Schreibwissenschaft — eine neue Disziplin?

In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum so viel getan in Bezug auf das akademische Schreiben, dass mittlerweile die Frage im Raum steht, ob es allmählich an der Zeit ist, von einer deutschsprachigen Schreibwissenschaft als neuer Disziplin zu sprechen. Mehr von diesem Beitrag lesen

9. Schreib-Peer-Tutor*innen- Konferenz in Freiburg

*von Diana Koppelt*

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Freiburg im Septembersonnenschein

Die 9. Schreib-Peer-Tutor*innen-Konferenz fand in Freiburg statt. Freiburg ist die Stadt mit den meisten Sonnenstunden in Deutschland, die deshalb auch das Toskana des Südens genannt wird.

Doch nicht nur das erfuhr ich zum Konferenzort: In der Straßenbahn verriet mir eine liebe Einheimische keck, dass hier der Geburtsort des Flammkuchens sei und dieser auch nur hier seine ganzes Geschmacksvolumen entfalten würde.

Sehr dankbar und voller neuer Impulse und Motivationsmomente schaue ich jetzt auf drei Konferenz- tage am Schreibzentrum der PH Freiburg zurück und möchte im Folgenden etwas genauer auf einige schöne Lernmomente eingehen.

Der Mehrwert von funktionierendem Teamwork ist und bleibt essentielle Schlüsselkompetenz eines spannenden Persönlichkeitsprofils und ein notwendiger Dauerbrenner für die Vorbereitung, Durchführung und Evaluation von Konferenzbeiträgen. Dies zeigte sich uns,  Jana, Juliane und mir, ganz praktisch beim Ausführen des unterhaltsamen Schreibzirkus-Events, der Einstiegsdarbietung und interaktiven, alle Teilnehmenden einbindenden, Show.

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Jana, Juliane und Diana präsentierten den Schreibzirkus

Hierbei durften wir drei moderieren und dem Publikum die einzelnen Rollen, Charaktere des Zirkus, näher bringen, sowie den Arbeitsauftrag für die nächsten 50 Minuten bis zur Show auf kreative Art und Weise rüberbringen. Besonders beim Einlaufen, dem Moment des Übergangs von der Rede des Rektors zur  Präsentation des Zirkusevents, spürte ich, wie wichtig gute Gruppendynamik ist. So konnten wir für einen kurzen Moment aus unserer Haut fahren und echtes Zirkusfeeling erzeugen, indem wir tanzend, Konfetti werfend und jauchzend zur Bühne liefen. Ab diesem Zeitpunkt lag die Aufmerksamkeit des Publikums auf unserer Seite und spätestens ab jetzt war ein Aufschwung in der Stimmung zu bemerken.

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Die Jongleur*innen haben Wörter gezähmt — alles aus dem Wort „Schreibprozess“

Die Darbietungen der sich dann passend zu den Rollen gefundenen Gruppen überzeugten uns darüber hinaus alle davon, dass ein tiefgründiger, emotionaler und gleichzeitig unterhaltsamer Einstieg in die Schreibthematik jederzeit möglich und sogar gewünscht ist.

