Peer Tutoring und Collaborative Learning – wie ideal sind unsere Ideale? Gedanken zu Texten von Kenneth Bruffee und Nancy Grimm

Neu sind beide Bücher nicht, mit denen ich mich gerade befasse: Kenneth Bruffees „Collaborative Learning: Higher Education, Interdependence and the Authority of Knowledge“ erschien 1993, basiert aber auf Erfahrungen, Vorträgen und Artikeln seit den frühen 1970er Jahren. Nancy Grimms „Good intentions. Writing Center Work for Postmodern Times” erschien 1999 und übte scharfe Kritik an Bruffees Texten, welche als Klassiker der Schreibzentrumstheorie bezeichnet werden können.

Kenneth Bruffee, Quelle: brooklynpaper.com

Kenneth Bruffee, Quelle: brooklynpaper.com

Kenneth Bruffee

Kenneth Bruffee war der erste, der in Schreibzentren Peer TutorInnen für die Schreibberatung ausbildete und einsetzte. Darüber berichtet er in seinem Artikel „The Brooklyn Plan“ von 1978, nachdem er schon in „Collaborative Learning: Some Practical Models“ von 1973 gezeigt hatte, wie gut und wichtig Peer Learning in der Hochschule ist. Peer Learning (Lernen in Peer Groups im Rahmen der regulären der Hochschullehre) und Peer Tutoring (Einzelgespräche zwischen ausgebildeten Studierenden und Peers, meist im Rahmen des Schreibzentrums) fasst Bruffee zusammen als „Collaborative Learning“. Collaborative Learning beruht auf der sozialkonstruktivistischen Idee, dass Wissen sozial konstruiert wird. Es entsteht in “communities of knowledgable peers“ (Bruffee 1984, S. 644). Bruffees Hauptargument für collaborative Learning ist, dass Studierende, wenn sie an die Hochschule kommen, Teil von neuen Communities werden müssen. Sie müssen in Scientific Communities hereinwachsen und müssen dazu auch deren Ausdrucksweisen und Handlungsweisen erlernen. Dieses Erlernen funktioniert nach Bruffee am besten in peer groups, da auch die peers untereinander Communities bilden. Das erleichtert es ihnen, sich gegenseitig bei dem Übergang in andere Communities zu unterstützen. Gestützt wird diese These zum Beispiel durch Beobachtungen Bruffees am Brookly College, bei denen sich gezeigt hat, dass die Studierenden die studentische Schreibberatung nicht nur sehr viel besser annehmen, sondern dort auch viel besser als im normalen Unterricht lernen, ihren eigenen Gedanken zu trauen und diese zu formulieren (vgl. Bruffee 1978).

Nancy Grimm, Quelle: mtu.edu

Nancy Grimm, Quelle: mtu.edu

Nancy Grimm

Nancy Grimm nennt Bruffees Ideen „good intentions“, also gute Absichten, die nicht unbedingt für alle Beteiligten wirklich gut sind. Sie meint, die Idee, Studierenden in die Communities hinein zu helfen, sei im Grunde der Versuch, Studierenden dabei zu helfen, so zu werden wie wir – die Lehrenden – es sind. Wenn wir in Bruffees Sinn von collaborative learning sprechen, so Grimm, verschleiern wir damit Hierarchien und Wertesysteme. Denn wir gehen davon aus, dass wir am besten wissen, was die Studierenden brauchen und helfen ihnen in die von uns ausgewählten und repräsentierten Communities hinein. In der Tat finden sich bei Bruffee Sätze wie dieser: „What college and university teachers do […] is choose the communities that they want their students to join.“ (Bruffee 1999, S. 191).

Natürlich lässt sich einwenden, dass Lehrende dafür da sind, Studierende zu leiten und dass Studierende an die Universität kommen weil sie genau das wollen – Teil der Scientific Communities zu werden. Was Grimm daran kritisiert ist der hinter dieser Vorstellung stehende Mythos von Gleichheit und Fairness. Es werde so getan als ob jede und jeder durch Bildung und Anpassung Teil jeder Community werden könne. Und eine solche Vorstellung könne nur von Menschen kommen, die sowieso Teil der Community sind und es schon immer waren. In den USA sind das in Bezug auf die AkademikerInnen weiße, männliche Mittelschichtler. Angehörige dieser Communities haben es nicht nötig, darüber nachzudenken, dass ihre Werte und Erwartungen eine angelernte Kultur sind: „Whiteness and Anglo values are perceived as transparent, as normal, as universally desired, rather than as deriving from a culture“. „Even though educators increasingly encounter students who do not share their values and mental modes, they still expect students to somehow magically become more like them”. (Grimm 1999, S. 12).

In Wirklichkeit, so Grimm, sei es aber keineswegs so, dass sich durch Bildung und sprachliche Anpassung alle Türen automatisch öffnen. Studierende, die nicht diesem Mainstream entsprechen, müssen sich in der Regel doppelt so sehr anstrengen:

„When I meet with groups of students from traditionally underrepresented groups on my campus, I tell them that the most dangerous assumption they can make, the one that may lead to academic failure, is that the institution is fair. […] I tell them directly that they will have to work harder and smarter than most students to be successful because our university was not designed with them in mind.” (Grimm 1999, S. 104)

Was Grimm ebenfalls kritisiert ist, dass Bruffee und andere nicht darauf eingehen, wie schwierig es sein kann, Teil sehr verschiedener communities zu sein. Der Versuch, den von den Lehrenden ausgesuchten Communities zu gleichen, kann  gleichzeitig bedeuten, sich von Communities entfernen zu müssen, die einen wesentlichen Teil der eigenen Identität ausmachen, wie Familie, Dialekte, Werte anderer Heimatkulturen. Wenn nur die eine, dominante Kultur als die richtige gewertschätzt wird, kann das letztendlich auch zu einer Verweigerungshaltung und damit zu Studienabbrüchen führen.

Quelle: displaysforschools.com

Quelle: displaysforschools.com

Beispiel

Zu der Gefahr einer Verweigerungshaltung ist mir ein Beispiel eingefallen. Ich erinnere mich daran, wie ich in den USA einmal an einem Workshop eines Schreibzentrums teilgenommen habe, in dem es um das Schreiben von Bewerbungen für Graduate Schools ging. Wir lernten dort, dass man ein „personal narrative“ schreiben muss, in dem man z.B. an biografischen Ereignissen zeigt, warum man sich für diese spezielle Studienrichtung begeistert. Ich war ungeheuer befremdet. Die Vorstellung, bei einer akademischen Bewerbung persönliche Anekdoten aus meiner Kindheit zum Besten zu geben fand ich grauenhaft. Ich habe gemerkt, wie ich dicht machte und bei mir dachte: Bloß gut, dass das bei uns anders ist. Hätte ich wirklich eine solche Bewerbung schreiben müssen, dann hätte ich das sicherlich als Verstellung und ein So-tun-als-ob erlebt.

