Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten – ein Rückblick

Vor etwas mehr als einem Monat, am 3. März 2016, veranstalteten wir die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten: Von 16 bis 1 Uhr luden wir Studierende aller Fakultäten der Europa-Universität Viadrina in die Bibliothek ein, um dort an ihren Schreibprojekten zu arbeiten. In der motivierenden Gesellschaft anderer Schreibender und unterstützt durch unser Begleitprogramm aus Workshops und Schreibberatungen konnte die Nacht produktiv genutzt werden. Ob Abschlussarbeit, Falllösung oder Essay – alles, was noch nicht aufgeschrieben oder gedacht wurde, konnte in dieser Nacht besprochen und auf das Papier gebracht werden.

Noch Wochen nach der Veranstaltung sehen wir Studierende, die wir in der Langen Nacht in Workshops, in Schreibberatungen oder am Empfangstisch kennengelernt haben, im Schreibzentrum zur Schreibsprechstunde wieder. Grund genug für unser Team, noch einmal zurückzublicken und unsere Eindrücke von der Langen Nacht niederzuschreiben:

2016-lange-nacht_schreibzentrum-viadrina

„Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten (LNdaH) fühlte sich für mich eher an wie eine „Lange Nacht, um nachts in der Bibliothek mal ordentlich zum Arbeiten zu kommen“. Die Themen der Schreibberatung waren demnach vielfältig; vom Schulreferat bis zur Doktorarbeit. Die Zeit verging schnell, so dass aus meiner Sicht eher eine kurze Nacht daraus wurde. Eigentlich schade, dass es die Gelegenheit zur nächtlichen Kurzweil in der Bibliothek nicht öfters gibt.“ (Pascal)

„Bereits zum 7. Mal haben wir vom Schreibzentrum die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten nun schon veranstaltet – doch es ist immer wieder so aufregend und spannend wie beim ersten Mal im Jahr 2010. Neu in diesem Jahr war für uns der Veranstaltungsort: die Uni-Bibliothek. Von der zentralen Lage auf dem Campus hat die LNdaH in diesem Jahr deutlich profitiert. Viel mehr Studierende als sonst nutzten den Abend, um mit ihren Schreibprojekten voran zu kommen. Die von den Schreib-Peer-Tutor*innen angebotenen Schreibberatungen waren restlos ausgebucht und auch die Workshops wurden sehr gut besucht.“ (Simone)

Schreibberatung LNdaH

Ideenschmiede im Lerncontainer (Foto: Franziska Liebetanz).

„Es war schön, das Schreibzentrum für eine lange Nacht von der Peripherie der August-Bebel-Straße 12 in das Herz der Uni zu verlagern. So konnten wir (auch wenn ich es nur gefühlt habe und nicht statistisch beweisen kann) zusätzlich die Menschen ansprechen, die Tag für Tag in den Fahrstuhl steigen und bis zum Abend den Lesesaal nur für eine Kaffeepause verlassen. Ich glaube, die in die Bibliothek beheimateten disziplinierten Eigenbrötler*innen könnten wir dauerhaft als Zielgruppe gewinnen, wenn wir in Kooperation mit der Uni-Bibo einen kleinen SZ-Ableger in einem der Lerncontainer gründen würden. Quasi jede Woche einen Langen Tag der aufgeschobenen Hausarbeiten!“ (Simon)

„Auch von zu Hause konnte man sich von der Atmosphäre der Langen Nacht anstecken lassen: Auf Twitter war ziemlich viel los. Die Tweets mit dem Hashtag #LNdaH haben einen Einblick in den Ablauf der Langen Nacht in ganz Deutschland ermöglicht. Schöne Fotos wurden gepostet, auf denen einladende Schreibräume und motivierte Schreibende zu sehen waren. Die digitale Teilnahme an dieser Schreibaktion kann auch Spaß machen! Man muss nur aufpassen, Social Media wirklich zur Inspiration und nicht zum Aufschieben zu nutzen.“ (Michał)

„Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten bleibt mir in Erinnerung als ein kleiner Rausch im Land der Schreibdidaktik. Die Gesichter von Ratsuchenden sehe ich vor mir und die dazugehörigen Anliegen hängen noch in meinem Ohr; ob Zitation, Textfeedback oder Hausarbeiten schreiben in Jura. Am Infostand auf die Zielscheibe hinzuweisen – der eigene Arbeitsstand innerhalb der Nacht kann markiert werden – hat Spaß gemacht. Zu sehen, dass Teilnehmende von Workshop zu Workshop an ihren Plätzen blieben und sich eine kleine Stammgemeinschaft abzeichnete, empfand ich als sehr befriedigend. Ich hatte das Gefühl, dass die Bibliothek einen guten Veranstaltungsort bildete. Sie wird von Studierenden ohnehin mit dem wissenschaftlichem Arbeiten verbunden und die LNdaH könnte für die Teilnehmenden das i-Tüpfelchen eben dafür dargestellt haben.“ (Alyssa)

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Am Büffet konnten Schreibende ihre Energiereserven auffüllen (Foto: Franziska Liebetanz).

„Mir ist eine Situation während der Langen Nacht besonders im Gedächtnis geblieben; wahrscheinlich weil sie die tolle Atmosphäre spürbar macht, die an diesem Abend herrschte. Ich saß am Begrüßungsstand vor der Bibliothek und war in ein Gespräch mit einem Promovierenden vertieft, als ein Studierender mich höflich, aber doch ungeduldig unterbrach und mich fragte, wo denn die Liste für die Anmeldung zur Schreibsprechstunde hin sei. Er komme gerade aus einer Beratung und sei so begeistert von der Offenheit des Gesprächs und den vielen interessanten Hinweisen, dass er sich sofort noch einmal eintragen wollte. Ich habe ihm die Liste schmunzelnd hingeschoben und ihm geantwortet, dass wir glücklicherweise die halbe Nacht da sind und vorher sogar noch etwas Zeit bleibt, um sich am Büffet zu bedienen. Damit war sein Glück an diesem Abend perfekt, er war von guten Gesprächen und gutem Essen gesättigt.“ (Anja)

Viele bekannte Gesichter von der Langen Nacht nun im Schreibzentrum wiederzutreffen und auch die vielen dankbaren Kommentare von Schreibenden während der Langen Nacht bestätigen unsere eigenen positiven Eindrücke und zeigen uns, dass wir mit dieser Veranstaltung immer wieder aufs Neue für eine veränderte Schreibkultur werben können: eine Schreibkultur, für die Offenheit, konstruktive Rückmeldung und Austausch zentral sind.

Weitere Stimmen zur Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten finden Interessierte unter anderem auch hier:

http://www.wlnjournal.org/blog/2015/03/the-long-night-against-procrastination-2015-a-german-perspective/

https://schreibnacht.wordpress.com/

Zehn Jahre Schreibcenter der Uni Klagenfurt – Herzlichen Glückwunsch!

Klagenfurt

Am 14.und 15. November 2014 hat das Schreibcenter der Alpen Adria Universität Klagenfurt sein 10jähriges Jubiläum gefeiert und aus diesem Anlass auch zu einer Tagung eingeladen, die gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftliches Schreiben (Gewiss) ausgerichtet wurde. Außerdem wurde eine Lange Nacht des Schreibens veranstaltet. Ich möchte hier ein paar Eindrücke teilen, die ich mitgenommen habe, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

In Erinnerung bleibt mir zum Beispiel der Film, den das Schreibcenter anlässlich des Jubiläums produziert hat. Darin kommen unter anderem Lehrende zu Wort, die mit dem Schreibcenter zusammenarbeiten, um die Lehre durch Schreiben aktiver und studierendenzentrierter zu gestalten. Es wird von den vielen Facetten berichtet, die den Alltag des Schreibcenters ausmachen – neben der Arbeit mit Studierenden gibt es zum Beispiel Schulkooperationen und viele weitere Kooperationen in der Region Kärnten. Gespickt wird der Film mit vielen Zitaten über das Schreiben, die Lehrende, Forschende und SchriftstellerInnen vortragen – einer sogar auf dem Kopf stehend.

