Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten – ein Rückblick

Vor etwas mehr als einem Monat, am 3. März 2016, veranstalteten wir die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten: Von 16 bis 1 Uhr luden wir Studierende aller Fakultäten der Europa-Universität Viadrina in die Bibliothek ein, um dort an ihren Schreibprojekten zu arbeiten. In der motivierenden Gesellschaft anderer Schreibender und unterstützt durch unser Begleitprogramm aus Workshops und Schreibberatungen konnte die Nacht produktiv genutzt werden. Ob Abschlussarbeit, Falllösung oder Essay – alles, was noch nicht aufgeschrieben oder gedacht wurde, konnte in dieser Nacht besprochen und auf das Papier gebracht werden.

Noch Wochen nach der Veranstaltung sehen wir Studierende, die wir in der Langen Nacht in Workshops, in Schreibberatungen oder am Empfangstisch kennengelernt haben, im Schreibzentrum zur Schreibsprechstunde wieder. Grund genug für unser Team, noch einmal zurückzublicken und unsere Eindrücke von der Langen Nacht niederzuschreiben:

2016-lange-nacht_schreibzentrum-viadrina

„Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten (LNdaH) fühlte sich für mich eher an wie eine „Lange Nacht, um nachts in der Bibliothek mal ordentlich zum Arbeiten zu kommen“. Die Themen der Schreibberatung waren demnach vielfältig; vom Schulreferat bis zur Doktorarbeit. Die Zeit verging schnell, so dass aus meiner Sicht eher eine kurze Nacht daraus wurde. Eigentlich schade, dass es die Gelegenheit zur nächtlichen Kurzweil in der Bibliothek nicht öfters gibt.“ (Pascal)

„Bereits zum 7. Mal haben wir vom Schreibzentrum die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten nun schon veranstaltet – doch es ist immer wieder so aufregend und spannend wie beim ersten Mal im Jahr 2010. Neu in diesem Jahr war für uns der Veranstaltungsort: die Uni-Bibliothek. Von der zentralen Lage auf dem Campus hat die LNdaH in diesem Jahr deutlich profitiert. Viel mehr Studierende als sonst nutzten den Abend, um mit ihren Schreibprojekten voran zu kommen. Die von den Schreib-Peer-Tutor*innen angebotenen Schreibberatungen waren restlos ausgebucht und auch die Workshops wurden sehr gut besucht.“ (Simone)

Schreibberatung LNdaH

Ideenschmiede im Lerncontainer (Foto: Franziska Liebetanz).

„Es war schön, das Schreibzentrum für eine lange Nacht von der Peripherie der August-Bebel-Straße 12 in das Herz der Uni zu verlagern. So konnten wir (auch wenn ich es nur gefühlt habe und nicht statistisch beweisen kann) zusätzlich die Menschen ansprechen, die Tag für Tag in den Fahrstuhl steigen und bis zum Abend den Lesesaal nur für eine Kaffeepause verlassen. Ich glaube, die in die Bibliothek beheimateten disziplinierten Eigenbrötler*innen könnten wir dauerhaft als Zielgruppe gewinnen, wenn wir in Kooperation mit der Uni-Bibo einen kleinen SZ-Ableger in einem der Lerncontainer gründen würden. Quasi jede Woche einen Langen Tag der aufgeschobenen Hausarbeiten!“ (Simon)

„Auch von zu Hause konnte man sich von der Atmosphäre der Langen Nacht anstecken lassen: Auf Twitter war ziemlich viel los. Die Tweets mit dem Hashtag #LNdaH haben einen Einblick in den Ablauf der Langen Nacht in ganz Deutschland ermöglicht. Schöne Fotos wurden gepostet, auf denen einladende Schreibräume und motivierte Schreibende zu sehen waren. Die digitale Teilnahme an dieser Schreibaktion kann auch Spaß machen! Man muss nur aufpassen, Social Media wirklich zur Inspiration und nicht zum Aufschieben zu nutzen.“ (Michał)

„Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten bleibt mir in Erinnerung als ein kleiner Rausch im Land der Schreibdidaktik. Die Gesichter von Ratsuchenden sehe ich vor mir und die dazugehörigen Anliegen hängen noch in meinem Ohr; ob Zitation, Textfeedback oder Hausarbeiten schreiben in Jura. Am Infostand auf die Zielscheibe hinzuweisen – der eigene Arbeitsstand innerhalb der Nacht kann markiert werden – hat Spaß gemacht. Zu sehen, dass Teilnehmende von Workshop zu Workshop an ihren Plätzen blieben und sich eine kleine Stammgemeinschaft abzeichnete, empfand ich als sehr befriedigend. Ich hatte das Gefühl, dass die Bibliothek einen guten Veranstaltungsort bildete. Sie wird von Studierenden ohnehin mit dem wissenschaftlichem Arbeiten verbunden und die LNdaH könnte für die Teilnehmenden das i-Tüpfelchen eben dafür dargestellt haben.“ (Alyssa)

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Am Büffet konnten Schreibende ihre Energiereserven auffüllen (Foto: Franziska Liebetanz).

„Mir ist eine Situation während der Langen Nacht besonders im Gedächtnis geblieben; wahrscheinlich weil sie die tolle Atmosphäre spürbar macht, die an diesem Abend herrschte. Ich saß am Begrüßungsstand vor der Bibliothek und war in ein Gespräch mit einem Promovierenden vertieft, als ein Studierender mich höflich, aber doch ungeduldig unterbrach und mich fragte, wo denn die Liste für die Anmeldung zur Schreibsprechstunde hin sei. Er komme gerade aus einer Beratung und sei so begeistert von der Offenheit des Gesprächs und den vielen interessanten Hinweisen, dass er sich sofort noch einmal eintragen wollte. Ich habe ihm die Liste schmunzelnd hingeschoben und ihm geantwortet, dass wir glücklicherweise die halbe Nacht da sind und vorher sogar noch etwas Zeit bleibt, um sich am Büffet zu bedienen. Damit war sein Glück an diesem Abend perfekt, er war von guten Gesprächen und gutem Essen gesättigt.“ (Anja)

Viele bekannte Gesichter von der Langen Nacht nun im Schreibzentrum wiederzutreffen und auch die vielen dankbaren Kommentare von Schreibenden während der Langen Nacht bestätigen unsere eigenen positiven Eindrücke und zeigen uns, dass wir mit dieser Veranstaltung immer wieder aufs Neue für eine veränderte Schreibkultur werben können: eine Schreibkultur, für die Offenheit, konstruktive Rückmeldung und Austausch zentral sind.

Weitere Stimmen zur Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten finden Interessierte unter anderem auch hier:

http://www.wlnjournal.org/blog/2015/03/the-long-night-against-procrastination-2015-a-german-perspective/

https://schreibnacht.wordpress.com/

Ich, polnische Muttersprachlerin an einem deutschen Schreibzentrum

*Po Polsku*
Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich an einem Schreibzentrum in Deutschland arbeiten werde, hätte ich diese Idee bestimmt für verrückt gehalten. Ich, polnische Muttersprachlerin in einem deutschen Schreibzentrum an einer deutschen Universität??? Damals kaum zu glauben. Aber es ist doch wahr geworden.
Über mich
Ich heiße Alicja, komme aus Swiebodzin in Polen, 60 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, und studiere den Masterstudiengang Interkulturelle Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Mit der Uni bin ich nicht nur durch das Studium, sondern auch durch meine Arbeit am Schreibzentrum verbunden. Mit diesem Blog-Eintrag möchte ich meine Arbeitsstelle vorstellen und auch ein paar Erfahrungen und Reflexionen teilen, die verdeutlichen, was das Schreibzentrum für mich bedeutet und wie ich die Arbeit als Schreib-Peer-Tutorin wahrnehme.
Ich habe die Arbeit am Schreibzentrum im April dieses Jahres angefangen. Ich halte diese Tätigkeit für eine große Herausforderung und ein wunderbares Abenteuer zugleich. Gerade sitze ich im Schreibzentrum (Raum 115 des Unigebäudes in der August-Bebel-Straße) und schreibe diesen Eintrag. Obwohl ich erst den vierten Monat als Schreib-Peer-Tutorin arbeite, habe ich sowohl die Ziele und Voraussetzungen, als auch das Team unseres Zentrums schon ziemlich gut kennen gelernt. Außer mir sitzt im Raum eine andere Peer-Schreibberaterin, die sich auf eine Schreibberatung im Rahmen des Writing-Fellow-Programms vorbereitet. Mehr davon könnt Ihr unter https://schreibzentrum.wordpress.com/ erfahren. Es gibt noch eine andere Person, die sich intensiv mit dem Programm der EWCA-Konferenz (European Writing Centers Association: http://www.europa-uni.de/de/struktur/zfs/schreibzentrum/EWCA2014/index.html) beschäftigt. Die Konferenz fand vom 19. bis 22. Juli statt. Das war ein großes Ereignis für uns und für die ganze Uni.