Schlussfolgerungen für die Schreibzentrumsarbeit

Was bedeutet Grimms Kritik für die Schreibzentrumsarbeit? Zunächst ist festzuhalten, dass sie ihr Buch explizit als theoretische Auseinandersetzung begreift und keine Patentrezepte für eine bessere Schreibzentrumsarbeit hat. Sie regt aber an, in Frage zu stellen, inwiefern es wirklich gut ist, im Schreibzentrum von Peers zu sprechen, weil wir damit so tun, als seien alle Studierenden eine homogene Gruppe und deren unterschiedliche Kulturen und Identitäten negieren. Sie weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass Peer TutorInnen auch ihre eigenen Werte infrage stellen und nicht unhinterfragt davon ausgehen, die Studierenden in der Schreibsprechstunde dahin zu bringen, „es richtig zu machen“. Außerdem plädiert sie dafür, aktiv dazu beizutragen, möglichst diverse Schreibzentrumsteams zusammenzustellen, deren Peer TutorInnen alle möglichen an der Hochschule vertretenen Gruppen repräsentieren. Sie schlägt auch vor, unseren Begriff von Schreibzentrumsarbeit stark zu erweitern und uns nicht mehr nur auf Texte zu konzentrieren. Die Sprache, die Eintritt in die akademische Welt verschafft, umfasst mehr als Worte. Sie umfasst Habitus, Gesten, Umgangsformen und vor allem ein Bewusstsein dafür, dass das alles zusammengehört. Ihre Vision für Schreibzentren ist ein Wandel weg vom Service für Studierende hin zu gemeinsamer Aktion mit Studierenden für mehr soziale Gerechtigkeit.

Fazit

Die Beschäftigung mit beiden Büchern, sowohl Bruffees als auch Grimms, finde ich sehr anregend. Ich werde mich nicht von dem Begriff „Peer Tutoring“ verabschieden, denn im Gegensatz zu den USA sind Lernformen von Studierenden untereinander hierzulande noch längst nicht etabliert genug. Wir brauchen diesen Begriff, um die besonderen Potenziale dieser Lernform zu betonen und deutlich zu machen, dass Peer TutorInnen keine Hilfslehrer sind.

Auch vom Begriff des Collaborative Learning werde ich mich nicht verabschieden. Ich habe für diesen Begriff eine Definition von Ted Panitz (1996) gefunden, die mir gut gefällt und die ich künftig verwenden werde:

„Collaborative learning (CL) is a personal philosophy, not just a classroom technique. In all situations where people come together in groups, it suggests a way of dealing with people which respects and highlights individual group members’ abilities and contributions. There is a sharing of authoritiy and acceptance of responsibility among group members for the groups actions. The underlying premise of collaborative learning is based upon consensus building through cooperation by group members. CL practitioners apply this philosophy in the classroon, at committee meetings, with community groups, within their families and generally as a way of living with and dealing with other people.“

(Quelle: http://www.londonmet.ac.uk/deliberations/collaborative-learning/panitz-paper.cfm)

Genannte Literatur:

Bruffee, Kenneth A. (1973): Collaborative Learning: Some Practical Models, in: College English, 34 / 5, S. 634-643.

Bruffee, Kenneth A. (1978): The Brooklyn Plan, in: Attaining Intellectual Growth through Peer-Group TutoringLiberal Education, 64 / 4, S. 447-468.

Bruffee, Kenneth A. (1984): Peer Tutoring and the ‚conservation of mankind‘. College English, 46/7, 635-652.

Bruffee, Kenneth A. (1999): Collaborative learning.  higher education, interdependence, and the authority of knowledge. 2nd ed. Aufl., Baltimore, Md2nd ed.

Grimm, Nancy Maloney (1999): Good intentions.  Writing center work for postmodern times. Portsmouth, NH.

Multiliteracies Center: Vorbereitung auf eine globalisierte und digitalisierte Welt

Schild Multiliteracies CenterLetzte Woche war ich am Multilitercies Center der Michigan Tech University in Houghton, Nortern Michigan. Auf den Besuch dieses Schreibzentrums war ich gespannt, seit wir in unserem Team den Artikel „New Conceptual Frameworks for Writing Centers“ von Nancy Grimm gelesen und diskutiert haben (Quelle siehe unten). Darin führt Nancy Grimm drei Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert aus.

Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert

1. Schreibzentren im 21. Jahrhundert müssen im Kontext von globalen Varianten des Englischen arbeiten, d.h. sie müssen akzeptieren, dass es DAS Englische nicht mehr gibt. Schreibzentren müssen Studierende darauf vorbereiten, unterschiedliche Sprach- Varianten zu verstehen, weil sie das auch für ihre späteres Berufsleben brauchen.

2. Schreibzentren im 21. Jahrhundert verstehen unter „literacy“ nicht mehr nur Bildung im Sinne von klassischer Schriftsprache, sondern literacy umfasst z.B. auch visuelle und ikonische Kommunikation, das Verstehen der Unterschiede von Diskursen und das Beherrschen verschiedener Register („Multiliterarcies“). Multiliteracies bedeutet also zum Beispiel ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche sprachlichen Register in welchem Zusammenhang passend sind, und dazu gehört auch Körpersprache. Studierende können in Schreibzentren lernen, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, flexibel und undogmatisch zu sein und dies später in ihre Berufsfelder einbringen.

3. Schreibzentren verstehen Multiliteracies als Möglichkeit, soziale Veränderungen zu bewirken. Demnach seien einige Selbstverständnisse von Schreibzentren überholt, so z.B. der Anspruch, „better writers“ (Stephen North) zu erzielen. Ziel müsse es statt dessen sein, die Schwierigkeiten erkennen zu lernen, die sich aus der Bewegung zwischen verschiedenen Sprachen, Bildungssystemen und Kontexten ergeben können. Auch der Anspruch des „minimalistischen“, also nicht-direktiven Tutorings sei demnach nicht mehr richtig. Vielmehr müssten Tutoren direkte und konkrete Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die Schreibende in diesen komplexen Verhältnissen wählen können. Das Ziel ist es dann, die Besucher des Schreibzentrums zu befähigen, unterhalb der Oberfläche zu lesen und die Wertesysteme und Machtverhältnisse zu erkennen, die in verschiedenen Kontexten operieren.

