und die Teilnehmenden kommen von Schreibzentren verschiedener Unis, Colleges, Community Colleges und High Schools. Dieses Mal waren 28 Leute versammelt. In einer kurzen Runde stellten sich zunächst alle vor und nannten, als kreative Einlage, ein Wort zu dem sie eine Hassliebe haben. Meins ist „patience“, weil ich mir hier immer wieder klar machen muss: Es braucht Geduld und Ausdauer, um Schreibzentren zu etablieren.

„How to explain ourselves to faculty“

Das erste Thema des Treffens war „How to explain ourselves to faculty“, ein Thema, das auf der E-Mail-Liste des Netzwerks wohl schon öfter angesprochen worden war. Es ging also darum, wie schwierig es sein kann, die eigenen Arbeit Lehrenden zu erklären – ich kam mir sofort ganz heimisch vor! Alle Anwesenden hatten schon die Erfahrung gemacht, dass Selbstbild und Fremdbild innerhalb der eigenen Uni mitunter weit auseinander gehen. Eines der schöneren Missverständnisse ist, dass Schreibzentren magische Orte sind. Wie durch Zauberei können Studierende, die uns besuchen, hinterher perfekt schreiben! Obwohl auch Lehrende aus eigener Erfahrung wissen, dass man beim Schreiben nie auslernt und man immer wieder auf neue Herausforderungen stößt, wird von Studierenden oft erwartet, dass sie es irgendwann einfach können. D.h. es wird erwartet, dass Schreibzentren für Studierende irgendwann nicht mehr nötig sind. Demgegenüber machen wir die Erfahrung, dass gerade erfahrene Schreibende Schreibzentren gerne aufsuchen, weil sie wissen, wie wertvoll Gespräche über ihre Texte mit professionell geschulten Tutoren sind.

Sehr weit verbreitet scheint auch die Ansicht zu sein, dass es „früher“ ein goldenes Zeitalter gab, in dem die Studierenden noch ordentlich schreiben konnten, während heutzutage alles den Bach runter geht. Deshalb braucht man wohl Schreibzentren – die heutigen Studierenden haben es halt nötig! Aus unserer Perspektive ist es dagegen völlig normal, wenn insbesondere Anfänger beim wissenschaftlichen Schreiben mit Schwierigkeiten kämpfen. Es ist klar, dass es keinen Spaß macht, solche Texte zu lesen, aber ohne ausführliches und konstruktives Feedback werden sie nicht besser werden. Uns ist außerdem klar, dass es kein allgemeingültiges „how to do it“ gibt beim Schreiben, aber wer sich nicht mit Schreibprozessen auseinandersetzt, weiß das oft nicht.

Eine Kollegin berichtete von einer Sitzung, in der Lehrende sich über die schlechte Qualität studentischer Texte beklagten. Daraufhin habe ein Professor gefragt, ob diese Lehrenden wüssten, wie man eine leckere und ausgewogenen Mahlzeit zubereitet. Er erklärte, dass wir das alle wüssten, aber im Alltag doch oft nur schnell was aufwärmen, einfach, weil wir es nicht täglich schaffen können, ein perfektes Essen zuzubereiten. Und er fragte, ob die schlechten Texte nicht vielleicht einfach daran lägen, dass auch die Studierenden, die eigentlich bessere Texte schreiben könnten, nicht die Möglichkeit haben, jedes Mal etwas Perfektes zu liefern, weil der Studienalltag viel zu voll sei. Ich fand das eine interessante Perspektive. Hier ist es ja so, dass alle Texte im laufenden Semesterbetrieb geschrieben werden. Bei allen Nachteilen, die das in Deutschland verbreitete einsame Schreiben in der vorlesungsfreien Zeit mit sich bringt, hat es so doch immerhin eine priveligierte Stellung im Studienalltag.