Unsere Arbeit im Schreibzentrum
Aber jetzt zurück zum Raum, in dem ich sitze… Ich möchte auf die Lern- und Arbeitsatmosphäre in unserem Team aufmerksam machen. Sie ist einfach freundlich und stressfrei. Dank dieser Atmosphäre habe ich meine Haltung zum Schreiben verändert. Früher habe ich immer gedacht, dass das Schreiben ausschließlich das Festhalten von Gedanken auf Papier oder am PC ist. Aber es ist nicht so! Schreiben ist ein Prozess, der in einem Dialog mit sich selbst und mit anderen geschieht. Da viele meiner KommilitonInnen meine frühere Meinung zum Schreiben teilen, möchte ich meine neue Einstellung und die im Schreibzentrum herrschende Atmosphäre weitergeben und zwar an Lehrende, Studierende und alle, denen ich im Kontext des wissenschaftlichen Schreibens begegne. Ich möchte, dass auch andere das Schreiben aus einer neuen Perspektive betrachten. Dadurch können sie nicht nur eine positive Einstellung zum Schreiben entwickeln, sondern auch ihre Schreibkompetenz verbessern und viel Spaß und Freude am Schreiben haben. Und was bedeutet mir die Arbeit als Schreib-Peer-Tutorin? Einerseits ist es meine Beschäftigung an der Uni, andererseits verbessere ich dadurch meine Schreibkompetenzen. Darüber hinaus helfe ich anderen Studierenden dabei, ihre Schreibkompetenzen zu entwickeln. Aber das ist natürlich nur eine Seite dieser Tätigkeit. Tatsächlich ist meine Arbeit als Schreibberaterin ein wunderbares Abenteuer, das mit unaufhörlicher Begegnung mit Menschen und mit Austausch von Wissen, Erfahrungen, Werten, Lächeln und Freude verbunden ist. Ich freue mich, dass ich auf diese Art und Weise mein Studium an der Universität Viadrina und den Aufenthalt im deutsch-polnischen Grenzgebiet bereichern kann.
Jetzt erkläre ich euch, womit wir uns am Schreibzentrum befassen und warum das Zentrum an der Universität so wichtig ist. Ich hoffe, ihr gelangt dank dieser Informationen zur Überzeugung, dass es sich lohnt, Schreibzentren an Schulen und Universitäten in Polen zu gründen.
Wenn ich in einem Satz sagen müsste, was das Schreibzentrum an unserer Universität ist, würde ich es als einen Ort bezeichnen, an dem sich alles um das Schreiben dreht. Hier begegnen sich Wissenschaft und Forschung, hier beziehen sich die Tätigkeiten wissenschaftlicher MitarbeiterInnen und Studierender auf das wissenschaftliche und literarische Schreiben sowie Schreibprozesse. Außenstehende könnten meinen, dass das Schreibzentrum lediglich eine Einrichtung ist, die den Studierenden und Promovierenden beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten Hilfe leistet. Ich möchte dieser Annahme jedoch widersprechen und darauf aufmerksam machen, dass unser Schreibzentrum nicht nur für Studierende oder Promovierende, sondern auch für Lehrende, SchülerInnen und Auswärtige ein breites und abwechslungsreiches Angebot hat. Beispielsweise arbeiten in unserem Schreibzentrum wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die im internationalen Kontext durch Forschung, Konferenzen und Veröffentlichungen zur Entwicklung der Schreibwissenschaft beitragen und an den Schreibdiskursen teilnehmen.
Außer den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen sind in unserem Zentrum auch Studierende eingestellt. Das ganze Team besitzt eine fundierte Ausbildung. Um Schreibberaterin zu werden, habe ich drei Seminare zum wissenschaftlichen Schreiben und der Schreibberatung besucht und das Zertifikat zur Schreib-Peer-Tutorin erhalten. Das alles war ziemlich zeitaufwendig und anspruchsvoll, aber bringt mir jetzt viel Zufriedenheit und Nutzen. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Anforderungen der Ausbildung zur Schreibberaterin gerecht wurde, und dass ich zusammen mit deutschen MuttersprachlerInnen arbeite. Außerdem kann ich mich dank der Arbeit am Schreibzentrum auch ständig weiterentwickeln und von den Schreibenden, die uns aufsuchen, viel lernen, z.B. aktives Zuhören, Empathie oder den freundlichen Umgang mit Menschen.
Aber zurück zu unserem Angebot. Wir bieten den Studierenden aller Studiengänge individuelle Schreibberatung auf Augenhöhe, d.h. peer-to-peer Beratung, bezüglich der Schreibprozesse, des wissenschaftlichen Schreibens, der wissenschaftlichen Texte und des wissenschaftlichen Arbeitens an. Außer den individuellen Treffen haben wir Schreibgruppen (z.B. Schreibgruppe für Abschlussarbeiten), in denen die Studierenden ihre Fähigkeiten bezüglich des Schreibens und der Überarbeitung von Texten entwickeln. Während unterschiedlicher Seminare, Workshops oder sog. Lunchtime Lessons (meine LTL dreht sich um „Schreiben in der Fremdsprache“) können sich Studierende mit den unterschiedlichen Anforderungen des wissenschaftlichen Schreibens vertraut machen. Sie lernen unterschiedliche Schreibstrategien und können ihre individuellen Schreibkompetenzen entwickeln und ausbauen. In unserem Schreibzentrum herrscht eine angenehme Lern- und Arbeitsatmosphäre, die zur Weiterbildung und zum Austausch in Gruppen, Seminaren und Werkstätten anregt. Für Promovierende bieten wir Schreibworkshops und –beratung an. Auch eine Unterstützung der Lehrveranstaltungen für Lehrende bezüglich des wissenschaftlichen Schreibens bieten wir an. Im Writing-Fellow-Programm helfen unsere BeraterInnen den Studierenden beim wissenschaftlichen Schreiben und geben Feedback zu den angefertigten Texten, die sie in einem bestimmten Seminar verfassen müssen.
Zu unserem Angebot gehört auch die Unterstützung von SchülerInnen bei der Entwicklung der Schreibfähigkeiten, was den Übergang von der Schule zum Studium erleichtern kann. Das Schreibzentrum an der Universität Viadrina ist somit sowohl ein wissenschaftlicher und didaktischer Ort, als auch ein Ort der Begegnungen, an dem man Wissen und Erfahrungen zum wissenschaftlichen Schreiben und den Schreibprozessen austauscht.