Im Eröffnungsvortrag erinnerte Gerd Bräuer an die Entstehungszeit des Schreibcenters, die er begleitete. Das Motto damals war zunächst: „Mit wenig Geld viel bewirken“, denn, wie so oft in unserem Bereich, war die Anfangszeit vor allem von viel Engagement der Beteiligten getragen. Unbestritten ist sehr viel bewirkt worden und die Arbeit des Schreibcenters dreht sich keineswegs nur um das Schreiben, sondern auch sehr viel um das Lernen und Lehren. Bei dem „wenig Geld“ dürften Schreibzentren aber nicht stehen bleiben, mahnte Gerd Bräuer im Hinblick auf die vielen Schreibzentrumsgründungen der letzten Jahre an. Zu groß ist sonst die Gefahr, dass Schreibdidaktik nur zu kosmetischen Veränderungen führt und nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung der Lehr-Lernkulturen im Sinne des Literacy Management.

Ein Workshop von Alexandra Peischer brachte die Schreibberatung zusammen mit der Systemischen Beratung. Es war für mich nicht das erste Mal, dass ich versucht habe, zu verstehen was die systemische Beratung von der nicht-direktiven, schreibendenzentrierten Beratung unterscheidet, die in vielen Schreibzentren der Beratungsansatz ist (siehe zum Beispiel den Aufsatz von Ulrike Lange und Maike Wiethoff im Band „Schreiben“ von Stephanie Dreyfürst und Nadja Sennewald). Auch dieses Mal fand ich die Unterschiede in den Beratungsansätzen theoretisch wenig fassbar. Allerdings konnten wir einige Werkzeuge der systemischen Beratung in Rollenspielen erproben. Durch diese praktische Herangehensweise konnte ich erleben, inwiefern einige dieser Werkzeuge den „Beratungskoffer“ für die Schreibberatung sinnvoll ergänzen. Das war überzeugend und hat mir Lust auf mehr gemacht.

Als Ergänzung zur Schreibberatung haben Birgit Huemer und Marcus Rheindorf ihren Ratgeber vorgestellt: „Das Betreuungsgepräch: ein Ratgeber für die Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten“. Das von der Universität Luxembourg herausgegebene Booklet basiert auf den in vielen Schreibberatungen gesammelten Erfahrungen zur Betreuungsproblematik und richtet sich explizit an Lehrende, nicht an SchreibdidaktikerInnen. Es geht darin u.a. darum, das Betreuungsverhältnis zu definieren und zu klären, welche unterschiedlichen Betreuungsleistungen in den unterschiedlichen Phasen von Schreibprozessen erforderlich sind. Ein weiteres Kapitel unterstützt dabei, eine gemeinsame Sprache der Betreuenden und der Betreuten zu entwickeln, um das Sprechen über das wissenschafliche Arbeiten zu erleichtern. Die AutorInnen plädieren dabei dafür, sich bewusst mit dem Gebrauch von Metaphern auseinanderzusetzen. Ein Kapitel zum Textfeedback erläutert schließlich die verschiedenen Dimensionen des Feedbacks auf wissenschafliche Arbeiten und betont dabei, dass diese jeweils auch abhängig davon sind, in welcher Studienphase die Schreibenden sind – StudienanfängerInnen bräuchten anderes Feedback als Studierende, die ihre Abschlussarbeit schreiben.

Otto Kruse stellte in einem Vortrag Forschungsergebnisse aus einer Fragebogenstudie mit BA-Studierenden und deren Lehrenden vor, die in Kooperation mit der Universität Konstanz entstanden ist. Diese Studie basiert auf dem in einem EU-Projekt entwickelten, ursprünglich länderübergreifenden und mehrsprachigen „European Writing Questionnaire“. Ziel der Studie ist es, Daten zu gewinnen, mit denen ein Verständnis für Schreibkulturen an Hochschulen entwickelt wird und die z.B. Schreibzentren bei der Argumentation für ihre Arbeit unterstützen können. Die Schwerpunkte sind dabei Schreib- und allgemeine Studienkompetenzen, Schreibpraktiken, Einstellungen zum Schreiben, Genres im Studium und Interpretation der Genres, Vergleich zwischen Fächergruppen bzw. Disziplinen, Vergleich von Stufen des Studiums, Vergleich von Lehrenden vs. Studierenden (Selbst- und Fremdeinschätzung der Kompetenzen) und der Bedarf an Unterstützung für das Schreiben aus Sicht Studierender. Die Ergebnisse vorzustellen würde an dieser Stelle zu weit gehen. Das Instrument dieses Fragebogens erscheint mir jedenfalls sinnvoll, auch wenn sich gezeigt hat, dass es gar nicht so einfach ist, bestimmte Dinge zu erfragen. Zum Beispiel scheinen die Befragten unter dem Begriff „Hausarbeit“ nicht immer das gleiche zu verstehen.

An dieser Stelle noch einmal ganz herzlichen Glückwunsch zum 10jährigen Geburtstag und vielen Dank für die gelungene Feier an alle Beteiligten!

 

 

Ich, polnische Muttersprachlerin an einem deutschen Schreibzentrum

*Po Polsku*
Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich an einem Schreibzentrum in Deutschland arbeiten werde, hätte ich diese Idee bestimmt für verrückt gehalten. Ich, polnische Muttersprachlerin in einem deutschen Schreibzentrum an einer deutschen Universität??? Damals kaum zu glauben. Aber es ist doch wahr geworden.
Über mich
Ich heiße Alicja, komme aus Swiebodzin in Polen, 60 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, und studiere den Masterstudiengang Interkulturelle Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Mit der Uni bin ich nicht nur durch das Studium, sondern auch durch meine Arbeit am Schreibzentrum verbunden. Mit diesem Blog-Eintrag möchte ich meine Arbeitsstelle vorstellen und auch ein paar Erfahrungen und Reflexionen teilen, die verdeutlichen, was das Schreibzentrum für mich bedeutet und wie ich die Arbeit als Schreib-Peer-Tutorin wahrnehme.
Ich habe die Arbeit am Schreibzentrum im April dieses Jahres angefangen. Ich halte diese Tätigkeit für eine große Herausforderung und ein wunderbares Abenteuer zugleich. Gerade sitze ich im Schreibzentrum (Raum 115 des Unigebäudes in der August-Bebel-Straße) und schreibe diesen Eintrag. Obwohl ich erst den vierten Monat als Schreib-Peer-Tutorin arbeite, habe ich sowohl die Ziele und Voraussetzungen, als auch das Team unseres Zentrums schon ziemlich gut kennen gelernt. Außer mir sitzt im Raum eine andere Peer-Schreibberaterin, die sich auf eine Schreibberatung im Rahmen des Writing-Fellow-Programms vorbereitet. Mehr davon könnt Ihr unter https://schreibzentrum.wordpress.com/ erfahren. Es gibt noch eine andere Person, die sich intensiv mit dem Programm der EWCA-Konferenz (European Writing Centers Association: http://www.europa-uni.de/de/struktur/zfs/schreibzentrum/EWCA2014/index.html) beschäftigt. Die Konferenz fand vom 19. bis 22. Juli statt. Das war ein großes Ereignis für uns und für die ganze Uni.