Writing Center Professionals in der Hamline University

Writing Center Professionals in der Hamline University

Das Fazit der Diskussion war zum einen, dass es zwar vorkommt, dass Studierende von Lehrenden mit falschen Vorstellungen ans Schreibzentrum verwiesen werden, aber es trotzdem schön ist, wenn sie kommen und an uns liegt, was wir dann draus machen. Zum anderen wurde festgehalten, dass es schlichtweg zu unseren Jobs dazu gehört, immer und immer wieder zu erklären was wir machen. Wir haben selbst auch falsche Vorstellungen von dem, was andere Menschen machen, also sollten wir nicht erwarten, dass Außenstehende wissen, was wir tun.

Es gab einige interessante Beispiele für erfolgreiche Kooperationen. So haben mehrere Schreibzentren „Advisory Boards“, also eine Art Beirat, mit Mitgliedern aus verschiedenen Bereichen der Institutionen. Andere bitten Lehrende verschiedener Fakultäten, an den Bewerbungskommissione für neue Tutoren teilzunehmen, weil diese dabei sehen können, wie sorgfälitg die aktuell arbeitenden Tutoren ausgebildet wurden und wie professionell sie in der Bewerbungskommission handeln. Auch einen „Faculty Guide to the Writing Center“ haben viele Schreibzentren.

Zertifizierung der Tutorenausbildung?

Das zweite Thema des Treffens war die Zertifizierung von Tutorenausbildungen nach bestimmten Qualitätsstandards. Ebenfalls ein Thema, das mir bekannt vorkam und das derzeit in Deutschland genauso aktuell ist (siehe Open Space Meeting im März). Es gibt ein International Tutor Training Program Certificate, das von der College Reading and Learning Association (CRLA) vergeben wird. Dabei wird zertifiziert, ob die Ausbildung die studentischer Tutoren einen gewissen Umfang und gewissen Inhalte hat, wie sie evaluiert und die Tutoren geprüft werden und ob institutionelle Mindeststandards bei den Rahmenbedingungen gegeben sind. Die Zertifizierung kostet natürlich Geld und muss in regelmäßigen Abständen aufgefrischt werden.

Das Fazit der Diskussion: Einerseits stellt sich die Frage, ob ein Zertifikat, dass nicht speziell auf Schreibzentren zugeschnitten ist, unserer Arbeit, ihrem besonderen pädagogischen Hintergrund und den unterschiedlichen institutionellen Kontexten gerecht werden kann. Andererseits ist es den Uni-Verwaltungen oft wichtig, solche Zertifikate haben und zeigen zu können. Wenn sie die personellen und finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, damit wir uns dem Zertifizierungsprozess unterziehen können, spricht eigentlich nichts dagegen, weil unsere Tutorenausbildungen oft über die geforderten Mindeststandards hinaus gehen. Auf jeden Fall kann die Zertifizierung bei der Neugründung von Schreibzentren nützlich sein, weil sie moralische Unterstützung sein kann, um einen Rahmen festzulegen und diesen dann auch dauerhaft beizubehalten – denn das Zertifikat muss ja regelmäßig erneuert werden.

Abschließend wurden verschiedene Round Tables, Konferenzen und Tagungen angekündigt und ein neuer Termin und ein neuer Ort und Themenvorschläge für das nächste Treffen bestimmt. Ich habe die Gelegenheit genutzt, auch das Schreibzentrum der Hamline University anzugucken. Die dortige Lösung ist, das Schreibzentrum innerhalb der Bibliothek zu platzieren – ohne Wände dazwischen, sehr präsent und sichtbar für alle dort lernenden Studierenden. Es waren leider keine Studierenden mehr da, aber ich kann mir vorstellen, dass das gut funktionieren kann.

