Schreibwissenschaft — eine neue Disziplin?

In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum so viel getan in Bezug auf das akademische Schreiben, dass mittlerweile die Frage im Raum steht, ob es allmählich an der Zeit ist, von einer deutschsprachigen Schreibwissenschaft als neuer Disziplin zu sprechen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Zehn Jahre Schreibcenter der Uni Klagenfurt – Herzlichen Glückwunsch!

Klagenfurt

Am 14.und 15. November 2014 hat das Schreibcenter der Alpen Adria Universität Klagenfurt sein 10jähriges Jubiläum gefeiert und aus diesem Anlass auch zu einer Tagung eingeladen, die gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftliches Schreiben (Gewiss) ausgerichtet wurde. Außerdem wurde eine Lange Nacht des Schreibens veranstaltet. Ich möchte hier ein paar Eindrücke teilen, die ich mitgenommen habe, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

In Erinnerung bleibt mir zum Beispiel der Film, den das Schreibcenter anlässlich des Jubiläums produziert hat. Darin kommen unter anderem Lehrende zu Wort, die mit dem Schreibcenter zusammenarbeiten, um die Lehre durch Schreiben aktiver und studierendenzentrierter zu gestalten. Es wird von den vielen Facetten berichtet, die den Alltag des Schreibcenters ausmachen – neben der Arbeit mit Studierenden gibt es zum Beispiel Schulkooperationen und viele weitere Kooperationen in der Region Kärnten. Gespickt wird der Film mit vielen Zitaten über das Schreiben, die Lehrende, Forschende und SchriftstellerInnen vortragen – einer sogar auf dem Kopf stehend.

Im Eröffnungsvortrag erinnerte Gerd Bräuer an die Entstehungszeit des Schreibcenters, die er begleitete. Das Motto damals war zunächst: „Mit wenig Geld viel bewirken“, denn, wie so oft in unserem Bereich, war die Anfangszeit vor allem von viel Engagement der Beteiligten getragen. Unbestritten ist sehr viel bewirkt worden und die Arbeit des Schreibcenters dreht sich keineswegs nur um das Schreiben, sondern auch sehr viel um das Lernen und Lehren. Bei dem „wenig Geld“ dürften Schreibzentren aber nicht stehen bleiben, mahnte Gerd Bräuer im Hinblick auf die vielen Schreibzentrumsgründungen der letzten Jahre an. Zu groß ist sonst die Gefahr, dass Schreibdidaktik nur zu kosmetischen Veränderungen führt und nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung der Lehr-Lernkulturen im Sinne des Literacy Management.

Ein Workshop von Alexandra Peischer brachte die Schreibberatung zusammen mit der Systemischen Beratung. Es war für mich nicht das erste Mal, dass ich versucht habe, zu verstehen was die systemische Beratung von der nicht-direktiven, schreibendenzentrierten Beratung unterscheidet, die in vielen Schreibzentren der Beratungsansatz ist (siehe zum Beispiel den Aufsatz von Ulrike Lange und Maike Wiethoff im Band „Schreiben“ von Stephanie Dreyfürst und Nadja Sennewald). Auch dieses Mal fand ich die Unterschiede in den Beratungsansätzen theoretisch wenig fassbar. Allerdings konnten wir einige Werkzeuge der systemischen Beratung in Rollenspielen erproben. Durch diese praktische Herangehensweise konnte ich erleben, inwiefern einige dieser Werkzeuge den „Beratungskoffer“ für die Schreibberatung sinnvoll ergänzen. Das war überzeugend und hat mir Lust auf mehr gemacht.