Die von mir besuchten Workshops drehten sich um die Themen direktive vs. nicht-direktive Gesprächsführung sowie der Kunst des Fragen-Stellens. Besonders in den Rollenspielen und der daran gekoppelten gemeinsamen Reflexion und Diskussion in 3er-Teams mit jeweils einer ratsuchenden Person, einer beratenden Person sowie einer beobachtenden Person, zeigte sich mir die Wirkung und Nachhaltigkeit von folgenden Gesprächstechniken: offenen vs. geschlossenen Fragen, aktives Zuhören, Spiegeln, Paraphrasiere, Herausforderns und  Konfrontieren.  All diese Gesprächstechniken sind mir bereits aus meiner Ausbildung zur studentischen Schreib-Peer-Tutor*in bekannt. Jedoch ergaben sich nach beinahe zwei Jahren Berater*innen-Tätigkeit am Schreibzentrum der Viadrina dennoch bestärkenden Lernmomente zur Effektivität und Wirkungsreichweite dieser Techniken für mich. Indem ich mich beispielsweise noch einmal im Modus des spielerischen Ausprobierens noch einmal beraten ließ, wiederholten sich „Aha“-Momente, die ich bereits in meiner Schreibberater*innen-Ausbildung erfahren durfte. Nur lag dem Ganzen diesmal Tiefe und Erfahrung zugrunde, die in der Bestätigung zur Effizienz und Notwendigkeit der Tätigkeit abgerundet wurde. Wieder einmal zeigte sich, wie produktiv der verbale Austausch zum aktuellen Schreibprojekt sein kann, wenn es eine neutrale, zuhörende Person gibt, die nur gelegentlich durch bestimmte Gesprächstechniken in den Redefluss einwirkt und somit zur Vervielfältigung der Gedanken und eigenständig generierten Erkenntnissen der sprechenden und schreibenden Person beiträgt. Zusammenfassend lässt sich konstatieren: Die Genialität liegt im Einfachen. In diesem Fall im dynamischen Austausch einer ratsuchenden und einer geschulten beratenden Person.

Im Zusammenhang mit der Keynote von Daniel Spielmann (akademischer Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt/Main) zur sprachsensiblen Schreibzentrumsarbeit nehme ich gekoppelt an die oben aufgeführten Workshop-Themen die Erkenntnis mit, dass ich zukünftig noch mehr auf potentiell wertende Äußerungen achten und mich dahingehend noch bewusster damit auseinander setzen will. Häufig mischen sich schnell persönliche Interpretationen und Wertungen in den verbalen Output, die potentiell zur Verengung von Beratungsmöglichkeiten führen können. Das Geheimnis einer gelungenen Beratung jedoch liegt für mich in einer sich zu einem Ziel zuspitzenden Kommunikation, die im Idealfall von Erkenntnisprozessen der ratsuchenden Person begleitet wird.

Ein wunderbarer Moment der Verselbstständigung der Teilnehmenden-Kommunikation ergab sich auch in dem von mir gegebenen Workshop zu den „(Inter-)nationalen Tandems für Schreiben und Austausch“. Zu folgenden Leitfragen und Gesprächsanregungen ergab sich wie von selbst ein langwieriger und tiefgründiger Austausch:

  • „Schreiben – ein Werkzeug …“
  • Welcher Schreibtyp bist du?
  • Was sind aktuelle Anliegen an deinem Schreibzentrum?

Kurzzeitig dachte ich anfangs mit der Frage „Welcher Schreibtyp bist du?“ ein eher bekanntes als spannendes Fass aufzumachen. Jedoch bestätigte mir die rege Gesprächsbereitschaft der teilnehmenden Personen des Workshops, dass gerade der Austausch zu Basisanliegen bis heute nicht an Relevanz eingebüßt hat. Im Gegenteil: Ich bemerke seit einiger Zeit, dass die Auseinandersetzung mit Basisthemen (z.B. Gesprächsführung, Fragen stellen etc.) verstärkt wieder gewünscht wird und plädiere zu Workshops solcher Gestalt.

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Das Lieblingsteam

Die Konferenz war auch diesmal wieder ein Raum des Lernens von meinen Team-Mitgliedern. Im informellen Rahmen eines Restaurantbesuchs mit meinem Lieblingsteam durften wir auf vergnügliche und zugleich tiefgründige Art und Weise Basislektionen zum Auftreten und Benehmen als Frau im öffentlichen Raum erhalten. Ich fühle mich darin ermutigt, meinen Platz noch bewusster einzunehmen und meiner Stimme, meinen Ideen und Kommentaren, noch proaktiver Gehör und Sichtfeld zu verleihen, was einerseits durch bewussten Sprachgebrauch und andererseits durch Mut zum Gesehen-Werden geschehen kann.