Schreiben kann schön sein
Zum Schluss des Blog-Eintrags möchte ich noch etwas unterstreichen: Schreiben, besonders wissenschaftliches Schreiben kann vielen Menschen langweilig, zeitraubend und wenig zufriedenstellend erscheinen. Es kann, aber es muss nicht so sein. Unser Schreibzentrum an der Viadrina beweist etwas völlig Anderes. Schreiben macht Spaß, ist interessant und hilft Schreibenden in wissenschaftlicher und sozialer Hinsicht weiter. Das bestätigen meine Erfahrungen und Gefühle. Das bestätige ich, polnische Studentin, die an einer deutschen Universität studiert und in einem deutschen Schreibzentrum arbeitet.
Alicja Pitak

Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten in Berlin

– von Josephin Winkler –

Bereits zum vierten Mal hat das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten veranstaltet. Viel Herzblut hat das Schreibzentrumsteam in dieses Ereignis gesteckt: Es wurde ein Grundkonzept erstellt, Plakate und Flyer gestaltet, Rundmails verschickt, Pressemappen angefertigt, ein Rahmenprogramm ausgedacht, Snacks eingekauft, Räumlichkeiten besichtigt uvm.

Es war viel Arbeit – und es hat sich gelohnt! In Kooperation mit der Humboldt-Universität, der Bibliothek der Humboldt-Viadrina School of Governance und dem Arbeitskreis Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg hat die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten das erste Mal in Berlin stattgefunden. Von 16- 1 Uhr konnten Studierende dort an ihren Schreibprojekten arbeiten. Nach einer Begrüßungsrede von Katrin Girgensohn, Gründerin des Schreibzentrums, gab es eine kleine Pecha Kucha Präsentation zur Langen Nacht. Daraufhin wurde fleißig geschrieben: An kleinen Tischen sitzend, war jede/r mit einem Laptop ausgerüstet, und die Tasten klapperten ordentlich. Ansonsten war die Stille in den Schreibräumen fast schon gespenstisch.

