Writers‘ Circus

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Jana, Juliane and Diana presenting the writers‘ circus at the peer writing tutor conference 2016 in Freiburg, Germany

 

The Writers‘ Circus is a writing event developed at the writing center at European University Viadrina in Germany. The writers‘ circus invites big groups to exchange ideas about writing in a playful and creative way. Participants come together in small groups and create circus performances, each group orientated at one circus character. Eventually, all groups come together and share their results by creating a common circus show.

The writers‘ circus is fun and a meaningful warm-up for conferences as well as for writing center team meetings.

We had fun with the writers‘ circus at several events:

Would you like to run a writers‘ circus? Download here:

English Version: writers-circus_cc_license

German version: schreibzirkus_deutsche_version_cc-license

Have fun!

Creative Commons License
Writers‘ Circus by Schreibzentrum Europa-Universität Viadrina is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License.

 

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Multiliteracies Center: Vorbereitung auf eine globalisierte und digitalisierte Welt

Schild Multiliteracies CenterLetzte Woche war ich am Multilitercies Center der Michigan Tech University in Houghton, Nortern Michigan. Auf den Besuch dieses Schreibzentrums war ich gespannt, seit wir in unserem Team den Artikel „New Conceptual Frameworks for Writing Centers“ von Nancy Grimm gelesen und diskutiert haben (Quelle siehe unten). Darin führt Nancy Grimm drei Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert aus.

Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert

1. Schreibzentren im 21. Jahrhundert müssen im Kontext von globalen Varianten des Englischen arbeiten, d.h. sie müssen akzeptieren, dass es DAS Englische nicht mehr gibt. Schreibzentren müssen Studierende darauf vorbereiten, unterschiedliche Sprach- Varianten zu verstehen, weil sie das auch für ihre späteres Berufsleben brauchen.

2. Schreibzentren im 21. Jahrhundert verstehen unter „literacy“ nicht mehr nur Bildung im Sinne von klassischer Schriftsprache, sondern literacy umfasst z.B. auch visuelle und ikonische Kommunikation, das Verstehen der Unterschiede von Diskursen und das Beherrschen verschiedener Register („Multiliterarcies“). Multiliteracies bedeutet also zum Beispiel ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche sprachlichen Register in welchem Zusammenhang passend sind, und dazu gehört auch Körpersprache. Studierende können in Schreibzentren lernen, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, flexibel und undogmatisch zu sein und dies später in ihre Berufsfelder einbringen.

3. Schreibzentren verstehen Multiliteracies als Möglichkeit, soziale Veränderungen zu bewirken. Demnach seien einige Selbstverständnisse von Schreibzentren überholt, so z.B. der Anspruch, „better writers“ (Stephen North) zu erzielen. Ziel müsse es statt dessen sein, die Schwierigkeiten erkennen zu lernen, die sich aus der Bewegung zwischen verschiedenen Sprachen, Bildungssystemen und Kontexten ergeben können. Auch der Anspruch des „minimalistischen“, also nicht-direktiven Tutorings sei demnach nicht mehr richtig. Vielmehr müssten Tutoren direkte und konkrete Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die Schreibende in diesen komplexen Verhältnissen wählen können. Das Ziel ist es dann, die Besucher des Schreibzentrums zu befähigen, unterhalb der Oberfläche zu lesen und die Wertesysteme und Machtverhältnisse zu erkennen, die in verschiedenen Kontexten operieren.

Das ist natürlich eine sehr komprimierte Zusammenfassung des Artikels, dessen Lektüre ich sehr empfehle! Beim Lesen im Team waren uns damals, bei aller Faszination, doch einige Aspekte ziemlich abstrakt vorgekommen. Daher habe ich mich besonders gefreut, die Gelegenheit zu haben, Nancy Grimm kennenzulernen und ihr Multiliteracies Center zu sehen.