Das ist natürlich eine sehr komprimierte Zusammenfassung des Artikels, dessen Lektüre ich sehr empfehle! Beim Lesen im Team waren uns damals, bei aller Faszination, doch einige Aspekte ziemlich abstrakt vorgekommen. Daher habe ich mich besonders gefreut, die Gelegenheit zu haben, Nancy Grimm kennenzulernen und ihr Multiliteracies Center zu sehen.

Michigan Technological University und ihr Multiliteracies Center

Die Michigan Technological University ist eine forschungsorientierte technische Uni mit gut 6000 Studierenden. Die meisten studieren technische Fächer wie Ingenieurswissenschaften. Seit einigen Jahren gibt es einen hohen Anteil internationaler Studierender (ca. 20 %). Das Multiliteracies Center gehört zur Fakultät für Arts and Humanities, ist aber für alle Studierenden da. Nancy arbeitet momentan zusammen mit zwei Graduate Assistant Directors, zwei Undergraduate Assistants und ca. 30 studentischen Coaches (so heißen die Peer Tutoren dort). Die Administratorin ist derzeit im Mutterschutz.

welcome reception multiliteracies center

Nancy Grimm bei der welcome reception

Einen Teil des Teams konnte ich gleich am ersten Abend kennen lernen, als Nancy uns zum Abendessen zu sich nach Hause einlud. Am nächsten Morgen wurde ich dann mit einer Welcome-Reception im Center begrüßt, zu der auch der Dean des Departments und verschiedene Kolleginnen anderer Abteilungen kamen. Insgesamt habe ich drei Tage lang bei Beratungen und Lerngruppen hospitiert, an Teamtreffen und Weiterbildungen teilgenommen und an einem Abend einen kleinen Vortrag über die Entwicklungen in Deutschland gehalten.

Der physische Raum des Multiliteracies Center

Ich habe mich sehr wohl gefühlt und dazu hat nicht nur das nette Team beigetrafen, sondern auch die Räume sind einfach einladend. Der Hauptraum ist ungefähr so groß wie unser Schreibzentrum in FfO und durch große Fenster zum Flur hin sehr offen. Im Raum verteilt stehen viele kleine Runde Tische mit bunten Stühlen für die Beratungen. Da die Tische und Stühle Rollen haben, lässt sich der Raum flexibel verändern. Es gibt außerdem eine Schreibtischecke für die Administratorin und eine am Eingang, die sich als Rezeption verwenden lässt, aber nicht immer besetzt ist. Mir ist gleich aufgefallen, dass eine Wimpelkette „Frieden“ in verschiedenen Schriften und Sprachen wünscht und eine Weltzeituhr anzeigt, wo es gerade hell ist auf der Erde. Vom Hauptraum gehen verschiedene kleine Räume ab: Ein Büro für die Graduate Assistants, drei kleine

Appointments im Multiliteracies Center

Gespräche im Multiliteracies Center

Gruppenarbeitsräume, ein Raum für die Coaches und ein Flur, der zu ein paar weiteren Büros und Besprechungsräumen führt. Alle angrenzenden Räume haben Fenster in den Türen und Wänden, so dass ein sehr transparenter und offener Eindruck entsteht.

Writing Coaches

Die Coaches kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, viele sind Natur- und IngenieurswissenschaftlerInnen. Mit Motivations- und Empfehlungsschreiben können sie sich für die Stellen bewerben. Wenn sie nach dem Bewerbungsgespräch eingestellt werden, absolvieren sie ein einmal pro Woche stattfindendes Seminar und nehmen mit dem gesamten Team an den wöchentlich stattfindenden Dienstagabend-Weiterbildungen teil. Außerdem hospitieren sie, suchen selbst Schreibberatungen auf und treffen sich einmal wöchentlich mit erfahrenen Coaches zum Erfahrungsaustausch. Nancy bietet außerdem wöchentliche Lektürerunden an, in denen sie mit interessierten Graduate Students Texte liest und diskutiert.

tutor's pieday

Writing Coaches feiern in ihrem Raum den "Pie Day", den Tag des griechischen Buchstaben pi, der für die Zahl 3,14... steht. In der amerikanischen Datumsschreibung entspricht das dem 14.3. und pie ist Kuchen, den hatte eine der Coaches für alle gebacken.

Die Coaches bieten Einzelberatungen an und moderieren Lerngruppen. Täglich von 11-15 Uhr gibt es offene Sprechstunde, die immer mit mehreren Coaches belegt ist. Darüber hinaus haben alle Coaches bestimmte Zeiten, in denen sie für verabredete Beratungen im Center sind. Angestrebt werden „weekly appointments“, d.h. eine regelmäßige wöchentliche Zusammenarbeit mit bestimmten Studierenden.

Study Teams (Lerngruppen)

Ein wichtiger Bestandteil des Centers sind die Lerngruppen. Vor ein paar Jahren wurde das Studium Generale der Michigan Tech neu strukturiert und Nancy hat darauf hingewirkt, dass die Studierenden mehr interkulturelles Wissen erlangen. Seit dem müssen alle Studierenden eine große Vorlesung zu „World Cultures“ besuchen oder alternativ eine Sprache lernen. Die Vorlesung führt in 2 Lesungen pro Woche in verschiedene Kulturen der Weltgeschichte und von Heute ein und wird ergänzt durch wöchentliche Film- und Musikvorführungen. Die Studierenden müssen verschiedene Texte und Examen schreiben. Wenn sie wollen, können sie sich zu Lerngruppen zusammenschließen, die sich 2x wöchentlich im Multiliteracies Center treffen und von Coaches moderiert werden. Es nutzen sehr viele Studierende diese Gelegenheit und die Statistiken zeigen, dass sie oft deutlich bessere Noten erzielen als Kommilitonen die keine Lerngruppen haben. Die Coaches helfen den Gruppen, das Studieren zu lernen. Sie diskutieren mit ihnen Inhalte der Vorlesung, aber es geht auch um das Mitschreiben, um Zeitplanung, Lernsysteme, Interpretation von Filmen und Musik und effektive Vor- und Nachbereitung. Thema ist auch das Zusammmenarbeiten in den Teams, die oft interkulturell gemischt sind.

Was ist es also, das dieses Zentrum zu einem Multi Literacies Center macht?