Writing Center Hamline

Blick zur Rezeption und zu Tutoring-Ecken

Tutoring spaces

Blick in die offene Tutoring-Ecke in der Bibliothek

Center for Writing – University of Minnesota, Minneapolis

Gestern hatte ich Gelegenheit, das Center for Writing an der University of Minneapolis zu besuchen, ein sehr schönes und großes Schreibzentrum, das verschiedene Programme vereint. So bietet es neben der Schreibberatung für Studierende auch Unterstützung von Lehrenden beim Unterrichten mit Schreiben an, fördert Schreibforschung – auch finanziell! – und arbeitet mit Lehrerinnen und Lehrern vom Kindergartenlevel bis zur Highschool zusammen. Die verschiedenen Programme arbeiten einerseits autonom und mit eigenen Personal, kooperieren aber andererseits eng miteinander und sind auch räumlich gemeinsam untergebracht, in Büros und Sitzungsräumen im hinteren Teil des Schreibzentrums. Es gibt an dieser Uni ein Department for Writing Studies, und diesem ist das Schreibzentrum formal angegliedert. Praktisch wird es aber als eigene Einheit wahrgenommen.

Campus in Minneapolis

Campus in Minneapolis

Die Schreibberatung findet an verschiedenen Orten statt. Im Schreibzentrum selbst kann man Termine ausmachen, es ist jeden Tag ganztätig geöffnet, genauso wie ein zweiter Raum in einem anderen Gebäude auf dem Campus, wo man aber ohne Anmeldung kommen kann. Außerdem gibt es Online-Beratungen per Chat. Und schließlich haben noch die Uni-Athleten eine eigene Zweigstelle des Schreibzentrums. Die Sportler unter den Studierenden sind hier in den USA sehr wichtig, weil die Unis sich ganz stark mit ihren Sport-Teams identifizieren. Die Spiele werden oft im Fernsehen übertragen, die Uni-Shops sind voll von Fanartikeln und gute Sportler werden von den High Schools gezielt mit Stipendienangeboten abgeworben. Entsprechend sorgt man sich auch um diese Studierenden, die die Athleten der Uni sind. Vor ein paar Jahren gab es an dieser Uni Vorwürfe, dass den Sportlern beim Schreiben der Hausarbeiten zu sehr geholfen wurde. Deshalb hat die Abteilung sich dann ans Schreibzentrum gewandt. In dem Wissen, dass die Tutoren gut ausgebildet sind und den Ratsuchenden keine Arbeit abnehmen, wurde die Schreibzentrums-Zweigstelle für die Athleten eingerichtet.

Tutoring Arbeitsplatz

Einer der Schreibberatungsplätze

Die Schreibberatenden arbeiten abwechselnd in allen vier Locations. Interessant finde ich, dass „Peer Tutoren“ hier nicht nur Studierende sind. Jeder, der das Schreibzentrum betritt, ist ein Schreibender, und jeder, der dort arbeitet, auch. Die gleichberechtigte Ebene, das „Peer sein“, wird also mehr über die Identität als Schreibende/r definiert als über die Stellung in der Studienabschluss-Hierarchie. Undergraduates, Graduates, Doktoranden und Festangestellte arbeiten gleichberechtigt nebeneinander. Wer Termine ausmachen möchte, kann sich auf der Team-Homepage angucken, wer alles Schreibberatung macht und einen entsprechenden Termin wählen. Offenbar klappt das sehr gut, denn das ganze Team ist gleichmäßig ausgelastet. Übrigens beteiligen sich auch alle am Rezeptionsdienst.

Blick in die zweite Location des Schreibzentrums

Blick in die zweite Location des Schreibzentrums

Für jeden Beratungstermin wird auch Vorbereitungszeit für die Beratenden eingeplant. Die ganze Organisation läuft elektronisch. Die Ratsuchenden bekommen mit der Anmeldung eine Deadline für das Hochladen ihres Textes und ihrer Fragen zum Text. Wenn sie bis dahin etwas einreichen, wird automatisch Vorbereitungszeit in den elektronischen Dienstkalender der Beratenden eingetragen. Aber natürlich kann man auch kommen, wenn man vorher keinen Text einreicht. Auch für die Online-Beratung gibt es eine eigene Plattform, auf der die Gesprächspartner neben dem Chatfenster auch den Text mit allen Änderungen sehen und simultan am Text arbeiten können.