Michigan Technological University und ihr Multiliteracies Center

Die Michigan Technological University ist eine forschungsorientierte technische Uni mit gut 6000 Studierenden. Die meisten studieren technische Fächer wie Ingenieurswissenschaften. Seit einigen Jahren gibt es einen hohen Anteil internationaler Studierender (ca. 20 %). Das Multiliteracies Center gehört zur Fakultät für Arts and Humanities, ist aber für alle Studierenden da. Nancy arbeitet momentan zusammen mit zwei Graduate Assistant Directors, zwei Undergraduate Assistants und ca. 30 studentischen Coaches (so heißen die Peer Tutoren dort). Die Administratorin ist derzeit im Mutterschutz.

welcome reception multiliteracies center

Nancy Grimm bei der welcome reception

Einen Teil des Teams konnte ich gleich am ersten Abend kennen lernen, als Nancy uns zum Abendessen zu sich nach Hause einlud. Am nächsten Morgen wurde ich dann mit einer Welcome-Reception im Center begrüßt, zu der auch der Dean des Departments und verschiedene Kolleginnen anderer Abteilungen kamen. Insgesamt habe ich drei Tage lang bei Beratungen und Lerngruppen hospitiert, an Teamtreffen und Weiterbildungen teilgenommen und an einem Abend einen kleinen Vortrag über die Entwicklungen in Deutschland gehalten.

Der physische Raum des Multiliteracies Center

Ich habe mich sehr wohl gefühlt und dazu hat nicht nur das nette Team beigetrafen, sondern auch die Räume sind einfach einladend. Der Hauptraum ist ungefähr so groß wie unser Schreibzentrum in FfO und durch große Fenster zum Flur hin sehr offen. Im Raum verteilt stehen viele kleine Runde Tische mit bunten Stühlen für die Beratungen. Da die Tische und Stühle Rollen haben, lässt sich der Raum flexibel verändern. Es gibt außerdem eine Schreibtischecke für die Administratorin und eine am Eingang, die sich als Rezeption verwenden lässt, aber nicht immer besetzt ist. Mir ist gleich aufgefallen, dass eine Wimpelkette „Frieden“ in verschiedenen Schriften und Sprachen wünscht und eine Weltzeituhr anzeigt, wo es gerade hell ist auf der Erde. Vom Hauptraum gehen verschiedene kleine Räume ab: Ein Büro für die Graduate Assistants, drei kleine

Appointments im Multiliteracies Center

Gespräche im Multiliteracies Center

Gruppenarbeitsräume, ein Raum für die Coaches und ein Flur, der zu ein paar weiteren Büros und Besprechungsräumen führt. Alle angrenzenden Räume haben Fenster in den Türen und Wänden, so dass ein sehr transparenter und offener Eindruck entsteht.

Writing Coaches

Die Coaches kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, viele sind Natur- und IngenieurswissenschaftlerInnen. Mit Motivations- und Empfehlungsschreiben können sie sich für die Stellen bewerben. Wenn sie nach dem Bewerbungsgespräch eingestellt werden, absolvieren sie ein einmal pro Woche stattfindendes Seminar und nehmen mit dem gesamten Team an den wöchentlich stattfindenden Dienstagabend-Weiterbildungen teil. Außerdem hospitieren sie, suchen selbst Schreibberatungen auf und treffen sich einmal wöchentlich mit erfahrenen Coaches zum Erfahrungsaustausch. Nancy bietet außerdem wöchentliche Lektürerunden an, in denen sie mit interessierten Graduate Students Texte liest und diskutiert.

tutor's pieday

Writing Coaches feiern in ihrem Raum den "Pie Day", den Tag des griechischen Buchstaben pi, der für die Zahl 3,14... steht. In der amerikanischen Datumsschreibung entspricht das dem 14.3. und pie ist Kuchen, den hatte eine der Coaches für alle gebacken.

Die Coaches bieten Einzelberatungen an und moderieren Lerngruppen. Täglich von 11-15 Uhr gibt es offene Sprechstunde, die immer mit mehreren Coaches belegt ist. Darüber hinaus haben alle Coaches bestimmte Zeiten, in denen sie für verabredete Beratungen im Center sind. Angestrebt werden „weekly appointments“, d.h. eine regelmäßige wöchentliche Zusammenarbeit mit bestimmten Studierenden.