Zum einen ist es die Ausbildung der Coaches. Es ist Nancy sehr wichtig, die literacies, die Studierenden schon mitbringen, zu würdigen. Sei es die Muttersprache oder sei es die mathematische Sprache der Ingenieure. Das Center hilft dabei, weitere literacies auszubauen. Es geht nicht um Defizite. Die Coaches sollen den Studierenden dabei helfen, zu verstehen, wie unterschiedlich verschiedene Sprachen und Diskurse funktionieren.Multiliteracies Center

In den Gesprächen ging es oft nicht in erster Linie um mitgebrachte Texte, sondern um das Studierenden im Allgemeinen: Was verwendest du für Techniken zum Mitschreiben, wo und wie lernst du am besten, hast du verstanden, was von dir verlangt wird, wie motivierst du dich wenn Draußen so schön die Sonne scheint? Wenn internationale Studierende kamen, drehte sich das Gespräch erstmal um Fremdsprachen, Auslanderfahrungen und Zukunftspläne. Dabei hatte ich oft wirklich mehr den Eindruck eines Gesprächs als einer Beratungssituation. In einem der Gespräche erkundigte sich ein Austauschstudent aus Korea, wie er bestimmte Steuerformulare ausfüllen muss. Dann haben Coach und Student gemeinsam überlegt, wie sie das herausfinden können.

Auch die Werbung des Centers stellt nicht das Schreiben in den Mittelpunkt, sondern erwähnt es gleichberechtigt neben Denken, Design und Kommunikation, alles mit dem Ziel des akademischen Erfolgs. Schreiben wird also nicht isoliert von anderen akademischen Tätigkeiten.

Als etwas Besonderes habe ich auch die Lerngruppen erlebt. Sie erinnern von der Idee her an die Tutorien, die es bei uns zu großen Vorlesungen gibt. Aber die Lerngruppen sind mit 4-8 Studierenden viel kleiner und persönlicher und zielen so darauf, den Studierenden zu zeigen, wie sie mehr erreichen können, wenn sie gemeinsam arbeiten. Sie sind außerdem freiwillig, was sicherlich zu einer anderen Arbeitsatmosphäre beiträgt.

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Alles in allem hatte ich den Eindruck einer sehr erfolgreichen Verschmelzung von Schreibberatung, Sprachlernberatung, Lernberatung, interkulturellem Training, Studienberatung und Sozialberatung. Ich habe massenhaft Anregungen mitgenommen für das neue Zentrum für Schlüsselqualifikationen, das an der Viadrina entstehen soll und denke, dass alle Bereiche dieses Zentrums sehr eng zusammenarbeiten sollten!

Literatur

Grimm, N. M. (2009) ‚New Conceptual Frameworks for Writing Center Work‘ The Writing Center Journal 29 (2), 11-27

Peer Tutoring ist mehr als Schreibberatung – warum ehemalige Tutoren gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben

sign writing fellows ongoing education

Gestern konnte ich an einer sogenannten „Ongoing Education“-Session für Writing Fellows teilnehmen. Das sind Weiterbildungsworkshops oder andere Weiterbildungsmaßnahmen, die regelmäßig und zusätzlich zu Teamtreffen stattfinden, ähnlich wie bei uns in Frankfurt (Oder) auch. Gestern ging es aber nicht um die Schreibberatung, sondern darum, wie die Tutoren ihre Arbeitserfahrung für Bewerbungen nutzen können – sei es für Bewerbungen für Masterstudiengänge oder sei es für Jobs. Es haben etwa 15 Writing Fellows teilgenommen, die aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kamen. Zunächst initiierte Brad einen Austausch darüber, wer denn schon einmal seine Writing Fellow-Tätigkeit in Bewerbungen eingebracht und wie die Erfahrungen damit waren. Das führte zu einer Diskussion darüber, wie schwierig es sein kann, das zu tun, denn viele Leute wissen mit dem Begriff „Writing Fellows“ oder auch „Peer Tutor“ oder „Writing Tutor“ nichts anzufangen. Man müsste den Begriff also erklären, was wiederum schwierig ist, wenn das Bewerbungsschreiben kurz gehalten werden soll. Zu diesem Thema erzählte dann ein Doktorand von seinen Erfahrungen. Er hatte in einer Bewerbung von seinen Schreibzentrumserfahrungen berichtet und als Rückmeldung bekommen, es sei unklar, was  das eigentlich mit seiner Bewerbung zu tun habe. Daraufhin hatte er einen langen Brief geschrieben, in dem er erklärt hat, was er aus dieser Tätigkeit alles für Qualifikationen mitgenommen hat. Er hat zwar den Job nicht bekommen, aber dafür einen herzlichen Dank dafür, dass er der Kommission so gut erklärt hat, was in Schreibzentren eigentlich passiert und er wurde gefragt, ob sein Brief im Department verbreitet werden darf.

Als nächstes gab es zwei Schreibaufgaben: Die Writing Fellows sollten sich zunächst vorstellen, dass sie in einer Auswahlkommission sitzen (für welche Bewerbungen war frei wählbar) und mindestens fünf Eigenschaften notieren, nach denen sie als Kommissionsmitglieder Ausschau halten würden. Daran anschließend sollten sie nach Stärken suchen, die sie in ihrer Arbeit als Writing Fellows entwickelt haben und die für Arbeitgeber interessant sein könnten. Diese Schreibaufgaben wurden hinterher in Kleingruppen besprochen.

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Kleingruppenarbeit der Writing Fellows

Anschliessend sammelten wir die Ergebnisse an der Tafel. Ich fand die Ergebnisse sehr beeindruckend. Hier alles aufzuführen wäre zuviel, aber einiges möchte ich nennen:

Writing Fellows/ Peer Tutoren lernen durch ihre Arbeit als Schreibberatende

  •  reflektiertes und produktives Feedback zu geben
  • Stärken zu identifizieren und auszubauen
  • Verantwortung zu übernehmen
  • mit fremden Menschen eng zusammenzuarbeiten
  • Rollen zu verhandeln und zu definieren
  • sich zu organisieren und Gespräche zu strukturieren
  • kreativ zu sein (Improvisation in Gesprächssituationen, Fragen entwickeln, neue Wege für Erklärungen suchen, usw)
  • andere zu motivieren und sie dazu zu bringen, weiter zu arbeiten bzw. weiter zu gehen, als sie vielleicht bequemerweise wollten
  • komplexe Themen und Texte innerhalb kurzer Zeit zu erfassen und effektiv zu bearbeiten
  • Leserorientierte Texte zu schreiben und zu redigieren
  • Texte kritisch zu betrachten und anderen zu helfen, kritisch zu denken
  • Außerdem bekommen sie Einblicke in ganz verschiedene Diskursgemeinschaften und Schreibkonventionen.

Nachdem wir die Sammlung beendet hatten, überlegten wir gemeinsam, wie sich diese Qualifikationen am besten in Bewerbungen unterbringen lassen. Dabei wurde deutlich, dass es keine pauschalen Antworten geben kann, sondern es immer darauf ankommt, bei wem man sich für was bewirbt. Auf jeden Fall ist es aber gut, so konkret wie möglich zu werden. Statt also zu schreiben „Als Schreibtutorin habe ich gelernt, gut zu schreiben“ könnte man z.B. schreiben: „Das Lesen und Besprechen von  gut fünfzig Hausarbeiten jedes Semester hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich strukturiert und präzise auszudrücken – sowohl auf der Satzebene als auch im Gesamttext. Das hilft mir beim Schreiben und Redigieren meiner eigenen Texte“.