Als Ergänzung zur Schreibberatung haben Birgit Huemer und Marcus Rheindorf ihren Ratgeber vorgestellt: „Das Betreuungsgepräch: ein Ratgeber für die Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten“. Das von der Universität Luxembourg herausgegebene Booklet basiert auf den in vielen Schreibberatungen gesammelten Erfahrungen zur Betreuungsproblematik und richtet sich explizit an Lehrende, nicht an SchreibdidaktikerInnen. Es geht darin u.a. darum, das Betreuungsverhältnis zu definieren und zu klären, welche unterschiedlichen Betreuungsleistungen in den unterschiedlichen Phasen von Schreibprozessen erforderlich sind. Ein weiteres Kapitel unterstützt dabei, eine gemeinsame Sprache der Betreuenden und der Betreuten zu entwickeln, um das Sprechen über das wissenschafliche Arbeiten zu erleichtern. Die AutorInnen plädieren dabei dafür, sich bewusst mit dem Gebrauch von Metaphern auseinanderzusetzen. Ein Kapitel zum Textfeedback erläutert schließlich die verschiedenen Dimensionen des Feedbacks auf wissenschafliche Arbeiten und betont dabei, dass diese jeweils auch abhängig davon sind, in welcher Studienphase die Schreibenden sind – StudienanfängerInnen bräuchten anderes Feedback als Studierende, die ihre Abschlussarbeit schreiben.

Otto Kruse stellte in einem Vortrag Forschungsergebnisse aus einer Fragebogenstudie mit BA-Studierenden und deren Lehrenden vor, die in Kooperation mit der Universität Konstanz entstanden ist. Diese Studie basiert auf dem in einem EU-Projekt entwickelten, ursprünglich länderübergreifenden und mehrsprachigen „European Writing Questionnaire“. Ziel der Studie ist es, Daten zu gewinnen, mit denen ein Verständnis für Schreibkulturen an Hochschulen entwickelt wird und die z.B. Schreibzentren bei der Argumentation für ihre Arbeit unterstützen können. Die Schwerpunkte sind dabei Schreib- und allgemeine Studienkompetenzen, Schreibpraktiken, Einstellungen zum Schreiben, Genres im Studium und Interpretation der Genres, Vergleich zwischen Fächergruppen bzw. Disziplinen, Vergleich von Stufen des Studiums, Vergleich von Lehrenden vs. Studierenden (Selbst- und Fremdeinschätzung der Kompetenzen) und der Bedarf an Unterstützung für das Schreiben aus Sicht Studierender. Die Ergebnisse vorzustellen würde an dieser Stelle zu weit gehen. Das Instrument dieses Fragebogens erscheint mir jedenfalls sinnvoll, auch wenn sich gezeigt hat, dass es gar nicht so einfach ist, bestimmte Dinge zu erfragen. Zum Beispiel scheinen die Befragten unter dem Begriff „Hausarbeit“ nicht immer das gleiche zu verstehen.

An dieser Stelle noch einmal ganz herzlichen Glückwunsch zum 10jährigen Geburtstag und vielen Dank für die gelungene Feier an alle Beteiligten!

 

 

Peer Schreib TutorInnen Konferenz 2013

Bereits zum sechsten Mal hat am vergangenen Wochenende die Peer Schreib TutorInnen Konferenz stattgefunden. Was in Frankfurt (Oder) 2008 mit 20 Teilnehemenden begonnen hatte, ist mittlerweile zu einem großen Event geworden, für das sich 150 Peer TutorInnen und SchreibzentrumsmitarbeiterInnen angemeldet hatten. Das Team des Bochumer Schreibzentrums schuf einen wunderbaren Rahmen mit Café, zu gestaltender Deutschlandkarte und perfekter Organisation.

Am ersten Tag hielt Otto Kruse einen Keynote-Vortrag. Es war für die Teilnehmenden sehr spannend, den Autor von „Keine Angst vor dem leeren Blatt“  live zu erleben. In seinem Vortrag unterstrich Otto, wie wichtig es ist, in der prozessorientierten Schreibberatung auch Sprachwissen zu vermitteln. Unter Sprachwissen versteht er ein Wissen über Formulierungen, die in wissenschaftlichen Texte bewusst eingesetzt werden können, zum Beispiel um Vorsicht bzw. Distanz zu einer Position zu signalisieren.