Peer Schreib TutorInnen Konferenz 2013

Bereits zum sechsten Mal hat am vergangenen Wochenende die Peer Schreib TutorInnen Konferenz stattgefunden. Was in Frankfurt (Oder) 2008 mit 20 Teilnehemenden begonnen hatte, ist mittlerweile zu einem großen Event geworden, für das sich 150 Peer TutorInnen und SchreibzentrumsmitarbeiterInnen angemeldet hatten. Das Team des Bochumer Schreibzentrums schuf einen wunderbaren Rahmen mit Café, zu gestaltender Deutschlandkarte und perfekter Organisation.

Am ersten Tag hielt Otto Kruse einen Keynote-Vortrag. Es war für die Teilnehmenden sehr spannend, den Autor von „Keine Angst vor dem leeren Blatt“  live zu erleben. In seinem Vortrag unterstrich Otto, wie wichtig es ist, in der prozessorientierten Schreibberatung auch Sprachwissen zu vermitteln. Unter Sprachwissen versteht er ein Wissen über Formulierungen, die in wissenschaftlichen Texte bewusst eingesetzt werden können, zum Beispiel um Vorsicht bzw. Distanz zu einer Position zu signalisieren.

Anschließend gab es zahlreiche Workshops und einige Vorträge, alle vorbereitet von verschiedenen Schreibzentren. Unser Schreibzentrum war vertreten mit einem Workshop über die Gestaltung von Konferenz-, Lehr- und Schreibzentrumspostern, den Anja Poloubotko und Michal Zytyniec durchführten. Marlene Schulze und Katrin Girgensohn erprobten in einem weiteren Workshop die „beschreibende Gliederung“, eine Methode im Rahmen der Peer TutorInnen Ausbildung nach Kenneth Bruffee. In anderen Workshops wurden kreative Methoden in der Schreibberatung erprobt und diskutiert, in eine Google+-Community für Peer Schreib TutorInnen eingeführt, Mission Statements für Schreibzentren entwickelt, Beratungsmethoden ausprobiert, Forschung zu Mehrsprachigkeit in Schreibzentren vorgestellt und vieles mehr. Wir konnten zahlreiche neue Impulse mitnehmen, uns mit anderen austauschen und gemeinsam neue Ideen entwickeln.

Der zweite Teil der Tagung war als ein Open Space gestaltet. Ein Open Space ist ein sehr offenes Format, bei dem sich mehrmals Gruppen zusammenfinden, um gemeinsam Themen zu bearbeiten. Zur Einstimmung gab Katrin Girgensohn einen Rückblick auf die Geschichte der Schreibzentren in Deutschland und auf die vielen Erfolge, die wir schon dem Engagement von Peer TutorInnen zu verdanken haben, wie zum Beispiel die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten oder die Fachzeitschrift JoSch (Journal der Schreibberatung). Dieser Rückblick machte Lust darauf, über eigene Themen und Anliegen nachzudenken und diese einzubringen. Die Themen wurden von den Anwesenden gesammelt und dann bestimmten Decken zugeteilt. Decken deshalb, weil die Gruppen sich auf Decken und Kissen gruppierten. In vielen Gruppen wurden Themen aus den voran gegangenen Workshops wieder aufgegriffen und weiter besprochen oder bearbeitet. Andere beschäftigten sich mit darüber hinaus gehenden, die Peer TutorInnen betreffenden Themen. So entstanden z.B. konkrete Pläne für ein gemeinsames Wiki mit Schreibmethoden für Schreibberatungen und Schreibworkshops. Auf einer anderen Decke überlegten Peer TutorInnen, die demnächst mit dem Studium fertig werden, wie es im Anschluss an das Studium für sie weitergehen kann: Wo lassen sich die in der Schreibberatungspraxis gewonnenen Kompetenzen im Beruf einbringen? Die Themenvielfalt war spannend und führte dazu, dass viele als „Hummeln“ von einer Decke zur anderen fliegen wollten. Das Format des Open Space erlaubt das Hummeln ausdrücklich. Doch meistens waren die Diskussionen dann doch so spannend, dass die Hummeln an den Decken hängen blieben.