Neben der Anmeldung und der Onlineberatung läuft auch die ganze Statistik und Dokumentation sehr automatisiert ab. Und es gibt einen internen Blog für das Team, in dem sich alle Mitglieder  –  über 40 Leute aus verschiedenen Disziplinen und aus unterschiedlichen Nationalitäten – rege über Beratungssituationen, Fragen, Tipps und Erlebnisse austauschen. Natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Entsprechend gibt es im Team auch zwei Technikspezialisten, die nur dafür da sind, das Schreibzentrum in diesen Dingen zu unterstützen.

Blick vom Flur zum Schreibzentrum

Bemerkenswert ist auch , dass die Universität das Schreibzentrum bei der Umgestaltung des Gebäudes, in dem es sich befindet, eingeplant hatte. So konnten das Team die Pläne mitgestalten und den Raum entsprechend designen. Es gibt einen Teil, der Computer Lab ist und den die Studierenden einfach nutzen können, dann Beratungsplätze mit halb transparenten Raumteilern dazwischen, außerdem Sofa- und Sesselecken, einen großen Tisch für Teamgespräche oder Pausen, natürlich die Rezeption und weiter hinten dann Büros und Platz für Teamtreffen. Vor dem Schreibzentrum, also im Flur, ist auch nochmal eine Lounge mit Sesseln und Tischen, wo Studierende einfach abhängen können, das fand ich sehr gelungen und einladend.

Ich konnte den ganzen Tag Gespräche führen und bei Beratungen hospitieren, sowohl online als auch live, und habe wieder viele interessante Einblicke und Anregungen bekommen!

Qualität ist wichtig! Open Space Tagung am 22. und 23.3. in Bochum

Immer wieder fällt mir beim Lesen der Fachliteratur auf, dass betont wird, wie wichtig es für die Professionalisierung der Schreibdidaktik war, dass es einen Austausch über Qualitätsstandards gab (und gibt). Deshalb, und weil mich die Bochumer Kolleginnen darum gebeten haben, möchte ich hier nochmal auf das Treffen hinweisen, das im März in Bochum stattfinden wird:

Das Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum lädt ein zum Open Space zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ am 22./23.3.2012
In den letzten Jahren haben wir, die Mitarbeiterinnen des Schreibzentrums an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen immer häufiger das Bedürfnis wahrgenommen, die mittlerweile sehr große SchreibdidaktikerInnen-Szene im deutschsprachi-gen Raum besser kennenzulernen, um sich über die unterschiedlichen Angebote und Arbeits-weisen auszutauschen und sich eventuell weiter zu vernetzen. Da wir dieses Bedürfnis teilen, würden wir gerne alle zu einem offenen Austausch an die RUB einladen, die im Bereich der Schreibdidaktik tätig sind – egal ob mit oder ohne institutionelle Anbindung, MitarbeiterInnen an Schreibzentren, FreiberuflerInnen, SchreibberaterInnen etc.
Diesem offenen Austausch wollen wir einen Rahmen geben: Wir bieten am 22. und 23. März 2012, jeweils von 10 bis 18 Uhr, eine Veranstaltung an, die sich an die Open-Space-Methode anlehnt. Jeder kann dort seine Anliegen zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vorschlagen und bearbeiten. Diese Veranstaltung kann natürlich nur dann erfolgreich sein, wenn sich möglichst viele in den verschiedenen Bereichen der Schreibdidaktik Tätige aktiv beteiligen. Jeder, der ein Anliegen einbringt, wird beim Open Space genügend Zeit und Raum haben, um mit einer Gruppe von Interessierten zu diskutieren und gegebenenfalls etwas zu erarbeiten.
Das bedeutet ganz konkret: Es gibt keine Workshops oder Vorträge, sondern prinzipiell offene Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen, die die Teilnehmenden entweder zu Beginn des Open Space oder – noch besser – im Vorfeld vorschlagen. Wir übernehmen also die organisato-rische Vorbereitung, die inhaltliche Gestaltung liegt in den Händen aller Teilnehmenden.
Wir möchten den Veranstaltungsbeitrag so gering wie möglich halten und gehen davon aus, dass er sich auf ca. dreißig Euro belaufen wird, die für Essen und Getränke anfallen.
Wir bitten Sie spätestens bis zum 31. Dezember 2011 um Rückmeldung, ob Sie teilnehmen wollen. Und wenn Sie ein Thema bzw. Anliegen für das Open Space haben, wäre es schön, wenn wir ganz rasch von Ihnen hören! Auf unserer Homepage (www.sz.rub.de) stellen wir in den kommenden Wochen organisatorische Informationen z.B. zu Unterkunft, Anreise, Abend-programm etc. bereit.
Wir freuen uns auf ein Kennenlernen/Wiedersehen in Bochum