Zielscheibe SchreibzieleWer eine Pause brauchte, ging an die Snackbar oder kontrollierte noch einmal, ob sein Kärtchen an der Zielwand weiter in Richtung “Ziel” gerückt werden konnte. Auflockerungsübungen und Schreibtechniken (wie die Schreibstaffel) sorgten für Abwechslung zwischen den Schreibphasen. Bei einem Schreibtypentest konnten die Schreibenden herausfinden, welche Vorgehensweise beim Schreiben für sie am besten geeignet ist; aber auch zu neuen Techniken angeregt werden. Ein kleiner Vortrag über Plagiate und richtiges Zitieren sorgte für rege Diskussionen unter den Anwesenden – es blieben sogar einige Fragen offen.

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Teilnehmende der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten winken bei der Live-Schaltung Schreibenden in anderen Schreibzentren zu.

Auch in anderen Städten Deutschland gab es zeitgleich die Lange Nacht. So haben wir uns nicht lange bitten lassen und eine Live-Schaltung in die anderen Schreibzentren aufgebaut; das stärkte das Gemeinschaftsgefühl und die Motivation  zum Weiterschreiben.

Für die 37 Schreibenden, die aus 5 Universitäten kamen, standen 10 ausgebildete Schreibberater zur Verfügung. Bei einem Beratungstermin konnten die Studierenden dann ungestört über ihren Text reden, Fragen stellen sowie natürlich auch von eventuellen Schwierigkeiten beim Schreiben berichten und sich Hilfe zur Selbsthilfe holen.

Da wir die Lange Nacht das erste Mal in Berlin veranstalteten, erwarteten wir mehr Andrang, doch insgesamt sind wir sehr zufrieden. Wir freuten uns über positive Resonanz bei der Presse, wie z.B. von der ZEIT online. Die Schreibenden gaben uns durchgängig positives Feedback – viele haben ihre gesetzten Ziele geschafft, einige sind sich jetzt über ihre Schreibgewohnheiten bewusster, andere wollen jetzt gerne öfter Schreibtechniken einsetzen. Viele wollen gerne nächstes Jahr wiederkommen!

Mentoring und Videoaufzeichnungen: Noch mehr Weiterbildung

Neben den schon erwähnten Weiterbildungen gibt es hier am Schreibzentrum noch Weiterbildungen, die man vielleicht auch als Supervision bezeichnen könnte. Ich habe inzwischen bei mehreren hospitieren dürfen.

Die Writing Fellows haben alle einen Mentor oder eine Mentorin aus den Reihen der Professional Staff des Schreibzentrums. Auch einige sehr erfahrene Teaching Assistants sind Mentoren. Neue Mentoren werden von der Teaching Assistant Direktorin des Writing Fellow Programms zunächst selbst darin ausgebildet, Mentor zu sein. Die Mentoren besprechen mit den Writing Fellows die schriftlichen Kommentare, die sie den Studierenden der Seminare geben, denen sie zugeteilt sind. Im ersten Jahr als Writing Fellows sind Mentoring-Treffen obligatorisch. In den Jahren danach können die Writing Fellows sich aussuchen, ob sie weitere Treffen möchten. Ich war bei einem solchen Treffen dabei, das Eric, einer der Fellows der schon länger dabei ist, sich gewünscht hatte . Er ist einem Seminar zugeordnet, das einem „Service-Learning„-Konzept folgt. Das Thema des Seminars ist „Citizenship“, also sowas wie Staatsbürgerkunde. Die Studierenden in diesem Seminar lesen nicht nur theoretische Texte, sondern müssen sich darüber hinaus in einem sozialen Projekt engagieren. Diese Erfahrungen sollen die Studierenden reflektieren und in Zusammenhang mit den theoretischen Texten zum Thema Staatsbürgerschaft bringen. (Service Learning ist hier übrigens nicht ungewöhnlich und wird in verschiedenen Fächern eingesetzt. So fährt meine hiesige Vermieterin, die Biologin an der Uni ist, jedes Jahr mit Studierenden nach Equador, so diese sich in Umweltschutzprojekten engagieren).