Als Handout gab es Beispiele von Bewerbungsschreiben früherer Fellows, von denen wir einige kurz durchsprachen. Zum Abschluss zitierte Brad Kenneth Bruffee, der schon 1978 darauf verwiesen hat, dass Peer Tutoren durch ihre Tätigkeit viel mehr lernen als Schreiben. Und er verwies auf das Peer Writing Tutor Alumni Research Project, das ebenfalls gezeigt hat, wie wertvoll die Erfahrungen von ehemaligen Peer Tutoren für ihre späteren Berufe sind.

Mir ist bei dieser Veranstaltung wieder einmal aufgefallen, dass wir noch viel lernen können darüber, wie wir unsere Arbeit nach Außen darstellen. Peer Tutoring hat ein so großes Lernpotential, dass man eigentlich allen Studierenden nur wünschen kann, die Chance zu bekommen, als SchreibberaterIn zu arbeiten!

Literatur zu Literacy: E-Books und Self-Publishing

Für das Seminar „Perspectives on Literacy“ habe ich diese Woche unter anderem einen Artikel über E-Books und Self-Publishing gelesen, den ich sehr interessant fand.

Laquintano, Tim (2010): Sustained Authorship: Digital Writing, Self-Publishing, and the Ebook, in: Written Communication, 4 / 2010, S. 469-493.

Laquintano hat eine Grounded Theory-Studie zu Autorschaft und Eigenverlagswesen im Internet durchgeführt. Im Mittelpunkt der Studie stehen professionelle Online-Pokerspieler, die E-Bücher geschrieben und vermarktet haben. Die Forschungsfage lautete: „What literate activity and processes are involved as ebook authors engage with reader/writers to produce and self-publish pedagogical texts? And how do they work to maintain possesive individualism over texts in digital environments of mass collaboration?“

Während der erste Datenerhebungsphase hat L. Texte in Foren und auf anderen Websites gesammelt und kodiert. Aus den im Netz erhobenen Daten  enstanden durch offenes Kodieren vier Hauptkategorien:

„(a) textual production

(b) generating publicity

(c) distribution and intellectual property

(d) peer review and communal sanction“ (p.474)

Diese vier Kategorien haben sich auch in der zweiten Datenerhebungsphase bewährt und erhalten, in der L. Einzelinterviews geführt hat. In einer dritten Phase hat er Folgeinterviews geführt.

In dem Artikel führt er die vier Kategorien jeweils am Beispiel eines ausgewählten Autors aus.

So zeigt er am Beispiel eines dänischen Autors, wie die Textproduktion mit Hilfe von Schülern des Autors stattfand. Diese gaben ihm Feedback – auch in sprachlicher Hinsicht – so dass die Buchentstehung und die Edierungsprozesse die früher in Verlagshand lagen ein kollektiver Prozess wurden. Dennoch wurde das Buch als Buch mit einem einzelnen Autor auf dem Titel veröffentlicht.[Anm.: kostet 400 €! Stand 16.11.11]

Die Kategorie Generating Publicity zeigt am Beispiel eines anderen Autors, wie dieser durch die Beteiligung an Foren und Communities auf sein Buch aufmerksam machte und es verbreitet hat. Sein Buch war kostenlos, aber die Verbreitung hat es ihm ermöglicht, sein Coaching teurer zu verkaufen.

Die Kategorie Distribution and Copyright Protection zeigt am Beispiel eines dritten Autors, welche Maßnahmen dieser ergriffen hat um zu verhindern, dass sein 750$ teures Buch kopiert wird und zirkuliert. So hat er zeitweise alle Kaufwilligen interviewt um herauszufinden, ob sie nicht evtl. vorhaben sein Buch zu kopieren und weiter zu verkaufen. Später hat er angefangen, bei jedem verkauften E-Book kleine Veränderungen in der Interpunktion zu machen, um nachvollziehen zu können, von welchem Käufer eine Kopie stammen sollte, falls eine auftaucht. Da seine Leser so viel Geld bezahlt hatten wollten auch sie das Buch schützen und meldeten dem Autor, sobald in irgendwelchen Foren Leute sich zusammentun wollten, um das Buch gemeinsam zu kaufen und zu kopieren.

Die Kategorie Peer Review and Communal Sanction wird schließlich am Beispiel eines Autors erläutert, der einige Monate vor Erscheinen des E-Buchs aus einer Online-Community ausgeschlossen wurde, weil er dort gegen die Netiquette verstoßen hatte. Das stellte ihn vor das Problem, sich in den Foren nicht zu seinem Buch äußern zu können. Als er unter neuem Namen wieder beitrat, hatte er die Glaubwürdigkeit als guter Pokerspieler und Kenner nicht mehr, die er sich über Jahre und tausende von Posts hin aufgebaut hatte. Damit hatten potentielle Lesende das Problem, nicht wissen zu können, ob das Buch wertvolle Informationen enthält oder nicht, da ein selbst produziertes und selbst vertriebenes Buch nicht den Qualitätskontrollen von Verlagen genügen muss. Das Buch wurde dann aber trotzdem populär, weil es in verschiedenen Foren gut besprochen und empfohlen wurde.

Der Artikel hat mir aus verschiedenen Gründen gut gefallen. Zum einen basiert er auf Grounded Theory als Forschungsstrategie, was mir aus meiner eigenen Arbeit vertraut ist und durch die Art, wie das methodische Vorgehen erklärt wird, die Forschungsarbeit glaubwürdig macht. Zum anderen eröffnet die Studie einen interessanten Blick auf E-Books und Selfpublishing, der tiefer geht als eine pauschale Diskreditierung von selbst publizierenden Autoren. Und darüber hinaus habe ich einen Einblick in das Feld Onlinepoker bekommen, das für mich eine absolut exotische Kultur ist. Die Autoren der besprochenen Bücher verkaufen ihre Bücher für mehrere hundert Euro – und finden Leser!

Literacy und die Rettung der Welt

Ich lese im Moment viele Texte die sich mit „Literacy“ auseinander setzen, also mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Literacy wird aber im weiteren Sinne auch mit „Bildung“ übersetzt. Ich besuche hier das Seminar „Critical Perspectives on Literacy“, aber auch so begegnet mit das Thema dauernd – oder ich bin sensibilisiert dafür.