Unsere Arbeit im Schreibzentrum
Aber jetzt zurück zum Raum, in dem ich sitze… Ich möchte auf die Lern- und Arbeitsatmosphäre in unserem Team aufmerksam machen. Sie ist einfach freundlich und stressfrei. Dank dieser Atmosphäre habe ich meine Haltung zum Schreiben verändert. Früher habe ich immer gedacht, dass das Schreiben ausschließlich das Festhalten von Gedanken auf Papier oder am PC ist. Aber es ist nicht so! Schreiben ist ein Prozess, der in einem Dialog mit sich selbst und mit anderen geschieht. Da viele meiner KommilitonInnen meine frühere Meinung zum Schreiben teilen, möchte ich meine neue Einstellung und die im Schreibzentrum herrschende Atmosphäre weitergeben und zwar an Lehrende, Studierende und alle, denen ich im Kontext des wissenschaftlichen Schreibens begegne. Ich möchte, dass auch andere das Schreiben aus einer neuen Perspektive betrachten. Dadurch können sie nicht nur eine positive Einstellung zum Schreiben entwickeln, sondern auch ihre Schreibkompetenz verbessern und viel Spaß und Freude am Schreiben haben. Und was bedeutet mir die Arbeit als Schreib-Peer-Tutorin? Einerseits ist es meine Beschäftigung an der Uni, andererseits verbessere ich dadurch meine Schreibkompetenzen. Darüber hinaus helfe ich anderen Studierenden dabei, ihre Schreibkompetenzen zu entwickeln. Aber das ist natürlich nur eine Seite dieser Tätigkeit. Tatsächlich ist meine Arbeit als Schreibberaterin ein wunderbares Abenteuer, das mit unaufhörlicher Begegnung mit Menschen und mit Austausch von Wissen, Erfahrungen, Werten, Lächeln und Freude verbunden ist. Ich freue mich, dass ich auf diese Art und Weise mein Studium an der Universität Viadrina und den Aufenthalt im deutsch-polnischen Grenzgebiet bereichern kann.
Jetzt erkläre ich euch, womit wir uns am Schreibzentrum befassen und warum das Zentrum an der Universität so wichtig ist. Ich hoffe, ihr gelangt dank dieser Informationen zur Überzeugung, dass es sich lohnt, Schreibzentren an Schulen und Universitäten in Polen zu gründen.
Wenn ich in einem Satz sagen müsste, was das Schreibzentrum an unserer Universität ist, würde ich es als einen Ort bezeichnen, an dem sich alles um das Schreiben dreht. Hier begegnen sich Wissenschaft und Forschung, hier beziehen sich die Tätigkeiten wissenschaftlicher MitarbeiterInnen und Studierender auf das wissenschaftliche und literarische Schreiben sowie Schreibprozesse. Außenstehende könnten meinen, dass das Schreibzentrum lediglich eine Einrichtung ist, die den Studierenden und Promovierenden beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten Hilfe leistet. Ich möchte dieser Annahme jedoch widersprechen und darauf aufmerksam machen, dass unser Schreibzentrum nicht nur für Studierende oder Promovierende, sondern auch für Lehrende, SchülerInnen und Auswärtige ein breites und abwechslungsreiches Angebot hat. Beispielsweise arbeiten in unserem Schreibzentrum wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die im internationalen Kontext durch Forschung, Konferenzen und Veröffentlichungen zur Entwicklung der Schreibwissenschaft beitragen und an den Schreibdiskursen teilnehmen.
Außer den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen sind in unserem Zentrum auch Studierende eingestellt. Das ganze Team besitzt eine fundierte Ausbildung. Um Schreibberaterin zu werden, habe ich drei Seminare zum wissenschaftlichen Schreiben und der Schreibberatung besucht und das Zertifikat zur Schreib-Peer-Tutorin erhalten. Das alles war ziemlich zeitaufwendig und anspruchsvoll, aber bringt mir jetzt viel Zufriedenheit und Nutzen. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Anforderungen der Ausbildung zur Schreibberaterin gerecht wurde, und dass ich zusammen mit deutschen MuttersprachlerInnen arbeite. Außerdem kann ich mich dank der Arbeit am Schreibzentrum auch ständig weiterentwickeln und von den Schreibenden, die uns aufsuchen, viel lernen, z.B. aktives Zuhören, Empathie oder den freundlichen Umgang mit Menschen.
Aber zurück zu unserem Angebot. Wir bieten den Studierenden aller Studiengänge individuelle Schreibberatung auf Augenhöhe, d.h. peer-to-peer Beratung, bezüglich der Schreibprozesse, des wissenschaftlichen Schreibens, der wissenschaftlichen Texte und des wissenschaftlichen Arbeitens an. Außer den individuellen Treffen haben wir Schreibgruppen (z.B. Schreibgruppe für Abschlussarbeiten), in denen die Studierenden ihre Fähigkeiten bezüglich des Schreibens und der Überarbeitung von Texten entwickeln. Während unterschiedlicher Seminare, Workshops oder sog. Lunchtime Lessons (meine LTL dreht sich um „Schreiben in der Fremdsprache“) können sich Studierende mit den unterschiedlichen Anforderungen des wissenschaftlichen Schreibens vertraut machen. Sie lernen unterschiedliche Schreibstrategien und können ihre individuellen Schreibkompetenzen entwickeln und ausbauen. In unserem Schreibzentrum herrscht eine angenehme Lern- und Arbeitsatmosphäre, die zur Weiterbildung und zum Austausch in Gruppen, Seminaren und Werkstätten anregt. Für Promovierende bieten wir Schreibworkshops und –beratung an. Auch eine Unterstützung der Lehrveranstaltungen für Lehrende bezüglich des wissenschaftlichen Schreibens bieten wir an. Im Writing-Fellow-Programm helfen unsere BeraterInnen den Studierenden beim wissenschaftlichen Schreiben und geben Feedback zu den angefertigten Texten, die sie in einem bestimmten Seminar verfassen müssen.
Zu unserem Angebot gehört auch die Unterstützung von SchülerInnen bei der Entwicklung der Schreibfähigkeiten, was den Übergang von der Schule zum Studium erleichtern kann. Das Schreibzentrum an der Universität Viadrina ist somit sowohl ein wissenschaftlicher und didaktischer Ort, als auch ein Ort der Begegnungen, an dem man Wissen und Erfahrungen zum wissenschaftlichen Schreiben und den Schreibprozessen austauscht.

Schreiben kann schön sein
Zum Schluss des Blog-Eintrags möchte ich noch etwas unterstreichen: Schreiben, besonders wissenschaftliches Schreiben kann vielen Menschen langweilig, zeitraubend und wenig zufriedenstellend erscheinen. Es kann, aber es muss nicht so sein. Unser Schreibzentrum an der Viadrina beweist etwas völlig Anderes. Schreiben macht Spaß, ist interessant und hilft Schreibenden in wissenschaftlicher und sozialer Hinsicht weiter. Das bestätigen meine Erfahrungen und Gefühle. Das bestätige ich, polnische Studentin, die an einer deutschen Universität studiert und in einem deutschen Schreibzentrum arbeitet.
Alicja Pitak

Peer Tutoring leicht gemacht – die gelben Seiten für Schreibberatung

ImageLaut Eigenwerbung des Telefonbuchverlags kennen 97,8 % der Personen über 20 Jahre in Deutschland Gelbe Seiten, 58,8 % nutzen Sie regelmäßig. Bei uns im Schreibzentrum ist nun seit einem halben Jahr ein Buch in regem Gebrauch, das wir auch nur noch „das gelbe Buch“ nennen und das für die Schreibzentrumszunft in kürzester Zeit auf ähnlich gute Werte für Bekanntheitsgrad und Nutzung kommen dürfte. Die Rede ist natürlich von „Zukunftsmodell Schreibberatung“, dem Anleitungsbuch zur Begleitung von Schreibenden im Studium. Geschrieben wurde es von vier ehemaligen Peer TutorInnen, die alle mittlerweile die Schreibzentrumsarbeit zu ihrem Hauptberuf gemacht haben. Ella Grieshammer, Franziska Liebetanz, Nora Peters und Jana Zegenhagen brennen für ihr Thema. Ihre Begeisterung für Schreibberatung und Schreibdidaktik steckt an und ihre umfassenden Kenntnisse beeindrucken – da bleibt wirklich kein Aspekt Außen vor.