Study Teams (Lerngruppen)

Ein wichtiger Bestandteil des Centers sind die Lerngruppen. Vor ein paar Jahren wurde das Studium Generale der Michigan Tech neu strukturiert und Nancy hat darauf hingewirkt, dass die Studierenden mehr interkulturelles Wissen erlangen. Seit dem müssen alle Studierenden eine große Vorlesung zu „World Cultures“ besuchen oder alternativ eine Sprache lernen. Die Vorlesung führt in 2 Lesungen pro Woche in verschiedene Kulturen der Weltgeschichte und von Heute ein und wird ergänzt durch wöchentliche Film- und Musikvorführungen. Die Studierenden müssen verschiedene Texte und Examen schreiben. Wenn sie wollen, können sie sich zu Lerngruppen zusammenschließen, die sich 2x wöchentlich im Multiliteracies Center treffen und von Coaches moderiert werden. Es nutzen sehr viele Studierende diese Gelegenheit und die Statistiken zeigen, dass sie oft deutlich bessere Noten erzielen als Kommilitonen die keine Lerngruppen haben. Die Coaches helfen den Gruppen, das Studieren zu lernen. Sie diskutieren mit ihnen Inhalte der Vorlesung, aber es geht auch um das Mitschreiben, um Zeitplanung, Lernsysteme, Interpretation von Filmen und Musik und effektive Vor- und Nachbereitung. Thema ist auch das Zusammmenarbeiten in den Teams, die oft interkulturell gemischt sind.

Was ist es also, das dieses Zentrum zu einem Multi Literacies Center macht?

Zum einen ist es die Ausbildung der Coaches. Es ist Nancy sehr wichtig, die literacies, die Studierenden schon mitbringen, zu würdigen. Sei es die Muttersprache oder sei es die mathematische Sprache der Ingenieure. Das Center hilft dabei, weitere literacies auszubauen. Es geht nicht um Defizite. Die Coaches sollen den Studierenden dabei helfen, zu verstehen, wie unterschiedlich verschiedene Sprachen und Diskurse funktionieren.Multiliteracies Center

In den Gesprächen ging es oft nicht in erster Linie um mitgebrachte Texte, sondern um das Studierenden im Allgemeinen: Was verwendest du für Techniken zum Mitschreiben, wo und wie lernst du am besten, hast du verstanden, was von dir verlangt wird, wie motivierst du dich wenn Draußen so schön die Sonne scheint? Wenn internationale Studierende kamen, drehte sich das Gespräch erstmal um Fremdsprachen, Auslanderfahrungen und Zukunftspläne. Dabei hatte ich oft wirklich mehr den Eindruck eines Gesprächs als einer Beratungssituation. In einem der Gespräche erkundigte sich ein Austauschstudent aus Korea, wie er bestimmte Steuerformulare ausfüllen muss. Dann haben Coach und Student gemeinsam überlegt, wie sie das herausfinden können.

Auch die Werbung des Centers stellt nicht das Schreiben in den Mittelpunkt, sondern erwähnt es gleichberechtigt neben Denken, Design und Kommunikation, alles mit dem Ziel des akademischen Erfolgs. Schreiben wird also nicht isoliert von anderen akademischen Tätigkeiten.

Als etwas Besonderes habe ich auch die Lerngruppen erlebt. Sie erinnern von der Idee her an die Tutorien, die es bei uns zu großen Vorlesungen gibt. Aber die Lerngruppen sind mit 4-8 Studierenden viel kleiner und persönlicher und zielen so darauf, den Studierenden zu zeigen, wie sie mehr erreichen können, wenn sie gemeinsam arbeiten. Sie sind außerdem freiwillig, was sicherlich zu einer anderen Arbeitsatmosphäre beiträgt.

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Alles in allem hatte ich den Eindruck einer sehr erfolgreichen Verschmelzung von Schreibberatung, Sprachlernberatung, Lernberatung, interkulturellem Training, Studienberatung und Sozialberatung. Ich habe massenhaft Anregungen mitgenommen für das neue Zentrum für Schlüsselqualifikationen, das an der Viadrina entstehen soll und denke, dass alle Bereiche dieses Zentrums sehr eng zusammenarbeiten sollten!