schreibzentrum(at)rub.de

Erinnerungen an Göttingen

Vier Wochen sind es nun her, seit dem wir mit Rucksack, Büchern, vorbereiteten Workshops und guter Laune nach Göttingen gefahren sind. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Wenn ich jetzt die Augen schließe, bin ich noch einmal in der Fakultät für Interkulturelle Germanistik, die wir nach langem Suchen gefunden haben.

Die Göttinger begrüßten uns stürmisch und jeder erhielt ein Ansteckschildchen mit Namen. Gefühlte tausend neue Gesichter aus Bielefeld,  Darmstadt, Freiburg, Hildesheim und Jena. Auch ich war eines davon, meine erste PeertutorInnen- Konferenz. Am ersten Abend gab es viel Informationsaustausch, Plauderei und leckeres Essen: „Wo kommst du her? Was studierst du? Wie laufen bei euch die Schreibberatungen? Hast du den Salat schon gekostet oder die Nudeln?“

Dann begannen die Workshops und Seminare. Ich erinnere mich gut, dass mir die Entscheidung nicht leicht fiel, da alle Angebote so spannend waren. Warum haben wir nur ein Wochenende? Hätten wir zwei Tage mehr, hätte jeder jede Veranstaltung besuchen können.

Besonders interessant fand ich den Workshop Rollenbilder und Rollenkonflikte von SchreibberaterInnen“. Angeleitet wurde er von Melanie Brinkschulte und Ella Grieshammer vom Internationalen Schreibzentrum der Georg- August- Universität Göttingen.

Zum Workshop gehörten Diskussionsrunden über die eigene Schreibberaterrolle und über das Vorkommen von stereotypen Beraterbildern. In kleinen, inszenierten Mockberatungen wurden die etwas außergewöhnlichen Beratungssituationen durchgespielt. Ich weiß noch, dass ich mich gleich für die Rolle der Ratsuchenden entschieden hatte. Der Berater bekam ein festes Rollenmuster vorgeschrieben, das ich vorher nicht kannte. Und so kam ich als „Ersti“ in die Beratung, und wollte wissen, was denn nun wissenschaftliches Schreiben so ist und wie man es am besten lernt.

Mein Berater war ein Kumpeltyp, stellte sich heraus. Immer schnell mit den Argumenten zur Seite: „Ja, ja, das Problem kenne ich auch. Mach dir bloß keine Sorgen, das wird schon.“ Informationen und Hilfestellung zum wissenschaftlichen Schreiben hatte ich keine bekomme. Aber ich weiß zumindest, wen ich jetzt bei Facebook suchen kann, wenn ich abends mal quatschen möchte.

Andere Rollen waren, die Lehrerrolle, die Rolle der gestressten akademischen Mitarbeiterin oder die Mutterrolle. Abschließend wurde in großer Runde über das Thema diskutiert.

Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass jeder Mensch in verschiedenen Situationen entsprechende Rollen einnimmt. Einerseits wird meine Rolle durch meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen bestimmt. Andererseits können das Verhalten und die Situation meines Kommunikationspartners mich dazu verführen, ein bestimmtes Rollenmuster einzunehmen. Die Reflexion über die Rollenstereotypen hat sehr geholfen, bestimmte Rollenmuster zu erkennen und zu verdeutlichen, dass es in Schreibberatungen nicht genügt, nur in dieser Rolle zu agieren.

So konnte jeder insgeheim seine eigene Rolle entdecken, die ihm bisher vielleicht gar nicht bewusst war. Und welche Rolle war es bei mir? Soll ich es verarten? Nein, ich verrate es nicht! Aber jeder der möchte, kann es in meinen Beratungen selbst herausfinden.

Ein anderer Workshop beschäftigte sich mit dem Thema Interkulturalität in der Schreibberatung. Zunächst sollte jeder Teilnehmer den Begriff Kultur definieren. Schon hier war klar, dass die Definitionen unterschiedlich sein werden. Ist Kultur jede Form des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens und Verhaltens allgemein? Oder setzt Kultur erst dort ein, wo man von besonderer Bildung sprechen kann? Nein, Kultur ist alles, was eigentlich Luxus ist, wie Theater, Musik, Malerei, Dichtung. Aber grenzen wir hier nicht zu viel aus? Einen umfassenden Kulturbegriff konnten wir nicht zusammentragen, für jeden bedeutet Kultur eben etwas anderes.

Konferenz-Teilnehmer beim Schreiben

Dann folgte das kreative Spiel, „Zitronella“, für das wir uns in kleine Gruppen teilten. Jede  Gruppe bekam eine Zitrone. Jede der Zitronen hatte ihre eigene Geschichte und ihren Namen. Und so kam die eine Frucht aus Brasilien, die andere aus Italien, die eine war quittegelb, die andere blassgelb, die eine hieß Renata, die andere eben anders. Nach dem jede Gruppe eine kleine Geschichte über das Obststück verfasst hatte, gaben wir die Zitronen wieder zurück. Die Geschichten wurden gegenseitig vorgelesen. Dann sollte jede Gruppe erneut nach vorn kommen und jeweils ihre Zitrone wieder finden. Unglaublich! Jede Gruppe fand ihre Zitrone wieder. Wie unterschiedlich doch die Früchte sind, auch wenn man es zunächst nicht wahrnimmt. Wir mussten unsere Zitronen schließlich erst kennen lernen.

Die nächste Übung fand in der großen Gruppe statt. Sie hieß „Der Eisberg der Kultur“. Ein Eisberg ragt aus dem Wasser, nur die Spitze ist wahrnehmbar, alles andere ist verdeckt. Im übertragenden Sinne wurde gefragt, was man an einer Person äußerlich erkennen kann und was uns verborgen bleibt. Die Leiter des Workshops (Carolin Hermann, Maike Krieger, Julia Schneider aus Darmstadt) klebten unsere Antworten auf kleinen Zetteln rund um den skizzierten „Eisberg“ an die Tafel. Deutlich wurde allen Teilnehmern, dass die wenigen sichtbaren Elemente wie Kleidung, Aussehen und Sprache auf der Spitze des Bergs nicht viel sagen gegenüber den Elementen unter der Wasseroberfläche: Erfahrung,  Erziehung, Denkweisen, Interessen, Kommunikationsstile, Religion, Werte und so weiter. Und wie lange braucht es, um den „Anderen“ wirklich zu verstehen?

