Institutionelle Kooperation von Schreibzentren: So machen’s die BIG TEN

Ich glaube ich hatte bereits an anderer Stelle erwähnt, wie wichtig an den hiesigen Universitäten der Sport ist. Uni-Sportteams sind identitätsstiftend, werden bejubelt, Spiele laufen im Fernsehen und es ist völlig unmöglich, keine Meinung dazu zu haben. Um diese Sportbegeisterung, aber auch die AtlethInnen besser fördern zu können, haben sich bereits vor über 100 Jahren zehn große und sportbegeisterte Forschungsuniversitäten zusammengetan, die größtenteils aus dem mittleren Westen der USA stammen. Die BIG TEN vermarkten z.B. gemeinsam die Fernsehrechte für die Sport-Events, ermöglichen es den AtlethInnen zwischen den Unis zu pendeln, vergeben Stipendien usw. Inzwischen beteiligen sich 12 Universitäten und die Kooperation hat sich auf andere Felder als den Sport ausgedehnt. 1958 wurde das CIC gegründet, das Commitee for Institutional Cooperation, das sich als akademische Ergänzung zur Sport-Kooperation versteht. Die 12 Universitäten haben ein gemeinsames Gebäude in der Nähe des Flughafens in Chicago gebaut, um die Kooperation zu erleichtern. Dort treffen sich nun an einem Tag die Präsidenten der Universitäten, an einem anderen uniübergreifende Forschungsgruppen oder BibliotheksleiterInnen – und einmal im Jahr die LeiterInnen der Schreibzentren.

Benchmarks

Letzte Woche durfte ich also dabei sein, als die SchreibzentrumsleiterInnen der 12 großen Forschungsunis des Mittleren Westens eingeflogen bzw. angefahren kamen nach Chicago. Nach einem allgemeinen Austausch wurden „Benchmarks“ besprochen, d.h. Tabellen, in die alle schon vorab bestimmte Daten und Merkmale ihrer Schreibzentren eingetragen hatten und die vor dem Treffen herumgeschickt worden waren. Festgehalten wird zum Beispiel welchen Bereichen der Uni das Schreibzentrum dient, welchen Titel die Direktorin trägt, wer wichtige Verbündete in der Uni sind, welche finanziellen Sponsoren es gibt. Darüber hinaus sind Zahlen wichtig: Wieviele TutorInnen gibt es, wieviele Stunden arbeiten sie, wieviele Leitungspersonen, was verdienen die TutorInnen, wie oft werden die Gehälter der TutorInnen erhöht und wann zuletzt um wieviel, etc. Diese Vergleiche dienen den einzelnen Schreibzentren der Big Ten/Twelve dazu, Vergleichsgrößen und damit auch Verhandlungsbasen gegenüber den eigenen Institutionen zu haben. So war zum Beispiel an einer der Unis die Stelle einer Associate Direktorin des Schreibzentrums neu eingerichtet worden und dabei war ein Budget für Konferenzteilnahmen vergessen worden. Mit Hilfe der Benchmarks kann sie nun leichter durchsetzen, dass es dafür ein vernünftiges Budget geben muss, denn die Universitäten sind alle miteinander vergleichbar und keine wird hinter den anderen zurückstehen wollen.