So enthält das Buch zunächst einen umfangreichen theoretischen Teil, der viel Hintergrundwissen anschaulich erklärt. Dargestellt wird was Schreibberatung überhaupt ist und sein kann – auch jenseits des Schreibzentrums in Sprechstunden von Hochschullehrenden oder in Studienberatungen. Es folgen Einführungen zu den Themen Schreibkompetenz, Schreibprozesse, Schreibtypen und -strategien, Lesekompetenz und Leseprozesse. Zusammenfassend erläutert dann ein Kapitel, was für vielfältige Anforderungen wissenschaftliches Lesen und Schreiben stellen und wie man Schwierigkeiten erkennen und erklären kann. Zu jedem Kapitel gibt es Anregungen für die Lesenden zum Weiterdenken und weiterführende Literaturhinweise.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dann ausführlich dem Thema Schreibberatung. Es geht um Aufgaben und Grenzen von Schreibberatung, um verschiedenste Settings und um wichtige Grundsätze. Mit vielen Beispielen wird illustriert wie Schreibberatungsabläufe gestaltet werden können, wie Gesprächstechniken wirken und helfen oder wie konstruktives Feedback auf Texte gegeben werden kann. Damit in der Schreibberatung nicht nur gesprochen wird, stellt das Buch auch viele Schreibtechniken vor, sortiert nach den verschiedenen Phasen von Schreibprozessen, in denen sie besonders nützlich sind. Zu jeder Technik wird überlegt, was im Anschluss an den Einsatz der Technik im Gespräch thematisiert werden sollte und worauf zu achten ist.

Natürlich befassen sich die Autorinnen auch mit schwierigen Beratungssituationen. Auch hier ist das Buch durch die Fallbeispiele sehr anschaulich. Auch wenn die Beispiele fiktiv sind merkt man deutlich, dass sie auf der langjährigen Erfahrung der Autorinnen basieren.

Wie schon angedeutet ist das gelbe Buch gar nicht mehr wegzudenken. Es gibt im Schreibzentrumsalltag nichts, was man dort nicht nachschlagen könnte. Für uns kommt das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt, weil wir die Ausbildung für unsere Schreib Peer TutorInnen verändert haben. Da wir an der Viadrina mittlerweile Peer TutorInnen in verschiedenen Bereichen auch außerhalb des Schreibzentrums ausbilden, sind wir dabei, neue Strukturen zu schaffen. Ein Teil der Ausbildung widmet sich zwar dem kollaborativen Arbeiten und dem Peer Tutoring, hat aber nicht direkt mit dem Schreibzentrum zu tun. Unsere neuen Peer TutorInnen kommen nun zwar schon gut vorbereitet und haben auch schon ein Seminar zum wissenschaftlichen Schreiben besucht in dem sie viel Feedback geben und nehmen, aber der Teil der Ausbildung der direkt im Schreibzentrum stattfindet ist kürzer geworden. Es ist großartig, dafür nun ein Buch zur Hand zu haben, in dem alles Wesentliche zu finden ist.

Und auch im Sinne einer Qualitätssicherung wissenschaftlicher Schreibdidaktik ist dieses Buch ein großer Schritt nach vorn. Denn einerseits bietet es auf knapp 300 Seiten einen umfassenden Überblick und ermöglicht so auch Neueinsteigenden, sich gründlich weiterzubilden. Und andererseits ist es inhaltlich vielfältig. Es wird sehr deutlich, dass es nicht die eine richtige Art gibt, Schreibberatungen durchzuführen und auch keine Patentlösungen oder gar ein Schema X.

Da bleibt am Welttag des Buchs also nur zu hoffen und zu wünschen, dass dieses Buch nicht nur zum gelben Standard in den Regalen aller deutschsprachigen Schreibzentren wird, sondern auch seinen Weg findet in die Hochschulbibliotheken und professoralen Handapparate!

PS: Wie beim Welttag des Buches üblich: wer diesen Blogbeitrag kommentiert kann das Buch gewinnen! Verlosung folgt am1.5.2013 – bis Mitternacht könnt ihr also noch kommentieren!

Eindrücke von der 5. Peer- SchreibtutorInnen- Konferenz in Jena

Interessierte Teilnehmende

Interessierte Teilnehmende

von Anja Poloubotko und Anja Schulz

 Herzlich Willkommen, steht auf dem Plakat am Haupteingang zur Friedrich- Schiller- Universität in Jena. Ich gehe in das Gebäude, eine Treppe führt mich in den ersten Stock. Dort sind drei Räume hergerichtet für Vorträge und Workshops, auf dem Gang bekomme ich Kaffee und Gebäck. Ich fühle mich eingeladen. Hier und dort gibt es schon kleine Gesprächsrunden um das Schreiben, Gedankenaustausch und Vorfreude auf die 5. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz der Schreibzentren.

So viele neue Gesichter! Das wichtigste ist zunächst das Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander. Im letzten Jahr fand die Peer- SchreibtutorInnen Konferenz in Göttingen statt, dort trafen sich rund 40 TutorInnen und MitarbeiterInnen. Dieses Jahr gibt es ca. 70 KonferenzteilnehmerInnen.  Neu sind  unter anderem die Schreibzentren Frankfurt am Main und Hamburg. Und es gibt über 20 Beiträge, zum Teil auch auf Englisch.

Viele Veranstaltungen finden parallel statt und es fällt mir schwer zu entscheiden, ob ich nun lieber am Workshop „Was ist ein Essay? Montaigne und Bacon wieder/ holen, wieder/lesen und wieder/ schreiben“ oder am Workshop „Schreibgruppen organisieren und begleiten“ teilnehmen werde. Und danach entweder zu „Kitchen Stories“ oder zu „Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung“ gehe. Den Workshop „Gestaltung von Lese- Workshops – Übungen und Handouts“ möchte ich auch nicht verpassen.

Ich wähle zunächst den Workshop „Schreibgruppen organisieren und begleiten“ von Simone Tschirpke und Anja Poloubotko. Darin erfahre ich viel über Herausforderungen und mögliche Konflikte, die in Schreibgruppen mit sehr heterogenen Teilnehmenden auftreten können. Einige ZuhörerInnen des Workshops werden gebeten ein Rollenspiel vorzuführen. Sie schlüpfen in vorgeschriebene Rollen und werden zu „Paula Peiler“, „Agatha Ängstlich“, „Paul Plauder“ und“ Greta Kritiker“. Dann gibt es noch eine Leiterin („Britta Begleiter“),  die weder mit den Teilnehmern noch mit deren Texte wirklich vertraut ist. Gezeigt wird eine Schreibgruppe in der Extremsituation, die keine Regel der Zusammenarbeit kennt. Anschließend tragen wir in einem Cluster zusammen, worauf wir achten sollten, wenn wir selbst eine Schreibgruppe betreuen: Kommunikationsregeln in der Gruppe festlegen, gemeinsame Ziele definieren, die Rolle des Leiters erklären, Rahmenbedingungen einhalten (Regelmäßigkeit, bestimmter Ort), eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, Probleme der Zusammenarbeit offen besprechen und vieles mehr. Dieser Workshop ist sehr interaktiv, durch das Rollenspiel wird eine sehr lockere Atmosphäre geschaffen. Alle  sind gleichermaßen eingeladen zu diskutieren, auch die Teilnehmenden, die selber noch keine Erfahrung in der Arbeit und Betreuung mit Schreibgruppen haben, bekommen einen guten Einblick.

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Rollenspiel zur Organisation von Schreibgruppen

Danach gehe ich zum Workshop „Problematische Grenzsituationen in der Schreibberatung“ der von Katina Linguri, Katharina Meyer und Leonardo Dalessandro (Goethe- Universität Frankfurt) geleitet wird. Hier sammle ich viele wertvolle Tipps in kleinen Gruppendiskussionen zu den Themen „Diskriminierende Äußerungen“, „Psychische Instabilität“ und „Übergriffiges Verhalten“. Es wird deutlich, dass bereits einige Tutoren und Tutorinnen „unangemessenes und grenzüberschreitendes“ Verhalten seitens der Ratsuchenden in der Schreibberatung erfahren haben. Wie geht man mit Ratsuchenden um, die aufdringlich werden und private Verabredungen nach der Beratung wünschen? Wie geht man mit Ratsuchenden um, die in der Beratung anfangen zu weinen? Was mache ich mit solchen, die in ihren Hausarbeiten über ein politisch sensibles Thema schreiben und ethisch fragwürdige Einstellungen vertreten? All diese Fragen werden thematisch zunächst in Kleingruppen angeregt diskutiert und anschließend im Plenum vorgestellt. Ich finde es sehr nützlich, dass solche Themen, über das eigene Schreibzentrum hinaus auf PeertutorInnen- Konferenzen besprochen werden können. Andere TutorInnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht und wir suchen gemeinsam nach Lösungswegen.