Die Arbeit im Workshop „Interkulturalität in der Schreibberatung“ diente nicht nur dazu, den SchreibberaterInnen zu zeigen, wie wichtig eine offene und unvoreingenommene Haltung gegenüber Ratsuchenden mit anderem kulturellen und sprachlichen Hintergrund ist. Noch stärker war die Botschaft, dass jeder Mensch seine individuelle Kultur lebt, eben so, wie er sie definiert und beschreibt. Schon dafür braucht es gegenseitige Wertschätzung und Toleranz.

Die Beiträge gingen dem Ende zu und das Autorenteam, Franziska Liebetanz, Nora Peters, Ella Gieshammer und Jana Zegenhagen stellte noch ihr Buchprojekt vor: Zukunftsmodell Schreibberatung: Eine Anleitung für die Begleitung von Schreibenden im Studium.

Dann brachen wir auf zu unserem einstündigen Stadtrundgang, bevor das Abendessen in der „Blooming Bar“ auf uns wartete. Die Konferenzteilnehmer sollten den Rundgang literarisch gestalten und in kleinen Gruppen Texte schreiben. Das Thema: Eine Liebesgeschichte, zwischen zwei Studenten in Göttingen. Während David Kreitz uns durch die Stadt führte, machte er immer wieder an besonderen Plätzen und Gebäuden Halt und erklärte sie uns. So lernten wir das Deutsche Theater kennen, die Stadtbibliothek, das „Gänseliesel“ (Brunnen als Wahrzeichen der Stadt) und vieles mehr. Dann sollten wir diese Orte in unsere Göttinger Begegnungsgeschichte einfließen lassen.

Nach gut einer Stunde trafen wir in der „Blooming Bar“ ein, etwas durchgefroren, munter und hungrig. Nach dem Essen stellten alle Gruppen ihre kleinen Kunstwerke vor. Es sind viele Kurzgeschichten, Fragmente und Anekdoten entstanden. Juliane Patz hatte sich für das Genre „Gedicht“ entschieden. Hier könnt ihr es lesen, um einen besonderen Eindruck von Göttingen zu bekommen:

Göttinger Liebeslied

Vom Fahrrad fiel einmal Susann,
da fasste mutig Pierre mit an,
um sie schnell wieder hochzuheben,
ihr ’ne Theaterkarte abzugeben.

Im Saal spielte „Romeo und Juliette“,
er sagte, dass er gern ’ne Freundin hätt‘,
bisher sei er immer alleine gewesen
und habe nur in der Bib gelesen.

„Ich saß am Schreibtisch nächtelang“,
sprach er, „und mir war angst und bang,
dass sich wohl niemals jemand findet,
der sich für einen Abend an mich bindet.“

„Doch doch, ja ja, ich komme mit,
hab‘ Zeit und halte mit dir Schritt.“

Das Fahrrad ließ sie liegen,
für heute sollt‘ er siegen.

„Woll’n wir uns morgen am Gänseliesel wiedersehen
und auf dem Brunnensims spazieren gehen?“

Tja, bis wir von ihm und Susann wieder singen,
freut sich der Pierre vor allen Dingen,
dass Göttingen, die schöne Stadt,
für ihn nun auch ein Mädchen hat.

(Juliane Patz)