Literatur

Grimm, N. M. (2009) ‚New Conceptual Frameworks for Writing Center Work‘ The Writing Center Journal 29 (2), 11-27

Literatur zu Literacy: E-Books und Self-Publishing

Für das Seminar „Perspectives on Literacy“ habe ich diese Woche unter anderem einen Artikel über E-Books und Self-Publishing gelesen, den ich sehr interessant fand.

Laquintano, Tim (2010): Sustained Authorship: Digital Writing, Self-Publishing, and the Ebook, in: Written Communication, 4 / 2010, S. 469-493.

Laquintano hat eine Grounded Theory-Studie zu Autorschaft und Eigenverlagswesen im Internet durchgeführt. Im Mittelpunkt der Studie stehen professionelle Online-Pokerspieler, die E-Bücher geschrieben und vermarktet haben. Die Forschungsfage lautete: „What literate activity and processes are involved as ebook authors engage with reader/writers to produce and self-publish pedagogical texts? And how do they work to maintain possesive individualism over texts in digital environments of mass collaboration?“

Während der erste Datenerhebungsphase hat L. Texte in Foren und auf anderen Websites gesammelt und kodiert. Aus den im Netz erhobenen Daten  enstanden durch offenes Kodieren vier Hauptkategorien:

„(a) textual production

(b) generating publicity

(c) distribution and intellectual property

(d) peer review and communal sanction“ (p.474)

Diese vier Kategorien haben sich auch in der zweiten Datenerhebungsphase bewährt und erhalten, in der L. Einzelinterviews geführt hat. In einer dritten Phase hat er Folgeinterviews geführt.

In dem Artikel führt er die vier Kategorien jeweils am Beispiel eines ausgewählten Autors aus.

So zeigt er am Beispiel eines dänischen Autors, wie die Textproduktion mit Hilfe von Schülern des Autors stattfand. Diese gaben ihm Feedback – auch in sprachlicher Hinsicht – so dass die Buchentstehung und die Edierungsprozesse die früher in Verlagshand lagen ein kollektiver Prozess wurden. Dennoch wurde das Buch als Buch mit einem einzelnen Autor auf dem Titel veröffentlicht.[Anm.: kostet 400 €! Stand 16.11.11]

Die Kategorie Generating Publicity zeigt am Beispiel eines anderen Autors, wie dieser durch die Beteiligung an Foren und Communities auf sein Buch aufmerksam machte und es verbreitet hat. Sein Buch war kostenlos, aber die Verbreitung hat es ihm ermöglicht, sein Coaching teurer zu verkaufen.

Die Kategorie Distribution and Copyright Protection zeigt am Beispiel eines dritten Autors, welche Maßnahmen dieser ergriffen hat um zu verhindern, dass sein 750$ teures Buch kopiert wird und zirkuliert. So hat er zeitweise alle Kaufwilligen interviewt um herauszufinden, ob sie nicht evtl. vorhaben sein Buch zu kopieren und weiter zu verkaufen. Später hat er angefangen, bei jedem verkauften E-Book kleine Veränderungen in der Interpunktion zu machen, um nachvollziehen zu können, von welchem Käufer eine Kopie stammen sollte, falls eine auftaucht. Da seine Leser so viel Geld bezahlt hatten wollten auch sie das Buch schützen und meldeten dem Autor, sobald in irgendwelchen Foren Leute sich zusammentun wollten, um das Buch gemeinsam zu kaufen und zu kopieren.

Die Kategorie Peer Review and Communal Sanction wird schließlich am Beispiel eines Autors erläutert, der einige Monate vor Erscheinen des E-Buchs aus einer Online-Community ausgeschlossen wurde, weil er dort gegen die Netiquette verstoßen hatte. Das stellte ihn vor das Problem, sich in den Foren nicht zu seinem Buch äußern zu können. Als er unter neuem Namen wieder beitrat, hatte er die Glaubwürdigkeit als guter Pokerspieler und Kenner nicht mehr, die er sich über Jahre und tausende von Posts hin aufgebaut hatte. Damit hatten potentielle Lesende das Problem, nicht wissen zu können, ob das Buch wertvolle Informationen enthält oder nicht, da ein selbst produziertes und selbst vertriebenes Buch nicht den Qualitätskontrollen von Verlagen genügen muss. Das Buch wurde dann aber trotzdem populär, weil es in verschiedenen Foren gut besprochen und empfohlen wurde.