Besprochen haben wir zum Beispiel Texte von Paolo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ Schreiben und Lesen als Instrumente sieht, um Menschen zu befreien aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Freire macht deutlich, dass das Schreiben und Lesen lernen an sich überhaupt keinen Nutzen für arme Menschen hat, wenn sich dadurch nichts an ihrer Situation ändert. Wenn es zum Beispiel keine Arbeitsplätze gibt, dann gibt es auch für diejenigen keine Arbeit, die Lesen gelernt haben – auch wenn ihnen das suggeriert wird. Schreiben und Lesen sind nur dann sinnvoll, wenn die Menschen diese Werkzeuge nutzen können, um ihre Welt zu verändern, um Einfluss zu nehmen.

Aus diesem Grund finden andere, zum Beispiel die New London Group, dass einfaches Lesen und Schreiben heute nicht mehr ausreicht, weil unsere Welt sich verändert hat. Wer heute Einfluss nehmen will muss sich auch mit elektronischen Medien auskennen und muss mit Mehrsprachigkeit umgehen können, denn wir leben globalisiert und digitalisiert.

Im Seminar kam die Frage auf, ob die Art und Weise, wie hier und jetzt Schreiben vermittelt wird, diesem Anspruch gerecht werden kann. Sind die akademischen Schreibkurse nicht doch sehr fremd bestimmt? Führen sie nicht eher zu Anpassung als zu kritischer Einflussnahme? Wie können Studierende erkennen, wie wichtig Schreiben für sie persönlich und die Gestaltung ihres Lebens sein kann? Ich kam mir plötzlich ungeheuer fortschrittlich vor mit dem Seminarkonzept von „Schreiben wir!“, wo die Studierenden ihre eigenen Schreibaufgaben kreieren und autonom handeln.

Aber dann habe ich angefangen, das Buch „Writing at the End of the World“ von Richard E. Miller zu lesen. Das ist eine ganz schöne Herausforderung!

Miller setzt sich in seinem Buch mit dem Glauben seiner Zunft auseinander, der Zunft der Literacy Teacher (Er ist Englisch Professor).  Dieser Glaube ist der, dass Literacy die Welt retten könnte: Wenn alle Menschen lesen würden, über Bücher diskutieren würden, selbst schreiben würden, dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Miller analysiert auf der Basis verschiedenster Beispiele, dass das nicht so ist. Er zeigt zum Beispiel, dass die beiden Schüler, die das Massaker an der Highschool of Columbine begangen haben, ans Schreiben glaubten (sie propagierten ihre Ideen auf einer Internetseite) und in der Creative Writing Klasse tieftraurige Gedichte schrieben.

Er bezieht sich auch auf „Into the Wild“, den Fall des Studenten der in die Wildnis von Alaska zog um seinen Traum von Jack London zu leben und dort verhungerte, weil er so sehr auf das Wissen aus Büchern vertraute und sich nicht klar machte, dass er Fiktion (von Jack London) mit der Realität verwechselte. Dies ist ein Fall der zeigt, dass Vertrauen in Bücher auch gefährlich sein kann.

Ausführlich befasst er sich auch mit dem Fall des „Unabombers“, einem Attentäter der über Jahrzehnte hinweg Intellektuelle und Businessleute mit Paketbomben attackierte. Am Ende wurde er gefasst, weil er darauf bestand, sein Manifest in der New York Times zu veröffentlichen – sein Bruder erkannte den Stil und gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Auch dieser Mörder hatte geglaubt, er könne die Menschheit mit der Kraft seiner Worte überzeugen und auf seine Seite bringen.

Ein weiteres Beispiel ist das in den USA viel diskutierte Buch „The Bell Curve“, in dem zwei Wissenschaftler angeblich beweisen, dass Schwarze durchschnittlich einen niedrigeren IQ haben als Weiße. Sie nehmen diese „Tatsache“, die sie offenbar durch viele Diagramme und Statistiken untermauern, als Anlass, um ein Ende staatlicher Einmischungen und Fürsorge zu fordern, wenn ich es richtig verstanden habe. Miller stellt Überlegungen an, inwiefern dieses Buch tatsächlich fatale Folgen für die Gesellschaft haben könnte, wie viele Menschen befürchtet haben. Er geht die Rezensionen bei Amazon durch und stellt fest, dass lediglich vier von 142 Rezensenten erkennen lassen, dass sie ihre Meinung auf Grund des Buches  geändert hätten. Alle anderen nutzen das Buch um ihre schon vorhandene Meinung zu bekräftigen. Und selbst diese vier lassen nicht erkennen, was nun die Konsequenzen dieser Meinungsänderung sind. Miller fragt sich, ob nicht auch in diesem Fall der Macht des Wortes zu viel zugetraut wird.

Als Gegenpol zur Macht des Wortes setzt Miller in einem Abschnitt auf das unspektakuläre Wirken einzelner Lehrer. Er lobt die Bücher „Lives on the Boundary“ und „Possible Lives“ von Mike Rose als ein Tauchen unter die Oberfläche. Rose stellte fest, dass es auch innerhalb des von vielen als undemokratisch wahrgenommenen amerikanischen Schulsystems, das Kinder aufgrund von Multiple Choice Test sortiert, durchaus Klassenräume gibt, in denen Kindern Demokratie und kritisches Denken lernen. Dies sei  aber nicht festzumachen an bestimmten Methoden oder bestimmten Lehrplänen, sondern an bestimmten Lehrern. Rose benennt folgende wichtige Faktoren: 1. Schüler haben das Gefühl von mentaler und physischer Sicherheit; 2. Sie erfahren vielschichtigen Respekt, z.B. für ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Herkunft, aber auch für ihre Intelligenz, indem sie herausfordernde Lernaufgaben bekommen; und 3. sind die Lehrer nicht Autoritäten aufgrund von Macht oder Alter, sondern aufgrund von ihrem Wissen, ihres Herstellens der sicheren Lernatmosphäre und ihres Respekts für die Schüler.

Miller betont, dass die Lehrer so arbeiten, obwohl sie in den Mühlen der Bürokratie stecken. Die Vorstellung, man könnte die Gesellschaft – charakterisiert durch stumpfsinnige Bürokratie – durch Worte ändern sei eine Illusion, so Miller. Vielmehr sei Veränderung, wenn überhaupt, ein Resultat der stillen und geduldigen Bemühungen einzelner anonymer Menschen innerhalb eines unperfekten Systems.

Mich fasziniert dieses Buch sehr, auch wenn ich erst ungefähr ein Drittel gelesen habe. Wahrscheinlich, weil ich mich so ertappt fühle in meinen Illusionen. Ich glaube schließlich fest daran, dass Literacy die Welt verändern kann. Was würde es bedeuten, wenn ich nicht daran glauben würde? Ich finde es sehr spannend, mir dieses Glaubens bewusst zu werden und ihn auch mal in Frage zu stellen!