Auch der Sonntag wurde noch einmal im Open Space Format gestaltet. Diesmal ging es dabei darum, Anliegen zu bearbeiten, die über die Peer TutorInnen Konferenz hinaus umgesetzt werden können. Dabei entstanden viele konkrete Vorhaben. So wird die Google+-Community der Peer TutorInnen weiter bestehen, sich über eine gemeinsame Ethik verständigen und auch die Erstellung eines Schreibmethoden- und Schreibworkshop-Wikis begleiten. Es fanden sich auch Peer Tutorinnen zusammen, die dafür sorgen werden, dass auf der im Juli 2014 stattfindenden Konferenz der European Writing Centers Association das Engagement der Peer TutorInnen im deutschsprachigen Raum sichtbar wird. So soll es dort einen Peer Tutor Day geben, eigene Panels für Peer TutorInnen und eine Ausstellung, die die Arbeit und Vernetzung visualisiert. Ebenfalls sehr wichtig ist die Bildung einer Speziellen Interessengruppe (SIG), die die Anliegen der Peer TutorInnen in der neu gegründeten Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung vertreten wird. Die Gruppe möchte sich zum einen der Öffentlichkeitsarbeit widmen und diese Gesellschaft insbesondere bei Peer TutorInnen bekannt machen. Zum anderen möchte sie eng mit der SIG zur Erarbeitung von Qualitätsstandards für die Peer TutorInnen Ausbildung zusammen arbeiten. Die Gruppe formulierte das Anliegen, dass Peer TutorInnen-Ausbildungen bundesweit in Umfang und Inhalten vergleichbar werden, dass verschiedene Beratungsansätze integriert und wechselseitige Hospitationen ermöglicht werden.

Die Peer TutorInnen Konferenz 2013 wird uns lange als eine Veranstaltung in Erinnerung bleiben, auf der wir nicht nur viel von- und miteinander gelernt haben, sondern auf der auch in bildungspolitischer Hinsicht Vieles in Bewegung gekommen ist. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Rahmen der EWCA Konferenz 2014 in Frankfurt (Oder) und im Rahmen der nächsten Peer Schreib TutorInnen Konferenz 2014 in Frankfurt am Main!

Weitere Eindrücke gibt es übrigens bei Twitter: #ptk13

Anja, Michal, Marlene, Josi, Franziska und Katrin

Frisch gerösteter Kaffee, frisch gebackenes Brot: Der Duft des Schreibzentrums im Coe College

sign coe college writing centerMein Besuch des Writing Centers am Coe College in Iowa ist mir als ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es fing schon damit an, dass ich, bevor ich überhaupt das Schreibzentrum betrat, auf Toilette ging und in meiner Kabine mit einer Wandzeitung überrascht wurde: „wcwc – the writing center water closet“. Dort las ich ein erstaunliches, örtlich passendes Hemingway-Zitat: „The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it”. Neben Unterhaltsamem veröffentlicht wcwc auch die Termine des Schreibzentrums, Zitate von Ratsuchenden, Veranstaltungshinweise und Buchempfehlungen.

wcwc

writing center water closet - die ganz spezielle Wandzeitung des Schreibzentrums

Als ich dann ganz beschwingt ins Schreibzentrum ging, kam ich gerade rechtzeitig zum „Tuesday Tea“, der wöchentlichen öffentlichen Tee-Runde. Diese entpuppte sich als informelles Teamtreffen für alle die Lust hatten zu kommen und für alle anderen Studierenden und Lehrenden. So hatte ich gleich die Gelegenheit, viele der Tutoren persönlich kennen zu lernen. Zumindest dachte ich, es seien viele, bis ich erfuhr, dass insgesamt über 70 Tutoren im Writing Center arbeiten. Viele von ihnen beginnen gleich im ersten Semester und bleiben dann im Schreibzentrum bis zu ihrem Studienabschluss. Das Schreibzentrum ist damit ein ganz wesentlicher Teil ihrer College-Identität. Bob Marrs, der Direktor des Schreibzentrums, findet genau das sehr wichtig: Die Tutoren sollen das Schreibzentrum als ihren Raum in der Uni erleben, sich mit ihm identifizieren, Verantwortung übernehmen und ihn prägen. Deshalb ist das Schreibzentrum auch extrem gemütlich. Es ist ein großes Wohnzimmer mit vielen Sofa-Nischen, in denen die Beratungen stattfinden, mit Kunst an den Wänden, Leselampen, Pflanzen – und einer riesigen Küche! Im Gespräch mit den TutorInnen hatte ich sofort das Gefühl, dass ihnen das Schreibzentrum sehr wichtig ist und sie sich dort Zuhause fühlen. Darüber hinaus hatte ich aber auch den Eindruck, dass sie ein sehr fundiertes Wissen über Schreibberatung haben. Zunächst fragte ich mich, wie das kommt, da mir die beiden Tutorinnen, die mich später noch zum Pizza essen ausführten, erklärten dass ihr Training zu Beginn ihrer Tätigkeit im Schreibzentrum nur ein „Retreat“ ist, also ein mehrtägiges Seminar für das sie gemeinsam wegfahren. Dort ginge es aber vor allem um Teambuilding und weniger um Schreibzentrumstheorie.

Später hat Bob mir erklärt, dass er zunächst viel Wert darauf legt, dass die TutorInnen sich untereinander gut kennenlernen, damit sie dann voneinander und miteinander das Beraten lernen. Erfahrene TutorInnen arbeiten eng mit den Neuen zusammen. Außerdem gibt es wöchentliche Teamtreffen. Und alle, die im Schreibzentrum arbeiten, müssen im Laufe der acht Collegsemester ein Schreibzentrumstheorie-Seminar besuchen. Und zwar insgesamt vier Mal! Ich habe zunächst überhaupt nicht verstanden, weshalb das gleiche Seminar viermal besucht wird, aber die TutorInnen erklärten mir, dass ihnen das sehr gut gefalle. Zum einen, weil sie die gleichen Texte anders lesen und diskutieren würden, je nachdem, wieviel Beratungserfahrungen sie schon hätten. Und zum anderen, weil es jeweils andere Konstellationen von Teilnehmenden seien, so dass sich ganz andere Diskussionen ergäben. Außerdem gehört es zum Seminar, empirische Forschungsprojekte in Kleingruppen durchzuführen. Diese

Die Küche des Schreibzentrums

Forschungsprojekte basieren auf der Datenbank des Schreibzentrums, in der Protokolle aller Beratungen gesammelt werden (statistische Daten und kurze Beschreibungen der Gespräche). Es sei sehr gut, so erklärten mir die Tutorinnen, wenn man das mehrmals mache, weil sich durch die Forschungspraxis der Blick schärfe und man Ideen für neue Forschungsprojekte bekomme, für die man dann durch die Erfahrung auch schon besser gewappnet sei. (Ich hatte bei der Midwest Writing Centers Conference im Oktober einen Vortrag von Coe College-TutorInnen gehört und war damals sehr beeindruckt, also kann ich bestätigen, dass die Forschungsprojekte der Studierenden Hand und Fuß haben!).

Coe College Writing Center

Die Mischung aus Informalität des Lernens und Gründlichkeit in der Ausbildung im Writing Center des Coe College hat mich sehr fasziniert. Bob, als Direktor des Schreibzentrums, hält sich sehr im Hintergrund und nimmt den Gedanken des Peer Tutoring in allen Bereichen sehr ernst. Nicht nur in der Beratung, sondern auch in der Verwaltung und Leitung des Schreibzentrums. Denn auch diese legt er in vielerlei Hinsicht möglichst in die Hände der Studierenden. Diese sind zuständig für Werbung, für wcwc und andere Publikationen, für Forschung, usw., immer in Teams für ein gemeinsames Erlernen dieser Verantwortung. Als ich kam, bereitete ein Team gerade eine Art Assessment Center für die Studierenden vor, die sich gerade für die neuen Stellen bewerben. Selbstverständlich werden die jetzigen Tutoren wesentlich dafür verantwortlich sein, diese auszuwählen.