In den Pausen bleibt nicht nur Zeit zum Reden und Diskutieren, wir wollen uns Jena anschauen und beschließen, vom Hauptgebäude der Uni einige Minuten Richtung Altstadt zu laufen. Die Altstadt ist gemütlich und klein. Vom Citytower bekommen wir ganz schnell einen Überblick über Stadt und Umgebung und genießen eine Weile die Aussicht über die endlosen bunten Laubwälder, die Jena umgeben.

Zurück in der Universität, es ist Samstagnachmittag, klingt Musik aus den Lautsprechern im Konferenzraum (Hörsaal 9): „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm!“ Es ist Werbung für den Workshop, „Wie wirken Fragen in der Peer- Schreibberatung?“.  Viele TeilnehmerInnen haben sich in diesem Raum bereits eingefunden. Der Workshop ist sowohl für TutorenInnen, die noch wenig praktische Erfahrung mit Schreibberatung haben hilfreich, als auch für solche, die bereits seit längerem beraten. Es geht um die Anwendung von Fragetechniken in der Beratung. Die Schreibtutoren aus Bielefeld stellen in einem Rollenspiel sehr schön dar, wie offene und geschlossene Fragen seitens der Beratenden jeweils auf die  Ratsuchenden wirken (können). Sowohl geschlossene als auch offene Fragen sind in einer Schreibberatung notwendig, wobei es wichtig ist, eine Balance zu finden. Geschlossene Fragen helfen bestimmte Daten abzufragen, wohingegen offene Fragen sinnvoll sind, um Ratsuchende „reden zu lassen“. Die Verwendung von offenen Fragen stellt eine vertrauensvolle Atmosphäre her, in der sich die Ratsuchenden angenommen fühlen. Wir als SchreibberaterInnen sollten uns ein Beispiel an Kindern nehmen und stets eine neugierige Grundhaltung annehmen.

Im Hörsaal 7 gibt es einen weiteren interessanten Beitrag: „Inklusion durch kollaborative Übungen in interkulturellen Schreibworkshops“. David Kreitz und Nadine Stahlberg vom internationalen Schreibzentrum der Universität Göttingen stellen ihr Workshopkonzept vor und lassen gleichzeitig Raum für Selbstarbeit. Wichtig ist für die Workshops, die das wissenschaftliche Schreiben auf Deutsch fördern sollen, die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen in den Schreibgruppen, die Mischung aus MuttersprachlerInnen und Nicht- Muttersprachlern. Denn das leitende Konzept der Inklusion ist das Einschließen von Unterschiedlichkeiten, die von einander im Team profitieren können und eine Einheit bilden.  Viele Workshopteilnehmer bringen ihr Erfahrungswissen mit ein. Schwierig ist es zum Beispiel in heterogenen Gruppen eine Struktur festzulegen, die alle zu Wort kommen lässt. Kleine Übungen können hier weiterhelfen, wie zum Bespiel ein Blitzlicht zu Beginn einer Sitzung zu gestalten, indem die Teilnehmenden spontan über ihre Eindrücke und Ideen berichten können. Darüber hinaus sollten die interkulturellen Schreibgruppen zum selbstständigen und autonomen Arbeiten animieren werden. Das Seminar „Schreiben(d) lernen im Team“ zum Beispiel, das an der Viadrina Universität in Frankfurt/ Oder angeboten wird, versucht diese Idee umzusetzen. Dabei lernen Studierende unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammen. Sie besuchen Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Schreiben und arbeiten parallel dazu in kleinen Schreibteams (4- 6 Mitglieder), in denen sie selbst ihre Sitzungen mit kreativen Schreibübungen organisieren.

Cluster zu einem Rollenspiel

Im Beitrag von Ina Brauckhoff (Schreib- Lese- Zentrum Münster) erfahren wir über ihr Dissertationsprojekt „Tutoring für Schreiber mit der Fremdsprache Deutsch – wissenschaftliche Studien“. Sie untersucht, welche Sprachhandlungsmuster der Schreibberater gegenüber Nicht- Muttersprachlern geeignet sind. Wir hören uns eine Audioaufzeichnung an, in der deutlich wird, dass die von der Beraterin durchgeführte Beratung, nach den Regeln der Non- Direktivität zu keinem Ergebnis führt. Der Ratsuchenden werden wichtige Informationen über Text- und Argumentationsstrukturen zu Beginn der Textarbeit nicht gegeben. Daher fällt es der Ratsuchenden schwer, ihre Fehler einzuordnen. Ihr wird nicht bewusst, dass es um die Prozesshaftigkeit des Schreibens und Lernens geht, anstatt um die  einmalige Überarbeitung ihres Textes. Durch das non- direktive Vorgehen der Beraterin und das passive Verhalten der Ratsuchenden wird kein eindeutiges Ziel der Beratung festgelegt und der Gesprächsgegenstand nicht eingegrenzt. Dies führt zu Orientierungslosigkeit, Beraterin und Ratsuchende können daher an keinem konkreten Textausschnitt arbeiten. Während wir diskutieren, grenzt  Ina Brauckhoff ihre Fragestellung weiter ein. Sie möchte herausfinden, in welchen Fällen direktive und non- direktive Beratungsstrategien bei Nicht- Muttersprachlern angewendet werden sollten. Für ihre Untersuchung hat sie bis jetzt 52 Gespräche mit ausländischen und 21 Gespräche mit deutschen Schreibenden aufgezeichnet. Auf die Ergebnisse bin ich sehr gespannt.

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

Die Autorinnen signieren ihr Buch Zukunftsmodell Schreibberatung

 

Zum Abschluss des Konferenzwochenendes gibt es noch viele Diskussionen über die Workshops, Gespräche über das neue Buch „Zukunftsmodell Schreibberatung. Eine Anleitung zur Begleitung von Schreibenden im Studium“,  von Ella Grieshammer, Franziska Liebetanz, Nora Peters und Jana Zegenhagen, Austausch von Kontaktdaten, Umarmungen, gemeinsame Pläne. Peter Braun, Leiter des Schreibzentrums Jena, moderiert die Plenarveranstaltung am Sonntag, zu der alle Teilnehmenden noch einmal zusammen kommen. Er bedankt sich für die zahlreichen Beiträge der TeilnehmerInnen und stellt die brennende Fragen in den Raum, wo denn die 6. Peer- SchreibtutorInnen Konferenz stattfinden wird? Es wird immer stiller. Die Spannung steigt. Etwas Rascheln und Flüstern gibt es im Hörsaal. Die Frage bleibt zunächst offen. Doch jetzt, im Dezember, wissen wir es: Wir sehen uns im September 2013 zur 6. Peer -SchreibtutorInnen Konferenz in Bochum wieder!

Schreibmarathon am Schreibzentrum

– ein Bericht von  von Annemarie Bracht (Schreibzentrum Ruhr-Uni Bochum) und Michał Żytyniec (Schreibzentrum Viadrina)

„Das ist Mandy aus München, sie mag gerne Melone; ich bin Simone aus Stuttgart und esse gerne Suppe…“ – mit diesem netten „Ich-packe-meinen-Koffer“-Spiel macht kennenlernen richtig Spaß und man kann sich Namen sogar merken! So der vielversprechende Beginn einer schreibintensiven und erfolgreichen Woche beim diesjährigen Schreibmarathon der Europa-Universität Viadrina.

An fünf Tagen konnten insgesamt fünfzehn Studierende die Zeit nutzen und in der anregenden und produktiven Atmosphäre des Schreibzentrums an ihren Hausarbeiten feilen: vom Planen, übers Schreiben der Rohfassung bis hin zur Korrektur war alles dabei.