Saturday Night Fever: Ich hab mit John Travolta getanzt, aber meine Evolution hinkt noch hinterher!

Wie findet ihr diese Überschrift? Im Blog-Workshop des Schreibzentrums ging es unter anderem darum, wie man mit Überschriften LeserInnen gewinnen kann. Es gibt bestimmt Menschen auf der Welt, die „John Travolta“ als E-Mail-Alert eingerichtet haben und jetzt auf unsere Seite kommen. Ob die sich für Schreibzentren interessieren, weiß ich nicht. Aber es ist auch nicht gelogen: Ich war am Samstag hiesigen „Freakfest“. Auf dem Beweisfoto bin ich allerdings gut getarnt:

Katrin Girgensohn und John Travolta

Was ich auch im Blog-Workshop gelernt habe, ist: „A lot of Blogging is thinking aloud“. Soll heißen, Bloggen muss nicht unbedingt kunstvoll oder großartig sein, man darf auch einfach schreiben, was einem so durch den Kopf geht. Jake Stockinger, der den Workshop mit geleitet hat, schreibt z.B. jeden Morgen einen Eintrag rund um das Thema Klassische Musik. Jeden Morgen! Das sind sozusagen öffentliche Morgenseiten. Und er hat sehr viele Leserinnen und Leser.

Ich habe gemerkt, dass ich noch nicht ganz im Web 2.0 angekommen bin. Das Bloggen macht mir Spaß und eigentlich bin ich fasziniert von der Möglichkeit, öffentlich laut zu denken. Ich finde es schön, die Gelegenheit zu haben, meine Gedanken ohne Umwege zu teilen, zum Beispiel ohne Druckkosten und Verleger. Andererseits verbringe ich unglaublich viel Lebenszeit damit, „auf leuchtende rechteckige Flächen zu starren“ – wie die hiesige Satirezeitschrift „The Onion“ neulich so schön bemerkt hat (http://www.theonion.com/articles/report-90-of-waking-hours-spent-staring-at-glowing,2747/). Ich habe keine Lust, das noch mehr auszuweiten und mich z.B. in „sozialen Netzwerken“ zu tummeln. Das würde nicht nur meine Augen überlasten, sondern auch mein Hirn. Wenn ich abends im Bett die Augen zumachen flackert es noch eine Weile weiter, falls ich vor dem Schlafen gehen am Computer saß. Meine Evolution ist noch nicht so weit wie die Technik. So waren alle begeistert von dem Twitter-Account zur Konferenz, wie ja in Limerick auch schon, aber warum sollte ich auch noch dauernd auf ein Taschen-Rechteck schauen, wenn ich irgendwo bin?

E-Learning ist aber trotzdem was Tolles. So läuft jetzt das Online-Modul unseres Zertifikats für Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management  und ich bin begeistert, ozeanübergreifend weiter bei der Gruppe sein zu können und über die Entwicklung der vielen tollen Projekte im Austausch sein zu können. Einigen ist die Plattform zu altmodisch und sie arbeiten lieber ganz öffentlich. Das finde ich gut, kann aber genauso gut verstehen, wenn das nicht alle möchten.

Nicht missen möchte ich auch solche Tools wie Dropbox, die es möglich machen, Dateien miteinander zu teilen. Nadja Sennewald und ich haben via Dropbox transatlantisch unser Manuskript fertig gestellt und es am Freitag beim Verlag eingereicht, so dass unser Buch „Einführung in die Schreibforschung und Schreibdidaktik“ im Frühjahr bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erscheinen wird – yeah!

Wer weiß, vielleicht wird meine Evolution ja doch schneller von Statten gehen als ich das jetzt denke. Vielleicht erfindet ja auch jemand mal runde Bildschirme für mich, oder solche, die nach Papier duften?

Wie auch immer: Happy Halloween!

Von schreibenden Kühen und Massenautorschaft: ein paar Konferenzeindrücke

Die Konferenz der Midwest Writing Centers Association war so vielfältig, dass es mir schwer fällt, auszuwählen, worüber ich berichte.

Am Donnerstag war ich bei einem Pre-Conference-Workshop über Writing Fellows Programme. Da ich über das hiesige Writing Fellows Programm bereits geschrieben habe, gehe ich hier nicht weiter darauf ein. Nur so viel: mir hat der Workshop gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Modelle gibt, wie Peer Tutoren mit Seminaren zusammen arbeiten können und wie wichtig es ist, diese Modelle immer an den jeweiligen Kontext anzupassen.

Sowohl Donnerstag als auch Freitag Abend hat das Schreibzentrum die Teilnehmenden, die neugierig waren, zum „Open House“ ins Schreibzentrum eingeladen, da die Konferenz selbst zwei Gebäude weiter in einem Konferenzhaus stattfand (mit Speisesaal mit wunderbarer Aussicht auf den See, den Brad bereits zwei Jahre im Voraus reserviert hatte – so weitblickend muss man erst mal sein!). Danielle, die das Open House organisiert hatte, stattete uns alle mit knallpinken Namensschildern aus, damit die Besuchenden uns erkennen konnten. Anfangs  gab es eine kurze Einführung, damit die Leute erfuhren, was das Schreibzentrum alles anbietet und dann verteilte sich das Team auf die verschiedenen Räume, wo sie mit den Besuchenden jeweils über ihre verschiedenen Programme ins Gespräch kamen (Zusammenarbeit mit Lehrenden, Multikulturelle Projekte, Schreibberatung in den Stadtbibliotheken, Onlineberatungen, Writing Fellows Programm, Workshopprogramm und noch einiges mehr). Ich war sehr stolz, mich als Teil des Teams fühlen zu dürfen, als ich im Schreibzentrum stand und erklärte, wie alles organisiert ist.