Coe College Writing CenterNicht weniger verantwortungsvoll, so erklärten mir die TutorInnen, seien die Teams, die zuständig sind für das Kaffee rösten und für das Brot backen. Huch? Und was hat das mit Schreibberatung zu tun? Bob und seine Leute waren eher erstaunt darüber, dass mir das nicht sofort klar war: Schreiben und Essen, bzw. Sinnesgenüsse gehören doch zusammen! Wenn ich an unsere Teamtreffen, Schreibgruppen und Schreibnächte in Frankfurt (Oder) denke, kann ich das nur bestätigen. Außerdem, so wurde mir erklärt, duften Brot und frischer Kaffee herrlich. Der Duft trägt zur Behaglichkeit im Schreibzentrum bei und lockt Leute herein. Außerdem sind das Backen und Rösten teil des Teambuildings. Und diese Teams sind offenbar sehr überzeugend. Jedenfalls ist es ihnen gelungen, im Rahmen des Umzugs des Centers, der erst kürzlich stattgefunden hat, eine Küche zu bekommen, die größer ist als so manches Schreibzentrum das ich hier schon gesehen habe.

Blick von der Küche ins SZAber auch akademisch überzeugt das Writing Center. Immer wieder gewinnen TutorInnen des Schreibzentrums Stipendien oder bekommen sehr gute Jobs, weil sie durch die Arbeit im Schreibzentrum sehr gute Kommunikationsfähigkeiten haben, Verantwortung übernehmen und kritisch denken. Das ist auch der Unileitung schon aufgefallen und deshalb unterstützt sie das Writing Center, so viele Tutoren wie möglich auszubilden und zu beschäftigen. Und wenn man sich mal die Relation anguckt, die es zwischen Studierendenzahl am College und SchreibzentrumstutorInnen gibt, dann spricht das Bände: auf 1200 Studierende kommen fast 70 SchreibberaterInnen. Wollten wir in Frankfurt (Oder) ein ähnliches Betreuungsverhältnis haben, müssten wir 333 TutorInnen beschäftigen. Ich denke, wir werden erstmal auf ein Zehntel dieser Zahl hinarbeiten – und vielleicht einen Brotbackautomaten?

Hohop Bean roaster

Hohop Bean roaster

PS: Das Schreibzentrum gibt auch eine Zeitschrift heraus, in der Literatur und Reiseberichte mit interkulturellem Blickwinkel veröffentlicht werden. Sie heißt Colere und ist richtig, richtig gut! Bob möchte damit Tutoren die Gelegenheit geben, das Herausgeben von Zeitschriften zu lernen. Beiträge (auf Englisch) aus Deutschland wären sehr willkommen, meinte er.

 

Erinnerungen an Göttingen

Vier Wochen sind es nun her, seit dem wir mit Rucksack, Büchern, vorbereiteten Workshops und guter Laune nach Göttingen gefahren sind. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Wenn ich jetzt die Augen schließe, bin ich noch einmal in der Fakultät für Interkulturelle Germanistik, die wir nach langem Suchen gefunden haben.

Die Göttinger begrüßten uns stürmisch und jeder erhielt ein Ansteckschildchen mit Namen. Gefühlte tausend neue Gesichter aus Bielefeld,  Darmstadt, Freiburg, Hildesheim und Jena. Auch ich war eines davon, meine erste PeertutorInnen- Konferenz. Am ersten Abend gab es viel Informationsaustausch, Plauderei und leckeres Essen: „Wo kommst du her? Was studierst du? Wie laufen bei euch die Schreibberatungen? Hast du den Salat schon gekostet oder die Nudeln?“

Dann begannen die Workshops und Seminare. Ich erinnere mich gut, dass mir die Entscheidung nicht leicht fiel, da alle Angebote so spannend waren. Warum haben wir nur ein Wochenende? Hätten wir zwei Tage mehr, hätte jeder jede Veranstaltung besuchen können.

Besonders interessant fand ich den Workshop Rollenbilder und Rollenkonflikte von SchreibberaterInnen“. Angeleitet wurde er von Melanie Brinkschulte und Ella Grieshammer vom Internationalen Schreibzentrum der Georg- August- Universität Göttingen.