Anschließend gab es zahlreiche Workshops und einige Vorträge, alle vorbereitet von verschiedenen Schreibzentren. Unser Schreibzentrum war vertreten mit einem Workshop über die Gestaltung von Konferenz-, Lehr- und Schreibzentrumspostern, den Anja Poloubotko und Michal Zytyniec durchführten. Marlene Schulze und Katrin Girgensohn erprobten in einem weiteren Workshop die „beschreibende Gliederung“, eine Methode im Rahmen der Peer TutorInnen Ausbildung nach Kenneth Bruffee. In anderen Workshops wurden kreative Methoden in der Schreibberatung erprobt und diskutiert, in eine Google+-Community für Peer Schreib TutorInnen eingeführt, Mission Statements für Schreibzentren entwickelt, Beratungsmethoden ausprobiert, Forschung zu Mehrsprachigkeit in Schreibzentren vorgestellt und vieles mehr. Wir konnten zahlreiche neue Impulse mitnehmen, uns mit anderen austauschen und gemeinsam neue Ideen entwickeln.

Der zweite Teil der Tagung war als ein Open Space gestaltet. Ein Open Space ist ein sehr offenes Format, bei dem sich mehrmals Gruppen zusammenfinden, um gemeinsam Themen zu bearbeiten. Zur Einstimmung gab Katrin Girgensohn einen Rückblick auf die Geschichte der Schreibzentren in Deutschland und auf die vielen Erfolge, die wir schon dem Engagement von Peer TutorInnen zu verdanken haben, wie zum Beispiel die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten oder die Fachzeitschrift JoSch (Journal der Schreibberatung). Dieser Rückblick machte Lust darauf, über eigene Themen und Anliegen nachzudenken und diese einzubringen. Die Themen wurden von den Anwesenden gesammelt und dann bestimmten Decken zugeteilt. Decken deshalb, weil die Gruppen sich auf Decken und Kissen gruppierten. In vielen Gruppen wurden Themen aus den voran gegangenen Workshops wieder aufgegriffen und weiter besprochen oder bearbeitet. Andere beschäftigten sich mit darüber hinaus gehenden, die Peer TutorInnen betreffenden Themen. So entstanden z.B. konkrete Pläne für ein gemeinsames Wiki mit Schreibmethoden für Schreibberatungen und Schreibworkshops. Auf einer anderen Decke überlegten Peer TutorInnen, die demnächst mit dem Studium fertig werden, wie es im Anschluss an das Studium für sie weitergehen kann: Wo lassen sich die in der Schreibberatungspraxis gewonnenen Kompetenzen im Beruf einbringen? Die Themenvielfalt war spannend und führte dazu, dass viele als „Hummeln“ von einer Decke zur anderen fliegen wollten. Das Format des Open Space erlaubt das Hummeln ausdrücklich. Doch meistens waren die Diskussionen dann doch so spannend, dass die Hummeln an den Decken hängen blieben.

Auch der Sonntag wurde noch einmal im Open Space Format gestaltet. Diesmal ging es dabei darum, Anliegen zu bearbeiten, die über die Peer TutorInnen Konferenz hinaus umgesetzt werden können. Dabei entstanden viele konkrete Vorhaben. So wird die Google+-Community der Peer TutorInnen weiter bestehen, sich über eine gemeinsame Ethik verständigen und auch die Erstellung eines Schreibmethoden- und Schreibworkshop-Wikis begleiten. Es fanden sich auch Peer Tutorinnen zusammen, die dafür sorgen werden, dass auf der im Juli 2014 stattfindenden Konferenz der European Writing Centers Association das Engagement der Peer TutorInnen im deutschsprachigen Raum sichtbar wird. So soll es dort einen Peer Tutor Day geben, eigene Panels für Peer TutorInnen und eine Ausstellung, die die Arbeit und Vernetzung visualisiert. Ebenfalls sehr wichtig ist die Bildung einer Speziellen Interessengruppe (SIG), die die Anliegen der Peer TutorInnen in der neu gegründeten Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung vertreten wird. Die Gruppe möchte sich zum einen der Öffentlichkeitsarbeit widmen und diese Gesellschaft insbesondere bei Peer TutorInnen bekannt machen. Zum anderen möchte sie eng mit der SIG zur Erarbeitung von Qualitätsstandards für die Peer TutorInnen Ausbildung zusammen arbeiten. Die Gruppe formulierte das Anliegen, dass Peer TutorInnen-Ausbildungen bundesweit in Umfang und Inhalten vergleichbar werden, dass verschiedene Beratungsansätze integriert und wechselseitige Hospitationen ermöglicht werden.