Der Artikel hat mir aus verschiedenen Gründen gut gefallen. Zum einen basiert er auf Grounded Theory als Forschungsstrategie, was mir aus meiner eigenen Arbeit vertraut ist und durch die Art, wie das methodische Vorgehen erklärt wird, die Forschungsarbeit glaubwürdig macht. Zum anderen eröffnet die Studie einen interessanten Blick auf E-Books und Selfpublishing, der tiefer geht als eine pauschale Diskreditierung von selbst publizierenden Autoren. Und darüber hinaus habe ich einen Einblick in das Feld Onlinepoker bekommen, das für mich eine absolut exotische Kultur ist. Die Autoren der besprochenen Bücher verkaufen ihre Bücher für mehrere hundert Euro – und finden Leser!

Literacy und die Rettung der Welt

Ich lese im Moment viele Texte die sich mit „Literacy“ auseinander setzen, also mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Literacy wird aber im weiteren Sinne auch mit „Bildung“ übersetzt. Ich besuche hier das Seminar „Critical Perspectives on Literacy“, aber auch so begegnet mit das Thema dauernd – oder ich bin sensibilisiert dafür.

Besprochen haben wir zum Beispiel Texte von Paolo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ Schreiben und Lesen als Instrumente sieht, um Menschen zu befreien aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Freire macht deutlich, dass das Schreiben und Lesen lernen an sich überhaupt keinen Nutzen für arme Menschen hat, wenn sich dadurch nichts an ihrer Situation ändert. Wenn es zum Beispiel keine Arbeitsplätze gibt, dann gibt es auch für diejenigen keine Arbeit, die Lesen gelernt haben – auch wenn ihnen das suggeriert wird. Schreiben und Lesen sind nur dann sinnvoll, wenn die Menschen diese Werkzeuge nutzen können, um ihre Welt zu verändern, um Einfluss zu nehmen.

Aus diesem Grund finden andere, zum Beispiel die New London Group, dass einfaches Lesen und Schreiben heute nicht mehr ausreicht, weil unsere Welt sich verändert hat. Wer heute Einfluss nehmen will muss sich auch mit elektronischen Medien auskennen und muss mit Mehrsprachigkeit umgehen können, denn wir leben globalisiert und digitalisiert.

Im Seminar kam die Frage auf, ob die Art und Weise, wie hier und jetzt Schreiben vermittelt wird, diesem Anspruch gerecht werden kann. Sind die akademischen Schreibkurse nicht doch sehr fremd bestimmt? Führen sie nicht eher zu Anpassung als zu kritischer Einflussnahme? Wie können Studierende erkennen, wie wichtig Schreiben für sie persönlich und die Gestaltung ihres Lebens sein kann? Ich kam mir plötzlich ungeheuer fortschrittlich vor mit dem Seminarkonzept von „Schreiben wir!“, wo die Studierenden ihre eigenen Schreibaufgaben kreieren und autonom handeln.

Aber dann habe ich angefangen, das Buch „Writing at the End of the World“ von Richard E. Miller zu lesen. Das ist eine ganz schöne Herausforderung!

Miller setzt sich in seinem Buch mit dem Glauben seiner Zunft auseinander, der Zunft der Literacy Teacher (Er ist Englisch Professor).  Dieser Glaube ist der, dass Literacy die Welt retten könnte: Wenn alle Menschen lesen würden, über Bücher diskutieren würden, selbst schreiben würden, dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Miller analysiert auf der Basis verschiedenster Beispiele, dass das nicht so ist. Er zeigt zum Beispiel, dass die beiden Schüler, die das Massaker an der Highschool of Columbine begangen haben, ans Schreiben glaubten (sie propagierten ihre Ideen auf einer Internetseite) und in der Creative Writing Klasse tieftraurige Gedichte schrieben.