Open House

Danielle Warthen und das Open House Team am Donnerstag

Am Freitag hat mich besonders die Keynote von Deborah Brandt  beeindruckt. Ihr Thema ist „mass literacy“, also die Literalisierung oder Alphabethisierung der Massen. Sie dachte darüber nach, dass bei diesem Thema früher vor allem an Lesen gedacht wurde. Lesen sei gesetzlich geschützt in den USA durch das Gesetz der Pressefreiheit. Beim Schreiben habe man aber nie an eine Massentätigkeit gedacht, obwohl die meisten Menschen in der Schule Schreiben lernen. Schreiben sei schon immer vor allem der Arbeit gewidmet gewesen. Heute ist es aber so, dass die tägliche Arbeit von sehr vielen Menschen zu 50% oder mehr aus Schreiben besteht, wobei sie als Schreiben jegliche „Symbolarbeit“ bezeichnet. Schreiben ist zur alltäglichen Arbeit geworden. Ein lustiges Beispiel waren die „schreibenden Kühe“: Deborah war auf einer Forschungsfarm, wo die Arbeiter alle mit ihren Computern in den Ställen saßen, um ihre Forschungsdaten einzugeben. Und auch die Kühe selbst hatten Chips in den Ohren, die alle ihre Bewegungen aufzeichneten: sie schrieben also die ganze Zeit!
Weniger lustig waren Beispiele aus dem aktuellen Forschungsprojekt, in dem Deborah Menschen zu ihren Schreibprozessen am Arbeitsplatz befragt. Per Gesetz ist es in den USA wohl so, dass jedes Produkt, das am Arbeitsplatz entsteht, dem Arbeitgeber gehört. (Ich vermute, das ist in Deutschland auch so!) Dementsprechend gehören die vielen, vielen alltäglich entstehenden Texte nicht den Autoren. Hinzu kommt, dass die Schreibenden explizit nicht ihre eigene Meinung schreiben dürfen. Wenn sie für die Regierungen arbeiten, dürfen sie nicht einmal eine eigene Meinung haben. Werden sie dabei erwischt, dass sie sich öffentlich irgendwo äußern, auch jenseits des Arbeitsplatzes im Privatleben, kann sie das den Arbeitsplatz kosten. Deborah fragt sich, wie sich so ein alltägliches, massenhaftes Schreiben ohne Autorschaft auswirkt („it is torturous“, meinte sie, nach allem, was sie in den Interviews gehört hat.)
Und was bedeutet das eigentlich für die Schreibausbildung an den Hochschulen? Ist es überhaupt sinnvoll, wenn wir Schreiben als ein Instrument kritischen Denkens vermitteln? Sollten wir das jetzt erst Recht so sehen oder sollten wir lieber Techniken einüben, die ein solches Schreiben weniger qualvoll machen? Ich bin gespannt, mehr von diesem Forschungsprojekt zu lesen.

Katrin Girgensohn und Nancy Linh Karls

Hier ein Konferenzbild mit mir, zusammen mit Nancy Linh Karls vom Schreibzentrum der UW Madison

Ganz toll fand ich auch die Präsentationen von Undergraduate Students, bei denen ich war. Die Writing Fellows müssen hier alle ein kleines Forschungsprojekt im Rahmen ihrer Arbeit durchführen, und dabei entstehen wirklich interessante Ergebnisse. So untersuchte Alexis Brown, ob und wie Smalltalk Tutoring Sessions vorantreibt und Jenna Mertz interviewte drei Writing Fellows zu Textausschnitten in denen die „Voice“, also der individuelle Ton der Studierenden, deutlich hervortritt und es schwierig ist zu beurteilen, ob das für einen wissenschaftlichen Text noch angemessen ist.
Vom Coe College in Iowa berichteten gleich acht Tutoren gemeinsam von ihren Forschungsteams, die ebenfalls Bestandteil der Ausbildung sind. Diese Forschungsteams machen kleine Studien, für die sie die Datenbasis der Schreibberatungen nutzen. Ähnlich wie bei uns an der Viadrina werden statistische Daten und eine ausformulierte Beschreibung der Gespräche gespeichert. Die Tutoren sammeln für die Forschungsprojekte zunächst Ideen und untersuchen dann an Hand der Protokolle z.B. wie es sich auf die Beratung auswirkt, wenn Beraterin und Ratsuchende befreundet sind, wenn sie das gleiche Fach studieren, wenn sie unterschiedlichen Geschlechts sind usw. Am Ende des Semesters, wenn alle Projekte und Ergebnisse präsentiert wurden, überlegen alle zusammen, was man hätte anders machen können und was noch spannend gewesen wäre als Untersuchungsfrage. Und dann machen alle im kommenden Semester noch ein Forschungsprojekt mit der gleichen Datenbasis!

Charette Verlesung

Hier wird der kollektive Charette-Text vorgelesen

Ein schöner Abschluss war „Let’s Meet at the Charette“ von Michele Eodice. Hier ging es nicht um die massenhaft verschwindenden Autoren, sondern darum, als massenhaft auftretende Autorinnen gemeinsam einen Text zu verfassen. Unser Ziel war ein Statement zu Schreibzentren im 21. Jahrhundert: welche Pädagogik sollen sie vertreten? Welche Ethik brauchen wir? Was für Orte, Räume und Ausstattungen?
Michele erklärte sich großzügigerweise bereit, das Schreibzentrum des 21. Jahrhunderts zu finanzieren, so dass wir uns um das Geld keine Sorgen machen mussten und dieses Thema uns nicht lähmte.
Und so sah unser kollektiver Schreibprozess aus: an den einzelnen Tischen sammelten wir Ideen zu jeweils einem der Unterpunkte auf Flipchartblättern. Die wurden dann weiter gereicht an den nächsten Tisch, der diese Ideen redigierte und ergänzte und wieder weiter reichte. An einem extra Tisch saßen Leute, die Rollen übernommen hatten von Menschen, die ein Interesse am Schreibzentrum des 21. Jahrhunderts haben: Eine Tutorin, ein Leiter, eine Dekanin, eine Vertreterin der Bürger der Stadt in der das Schreibzentrum sich befindet, eine schreibende Studentin… Jedes Mal, wenn die Plakate an diesem Tisch landeten, war es Aufgabe der Leute, in ihren Rollen darüber nachzudenken, ob sie sich repräsentiert sehen. Außerdem sollten sie „und warum muss das rein?“ fragen, so lange, bis sie mit der Erklärung einverstanden sind.
Am Ende gab es fünf neue Gruppen, in denen jeweils ein Abschnitt eines Texts verfasst wurde, der quasi unser gemeinsames Mission Statement bildete.
Ich hätte es zwischendurch nicht für möglich gehalten, aber es hat tatsächlich funktioniert! Es entstand ein überzeugender kurzer Text, mit dem alle Anwesenden einverstanden waren. Michele wird den nun mit all unseren Namen veröffentlichen – vielleicht das Schriftstück mit den meisten Autoren, das je in den Geisteswissenschaften veröffentlicht wurde, wow!
Das Verfahren „Charette“ kommt übrigens aus der Architektur und wird angewandt, um  Bürgerinnen und Bürger an Planungsverfahren zu beteiligen. Vielleicht eine schöne Idee für die Open Space Tagung im kommenden März in Bochum, bei der es um die Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik gehen soll?

Ich könnte noch sehr viel mehr berichten, aber da jetzt gleich der Schreibzentrumsworkshop zum professionellen Bloggen beginnt, werde ich aufhören und mich weiterbilden.

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