Die Peer TutorInnen Konferenz 2013 wird uns lange als eine Veranstaltung in Erinnerung bleiben, auf der wir nicht nur viel von- und miteinander gelernt haben, sondern auf der auch in bildungspolitischer Hinsicht Vieles in Bewegung gekommen ist. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Rahmen der EWCA Konferenz 2014 in Frankfurt (Oder) und im Rahmen der nächsten Peer Schreib TutorInnen Konferenz 2014 in Frankfurt am Main!

Weitere Eindrücke gibt es übrigens bei Twitter: #ptk13

Anja, Michal, Marlene, Josi, Franziska und Katrin

Unser Buch ist erschienen: Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung

Ich habe es zwar noch nicht in den Händen gehalten, aber bei meiner geschätzten Kollegin Nadja ist es heute angekommen: Unser Lehrbuch. In den ersten Monaten, als ich hier war, haben wir noch online am letzten Schliff gearbeitet, buchstäblich Tag und Nacht, da wir ja praktischerweise zeitversetzt wach waren. Nun ist es also lieferbar und das freut mich so sehr, dass ich es hier gleich posten muss.

Buchcover Girgensohn Sennewald Schreiben lehren Schreiben lernen

Zum Inhalt:

Diese kompakte und verständliche Einführung gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Schreibforschung und Schreibdidaktik im Hochschulbereich. Sie stellt Schreibprozesstheorien vor, führt in die disziplinär unterschiedlichen Methoden der Schreibforschung ein und beleuchtet dabei beispielhaft einzelne Forschungsprojekte. Schreibdidaktische Ansätze an Hochschulen, wie zum Beispiel Schreibzentren, schreibintensive Lehre und Portfolioarbeit, werden vorgestellt. Ein Praxisteil gibt Impulse und Anregungen für Studierende, um das eigene Schreiben im Kontext der Universität zu verbessern.

Das Buch ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt in der Reihe Einführungen in die Germanistik erschienen und kostet bei der WBG studentenfreundliche  9,90 Euro und im Buchhandel 14,90 Euro.

Von Hummeln und Schmetterlingen: Die deutschsprachige Schreibdidaktik in Bochum

Die Open-Space Tagung in Bochum „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vom 22.-23. März bot die Möglichkeit über schreibdidaktische Themen zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln und über Wege für eine bessere Vernetzung nachzudenken. Ca. 70 Personen hatten sich angemeldet, von denen auch fast alle anwesend waren. Unter den TeilnehmerInnen waren FreiberuflerInnen, HochschulmitarbeiterInnen und studentische Peer-TutorInnen. Fast alle Schreibzentren aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Brandenburg, Bremen und Hamburg waren vertreten, sogar Schreibdidaktiker aus der Schweiz (Winterthur) und Österreich (Graz) nahmen teil. Wie gut wir teilweise bereits vernetzt sind, zeigte unser AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg auf der Tagung: Wir vertraten nicht nur den regionalen AK, sondern zugleich das Schreibzentrum der Viadrina (Simone Tschirpke) und die Schreibdidaktik an den Universitäten Hildesheim (Jana Zegenhagen), Hannover (Nora Peters) und Göttingen (Ella Grieshammer).

Marktplatz der Ideen

Besonders anregend fanden wir das gewählte Format: Zunächst wurden „Anliegen“ bzw. Themenbereiche von den Teilnehmerinnen (und ein paar Teilnehmern…) auf einem großen Blatt formuliert, z.B.

Open Space-"Anliegen".
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

  • „Organisation der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“
  •  „Faculty-Students Partnerships“
  •  „Standards einer Peer-Tutoren-Ausbildung“
  • „Möglichkeiten zur praxisnahen Forschung in der Schreibdidaktik“
  •  „Journal der Schreibberatung (JoSch)
  • „Gründung eines Berufsverbands“
  • „Schreibberatung für Berufstätige“
  • „Zusammenarbeit von NachwuchswissenschaftlerInnen“ uvm.