Er bezieht sich auch auf „Into the Wild“, den Fall des Studenten der in die Wildnis von Alaska zog um seinen Traum von Jack London zu leben und dort verhungerte, weil er so sehr auf das Wissen aus Büchern vertraute und sich nicht klar machte, dass er Fiktion (von Jack London) mit der Realität verwechselte. Dies ist ein Fall der zeigt, dass Vertrauen in Bücher auch gefährlich sein kann.

Ausführlich befasst er sich auch mit dem Fall des „Unabombers“, einem Attentäter der über Jahrzehnte hinweg Intellektuelle und Businessleute mit Paketbomben attackierte. Am Ende wurde er gefasst, weil er darauf bestand, sein Manifest in der New York Times zu veröffentlichen – sein Bruder erkannte den Stil und gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Auch dieser Mörder hatte geglaubt, er könne die Menschheit mit der Kraft seiner Worte überzeugen und auf seine Seite bringen.

Ein weiteres Beispiel ist das in den USA viel diskutierte Buch „The Bell Curve“, in dem zwei Wissenschaftler angeblich beweisen, dass Schwarze durchschnittlich einen niedrigeren IQ haben als Weiße. Sie nehmen diese „Tatsache“, die sie offenbar durch viele Diagramme und Statistiken untermauern, als Anlass, um ein Ende staatlicher Einmischungen und Fürsorge zu fordern, wenn ich es richtig verstanden habe. Miller stellt Überlegungen an, inwiefern dieses Buch tatsächlich fatale Folgen für die Gesellschaft haben könnte, wie viele Menschen befürchtet haben. Er geht die Rezensionen bei Amazon durch und stellt fest, dass lediglich vier von 142 Rezensenten erkennen lassen, dass sie ihre Meinung auf Grund des Buches  geändert hätten. Alle anderen nutzen das Buch um ihre schon vorhandene Meinung zu bekräftigen. Und selbst diese vier lassen nicht erkennen, was nun die Konsequenzen dieser Meinungsänderung sind. Miller fragt sich, ob nicht auch in diesem Fall der Macht des Wortes zu viel zugetraut wird.

Als Gegenpol zur Macht des Wortes setzt Miller in einem Abschnitt auf das unspektakuläre Wirken einzelner Lehrer. Er lobt die Bücher „Lives on the Boundary“ und „Possible Lives“ von Mike Rose als ein Tauchen unter die Oberfläche. Rose stellte fest, dass es auch innerhalb des von vielen als undemokratisch wahrgenommenen amerikanischen Schulsystems, das Kinder aufgrund von Multiple Choice Test sortiert, durchaus Klassenräume gibt, in denen Kindern Demokratie und kritisches Denken lernen. Dies sei  aber nicht festzumachen an bestimmten Methoden oder bestimmten Lehrplänen, sondern an bestimmten Lehrern. Rose benennt folgende wichtige Faktoren: 1. Schüler haben das Gefühl von mentaler und physischer Sicherheit; 2. Sie erfahren vielschichtigen Respekt, z.B. für ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Herkunft, aber auch für ihre Intelligenz, indem sie herausfordernde Lernaufgaben bekommen; und 3. sind die Lehrer nicht Autoritäten aufgrund von Macht oder Alter, sondern aufgrund von ihrem Wissen, ihres Herstellens der sicheren Lernatmosphäre und ihres Respekts für die Schüler.

Miller betont, dass die Lehrer so arbeiten, obwohl sie in den Mühlen der Bürokratie stecken. Die Vorstellung, man könnte die Gesellschaft – charakterisiert durch stumpfsinnige Bürokratie – durch Worte ändern sei eine Illusion, so Miller. Vielmehr sei Veränderung, wenn überhaupt, ein Resultat der stillen und geduldigen Bemühungen einzelner anonymer Menschen innerhalb eines unperfekten Systems.

Mich fasziniert dieses Buch sehr, auch wenn ich erst ungefähr ein Drittel gelesen habe. Wahrscheinlich, weil ich mich so ertappt fühle in meinen Illusionen. Ich glaube schließlich fest daran, dass Literacy die Welt verändern kann. Was würde es bedeuten, wenn ich nicht daran glauben würde? Ich finde es sehr spannend, mir dieses Glaubens bewusst zu werden und ihn auch mal in Frage zu stellen!

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