Die aktuelle Schreibaufgabe für die Studierenden in Eriks Seminar lautete, auf ca. 15 Seiten zu reflektieren, wie sich ihre Vorstellung von Citizenship während des Seminars verändert hat. Der Schwerpunkt sollte auf persönlicher Reflexion liegen, aber auch Literatur sollte einbezogen werden. Wie in allen Writing Fellows-unterstützten Seminaren sollten die Studierenden zwei Wochen vor der eigentlichen Deadline eine Rohfassung des Textes an den Writing Fellow schicken, zusammen mit einem Coverletter, in dem sie selbst schonmal reflektieren, was sie gelungen finden und worin sie noch unsicher sind. Eric hatte für das Gespräch mit Brad drei Rohfassungen mitgebracht, über die er gerne sprechen wollte. Eine war sehr unstrukturiert und Erik war sich unsicher, wie detailliert er das aufzeigen sollte. Brad bestärkte ihn in dem gewählten Weg, nur exemplarisch auf den Mangel an Struktur einzugehen, der offensichtlich daher rührte, dass die Schreiberin keine Fragestellung bzw. keine Hauptaussage gefunden hatte (das berühmte „Thesis-Statement“). Brad fragte, ob der Text auch Stärken hatte und Erik hob hervor, dass die Autorin viele persönliche Anekdoten eingebaut hatte, was von der Dozentin ausdrücklich gewünscht war. Diese Stärken sollten auch in die Rückmeldung einfließen. Bei dem Treffen, das stattfinden wird, wenn die Studentin Eriks Kommentare schon gelesen hat, sollte es dann darum gehen, wie die Studentin eine Hauptaussage finden kann und wie sie ihren Text bearbeiten kann, d.h. konkrete nächste Schritte.

Interessant war, dass ein weiterer Text, den Erik mit Brad besprechen wollte, genau das gegenteilige Problem hatte: Hier war das Thesis Statement sehr klar und die Struktur beinah ein wenig zu sehr darauf ausgerichtet, weil jeder Absatz wieder explizit darauf Bezug nahm. Der Student hatte in seinem ersten Text des Semesters auch noch keine Struktur in seinem Text gehabt und nun Erics Rückmeldung zu stark umgesetzt. Brad und Eric verständigten sich darauf, hervorzuheben, wie toll es ist, dass der Student so viel gelernt und umgesetzt hat, aber ihn auch darauf hinzuweisen, dass er es vielleicht ein wenig übertrieben hat.

Insgesamt war ich sehr beeindruckt von diesem Mentoring-Gespräch, weil ich sehen konnte, was für ein vielschichtiger Lernprozess da stattfand. So hatte Eric zunächst darüber reflektiert, was er für Rückmeldungen auf die Texte gibt und dann darüber, welche der Rückmeldungen er aus welchen Gründen mit Brad besprechen will. Die Dozentin des Seminars ist zu beneiden – sie wird so viel bessere studentische Arbeiten bekommen als ohne Writing Fellows!

Auch für die Teaching Assistants gibt es Mentoring-Gespräche. Sie müssen in ihrem zweiten Jahr ihrer Arbeit als Peer Tutoren zwei Beratungen auf Video aufnehmen. Diese Videos schauen sie sich zunächst alleine an und dann nochmal – ausschnittsweise – zusammen mit ihrem Mentor oder ihrer Mentorin. In dem Gespräch geht es darum, das eigene Beratungshandeln zu reflektieren, Stärken zu identifizieren und Schwächen zu sehen. Durch das Video werden die Gespräche sehr konkret, das hat mir gut gefallen. Brad hat erzählt, dass diese Videoaufzeichnungen und -auswertungen seit ein paar Jahren obligatorisch sind im zweiten Jahr, weil alle, die das gemacht hatten, betont haben, wie viel ihnen das gebracht hat. Das ganze Verfahren läuft sehr routiniert ab. Der TA Assistant Director bereitet die ganze Technik vor, die Beratungen finden dafür in einem Extra-Raum statt. Die Ratsuchenden werden gefragt ob sie einverstanden sind und unterschreiben ein entsprechendes Formular. Das Video wird dann auf einen internen, geschützten Server hochgeladen und die Tutoren bekommen den Link, mit dem sie sich den Stream angucken können.

Für die Mentoring-Gespräche gilt die gleiche Kultur der Wertschätzung, die ich hier im Schreibzentrum bei der ganzen Arbeit bemerke. Vielleicht ist das auch typisch amerikanisch? Jedenfalls wird immer viel gelobt und Stärken werden hervorgehoben, während Kritik äußerst vorsichtig geäußert wird – was aber nicht heißt, dass man unkritisch ist. Im Gegenteil: es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle im Schreibzentrum sehr professionell arbeiten und sich ihrer hohen Verantwortung bewusst sind.

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