Göttinger Tagebuch 1

Regenwolken sammeln sich an diesem Freitag über Göttingen. Im ICE sitzen Kinder und wollen wissen, ob ich zur Arbeit gehe. Ich fahre auf eine Koferenz, antworte ich. Sie wollen wissen, was eine Konferenz ist und so antworte ich ihnen etwas bemüht, dass sich viele Menschen treffen, um sich ein Wochenende lang zu unterhalten. „Klingt anstrengend“, antwortet eines der Mädchen. Ich antworte, dass es ganz viele nette Menschen dort gibt, und es auch Spaß macht. In Göttingen angekommen spaziere ich durch den Regen und versuche dem Plan zu folgen, der sich etwas zerknüllt in der Tasche meiner Jacke befindet. In den Räumen der Universität hatte sich inzwischen schon das lebhafte Geräusch unterschiedlicher Gespräche entsponnen. Am Buffet sammeln sich die Gäste, verharren kurz, schweifen mit den Augen über die Leckerein, gehen einen Schritt weiter, kippen Kaffee in Tassen, gehen wieder einen Schritt weiter. Der drohende Herbst, mit seinem Sprühregen und dem kräftigen Wind scheint vergessen. Die Fenster sind zu, die Heizungen an, Kameras machen Bilder von uns. Später am Abend sieht man sich wieder, diesmal beim Thailänder, wieder am Buffet, vielleicht vor den Wan-Tan-Taschen oder dem green curry, das man kurz darauf in das Gewusel der Gespräche zu seinem Tisch trägt. Der Weg zur Jugendherberge führt einen Berg hinauf, warnt uns David, lacht aber und sagt, dass dies nur aus ‚Göttinger Sicht‘ ein Berg sei. Der ‚Pass‘ führt entlang pompöser alter Villen mit Fachwerk, in die wir spontan einziehen wollen. Der gelungene Tag neigt sich seinem Ende. Wir sind durchfröstelt und müde und durch die Keller der Jugendherberge hallt das Klicken der Tischtennisbälle.

Die vierte Peer- Schreib- TutorInnen Konferenz an der Georg- August- Universität in Göttingen

Wir, das Team des Schreibzentrums der Viadrina, sind gerade auf der Peer- Schreib- TutorInnen Konferenz an der Georg- August- Universität in Göttingen.
Gestern wurden wir sehr herzlich vom Schreibzentrum der Soziologie und dem Internationalen Schreibzentrum der Universität empfangen. Es gab ein sehr leckeres selbstgemachtes Buffett, mit Salaten, Kuchen, Obst und Gemüse.
Ich bin glücklich und sehr stolz bei der vierten Konferenz von studentischen SchreibberaterInnen für studentische SchreibberaterInnen dabei sein zu können. Vor vier Jahren haben wir die Konferenz an der Viadrina in Frankfurt (Oder) gegründet und noch immer treffen sich die studentischen SchreibberaterInnen und die LeiterInnen der Schreibezentren aus dem deutschsprachigen Raum. Jedes Jahr im Oktober kommen wir zusammen, um uns fortzubilden, auszutauschen und zu vernetzen. Dieses Mal sind die Schreibzentren aus Jena, Hildesheim, Bielefeld, Freiburg im Breisgau, Frankfurt (Oder), Göttingen, Wuppertal, Bayreuth und Darmstadt auf der Konferenz vertreten. Es gibt mittlerweile mehr Schreibzentren und sie setzen ihren Schwerpunkt auf die Schreibberatung von Studierenden für Studierende. Das ist eine große Bereicherung! So treffen sich hier so viele studentische SchreiberaterInnen, die alle zwar eine Ausbildung zum Beraten von Schreibprozessen erhalten haben, aber aus unterschiedlichen Städten, Ländern (es gibt sogar einen Tutor aus Tunesien!), Unis, Studiengängen und Schreibzentren kommen. Beispielsweise sind hier TutorInnen, die sich besonders auf das Beraten von internationalen Studierende spezialisiert haben, oder sich auf eine Fachrichtung, wie das Schreibzentrum der Soziologie konzentrieren.
Gestern haben wir bereits Vorträge und Seminare zu folgenden Themen besucht: „Beratung zu Zweit“, „Rollenbilder und Rollenkonflikte von SchreibberaterInnen“, Disziplinspezifische fächerübergreifende Schreibworkshops“, Interkulturalität in der Schreibberatung“, „Schreiben in der Fachlehre: Hausarbeiten beginnen mit Themenfindung im Fachseminar“, „Hilfe zur Selbsthilfe? Das Modellprojekt help.me der Friedrich- Schiller- Universität“. Wir werden von den Vorträgen und Wokshops berichten, aber zuerst genießen wir weiterhin den zweiten Tag der Konferenz!

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