Graduate Students

Der zweite Teil des Treffens war der Diskussion um Graduate Students in Schreibzentren gewidmet. Der Unterschied zwischen Undergraduate Students und Graduate Students spielt in den USA eine große Rolle. Graduate Students sind sowohl Masterstudierende als auch Promovierende. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, sehe ich bei uns keinen so großen Unterschied zwischen BA-Studierenden und MA-Studierenden, was vermutlich daran liegt, dass bei uns von Anfang an sehr disziplinspezifisch studiert wird und von Anfang an Wert gelegt wird auf eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten, während es in den USA anfangs mehr Studium Generale und allgemeine Unterstützung gibt. Außerdem sind die Undergraduates hier einfach jünger. Sie sind mit dem BA fertig wenn deutsche Studierende gerade erst anfangen. Als Forschungsuniversitäten legen die Big Ten großen Wert auf die Ausbildung der Graduate Students, wobei zwischen Master und Promotion weniger Unterschied ist als bei uns. Wie auch immer – die Situation der Graduate Students in den Schreibzentren sollte besprochen und eine Stellungnahme entwickelt werden. Dabei geht es zum einen darum, dass die Arbeit von Schreibzentren oft mit „Hilfe für Schreibanfänger“ assoziiert wird – was insbesondere an den Forschungsuniversitäten nicht stimmt, wo viele Graduate Students die Schreibzentren nutzen. Zum anderen arbeiten viele Graduate Students in Schreibzentren als SchreibtutorInnen und häufig auch in Leitungspositionen, z.B. als „Teaching Assistant Associate Director“. Insbesondere diese Leitungspositionen ermöglichen wertvolle zusätzliche Berufserfahrungen während des Studiums und der Promotion und sollten daher gefördert werden. Darüber hinaus gibt es in Schreibzentren auch Forschung über Graduate Writers – und gemeinsam mit Graduate Writers, wie zum Beispiel in einem speziellen Research Cluster zu Graduate Writing Groups an der Michigan State University. Im Meeting wurde beschlossen, die Arbeit an der Stellungnahme bei der nächsten Konferenz der International Writing Centers Association für weitere Leute zu öffnen und sie dann online fortzuführen, um sie später zu publizieren.

Abschließend betonte eine der Teilnehmerinnen noch einmal, wie wichtig ihr der Austausch in dieser Gruppe ist, denn es sei eine eine sehr spezielle Situation: Sie alle leiten sehr große Schreibzentren an sehr großen Universitäten, die sehr auf Forschung ausgerichtet sind.

Dieses Statement hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es wichtig ist, innerhalb der Vernetzung die wir in Deutschland voran treiben, auch Raum für die Bedürfnisse bestimmter Gruppen zu schaffen. So zum Beispiel für diejenigen, die freiberuflich schreibdidaktisch an und mit Universitäten arbeiten, oder für diejenigen, die insbesondere mit NaturwissenschaftlerInnen arbeiten. Im Hinblick auf die Zukunft unseres Schreibzentrums an der Viadrina finde ich es eine gute Idee, wenn wir uns mit denjenigen austauschen, die wie wir, in den nächsten Jahren über den Qualitätspakt Lehre in ihrer schreibdidaktischen Arbeit gefördert werden. Den Stellenausschreibungen der letzten Monate zufolge dürfte da eine recht große Special Interest Group zusammenkommen!

 

Werbeanzeigen

Writing Center Leadership Series

Was mich am hiesigen Schreibzentrum besonders beeindruckt, ist, wie sehr Brad nicht nur an sein eigenes Schreibzentrum denkt, sondern weit darüber hinaus auch an die Sicherung der Qualität anderer Schreibzentren. So war er der Mitbegründer der jährlichen Writing Center Summer Institutes, die es Schreibzentrumsleitenden ermöglichen, sich eine Woche lang intensiv weiterzubilden und auszutauschen (bei dem Writing Centers Summer Institut 2009 hatte ich ihn kennen gelernt). Weiterbildung und Austausch bietet auch das schon mehrfach erwähnte Madison Area Writing Center Colloquium. Und innerhalb seines Teams sorgt er gut dafür, dass diejenigen, die nach dem Abschluss in Schreibzentren Leitungspositionen übernehmen möchten, sich gut darauf vorbereiten können. Mit großem Erfolg: Allein 2011 wurden sieben Alumnis des hiesigen Schreibzentrums in Leitungspositionen an anderen Unis eingestellt. Im Schreibzentrum hängt eine Karte, die aufzeigt, wo überall Ehemalige in Schreibzentren arbeiten – ich werde darauf bestehen, dass die Karte um Deutschland erweitert wird!