Zum Workshop gehörten Diskussionsrunden über die eigene Schreibberaterrolle und über das Vorkommen von stereotypen Beraterbildern. In kleinen, inszenierten Mockberatungen wurden die etwas außergewöhnlichen Beratungssituationen durchgespielt. Ich weiß noch, dass ich mich gleich für die Rolle der Ratsuchenden entschieden hatte. Der Berater bekam ein festes Rollenmuster vorgeschrieben, das ich vorher nicht kannte. Und so kam ich als „Ersti“ in die Beratung, und wollte wissen, was denn nun wissenschaftliches Schreiben so ist und wie man es am besten lernt.

Mein Berater war ein Kumpeltyp, stellte sich heraus. Immer schnell mit den Argumenten zur Seite: „Ja, ja, das Problem kenne ich auch. Mach dir bloß keine Sorgen, das wird schon.“ Informationen und Hilfestellung zum wissenschaftlichen Schreiben hatte ich keine bekomme. Aber ich weiß zumindest, wen ich jetzt bei Facebook suchen kann, wenn ich abends mal quatschen möchte.

Andere Rollen waren, die Lehrerrolle, die Rolle der gestressten akademischen Mitarbeiterin oder die Mutterrolle. Abschließend wurde in großer Runde über das Thema diskutiert.

Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass jeder Mensch in verschiedenen Situationen entsprechende Rollen einnimmt. Einerseits wird meine Rolle durch meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen bestimmt. Andererseits können das Verhalten und die Situation meines Kommunikationspartners mich dazu verführen, ein bestimmtes Rollenmuster einzunehmen. Die Reflexion über die Rollenstereotypen hat sehr geholfen, bestimmte Rollenmuster zu erkennen und zu verdeutlichen, dass es in Schreibberatungen nicht genügt, nur in dieser Rolle zu agieren.

So konnte jeder insgeheim seine eigene Rolle entdecken, die ihm bisher vielleicht gar nicht bewusst war. Und welche Rolle war es bei mir? Soll ich es verarten? Nein, ich verrate es nicht! Aber jeder der möchte, kann es in meinen Beratungen selbst herausfinden.

Ein anderer Workshop beschäftigte sich mit dem Thema Interkulturalität in der Schreibberatung. Zunächst sollte jeder Teilnehmer den Begriff Kultur definieren. Schon hier war klar, dass die Definitionen unterschiedlich sein werden. Ist Kultur jede Form des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens und Verhaltens allgemein? Oder setzt Kultur erst dort ein, wo man von besonderer Bildung sprechen kann? Nein, Kultur ist alles, was eigentlich Luxus ist, wie Theater, Musik, Malerei, Dichtung. Aber grenzen wir hier nicht zu viel aus? Einen umfassenden Kulturbegriff konnten wir nicht zusammentragen, für jeden bedeutet Kultur eben etwas anderes.

Konferenz-Teilnehmer beim Schreiben

Dann folgte das kreative Spiel, „Zitronella“, für das wir uns in kleine Gruppen teilten. Jede  Gruppe bekam eine Zitrone. Jede der Zitronen hatte ihre eigene Geschichte und ihren Namen. Und so kam die eine Frucht aus Brasilien, die andere aus Italien, die eine war quittegelb, die andere blassgelb, die eine hieß Renata, die andere eben anders. Nach dem jede Gruppe eine kleine Geschichte über das Obststück verfasst hatte, gaben wir die Zitronen wieder zurück. Die Geschichten wurden gegenseitig vorgelesen. Dann sollte jede Gruppe erneut nach vorn kommen und jeweils ihre Zitrone wieder finden. Unglaublich! Jede Gruppe fand ihre Zitrone wieder. Wie unterschiedlich doch die Früchte sind, auch wenn man es zunächst nicht wahrnimmt. Wir mussten unsere Zitronen schließlich erst kennen lernen.