Ruhige Schreibatmosphäre im Schreibzentrum

Ruhige Schreibatmosphäre im Schreibzentrum
(Foto: Annemarie Bracht)

Während der Raum des Schreibzentrums ausschließlich zum Schreiben reserviert war, luden im Nebenraum Snackbar und zu Sitzgruppen drapierte Tische zum Austausch in der Pause ein. In beiden Räumen sorgten Blumen, ebenso wie Kekse, Papier und bunte Stifte für eine freundliche Atmosphäre.

Im Anfangsworkshop von Mandy Pydde hatten die Schreibenden eine Möglichkeit, bereits am Montag eigene Vorhaben für die Woche auf einer Zielscheibe zu markieren. Im Freewriting zum Thema „Mein Schreibprojekt erzählt …“ konnten sie gleich die erste Schreibmethode erproben, um sich dann im Austausch untereinander von der Wichtigkeit des Sprechens beim Schreiben zu überzeugen. Am Mittwoch fand auch die Beratung durch die professionellen Schreibberater statt, die mitten auf der Marathon-Strecke Hinweise und Stärkung für den weiteren Lauf angeboten haben.

Schreibberatung

Schreibberatung im Nebenraum
(Foto: Annemarie Bracht)

„Oh du meine geliebte Hausarbeit

es ist so weit

doch das Ende ist blau.

Und es entsteht ein toller Bau.

Doch kenn ich dich noch nicht genug,

Obwohl mein Vorgehen ist klug.

Ich werde alles tun, was nötig ist,

Sodass Du dann echt zufrieden bist;

Wie der Professor, der dich hoch erfreut liest J“

So lautet eines der zwei Tage später gemeinschaftlich entstandenen sogenannten „Knick-Gedichte“. Dabei geht es darum, reihum auf eine vorgegebene Zeile je zwei neue Verse zu schreiben, diese nach hinten zu knicken und an seinen Nachbarn weiterzugeben.

Aber nicht immer ging es so amüsant in den kleinen Warm-Up-Übungen zu, denn am Dienstag wurde fleißig zum Thema „Was fasziniert mich an meiner Hausarbeit?“ geclustert. Am Donnerstag half ein kleiner „Schreibeinstimmer“, sich selbst und seine gegenwärtige Stimmung zu reflektieren und sich positiv auf seine Schreibtätigkeit einzustimmen. Am letzten Tag erwartete die Teilnehmer eine kleine Überraschung: jeder durfte sich eine tolle Postkarte mit ermutigenden Sprüchen wie „Du schaffst das!“ oder „Entspann dich!“ aussuchen und freundliche Worte seines Dozenten an sich selber richten. Durch die Übungen haben sich die „Marathon-Schreiber“ mit den Strategien angefreundet, die ein spielerischer und kreativer Umgang mit Schreiben bietet.

Ziele beim Schreiben der Hausarbeit

Eine Teilnehmerin vor der Zielscheibe, auf der die Teilziele visualisert werden konnten.
(Foto: Annemarie Bracht)

Am Ende dieses fünftägigen Marathons stehen, wie die von den Teilnehmern ausgefüllten Feedbackbögen belegen, viele neugeschriebene Seiten von insgesamt fünfzehn Hausarbeiten. Zusätzlich auch die Erkenntnis, dass durch das Schreiben in der Gruppe eine produktive  Arbeitsatmosphäre entsteht, die sich jeder alleine so nicht schaffen kann. Dennoch bedeutet das nicht, Warten bis zur nächsten „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Die weiten Strecken muss niemand mehr alleine laufen. Die anderen Kommilitonen legen die gleiche Strecke mit den gleichen Hindernissen zurück. Wegzehrung finden alle in der Anlaufstelle namens Schreibzentrum. Auf dem Weg begegnet man auch anderen Läufern, mit denen man den Frust teilen und Erfolge feiern kann.

Einen Bericht zum Schreibmarathon gibt es auch bei Spiegel Online.

Literacy Management: Zertifikatsverleihung des Schreibzentrums Frankfurt (Oder) im Schreibzentrum Frankfurt am Main

Die Goethe Universität, in deren Schreibzentrum wir zu Gast waren. (Zu dem beeindruckenden IG-Farben-Gebäude, das die Uni beherbergt, bekamen wir sogar eine Führung)

Dieses Wochenende war für uns ein ganz besonderes Wochenende. Wir reisten an die Goethe Universität in Frankfurt am Main, um den TeilnehmerInnen unserer Weiterbildung „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ ihre Zertifikate feierlich zu überreichen. Sieben von insgesamt elf Teilnehmenden konnten den zusätzlichen Termin wahrnehmen, zu dem Weiterbildungsteilnehmerin Stephanie Dreyfürst eingeladen hatte, eine der Leiterinnen des Schreibzentrums der Goethe Universität. Wir waren gespannt und glücklich, denn es war die erste Gruppe, die an unserer berufsbegleitenden Weiterbildung teilnahm und so auch die erste Gruppe, der wir unser Zertikat überreichen durften.

Im Laufe von fünf Monaten hatte die Gruppe fünf Wochenenden an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) verbracht und sich intensiv mit Schreibforschung, Schreibberatung, schreibintensiver Lehre und mit der Institutionalisierung schreibdidaktischer Angebote auseinandergesetzt. Parallel dazu erarbeiteten sie online eigene Konzepte für schreibdidaktische Angebote im Rahmen ihrer eigenen Institutionen, beruflichen Umfelder oder zukünftigen Tätigkeitsfelder. Diese Konzeptualisierung und Umsetzung von Schreib- und Leseförderung in Institutionen und anderen gesellschaftlichen Kontexten wird Literacy Management genannt. Das Online- Modul „International Literacy Management“ ist eine Kooperation von Hochschulen in der Schweiz, Frankreich, den USA, Deutschland und Kanada.

Unser „Weiterbildungsbaum“, an dem zu Beginn der Weiterbildung die Erwartungen in Apfelform reiften, wurde zum Abschluss geerntet.

Das Wochenende in Frankfurt am Main stand unter dem Motto Auswertung und Blick in die Zukunft. Alle Anwesenden berichteten, in welchen Bereichen sie mittlerweile als Literacy ManagerInnen tätig sind und wie sie das, was sie in der Weiterbildung gelernt hatten, nutzen und umsetzen. So leitet eine Teilnehmerin mittlerweile neben ihrer Arbeit als angestellte Lektorin Promovierende dabei an, gemeinsam ihre Dissertationsschriften zu überarbeiten.  Sie ist eine der wenigen, die sich theoretisch und praktisch mit Lektoratsarbeit und Schreibprozessbegleitung auseinandersetzt und diese produktiv verbindet.

Eine unserer freiberuflichen Teilnehmerinnen, die langjährige schreibdidaktische Erfahrungen und ein fundiertes Wissen einbrachte, konnte im Laufe der Weiterbildung ihr Profil als Literacy Managerin schärfen. Sie analysierte die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe und entwickelt eine Webpräsenz.

Eine andere Teilnehmerin hat aufgrund ihrer Kompetenzen und der Zusatzqualifikation durch unsere Weiterbildung eine Stelle in einem Verbundprojekt der Universitäten und Hochschulen in Flensburg und Kiel bekommen. Sie vertritt nun die universitäre Schreibdidaktik im hohen Norden, indem sie StudienanfängerInnen beim wissenschaftlichen Schreiben unterstützt.

Die Literacy ManagerInnen mit ihren Zertifikaten

Erfreuliches berichtete auch unsere „Grazer Zelle“, deren beide Mitglieder momentan eine österreichische Variante der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten entwickeln. Fortschritte gibt es auch bei der Entwicklung eines Schreibzentrums an der Uni in Graz: ein Pilotprojekt in drei Studiengängen wird schreibdidaktische Interventionen erproben.  Und in einer schreibintensiven Lehrveranstaltung in der Ethnologie entstand ein Buch mit Texten Studierender, die sie in einer öffentlichen Lesung einem begeisterten Publikum präsentierten.

Auch im Schreibzentrum der Universität Jena ist die universitäre Verankerung deutlich voran geschritten, berichtete uns dessen Leiter. So wird es im kommenden Semester bereits die zweite schreibintensive Lehrveranstaltung in den Literaturwissenschaften geben. Angedacht ist auch eine Meisterklasse für versierte Schreibende. In zwei Wochen wird das Schreibzentrum in Jena die fünfte Peer-Schreib-TutorInnen-Konferenz im deutschsprachigen Raum ausrichten.