Insgesamt kamen so rasch 23 Themen zusammen; ein 24. Thema („Öffentlichkeitsarbeit für Schreibzentren“) wurde spontan noch Freitag morgen eingebracht. Auch dafür bot das Format Raum.

Wer ein Thema vorschlug, stellte es kurz dem Plenum vor, pinnte es dann an die große Wand in eine Zeiteinheit, in der er/sie das Thema diskutieren wollte: Donnerstag um 12 Uhr oder Freitag um 10.30 Uhr. Die Themenrunden wurden auf insgesamt 7 Räume verteilt oder spontan wegen des schönen Wetters ins Freie verlegt.

Man musste sich also für eine Runde entscheiden, hatte aber auch die Erlaubnis, eine Gruppe zu verlassen und sich eine Pause zu gönnen („Schmetterling“) oder zu „hummeln“ (zwischen den Gruppen zu springen).

Diskussion über Peer- Tutoren-Ausbildung
© AK Schreibdidaktik Berlin-Br.

Dokumentation der Gruppe "Peer- Tutoren-Ausbildung"
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Jede Gruppe dokumentierte ihre Ergebnisse abschließend im Flur. Ein großer Raum diente als „Café“ und Informationsbörse, dort hingen unsere „Steckbriefe“, die wir vorher den Organisatorinnen zugeschickt hatten.

Von der Idee zum Projekt

Am Freitag Nachmittag trugen wir im Plenum konkrete „Vorhaben“ zusammen, die sich aus den regen Diskussionsrunden ergeben hatten, und für die wir Unterstützung suchen:

  • Die Verbandsgruppe setzt einen Gründungsausschuss ein.
  • Die Zeitschrift „JoSCH“ sucht neue MitstreiterInnen, ReviewerInnen und MitarbeiterInnen.
  • Am 24.10.2012 soll um 11.55 in ganz Deutschland ein Schreib-Flashmob stattfinden.
  • Eine gemeinsame Datenbank für Protokollvorlagen und Datenerhebungen in den Schreibzentren soll erstellt werden usw.

Die letzte Runde bestand nun darin, dass sich zu jedem Vorhaben die Interessierten zusammensetzten und konkrete Schritte überlegten, um das Vorhaben in Gang zu setzen. Immer wieder wurde uns deutlich, wie sehr sich die SchreibdidaktikerInnen die Vernetzung untereinander wünschen. Als gemeinsame Plattform soll zunächst das Diskussionsforum schreibzentren.mixxt.de dienen.

Das war BÜZ!

Alles in allem:
B
(ehalten) werden wir die vielen neuen Kontakte.
Ü(berraschend) war die Vielfalt der diskutierten Themen und die Effektivität der Open-Space Methode, die das Erarbeiten konkreter, kleiner Ziele ermöglichte.
Z(ukünftig) sollte es weitere solche Formate geben, die SchreibdidaktikerInnen das Vernetzen und Austauschen ermöglichen.

Ein Riesendank an die Bochumer Organisatorinnen (samt Benny natürlich), die die Sache in die Hand genommen haben.

v.l.n.r. Mitglieder des AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg Daniela, Simone, Jana (jetzt Hildesheim), Nora (jetzt Hannover)
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Assessment und eine Studie zur Wirksamkeit von Peer Tutoring

Diese Woche fand wieder das Madison Area Writing Center Colloqium statt. Das Thema war  „Writing Center Assessment“, also die Begutachtung und Bewertung unserer Arbeit. Oder, um eine von vielen Definitionen zu nennen:  “Assessment is any effort to gather, analyze, and interpret evidence which describes institutional, departmental, divisional, or agency effectiveness. (Upcraft and Schuh 1996, 18).

Writing Center Assessment

Im Austausch wurde deutlich, dass das Thema Assessment zwiespältige Gefühle auslöst: zu oft beinhaltet es eine Bewertung von außen, von Leuten die von unserer Arbeit wenig wissen, und löst dann eine defensive Haltung aus. Oft wird Assessment auch mit großem bürokratischem Aufwand assoziiert. Andererseits muss Assessment keine endgültige Beurteilung sein, sondern kann nützliches Feedback geben und Qualität sichern. Allerdings ist es dafür wichtig, sich vorher zu überlegen, was man wissen will und wonach man guckt, damit man Daten sammeln kann, die zu Aussagen führen. Obwohl das eigentlich für alle Forschung gilt, ist es für Assessment besonders wichtig, weil letzteres immer für einen bestimmten Kontext stattfindet in dem es zu politischen bzw. meist finanziellen Konsequenzen führt. Neil Lerner hat in einem Essay über Writing Center Assessment zum Beispiel gezeigt, dass die meisten Schreibzentren nur ca. 10-15% der Studierenden einer Uni erreichen – eine Zahl, die die Verwaltung nicht glücklich machen wird, auch wenn für mehr gar keine Kapzität da ist. Wenn es aber die Mission der Uni sein sollte, besonders attraktiv für internationale Studierende zu sein, dann könnte es viel sinnvoller sein, im Jahresbericht aufzuführen, dass das Schreibzentrum zu 40% von internationalen Studierenden genutzt wird – was im Verhältnis von 20% internationalen Studierenden an der Uni eine sehr gute Zahl ist.

Studie zu einem Writing Fellows Programm

Textgrundlage für die weitere Diskussion war eine Studie, in der die Wirksamkeit eines Writing Fellow Programms gemessen werden sollte und die durch ihr sorgfältiges Design – darüber waren sich alle einig – über Assessment weit hinaus ging und eigentlich schon in die Kategorie „Forschung“ gehört.

Die Fragestellung der beiden Autorinnen war, ob ein Writing Fellows Programm an ihrem College im Verlauf eines Semesters Studierenden nachweisbar hilft, bessere Schreiber zu werden. Im Writing Fellows Programm geben ausgebildete Peer Tutoren den Studierenden eines Seminars Feedback auf mehrere Texte, die sie in einem Semester schreiben. Die Peer Tutoren lesen die Texte, geben schriftliche Rückmeldungen vor allem im Hinblick Higher Order Concerns und den Schreibprozess. Die schriftlichen Rückmeldungen werden in einem mündlichen Gespräch diskutiert und die Studierenden überarbeiten ihre Texte, bevor sie sie zur Benotung bei den Lehrenden einreichen – genau wie hier an der UW Madison.
Die Autorinnen begründen die Notwendigkeit ihrer Studie damit, dass die wac-Bewegung schon länger Studien fordert, die über subjektive Erfahrungsberichte oder Selbsteinschätzungen der Studierenden hinaus gehen – wobei sie diese Berichte durchaus wertschätzen. Den Anlass für die Studie gab die Frage, ob es sinnvoll wäre, ein Writing Fellows Programm am College der Autorinnen zu etablieren oder ob die Energien lieber auf andere wac-Initiativen gelenkt werden sollten.

Forschungsdesign
Das Design der Studie wird in dem Artikel genau vorgestellt und seine Begrenzungen werden mit thematisiert. Untersucht wurden zwei Seminare, die obligatorisch für Studierende sind, die Englisch im Haupt- oder Nebenfach studieren. Die Seminarleiter stellten in beiden Seminaren im Laufe des Semesters die gleichen Schreibaufgaben: zwei kürzere Essays bei denen Literaturtheorien auf literarische Texte angewandt werden sollten und eine längere Arbeit, für die eigenständige Forschung nötig war. In einem der Seminare wurde mit Writing Fellows in der oben beschriebenen Art und Weise gearbeitet. In dem anderen Seminar gab es keine Writing Fellows. In beiden Seminaren bezog sich das Feedback der Lehrenden auf die zur Benotung abgegebenen Texte.
Die Studierenden wussten vorher nicht, dass in einem der Seminare mit Writing Fellows gearbeitet wurde. Sie schrieben sich für die Seminare ein, weil sie besser in den Stundenplan passten oder weil sie möglicherweise unterschiedliche Lehrende präferierten.
Die Studierenden, die sich damit einverstanden erklärten, dass ihre Texte im Rahmen einer Studie anonym bewertet werden, wurden in die Studie einbezogen. Nach Abschluss des Semesters wurden deren zur Benotung abgegebenen Texte (in der Reihenfolge ihres Entstehens) in Portfolios. Die Portfolios wurden anonymisiert. Es wurde ein Lesergremium zusammengestellt, dass aus einem anderen College rekrutiert wurde. Die Lesenden wussten nichts über den Aufbau der Studie, ihnen wurde nur gesagt, dass Texte aus zwei Seminaren verglichen werden sollten. Die Lesenden wurden zunächst geschult, indem sie gemeinsam Kriterien zur Bewertung von Texten brainstormten und diskutierten und diese probeweise und jeweils zu zweit an verschiedenen Essays testeten, die von der Aufgabenstellung denen in den Seminaren entsprachen. Als die Studienleiterinnen feststellen konnten, dass die Lesenden offenbar gemeinsame Kriterien und Bewertungsweisen entwickelt hatten, wurden diese gebeten, die Portfolios zu bewerten und zu kommentieren. Dabei sollten sie sowohl die Texte einzeln bewerten als auch die Entwicklung, die im Laufe der Zeit stattgefunden hat. Jeweils ein Portfolio wurde von zwei Leuten bewertet. Wenn es zu Abweichungen kam, wurden dritte, vierte oder sogar fünfte Lesende hinzu gezogen.

Ergebnisse
Die Ergebnisse der Studie lassen darauf schließen, dass es deutliche Unterschieden zwischen den beiden Gruppen gab. Die Portfolios der Testgruppe wurden statistisch signifikant besser bewertet und die Entwicklung der Schreibenden war signifikant besser als bei der Kontrollgruppe. Hinzu kommt, dass die Selbstaussagen der Studierenden der Testgruppe darauf schließen lassen, dass sie auch in ihrer Selbstwahrnehmung das Gefühl haben, ihre Schreibkompetenzen verbessert zu haben und metakognitive Kompetenzen hinsichtlich Schreibprozessen und disziplinärem Wissen erlangt zu haben.

Mein Fazit

Ich finde diese Studie aus verschiedenen Gründen sehr interessant. Zum einen natürlich, weil sie stützt, was wir in Schreibzentren täglich beobachten: Feedback durch geschulte Tutoren hilft Studierenden in ihrer Entwicklung als Schreiber und führt zu besseren Texten. Zum anderen finde ich das Design der Studie sehr überzeugend und anregend für weitere Untersuchungen. Natürlich sind die Aussagen nur begrenzt übertragbar auf andere Kontexte und natürlich kann es nie eine „objektive“ Bewertung von Texten geben (mehrere Portfolios mussten von mehr als zwei Personen bewertet werden bis es zu einer Einigung kam). Dennoch zeigt die Studie, dass die Selbstaussagen der Studierenden hier mit der Wahrnehmung von Außenstehenden übereinstimmen. Darüner hinaus möchte ich den Artikeln all jenen empfehlen, die in unserem Fachgebiet nach einem Musterartikel zur Genre-Analyse für Publikationen von Forschungsergebnissen auf Englisch suchen: sehr gut gemacht!

Allerdings: Im Rahmen der alltäglichen Arbeit lässt sich so eine Studie nicht nebenbei als Assessment durchführen. Aber vielleicht ja in Zusammenarbeit mit einzelnen Lehrstühlen? Im Rahmen von Abschlussarbeiten? Ich finde es lohnt sich, darüber nachzudenken und die Statistiken, die wir führen, nicht nur als lästiges Übel anzusehen. Dass es Studierende gibt, die auf dieser Basis wertvolle Aussagen herausarbeiten können, zeigt ja auch unsere Abschlussarbeiten-Reihe.

Genannte Literatur:

Rossman Regaignon, D.; Bromley, P. (2011) ‚What Difference Do Writing Fellows Programs Make?‘ The WAC Journal  22 41-63

Upcraft, M. L. and Schuh, J. H. (1996). Assessment in student affairs: A guide for practitioners. San Francisco: Jossey-Bass.

Lerner, N. (2003) ‚Writing Center Assesment. Searching for the “Proof“ of our Effectiveness. ‚ in. Pemberton/Kinkead: The center will hold – critical perspectives on writing center scholarship. Logan, Utah: Utah State Univ. Press, 58-73

Weitere Ressourcen:

Barbara E. Fassler Walvoord, Trudy W. Banta: Assessment clear and simple :a practical guide for institutions, departments, and general education (Google eBook)

Isabelle Thompson (2006): Writing Center Assessment: Why and a little How. In Writing Center Journal 26.1, 33-61

A Selected Bibliography on Empirical Writing Center Research

Research Podcasts des Writing Centers der UW Madison:

New Directions in Writing Center Assessment

Two Experts Talk Writing Center Assessment: A Conversation with Neal Lerner and Jason Mayland

Qualität ist wichtig! Open Space Tagung am 22. und 23.3. in Bochum

Immer wieder fällt mir beim Lesen der Fachliteratur auf, dass betont wird, wie wichtig es für die Professionalisierung der Schreibdidaktik war, dass es einen Austausch über Qualitätsstandards gab (und gibt). Deshalb, und weil mich die Bochumer Kolleginnen darum gebeten haben, möchte ich hier nochmal auf das Treffen hinweisen, das im März in Bochum stattfinden wird:

Das Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum lädt ein zum Open Space zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ am 22./23.3.2012
In den letzten Jahren haben wir, die Mitarbeiterinnen des Schreibzentrums an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen immer häufiger das Bedürfnis wahrgenommen, die mittlerweile sehr große SchreibdidaktikerInnen-Szene im deutschsprachi-gen Raum besser kennenzulernen, um sich über die unterschiedlichen Angebote und Arbeits-weisen auszutauschen und sich eventuell weiter zu vernetzen. Da wir dieses Bedürfnis teilen, würden wir gerne alle zu einem offenen Austausch an die RUB einladen, die im Bereich der Schreibdidaktik tätig sind – egal ob mit oder ohne institutionelle Anbindung, MitarbeiterInnen an Schreibzentren, FreiberuflerInnen, SchreibberaterInnen etc.
Diesem offenen Austausch wollen wir einen Rahmen geben: Wir bieten am 22. und 23. März 2012, jeweils von 10 bis 18 Uhr, eine Veranstaltung an, die sich an die Open-Space-Methode anlehnt. Jeder kann dort seine Anliegen zu den Themen „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vorschlagen und bearbeiten. Diese Veranstaltung kann natürlich nur dann erfolgreich sein, wenn sich möglichst viele in den verschiedenen Bereichen der Schreibdidaktik Tätige aktiv beteiligen. Jeder, der ein Anliegen einbringt, wird beim Open Space genügend Zeit und Raum haben, um mit einer Gruppe von Interessierten zu diskutieren und gegebenenfalls etwas zu erarbeiten.
Das bedeutet ganz konkret: Es gibt keine Workshops oder Vorträge, sondern prinzipiell offene Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen, die die Teilnehmenden entweder zu Beginn des Open Space oder – noch besser – im Vorfeld vorschlagen. Wir übernehmen also die organisato-rische Vorbereitung, die inhaltliche Gestaltung liegt in den Händen aller Teilnehmenden.
Wir möchten den Veranstaltungsbeitrag so gering wie möglich halten und gehen davon aus, dass er sich auf ca. dreißig Euro belaufen wird, die für Essen und Getränke anfallen.
Wir bitten Sie spätestens bis zum 31. Dezember 2011 um Rückmeldung, ob Sie teilnehmen wollen. Und wenn Sie ein Thema bzw. Anliegen für das Open Space haben, wäre es schön, wenn wir ganz rasch von Ihnen hören! Auf unserer Homepage (www.sz.rub.de) stellen wir in den kommenden Wochen organisatorische Informationen z.B. zu Unterkunft, Anreise, Abend-programm etc. bereit.
Wir freuen uns auf ein Kennenlernen/Wiedersehen in Bochum

schreibzentrum(at)rub.de

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