Die nächste Übung fand in der großen Gruppe statt. Sie hieß „Der Eisberg der Kultur“. Ein Eisberg ragt aus dem Wasser, nur die Spitze ist wahrnehmbar, alles andere ist verdeckt. Im übertragenden Sinne wurde gefragt, was man an einer Person äußerlich erkennen kann und was uns verborgen bleibt. Die Leiter des Workshops (Carolin Hermann, Maike Krieger, Julia Schneider aus Darmstadt) klebten unsere Antworten auf kleinen Zetteln rund um den skizzierten „Eisberg“ an die Tafel. Deutlich wurde allen Teilnehmern, dass die wenigen sichtbaren Elemente wie Kleidung, Aussehen und Sprache auf der Spitze des Bergs nicht viel sagen gegenüber den Elementen unter der Wasseroberfläche: Erfahrung,  Erziehung, Denkweisen, Interessen, Kommunikationsstile, Religion, Werte und so weiter. Und wie lange braucht es, um den „Anderen“ wirklich zu verstehen?

Die Arbeit im Workshop „Interkulturalität in der Schreibberatung“ diente nicht nur dazu, den SchreibberaterInnen zu zeigen, wie wichtig eine offene und unvoreingenommene Haltung gegenüber Ratsuchenden mit anderem kulturellen und sprachlichen Hintergrund ist. Noch stärker war die Botschaft, dass jeder Mensch seine individuelle Kultur lebt, eben so, wie er sie definiert und beschreibt. Schon dafür braucht es gegenseitige Wertschätzung und Toleranz.

Die Beiträge gingen dem Ende zu und das Autorenteam, Franziska Liebetanz, Nora Peters, Ella Gieshammer und Jana Zegenhagen stellte noch ihr Buchprojekt vor: Zukunftsmodell Schreibberatung: Eine Anleitung für die Begleitung von Schreibenden im Studium.

Dann brachen wir auf zu unserem einstündigen Stadtrundgang, bevor das Abendessen in der „Blooming Bar“ auf uns wartete. Die Konferenzteilnehmer sollten den Rundgang literarisch gestalten und in kleinen Gruppen Texte schreiben. Das Thema: Eine Liebesgeschichte, zwischen zwei Studenten in Göttingen. Während David Kreitz uns durch die Stadt führte, machte er immer wieder an besonderen Plätzen und Gebäuden Halt und erklärte sie uns. So lernten wir das Deutsche Theater kennen, die Stadtbibliothek, das „Gänseliesel“ (Brunnen als Wahrzeichen der Stadt) und vieles mehr. Dann sollten wir diese Orte in unsere Göttinger Begegnungsgeschichte einfließen lassen.

Nach gut einer Stunde trafen wir in der „Blooming Bar“ ein, etwas durchgefroren, munter und hungrig. Nach dem Essen stellten alle Gruppen ihre kleinen Kunstwerke vor. Es sind viele Kurzgeschichten, Fragmente und Anekdoten entstanden. Juliane Patz hatte sich für das Genre „Gedicht“ entschieden. Hier könnt ihr es lesen, um einen besonderen Eindruck von Göttingen zu bekommen:

Göttinger Liebeslied

Vom Fahrrad fiel einmal Susann,
da fasste mutig Pierre mit an,
um sie schnell wieder hochzuheben,
ihr ’ne Theaterkarte abzugeben.

Im Saal spielte „Romeo und Juliette“,
er sagte, dass er gern ’ne Freundin hätt‘,
bisher sei er immer alleine gewesen
und habe nur in der Bib gelesen.

„Ich saß am Schreibtisch nächtelang“,
sprach er, „und mir war angst und bang,
dass sich wohl niemals jemand findet,
der sich für einen Abend an mich bindet.“

„Doch doch, ja ja, ich komme mit,
hab‘ Zeit und halte mit dir Schritt.“

Das Fahrrad ließ sie liegen,
für heute sollt‘ er siegen.

„Woll’n wir uns morgen am Gänseliesel wiedersehen
und auf dem Brunnensims spazieren gehen?“

Tja, bis wir von ihm und Susann wieder singen,
freut sich der Pierre vor allen Dingen,
dass Göttingen, die schöne Stadt,
für ihn nun auch ein Mädchen hat.

(Juliane Patz)

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