Schreibberater Tasche

SchreibberaterInnen Tasche

Und natürlich berichtete auch unsere Gastgeberin von der Arbeit des Schreibzentrums an der Goethe Uni und der studentischen Schreibberatung, für die sie in der Weiterbildung viele Anregungen erhalten hat. Bereits 14 Peer TutorInnen sind in Frankfurt am Main im Einsatz. Alle Anwesenden waren begeistert von der mobilen Schreibberatung der Goethe Universität, für die die studentischen SchreibberaterInnen Taschen entwickelt haben, die bestückt sind mit Arbeitsblättern,Schreibutensilien, aber auch Schokolade und Taschentüchern.

Wir sind erstaunt und erfreut, wieviel sich bei den Teilnehmenden  getan hat und wieviel sie schon im Bereich Literacy Management bewirkt haben. Vielen Dank an die Gruppe, deren großartige Zusammenarbeit so viel zur guten und produktiven Atmosphäre der Weiterbildung beigetragen hat.

Der nächste Durchgang der Weiterbildung  „Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management“ wird im Februar 2013 starten. Mehr Infos hier.

Franziska Liebetanz und Katrin Girgensohn

Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende

Das Semester ist hier schon seit Mai zu Ende und ein Großteil der Studierenden ist längst nach Hause oder sonstwohin gefahren. Aber es laufen auch Sommerkurse und das Schreibzentrum ist weiterhin offen – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Diese relative Ruhepause lässt Raum für andere Projekte, zum Beispiel die Disseration Camps des Schreibzentrums. Die Camps sind eine Kooperation des Schreibzentrums mit der Graduate School der Universität, die über die Mellon Foundation finanziert werden. Die Camps bieten Promovierenden in der Schreibphase die Möglichkeit, konzentriert über einen bestimmten Zeitraum an ihren Arbeiten zu schreiben und dabei die Unterstützung des Schreibzentrums zu bekommen – ähnlich wie bei unseren Schreibmarathons in Frankfurt (Oder). Nach einem sehr erfolgreichen Probelauf im letzten Sommer wurden in diesem Sommer gleich drei Camps angeboten: Zwei für jeweils eine Woche und eins über sechs Wochen. Über hundert Promovierende hatten sich für die insgesamt 60 Plätze in den Camps beworben. Sie mussten dafür online einen Bewerbungsbogen ausfüllen und auch die Dissertationsbetreuer mussten online eine Enschätzung abgeben. Wer ausgewählt wurde, musste 40 Dollar einbezahlen, um sich den Platz zu sichern, die zurück gezahlt wurden wenn man das Camp tatsächlich mitgemacht hat. Außerdem konnten diejenigen, die nicht in Madison wohnen, die Fahrtkosten bezahlt bekommen und Kinderbetreuung gab es auch auf Wunsch.

Schreibübung im Camp für Promovierende

Nancy leitet eine Schreibübung an.
Foto: Writing Center Madison

Die Camps starteten morgens mit einer kurzen Schreibübung und damit, dass alle ihre Ziele für den Tag formulierten. Dann suchten sich alle Plätze und schrieben los. Mittags gab es Workshopangebote für diejenigen, die wollten und im langen Camp trafen sich die Teilnehmenden zusätzlich täglich in Kleingruppen, um sich über ihre Texte auszutauschen. Und natürlich konnten alle Teilnehmenden im Schreibzentrum mit Schreibtutoren über ihre Texte sprechen. Auch zum Abschluss kamen noch einmal alle zusammen zu einer ganz kurzen Übung. Besonder schön finde ich folgende Übung: Alle Teilnehmenden stellen sich in einer Reihe auf, in der Reihenfolge dessen, wieviel sie an diesem Tag geschrieben haben – von einem Absatz bis hin zu mehreren Seiten. Nachdem alle stehen, bekommen sie die Aufgabe, zu begründen, warum diese Menge, die sie an diesem Tag geschafft haben, genau richtig ist. Dadurch entsteht eine positive Stimmung und es wird deutlich, dass Quantität alleine nichts aussagt. Das kann denen, die als Schreibtypen keine Vielschreiber sind, Druck nehmen.

Bei der Abschlussveranstaltung des langen Camps waren Vertreter der Graduate Schools, diverse Dekane und Vertreter der Stiftung anwesend. Alle Teilnehmenden hielten eine einminütige Rede darüber, was ihnen das Camp gebracht hat. Offenbar sind die Ziele, die das Schreibzentrum verfolgt hatte, aufgegangen: Schreibroutinen aufbauen, Gemeinschaft stiften und die Texte vorantreiben.  Ich finde die Idee sehr gut, diesen Erfolg für die Geldgeber, Kooperationspartner und Dekane sichtbar zu machen. Die waren denn auch so begeistert, dass nun eine Diskussion aufgekommen ist, ob solche Camps obligatorisch sein sollten. Das wird sich aber hoffentlich nicht durchsetzen, die Promotion hier ist schon mit genug Vorgaben belastet und es ist doch wunderbar, dass diejenigen, die sich eine Schreib-Gemeinschaft wünschen, diese bekommen können!

Schreibzentrumsforschung: Gesprächs- und Gestenanalyse einer Beratung

Isabelle Thompson hat 2009 von der International Writing Centers Association den Preis für den besten Artikel des Jahres für ihren Artikel „Scaffolding the Writing Center. A Microanalysis of an Experienced Tutor’s Verbal and Nonverbal Tutoring Strategies“ bekommen (erschienen in Written Communication, 26 (4), 417-453)

Isabelle Thompson untersucht in diesem Artikel eine Tutoring-Session eines erfahrenen Peer Tutors, die sie auf Video aufgezeichnet hat, sowohl gesprächsanalytisch als auch im Hinblick auf die Gesten. Dabei stellt sie in Frage, inwiefern eine gelungene Beratung tatsächlich nicht-direktiv ist und stellt fest, dass der Begriff „Scaffolding“ für die Tätigkeit des Tutors in der Beratung passt. Scaffolding bedeutet in etwa: ein Gerüst geben.

Kognitives Scaffolding
Thompson stellt in der analysierten Beratung verschiedene Varianten von „scaffolding“ fest. So gibt es zum einen kognitives Scaffolding. Darunter zählt sie alle Strategien, die den Ratsuchenden die Möglichkeit geben, eine Lösung zu finden. Sie zählt dazu folgende verbale Strategien:
– etwas demonstrieren
– die Wahl geben zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten
– Hinweise geben um einen Sachverhalt zu vereinfachen
– eine Vorgehensweise vorschlagen
– eine Frage teilweise beantworten
– die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken
– einen Rahmen herstellen für etwas Neues oder ein neues Thema einführen
– beim Antworten eine Leerstelle lassen, so dass die Ratsuchende selbst aktiv werden muss
– Ermunterungen zum Suchen einer Antwort ohne inhaltliche Hinweise zu geben
– den Text laut vorlesen oder vorlesen lassen
– als Leser antworten

Entsprechende nonverbale Strategien von kognitivem Scaffolding sind:
– Gesten die als Hinweise fungieren
– Gesten die die Ratsuchende auf bestimmte Textteile fokussieren

Motivationales Scaffolding
Eine weitere Strategie ist das motivationale Scaffolding. Dazu gehören folgende verbale Strategien:
– Anerkennung für die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe
– Humor
– negatives oder positives Feedback
– Bestärkung richtiger Antworten durch Wiederholung derselben
– Erhaltung der Motivation und Bekämpfung von Frustration durch Sympathie und Empathie
Nonverbale Gesten die als motivationales Scaffolding zählen sind alle Gesten, die eine Übereinstimmung und Verbindung mit der Ratsuchenden signalisieren.

Neben dem Scaffolding gab es im aufgezeichneten Gespräch auch direkte Instruktionen.

Methode
Thompson hat das Gespräch im Hinblick auf dieses Scaffolding seitens des Tutors untersucht, indem sie es zunächst gesprächsanalytisch transkribiert und dieses Transkript vom Tutor hat korrigieren und kommentieren lassen. Beim Kodieren ist die den Scaffolding-Definitionen von Cromley und Azevedo (2005) gefolgt und den Gesten-Definitionen von Bavela (1992). Sie hat beim Kodieren ihre Interpretationen mit einem Doktoranden abgeglichen, wobei sie auf 90% Übereinstimmung kamen und die restlichen 10% im Gespräch klären konnten.

Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass der Tutor kognitives und motivationales Scaffolding gleichzeitig nutzt, um die aktive Beteiligung der Ratsuchenden zu erhöhen, die Diskussion voran zu treiben und effektive Überarbeitungen des Textes zu ermöglichen. So ist es wichtig, dass der Tutor eine Art Sicherheitsnetz bildet, mit dem er die Ratsuchende vor Frustration und Scham schützt. Dabei spielen auch die Gesten eine wichtige Rolle, sie sind ein entscheidender Faktor in der gelungenen Gesprächsführung.
Thompson stellt zudem fest, dass der Tutor die verschiedenen Strategien unterschiedlich stark einsetzt: Wenn die Ratsuchende verwirrt ist, bietet er mehr Hilfe an, und wenn sie selbst einen Weg zu finden scheint hält er sich zurück.
Thompson betont, dass eine Schreibberatung offensichtlich nicht einem vorab festgelegten Schema folgen sollte. Zwar beginnt die Beratung damit, gemeinsam eine Agenda festzulegen, doch ist es im Verlauf wichtiger, den Bedürfnissen der Ratsuchenden zu folgen als dem, was vorab festgelegt wurde. Diese Bedürfnisse werden u.U. nicht gleich am Anfang sichtbar, weil sich das Vertrauensverhältnis zwischen Tutor und Ratsuchender erst im Verlauf des Gesprächs entwickelt.
Ferner kritisiert Thompson, dass die Nutzung des Begriffs „Direktivität“ unser Verständnis von Beratungsabläufen limitieren könnte. Scaffolding sei ein günstigerer Begriff, der sowohl direktivere als auch nicht-direktivere Strategien beinhalten könne, aber vor allem auf darauf abziele, dass die Ratsuchende sich wohl fühle und aktiv werde. Wenn Studierende im Verlaufe der Beratung motivational bereit genug seien, könnten Tutoren auch direktiv sehr produktiv agieren, so Thompson. Sei dagegen die Motivation noch nicht genügend aufgebaut wenn Tutoren anfangen direktiver zu agieren, dann würde die Beratung vermutlich weniger erfolgreich verlaufen.
Thompson plädiert dafür, Motivation im Zusammenhang mit Schreibzentrumsarbeit näher zu untersuchen und dabei auch Gesten, Körperhaltung, Gesichtsausdruck etc. stärker in die Forschung mit einzubeziehen.

Das Mindeste, was SchreibberaterInnen wissen sollten…

– so lautete der Titel des Staff Meetings vom letzten Freitag hier im Schreibzentrum in Madison, wo ich zwischen meinen ganzen Reisen endlich auch mal wieder war: „The least you need to know about…“.
Die Idee dahinter: Es gibt viele Fragen zu verschiedenen Bereichen in der Schreibberatung, die immer wieder auftauchen. Das Meeting sollte dazu dienen, einige Fragen zu diskutieren und mehr über bestimmte Bereiche zu erfahren. Folgende Themen wurden in sogenannten Breakout Sessions, also in Kleingruppen, behandelt:

– Legal Writing (also Schreiben an der rechtswissenschaftlichen Fakultät)

– Literature Reviews across Disciplines (das Genre Literature Review taucht immer wieder auf)

– APA & Chicago Style Citations (Zitierrichtlinien)

– Productive Ways to End a Conference (wie lässt sich eine Beratung produktiv beenden)

– Technology in the Face-to-Face Writing Conference (z.B. der Einsatz von IPads o.ä. während der Beratung)

Die Sessions liefen in drei halbstündigen Zeitfenstern jeweils 3x hintereinander, so dass alle, die nicht selbst eine Session leiteten, die Chance hatten an drei verschiedenen Sessions teilzunehmen. Ich war zunächst bei der Literature Review, weil ich mich mit diesem Thema gerade für meine eigene Forschungsarbeit befasse. IBei uns nennt man das „Darstellung des Forschungsstands“. Nancy und Stephanie vom Leitungsteam hatten eine sehr informative Präsentation zusammengestellt und versorgten uns mit vielen Materialien. Trotzdem blieb noch Zeit, um Beratungserfahrungen mit diesem Genre zu diskutieren und Fragen in der Runde zu besprechen.

Als zweites war ich in der Session zum produktiven Beenden von Schreibberatungen. Hier machten wir zunächst ein Freewriting und fragten uns dabei, wieviel Zeit wir normalerweise zum Beenden einplanen, wie wir das machen und was wir vielleicht nur manchmal machen. Anschließend sammelten wir gemeinsam die Bestandteile einer gelungenen Beendung von Beratungssituationen und überlegten, wie sich das praktisch umsetzen lassen würde, was in der Theorie allen klar war. Dabei ist mir ein Vorschlag besonders hängen geblieben: Auf den Beratungstischen könnte ein Formular liegen, auf dem die Studierenden am Ende der Beratung eintragen, was ihre nächsten Schritte sind. Darauf könnten auch gleich die Sprechzeiten aufgedruckt sein und ein Feld zum Eintragen des nächsten Beratungstermins.
Die Tafel, auf der wir die Ideen sammelten, füllte sich sehr schnell und am Ende stellten wir fest, dass alleine das Beenden eine ganze Session ausmachen könnte. Ein Fazit war daher, dass nicht alles, was unter „Beenden einer Beratung“ fällt, erst am Ende kommen muss. Zum Beispiel kann man auch zwischendurch schonmal einladen, wiederzukommen, oder man kann auch zwischendurch die Studierenden schonmal bitten, zusammenzufassen, was bisher für sie in der Beratung klar wurde. Und natürlich kann man auch zwischendurch nachfragen, wie es den Studierenden mit der Beratung gerade geht!

Als drittes war ich in der Session zum Legal Writing. Diese wurde von einer Professorin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät angeboten, die dort vor allem juristische Arbeitstechniken und juristisches Schreiben unterrichtet. Sie stellte zunächst fest, dass Jura- Studierende generell die gleichen Schwierigkeiten haben wie andere Studierende auch, und dass bestimmte Prinzipien des Schreibprozesses oder guten Stils sich mit anderen Fächern decken. Dann erklärte sie, dass eine große Schwierigkeit für Studierende darin besteht, sich ihr Publikum vorzustellen. Denn einerseits ist es ein Prinzip, alle Fälle und Gesetze erklären zu müssen – kein Leser kann alles auswendig wissen und keiner will jedes Mal extra Gesetzestexte wälzen. Andererseits kann man aber ein juristisches Grundwissen vorraussetzen. Das ist dann schwer einzuschätzen – und tatsächlich nicht so viel anders als für alle anderen Studierenden, die beim Schreiben ihrer Arbeiten die Balance halten müssen zwischen dem, was im eigenen Fach als bekannt vorausgesetzt werden kann und dem, was erklärt werden muss. Anschließend erklärte die Professorin die wichtigsten Genres und wie sie strukturiert werden und ging auch kurz auf den Stil ein. Insgesamt machte sie den SchreibberaterInnen Mut, ohne Hemmungen mit Jura-Studierenden zu arbeiten. Sie betonte, wie wichtig sie das Schreibzentrum findet und wieviel die Jura-Studierenden dort auch fachunabhängig lernen können.

Ich fand alle drei Sessions sehr interessant und hätte gerne auch noch die anderen besucht. Alles in allem war ich erstaunt, wieviel man in so kurzer Zeit lernen und besprechen kann. Und die Idee, ProfessorInnen einzuladen für eine kurze „Breakout-Session“ sollten wir uns merken, denn das ist eine gute Möglichkeit, sich mit ihnen zu verbünden.

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