Schreibzentrums Alumni Karte

In diesem Semester gibt es die „Writing Center Leadership Series“, bei der interessierte Peer Tutoren ihr Wissen über Schreibzentrumsleitung und Leitung von Writing-Across-the-Curriculum-Programmen erweitern können. In vier anderthalbstündigen Sitzungen vermittelt Brad Basiswissen über die Aufgaben von Schreibzentrumsleitenden, über die Rekrutierung und Ausbildung von Peer Tutoren und Mitarbeitenden, über Finanzierung und Fundraising und über mögliche Argumentationswege für die Begründung von Schreibzentren. Zwischen den Sitzungen werden Grundlagentexte gelesen und kleinere Schreibaufgaben bewältigt. Dieses Mal zum Beispiel sollten wir eine Art Mission Statement für unser Wunsch-Schreibzentrum schreiben. Da ich mich noch gut daran erinnere, wie wir im Team in Frankfurt (Oder) vor anderthalb Jahren einen ganzen Sommer damit zugebracht haben, unser Mission Statement zu entwickeln, war mir klar wie schwierig diese Aufgabe ist und ich war froh, dass ich auf diese schon geleistete Arbeit zurückgreifen und sie ins Englische übersetzen konnte. Allerdings habe ich dabei auch gemerkt, dass sich meine Perspektive durch den Aufenthalt hier verändert und ich inzwischen einiges wieder anders formulieren würde. Jedenfalls war es sehr spannend, die Texte der anderen zu lesen und zu diskutieren. Alleine über die Namen der Zentren oder die Bezeichnungen für die Peer Tutoren (Consultants, Assistants, Collaborators…) ließe sich ewig reden. Brad meinte allerdings, es könnte auch zu viel werden, denn letztendlich würden die Studierenden auch jenseits des Namens schnell merken, um was es im Schreibzentrum geht und was wir anbieten.

Mission Statements für Schreibzentren

Die Lektüre war auch wieder sehr interessant für mich. So bin ich zwar schon öfter darauf gestoßen, dass über den Ansatz der nicht-direktiven Beratung kontrovers diskutiert wird, aber ich hatte mich bisher noch nicht systematisch mit dem Thema befasst. Peter Carino zeigt in seinem Artikel „Power and Authority in Peer Tutoring“ auf, dass es schon verschiedene Debatten dazu gab, ob Nicht-Direktivität Peer Tutoren nicht vor ein Dilemma stellt und unlösbare Konflikte heraufbeschwört. Denn es gibt durchaus Ratsuchende, die verärgert sind, wenn Tutoren sich weigern, Bemerkungen in ihre Texte zu schreiben oder auf Fragen mit Gegenfragen antworten. Auch stimmt es nicht immer, dass Peers in der Beratung gleichgestellt sind, oft haben die Tutoren mehr Wissen. Wir haben diese Themen in Frankfurt (Oder) schon oft diskutiert, daher ist es schön für mich, nun zu wissen, wo ich die passenden Texte dazu finde.

Gut gefallen hat mir auch ein Artikel von Tom Truesdell über die Anwesenheit der Leitungspersonen im Schreibzentrum. Er hat untersucht, wie es sich auswirkt, wenn Leitende ein eigenes Büro und viele Verpflichtungen innerhalb der Universität haben und deshalb nicht mehr viel im Schreibzentrum anwesend sind. Dabei kam heraus, wie wichtig die Tutoren es finden, dass sie die Leitenden regelmäßig sehen. Unser aus der Not geborenes Ein-Raum-Wunder in FfO, bei dem das Schreibzentrum zugleich unser Büro ist, bietet in dieser Hinsicht einen großen Vorteil!

Angesichts der momentan in Deutschland so erstaunlich zahlreich entstehenden Schreibzentren ist es vielleicht eine gute Idee, darüber nachzudenken, wie auch wir unseren Peer Tutoren eine berufliche Perspektive im Bereich der Schreibzentrumsarbeit aufzeigen können. Und eine Alumni-Karte können wir ebenfalls aufhängen: Gruß nach Hannover zu Nora!

Erwähnte Texte:

Carino, P. (2003) ‚Power and Authority in Peer Tutoring‚ in The center will hold – critical perspectives on writing center scholarship Logan, Utah: Utah State Univ. Press, 96-115

Truesdell, Tom (2004) ‚Don’t forget us: the impact of director presence on tutors‚ The Writing Lab Newsletter  29 (3), 1-5

%d Bloggern gefällt das: