Gemeinsam alleine schreiben – Mellon Wisconsin Writing Camps für Promovierende

Das Semester ist hier schon seit Mai zu Ende und ein Großteil der Studierenden ist längst nach Hause oder sonstwohin gefahren. Aber es laufen auch Sommerkurse und das Schreibzentrum ist weiterhin offen – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten. Diese relative Ruhepause lässt Raum für andere Projekte, zum Beispiel die Disseration Camps des Schreibzentrums. Die Camps sind eine Kooperation des Schreibzentrums mit der Graduate School der Universität, die über die Mellon Foundation finanziert werden. Die Camps bieten Promovierenden in der Schreibphase die Möglichkeit, konzentriert über einen bestimmten Zeitraum an ihren Arbeiten zu schreiben und dabei die Unterstützung des Schreibzentrums zu bekommen – ähnlich wie bei unseren Schreibmarathons in Frankfurt (Oder). Nach einem sehr erfolgreichen Probelauf im letzten Sommer wurden in diesem Sommer gleich drei Camps angeboten: Zwei für jeweils eine Woche und eins über sechs Wochen. Über hundert Promovierende hatten sich für die insgesamt 60 Plätze in den Camps beworben. Sie mussten dafür online einen Bewerbungsbogen ausfüllen und auch die Dissertationsbetreuer mussten online eine Enschätzung abgeben. Wer ausgewählt wurde, musste 40 Dollar einbezahlen, um sich den Platz zu sichern, die zurück gezahlt wurden wenn man das Camp tatsächlich mitgemacht hat. Außerdem konnten diejenigen, die nicht in Madison wohnen, die Fahrtkosten bezahlt bekommen und Kinderbetreuung gab es auch auf Wunsch.

Schreibübung im Camp für Promovierende

Nancy leitet eine Schreibübung an.
Foto: Writing Center Madison

Die Camps starteten morgens mit einer kurzen Schreibübung und damit, dass alle ihre Ziele für den Tag formulierten. Dann suchten sich alle Plätze und schrieben los. Mittags gab es Workshopangebote für diejenigen, die wollten und im langen Camp trafen sich die Teilnehmenden zusätzlich täglich in Kleingruppen, um sich über ihre Texte auszutauschen. Und natürlich konnten alle Teilnehmenden im Schreibzentrum mit Schreibtutoren über ihre Texte sprechen. Auch zum Abschluss kamen noch einmal alle zusammen zu einer ganz kurzen Übung. Besonder schön finde ich folgende Übung: Alle Teilnehmenden stellen sich in einer Reihe auf, in der Reihenfolge dessen, wieviel sie an diesem Tag geschrieben haben – von einem Absatz bis hin zu mehreren Seiten. Nachdem alle stehen, bekommen sie die Aufgabe, zu begründen, warum diese Menge, die sie an diesem Tag geschafft haben, genau richtig ist. Dadurch entsteht eine positive Stimmung und es wird deutlich, dass Quantität alleine nichts aussagt. Das kann denen, die als Schreibtypen keine Vielschreiber sind, Druck nehmen.

Bei der Abschlussveranstaltung des langen Camps waren Vertreter der Graduate Schools, diverse Dekane und Vertreter der Stiftung anwesend. Alle Teilnehmenden hielten eine einminütige Rede darüber, was ihnen das Camp gebracht hat. Offenbar sind die Ziele, die das Schreibzentrum verfolgt hatte, aufgegangen: Schreibroutinen aufbauen, Gemeinschaft stiften und die Texte vorantreiben.  Ich finde die Idee sehr gut, diesen Erfolg für die Geldgeber, Kooperationspartner und Dekane sichtbar zu machen. Die waren denn auch so begeistert, dass nun eine Diskussion aufgekommen ist, ob solche Camps obligatorisch sein sollten. Das wird sich aber hoffentlich nicht durchsetzen, die Promotion hier ist schon mit genug Vorgaben belastet und es ist doch wunderbar, dass diejenigen, die sich eine Schreib-Gemeinschaft wünschen, diese bekommen können!

Peer Tutoren Ausbildung in Oklahoma – Preparing for Surprise is Education

Neulich war ich am Writing Center der University of Oklahoma, bei Michele Eodice, Moira Ozias und ihrem Team. Michele leitet das Schreibzentrum, Moira ist Associate Director. Außerdem gibt es noch einen Graduate Assistant Director und eine Office Managerin, die sich um alles Organisatorische kümmert. Und dann sind da natürlich noch ca. 20 Schreibberaterinnen und –berater (sowohl Graduates als auch Undergraduates). Das Schreibzentrum hat tolle Räume, in denen es sogar ein Piano gibt.

Ausbildungsmodelle für Peer TutorInnen

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir unser Gespräch über die Ausbildung der Peer Tutoren. Ich habe ja an dieser Stelle schon einige Male von der Aus- und Weiterbildung am Schreibzentrum in Madison berichtet, und auch von anderen Hochschulen die ich besucht habe. Insgesamt würde ich sagen, dass allen Schreibzentrumsleitenden, die ich gesprochen habe, sowohl eine Grundausbildung als auch die kontinuierliche Weiterbildung sehr wichtig sind. Aber die Modelle dafür sind durchaus unterschiedlich. An einigen Schreibzentren müssen die Studierenden erst die Ausbildung durchlaufen, bevor sie sich für die Arbeit im Schreibzentrum bewerben können. In anderen Schreibzentren bewerben sie sich erst, um dann die Aubildung zu durchlaufen, aber manchmal läuft es auch parallel: die Ausbildung erfolgt während die Beratenden schon anfangen zu arbeiten. Weiterbildungen gibt es überall, manchmal wöchentlich, manchmal nur monatlich, manchmal unregelmäßig. Auch Mentoring gehört dazu. In einigen Schreibzentren haben die erfahreneren TutorInnen regelmäßige Gespräche mit den

mit Moira vor dem Writing Center
(Foto: Michele Eodice)

neueren, in anderen übernimmt das Leitungsteam die Mentoring-Gespräche.

Keine Lehrbuch-Vorschriften

In Oklahoma führt Moira am Ende jedes Semester mit allen TutorInnen einzeln Gespräche und leitet daraus ab, was es für Weiterbildungsbedarf gibt und welche Schwerpunkte die Ausbildungsklasse für die angehenden TutorInnen haben soll. Michele sagte mir im Gespräch, für sie sei es besonders wichtig, Studierende nicht mit Dogmen zu belasten. Sie ist gegen Lehrbuch-Vorschriften, wie z.B. „Sei nicht-direktiv!“ oder „Schreibe nie in den Text der Studierenden!“ oder „Gehe in diesen Schritten vor!“. Daher mag sie auch den Begriff Training nicht. „To prepare against surprise is training“, meinte sie, denn wenn man für etwas trainiert wurde sei man der Meinung man könne es nun und wisse wie es geht. Sie findet den Begriff „education“ besser: „To prepare for surprise is education”. Zu dieser Vorbereitung auf Überraschungen gehört es zum Beispiel, dass man Improvisationsregeln verinnerlicht: Ja sagen, zu dem was kommt und spontan darauf reagieren. Eine solche Haltung kann man nicht mit einem Lehrbuch lernen, meinte sie. Deshalb nutzt sie für die Ausbildung der TutorInnen auch keins, sondern bespricht mit ihnen Studien, die in Schreibzentren durchgeführt und veröffentlicht wurden, wie z.B. „Scaffolding the Writing Center“ von Isabelle Thompson. Mit diesem Artikel hat das Team ein ganzes Semester lang in der Weiterbildung gearbeitet. Erst haben sie die im Artikel identifizierten Strategien besprochen, erprobt und Vor- und Nachteile erarbeitet. Dann haben alle Beratenden aus diesem eine persönliche Forschungsfrage abgeleitet und das Semester über bearbeitet, z.B. indem eigene Beratungen aufgezeichnet und angeguckt wurden. Aus einer publizierten Schreibzentrumsforschung wurden also persönliche kleine Forschungsprojekte abgeleitet, die es den TutorInnen erlaubten, ihre eigenen Beratungstätigkeiten strukturiert zu reflektieren.

Nicht dogmatisch werden

Auch generell plädiert Michele dafür, die Schreibzentrumsarbeit nicht zu dogmatisch zu sehen, sondern offen zu bleiben für Neues. So lasse sie auch mal Leute im Schreibzentrum mitarbeiten, die die Ausbildung noch nicht durchlaufen haben, wenn sie sie gerne dabei haben möchte und es gerade anders nicht passt.

Blick ins Writing Center der University of Oklahoma

Surprise!

Ich finde sowohl die Idee, Weiterbildung mit eigener Forschung zu verbinden, als auch die Grundhaltung, keine Dogmen aufzustellen und offen für Überraschungen zu sein, sehr inspirierend. Und apropos Überraschungen: Ich konnte das auch gleich testen! Am Freitag überraschte mich das Madisoner Schreibzentrumsteam mit einer echten Surprise-Party zu meinem Geburtstag. Das kannte ich nur aus Filmen bisher. Ich habe mich sehr gefreut!

Surprise Party für mich am Writing Center in Madison

Schreibzentrumsforschung: Gesprächs- und Gestenanalyse einer Beratung

Isabelle Thompson hat 2009 von der International Writing Centers Association den Preis für den besten Artikel des Jahres für ihren Artikel „Scaffolding the Writing Center. A Microanalysis of an Experienced Tutor’s Verbal and Nonverbal Tutoring Strategies“ bekommen (erschienen in Written Communication, 26 (4), 417-453)

Isabelle Thompson untersucht in diesem Artikel eine Tutoring-Session eines erfahrenen Peer Tutors, die sie auf Video aufgezeichnet hat, sowohl gesprächsanalytisch als auch im Hinblick auf die Gesten. Dabei stellt sie in Frage, inwiefern eine gelungene Beratung tatsächlich nicht-direktiv ist und stellt fest, dass der Begriff „Scaffolding“ für die Tätigkeit des Tutors in der Beratung passt. Scaffolding bedeutet in etwa: ein Gerüst geben.

Kognitives Scaffolding
Thompson stellt in der analysierten Beratung verschiedene Varianten von „scaffolding“ fest. So gibt es zum einen kognitives Scaffolding. Darunter zählt sie alle Strategien, die den Ratsuchenden die Möglichkeit geben, eine Lösung zu finden. Sie zählt dazu folgende verbale Strategien:
– etwas demonstrieren
– die Wahl geben zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten
– Hinweise geben um einen Sachverhalt zu vereinfachen
– eine Vorgehensweise vorschlagen
– eine Frage teilweise beantworten
– die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken
– einen Rahmen herstellen für etwas Neues oder ein neues Thema einführen
– beim Antworten eine Leerstelle lassen, so dass die Ratsuchende selbst aktiv werden muss
– Ermunterungen zum Suchen einer Antwort ohne inhaltliche Hinweise zu geben
– den Text laut vorlesen oder vorlesen lassen
– als Leser antworten

Entsprechende nonverbale Strategien von kognitivem Scaffolding sind:
– Gesten die als Hinweise fungieren
– Gesten die die Ratsuchende auf bestimmte Textteile fokussieren

Motivationales Scaffolding
Eine weitere Strategie ist das motivationale Scaffolding. Dazu gehören folgende verbale Strategien:
– Anerkennung für die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe
– Humor
– negatives oder positives Feedback
– Bestärkung richtiger Antworten durch Wiederholung derselben
– Erhaltung der Motivation und Bekämpfung von Frustration durch Sympathie und Empathie
Nonverbale Gesten die als motivationales Scaffolding zählen sind alle Gesten, die eine Übereinstimmung und Verbindung mit der Ratsuchenden signalisieren.

Neben dem Scaffolding gab es im aufgezeichneten Gespräch auch direkte Instruktionen.

Methode
Thompson hat das Gespräch im Hinblick auf dieses Scaffolding seitens des Tutors untersucht, indem sie es zunächst gesprächsanalytisch transkribiert und dieses Transkript vom Tutor hat korrigieren und kommentieren lassen. Beim Kodieren ist die den Scaffolding-Definitionen von Cromley und Azevedo (2005) gefolgt und den Gesten-Definitionen von Bavela (1992). Sie hat beim Kodieren ihre Interpretationen mit einem Doktoranden abgeglichen, wobei sie auf 90% Übereinstimmung kamen und die restlichen 10% im Gespräch klären konnten.

Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass der Tutor kognitives und motivationales Scaffolding gleichzeitig nutzt, um die aktive Beteiligung der Ratsuchenden zu erhöhen, die Diskussion voran zu treiben und effektive Überarbeitungen des Textes zu ermöglichen. So ist es wichtig, dass der Tutor eine Art Sicherheitsnetz bildet, mit dem er die Ratsuchende vor Frustration und Scham schützt. Dabei spielen auch die Gesten eine wichtige Rolle, sie sind ein entscheidender Faktor in der gelungenen Gesprächsführung.
Thompson stellt zudem fest, dass der Tutor die verschiedenen Strategien unterschiedlich stark einsetzt: Wenn die Ratsuchende verwirrt ist, bietet er mehr Hilfe an, und wenn sie selbst einen Weg zu finden scheint hält er sich zurück.
Thompson betont, dass eine Schreibberatung offensichtlich nicht einem vorab festgelegten Schema folgen sollte. Zwar beginnt die Beratung damit, gemeinsam eine Agenda festzulegen, doch ist es im Verlauf wichtiger, den Bedürfnissen der Ratsuchenden zu folgen als dem, was vorab festgelegt wurde. Diese Bedürfnisse werden u.U. nicht gleich am Anfang sichtbar, weil sich das Vertrauensverhältnis zwischen Tutor und Ratsuchender erst im Verlauf des Gesprächs entwickelt.
Ferner kritisiert Thompson, dass die Nutzung des Begriffs „Direktivität“ unser Verständnis von Beratungsabläufen limitieren könnte. Scaffolding sei ein günstigerer Begriff, der sowohl direktivere als auch nicht-direktivere Strategien beinhalten könne, aber vor allem auf darauf abziele, dass die Ratsuchende sich wohl fühle und aktiv werde. Wenn Studierende im Verlaufe der Beratung motivational bereit genug seien, könnten Tutoren auch direktiv sehr produktiv agieren, so Thompson. Sei dagegen die Motivation noch nicht genügend aufgebaut wenn Tutoren anfangen direktiver zu agieren, dann würde die Beratung vermutlich weniger erfolgreich verlaufen.
Thompson plädiert dafür, Motivation im Zusammenhang mit Schreibzentrumsarbeit näher zu untersuchen und dabei auch Gesten, Körperhaltung, Gesichtsausdruck etc. stärker in die Forschung mit einzubeziehen.

Institutionelle Kooperation von Schreibzentren: So machen’s die BIG TEN

Ich glaube ich hatte bereits an anderer Stelle erwähnt, wie wichtig an den hiesigen Universitäten der Sport ist. Uni-Sportteams sind identitätsstiftend, werden bejubelt, Spiele laufen im Fernsehen und es ist völlig unmöglich, keine Meinung dazu zu haben. Um diese Sportbegeisterung, aber auch die AtlethInnen besser fördern zu können, haben sich bereits vor über 100 Jahren zehn große und sportbegeisterte Forschungsuniversitäten zusammengetan, die größtenteils aus dem mittleren Westen der USA stammen. Die BIG TEN vermarkten z.B. gemeinsam die Fernsehrechte für die Sport-Events, ermöglichen es den AtlethInnen zwischen den Unis zu pendeln, vergeben Stipendien usw. Inzwischen beteiligen sich 12 Universitäten und die Kooperation hat sich auf andere Felder als den Sport ausgedehnt. 1958 wurde das CIC gegründet, das Commitee for Institutional Cooperation, das sich als akademische Ergänzung zur Sport-Kooperation versteht. Die 12 Universitäten haben ein gemeinsames Gebäude in der Nähe des Flughafens in Chicago gebaut, um die Kooperation zu erleichtern. Dort treffen sich nun an einem Tag die Präsidenten der Universitäten, an einem anderen uniübergreifende Forschungsgruppen oder BibliotheksleiterInnen – und einmal im Jahr die LeiterInnen der Schreibzentren.

Benchmarks

Letzte Woche durfte ich also dabei sein, als die SchreibzentrumsleiterInnen der 12 großen Forschungsunis des Mittleren Westens eingeflogen bzw. angefahren kamen nach Chicago. Nach einem allgemeinen Austausch wurden „Benchmarks“ besprochen, d.h. Tabellen, in die alle schon vorab bestimmte Daten und Merkmale ihrer Schreibzentren eingetragen hatten und die vor dem Treffen herumgeschickt worden waren. Festgehalten wird zum Beispiel welchen Bereichen der Uni das Schreibzentrum dient, welchen Titel die Direktorin trägt, wer wichtige Verbündete in der Uni sind, welche finanziellen Sponsoren es gibt. Darüber hinaus sind Zahlen wichtig: Wieviele TutorInnen gibt es, wieviele Stunden arbeiten sie, wieviele Leitungspersonen, was verdienen die TutorInnen, wie oft werden die Gehälter der TutorInnen erhöht und wann zuletzt um wieviel, etc. Diese Vergleiche dienen den einzelnen Schreibzentren der Big Ten/Twelve dazu, Vergleichsgrößen und damit auch Verhandlungsbasen gegenüber den eigenen Institutionen zu haben. So war zum Beispiel an einer der Unis die Stelle einer Associate Direktorin des Schreibzentrums neu eingerichtet worden und dabei war ein Budget für Konferenzteilnahmen vergessen worden. Mit Hilfe der Benchmarks kann sie nun leichter durchsetzen, dass es dafür ein vernünftiges Budget geben muss, denn die Universitäten sind alle miteinander vergleichbar und keine wird hinter den anderen zurückstehen wollen.

Graduate Students

Der zweite Teil des Treffens war der Diskussion um Graduate Students in Schreibzentren gewidmet. Der Unterschied zwischen Undergraduate Students und Graduate Students spielt in den USA eine große Rolle. Graduate Students sind sowohl Masterstudierende als auch Promovierende. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, sehe ich bei uns keinen so großen Unterschied zwischen BA-Studierenden und MA-Studierenden, was vermutlich daran liegt, dass bei uns von Anfang an sehr disziplinspezifisch studiert wird und von Anfang an Wert gelegt wird auf eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten, während es in den USA anfangs mehr Studium Generale und allgemeine Unterstützung gibt. Außerdem sind die Undergraduates hier einfach jünger. Sie sind mit dem BA fertig wenn deutsche Studierende gerade erst anfangen. Als Forschungsuniversitäten legen die Big Ten großen Wert auf die Ausbildung der Graduate Students, wobei zwischen Master und Promotion weniger Unterschied ist als bei uns. Wie auch immer – die Situation der Graduate Students in den Schreibzentren sollte besprochen und eine Stellungnahme entwickelt werden. Dabei geht es zum einen darum, dass die Arbeit von Schreibzentren oft mit „Hilfe für Schreibanfänger“ assoziiert wird – was insbesondere an den Forschungsuniversitäten nicht stimmt, wo viele Graduate Students die Schreibzentren nutzen. Zum anderen arbeiten viele Graduate Students in Schreibzentren als SchreibtutorInnen und häufig auch in Leitungspositionen, z.B. als „Teaching Assistant Associate Director“. Insbesondere diese Leitungspositionen ermöglichen wertvolle zusätzliche Berufserfahrungen während des Studiums und der Promotion und sollten daher gefördert werden. Darüber hinaus gibt es in Schreibzentren auch Forschung über Graduate Writers – und gemeinsam mit Graduate Writers, wie zum Beispiel in einem speziellen Research Cluster zu Graduate Writing Groups an der Michigan State University. Im Meeting wurde beschlossen, die Arbeit an der Stellungnahme bei der nächsten Konferenz der International Writing Centers Association für weitere Leute zu öffnen und sie dann online fortzuführen, um sie später zu publizieren.

Abschließend betonte eine der Teilnehmerinnen noch einmal, wie wichtig ihr der Austausch in dieser Gruppe ist, denn es sei eine eine sehr spezielle Situation: Sie alle leiten sehr große Schreibzentren an sehr großen Universitäten, die sehr auf Forschung ausgerichtet sind.

Dieses Statement hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es wichtig ist, innerhalb der Vernetzung die wir in Deutschland voran treiben, auch Raum für die Bedürfnisse bestimmter Gruppen zu schaffen. So zum Beispiel für diejenigen, die freiberuflich schreibdidaktisch an und mit Universitäten arbeiten, oder für diejenigen, die insbesondere mit NaturwissenschaftlerInnen arbeiten. Im Hinblick auf die Zukunft unseres Schreibzentrums an der Viadrina finde ich es eine gute Idee, wenn wir uns mit denjenigen austauschen, die wie wir, in den nächsten Jahren über den Qualitätspakt Lehre in ihrer schreibdidaktischen Arbeit gefördert werden. Den Stellenausschreibungen der letzten Monate zufolge dürfte da eine recht große Special Interest Group zusammenkommen!

 

Frisch gerösteter Kaffee, frisch gebackenes Brot: Der Duft des Schreibzentrums im Coe College

sign coe college writing centerMein Besuch des Writing Centers am Coe College in Iowa ist mir als ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es fing schon damit an, dass ich, bevor ich überhaupt das Schreibzentrum betrat, auf Toilette ging und in meiner Kabine mit einer Wandzeitung überrascht wurde: „wcwc – the writing center water closet“. Dort las ich ein erstaunliches, örtlich passendes Hemingway-Zitat: „The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it”. Neben Unterhaltsamem veröffentlicht wcwc auch die Termine des Schreibzentrums, Zitate von Ratsuchenden, Veranstaltungshinweise und Buchempfehlungen.

wcwc

writing center water closet - die ganz spezielle Wandzeitung des Schreibzentrums

Als ich dann ganz beschwingt ins Schreibzentrum ging, kam ich gerade rechtzeitig zum „Tuesday Tea“, der wöchentlichen öffentlichen Tee-Runde. Diese entpuppte sich als informelles Teamtreffen für alle die Lust hatten zu kommen und für alle anderen Studierenden und Lehrenden. So hatte ich gleich die Gelegenheit, viele der Tutoren persönlich kennen zu lernen. Zumindest dachte ich, es seien viele, bis ich erfuhr, dass insgesamt über 70 Tutoren im Writing Center arbeiten. Viele von ihnen beginnen gleich im ersten Semester und bleiben dann im Schreibzentrum bis zu ihrem Studienabschluss. Das Schreibzentrum ist damit ein ganz wesentlicher Teil ihrer College-Identität. Bob Marrs, der Direktor des Schreibzentrums, findet genau das sehr wichtig: Die Tutoren sollen das Schreibzentrum als ihren Raum in der Uni erleben, sich mit ihm identifizieren, Verantwortung übernehmen und ihn prägen. Deshalb ist das Schreibzentrum auch extrem gemütlich. Es ist ein großes Wohnzimmer mit vielen Sofa-Nischen, in denen die Beratungen stattfinden, mit Kunst an den Wänden, Leselampen, Pflanzen – und einer riesigen Küche! Im Gespräch mit den TutorInnen hatte ich sofort das Gefühl, dass ihnen das Schreibzentrum sehr wichtig ist und sie sich dort Zuhause fühlen. Darüber hinaus hatte ich aber auch den Eindruck, dass sie ein sehr fundiertes Wissen über Schreibberatung haben. Zunächst fragte ich mich, wie das kommt, da mir die beiden Tutorinnen, die mich später noch zum Pizza essen ausführten, erklärten dass ihr Training zu Beginn ihrer Tätigkeit im Schreibzentrum nur ein „Retreat“ ist, also ein mehrtägiges Seminar für das sie gemeinsam wegfahren. Dort ginge es aber vor allem um Teambuilding und weniger um Schreibzentrumstheorie.

Später hat Bob mir erklärt, dass er zunächst viel Wert darauf legt, dass die TutorInnen sich untereinander gut kennenlernen, damit sie dann voneinander und miteinander das Beraten lernen. Erfahrene TutorInnen arbeiten eng mit den Neuen zusammen. Außerdem gibt es wöchentliche Teamtreffen. Und alle, die im Schreibzentrum arbeiten, müssen im Laufe der acht Collegsemester ein Schreibzentrumstheorie-Seminar besuchen. Und zwar insgesamt vier Mal! Ich habe zunächst überhaupt nicht verstanden, weshalb das gleiche Seminar viermal besucht wird, aber die TutorInnen erklärten mir, dass ihnen das sehr gut gefalle. Zum einen, weil sie die gleichen Texte anders lesen und diskutieren würden, je nachdem, wieviel Beratungserfahrungen sie schon hätten. Und zum anderen, weil es jeweils andere Konstellationen von Teilnehmenden seien, so dass sich ganz andere Diskussionen ergäben. Außerdem gehört es zum Seminar, empirische Forschungsprojekte in Kleingruppen durchzuführen. Diese

Die Küche des Schreibzentrums

Forschungsprojekte basieren auf der Datenbank des Schreibzentrums, in der Protokolle aller Beratungen gesammelt werden (statistische Daten und kurze Beschreibungen der Gespräche). Es sei sehr gut, so erklärten mir die Tutorinnen, wenn man das mehrmals mache, weil sich durch die Forschungspraxis der Blick schärfe und man Ideen für neue Forschungsprojekte bekomme, für die man dann durch die Erfahrung auch schon besser gewappnet sei. (Ich hatte bei der Midwest Writing Centers Conference im Oktober einen Vortrag von Coe College-TutorInnen gehört und war damals sehr beeindruckt, also kann ich bestätigen, dass die Forschungsprojekte der Studierenden Hand und Fuß haben!).

Coe College Writing Center

Die Mischung aus Informalität des Lernens und Gründlichkeit in der Ausbildung im Writing Center des Coe College hat mich sehr fasziniert. Bob, als Direktor des Schreibzentrums, hält sich sehr im Hintergrund und nimmt den Gedanken des Peer Tutoring in allen Bereichen sehr ernst. Nicht nur in der Beratung, sondern auch in der Verwaltung und Leitung des Schreibzentrums. Denn auch diese legt er in vielerlei Hinsicht möglichst in die Hände der Studierenden. Diese sind zuständig für Werbung, für wcwc und andere Publikationen, für Forschung, usw., immer in Teams für ein gemeinsames Erlernen dieser Verantwortung. Als ich kam, bereitete ein Team gerade eine Art Assessment Center für die Studierenden vor, die sich gerade für die neuen Stellen bewerben. Selbstverständlich werden die jetzigen Tutoren wesentlich dafür verantwortlich sein, diese auszuwählen.

Coe College Writing CenterNicht weniger verantwortungsvoll, so erklärten mir die TutorInnen, seien die Teams, die zuständig sind für das Kaffee rösten und für das Brot backen. Huch? Und was hat das mit Schreibberatung zu tun? Bob und seine Leute waren eher erstaunt darüber, dass mir das nicht sofort klar war: Schreiben und Essen, bzw. Sinnesgenüsse gehören doch zusammen! Wenn ich an unsere Teamtreffen, Schreibgruppen und Schreibnächte in Frankfurt (Oder) denke, kann ich das nur bestätigen. Außerdem, so wurde mir erklärt, duften Brot und frischer Kaffee herrlich. Der Duft trägt zur Behaglichkeit im Schreibzentrum bei und lockt Leute herein. Außerdem sind das Backen und Rösten teil des Teambuildings. Und diese Teams sind offenbar sehr überzeugend. Jedenfalls ist es ihnen gelungen, im Rahmen des Umzugs des Centers, der erst kürzlich stattgefunden hat, eine Küche zu bekommen, die größer ist als so manches Schreibzentrum das ich hier schon gesehen habe.

Blick von der Küche ins SZAber auch akademisch überzeugt das Writing Center. Immer wieder gewinnen TutorInnen des Schreibzentrums Stipendien oder bekommen sehr gute Jobs, weil sie durch die Arbeit im Schreibzentrum sehr gute Kommunikationsfähigkeiten haben, Verantwortung übernehmen und kritisch denken. Das ist auch der Unileitung schon aufgefallen und deshalb unterstützt sie das Writing Center, so viele Tutoren wie möglich auszubilden und zu beschäftigen. Und wenn man sich mal die Relation anguckt, die es zwischen Studierendenzahl am College und SchreibzentrumstutorInnen gibt, dann spricht das Bände: auf 1200 Studierende kommen fast 70 SchreibberaterInnen. Wollten wir in Frankfurt (Oder) ein ähnliches Betreuungsverhältnis haben, müssten wir 333 TutorInnen beschäftigen. Ich denke, wir werden erstmal auf ein Zehntel dieser Zahl hinarbeiten – und vielleicht einen Brotbackautomaten?

Hohop Bean roaster

Hohop Bean roaster

PS: Das Schreibzentrum gibt auch eine Zeitschrift heraus, in der Literatur und Reiseberichte mit interkulturellem Blickwinkel veröffentlicht werden. Sie heißt Colere und ist richtig, richtig gut! Bob möchte damit Tutoren die Gelegenheit geben, das Herausgeben von Zeitschriften zu lernen. Beiträge (auf Englisch) aus Deutschland wären sehr willkommen, meinte er.

 

Von Hummeln und Schmetterlingen: Die deutschsprachige Schreibdidaktik in Bochum

Die Open-Space Tagung in Bochum „Vernetzung und Qualitätskriterien in der Schreibdidaktik“ vom 22.-23. März bot die Möglichkeit über schreibdidaktische Themen zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln und über Wege für eine bessere Vernetzung nachzudenken. Ca. 70 Personen hatten sich angemeldet, von denen auch fast alle anwesend waren. Unter den TeilnehmerInnen waren FreiberuflerInnen, HochschulmitarbeiterInnen und studentische Peer-TutorInnen. Fast alle Schreibzentren aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Brandenburg, Bremen und Hamburg waren vertreten, sogar Schreibdidaktiker aus der Schweiz (Winterthur) und Österreich (Graz) nahmen teil. Wie gut wir teilweise bereits vernetzt sind, zeigte unser AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg auf der Tagung: Wir vertraten nicht nur den regionalen AK, sondern zugleich das Schreibzentrum der Viadrina (Simone Tschirpke) und die Schreibdidaktik an den Universitäten Hildesheim (Jana Zegenhagen), Hannover (Nora Peters) und Göttingen (Ella Grieshammer).

Marktplatz der Ideen

Besonders anregend fanden wir das gewählte Format: Zunächst wurden „Anliegen“ bzw. Themenbereiche von den Teilnehmerinnen (und ein paar Teilnehmern…) auf einem großen Blatt formuliert, z.B.

Open Space-"Anliegen".
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

  • „Organisation der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“
  •  „Faculty-Students Partnerships“
  •  „Standards einer Peer-Tutoren-Ausbildung“
  • „Möglichkeiten zur praxisnahen Forschung in der Schreibdidaktik“
  •  „Journal der Schreibberatung (JoSch)
  • „Gründung eines Berufsverbands“
  • „Schreibberatung für Berufstätige“
  • „Zusammenarbeit von NachwuchswissenschaftlerInnen“ uvm.

Insgesamt kamen so rasch 23 Themen zusammen; ein 24. Thema („Öffentlichkeitsarbeit für Schreibzentren“) wurde spontan noch Freitag morgen eingebracht. Auch dafür bot das Format Raum.

Wer ein Thema vorschlug, stellte es kurz dem Plenum vor, pinnte es dann an die große Wand in eine Zeiteinheit, in der er/sie das Thema diskutieren wollte: Donnerstag um 12 Uhr oder Freitag um 10.30 Uhr. Die Themenrunden wurden auf insgesamt 7 Räume verteilt oder spontan wegen des schönen Wetters ins Freie verlegt.

Man musste sich also für eine Runde entscheiden, hatte aber auch die Erlaubnis, eine Gruppe zu verlassen und sich eine Pause zu gönnen („Schmetterling“) oder zu „hummeln“ (zwischen den Gruppen zu springen).

Diskussion über Peer- Tutoren-Ausbildung
© AK Schreibdidaktik Berlin-Br.

Dokumentation der Gruppe "Peer- Tutoren-Ausbildung"
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Jede Gruppe dokumentierte ihre Ergebnisse abschließend im Flur. Ein großer Raum diente als „Café“ und Informationsbörse, dort hingen unsere „Steckbriefe“, die wir vorher den Organisatorinnen zugeschickt hatten.

Von der Idee zum Projekt

Am Freitag Nachmittag trugen wir im Plenum konkrete „Vorhaben“ zusammen, die sich aus den regen Diskussionsrunden ergeben hatten, und für die wir Unterstützung suchen:

  • Die Verbandsgruppe setzt einen Gründungsausschuss ein.
  • Die Zeitschrift „JoSCH“ sucht neue MitstreiterInnen, ReviewerInnen und MitarbeiterInnen.
  • Am 24.10.2012 soll um 11.55 in ganz Deutschland ein Schreib-Flashmob stattfinden.
  • Eine gemeinsame Datenbank für Protokollvorlagen und Datenerhebungen in den Schreibzentren soll erstellt werden usw.

Die letzte Runde bestand nun darin, dass sich zu jedem Vorhaben die Interessierten zusammensetzten und konkrete Schritte überlegten, um das Vorhaben in Gang zu setzen. Immer wieder wurde uns deutlich, wie sehr sich die SchreibdidaktikerInnen die Vernetzung untereinander wünschen. Als gemeinsame Plattform soll zunächst das Diskussionsforum schreibzentren.mixxt.de dienen.

Das war BÜZ!

Alles in allem:
B
(ehalten) werden wir die vielen neuen Kontakte.
Ü(berraschend) war die Vielfalt der diskutierten Themen und die Effektivität der Open-Space Methode, die das Erarbeiten konkreter, kleiner Ziele ermöglichte.
Z(ukünftig) sollte es weitere solche Formate geben, die SchreibdidaktikerInnen das Vernetzen und Austauschen ermöglichen.

Ein Riesendank an die Bochumer Organisatorinnen (samt Benny natürlich), die die Sache in die Hand genommen haben.

v.l.n.r. Mitglieder des AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg Daniela, Simone, Jana (jetzt Hildesheim), Nora (jetzt Hannover)
© AK Schreibdidaktik Berlin-Brandenburg

Multiliteracies Center: Vorbereitung auf eine globalisierte und digitalisierte Welt

Schild Multiliteracies CenterLetzte Woche war ich am Multilitercies Center der Michigan Tech University in Houghton, Nortern Michigan. Auf den Besuch dieses Schreibzentrums war ich gespannt, seit wir in unserem Team den Artikel „New Conceptual Frameworks for Writing Centers“ von Nancy Grimm gelesen und diskutiert haben (Quelle siehe unten). Darin führt Nancy Grimm drei Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert aus.

Rahmenbedingungen für Schreibzentren im 21. Jahrhundert

1. Schreibzentren im 21. Jahrhundert müssen im Kontext von globalen Varianten des Englischen arbeiten, d.h. sie müssen akzeptieren, dass es DAS Englische nicht mehr gibt. Schreibzentren müssen Studierende darauf vorbereiten, unterschiedliche Sprach- Varianten zu verstehen, weil sie das auch für ihre späteres Berufsleben brauchen.

2. Schreibzentren im 21. Jahrhundert verstehen unter „literacy“ nicht mehr nur Bildung im Sinne von klassischer Schriftsprache, sondern literacy umfasst z.B. auch visuelle und ikonische Kommunikation, das Verstehen der Unterschiede von Diskursen und das Beherrschen verschiedener Register („Multiliterarcies“). Multiliteracies bedeutet also zum Beispiel ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche sprachlichen Register in welchem Zusammenhang passend sind, und dazu gehört auch Körpersprache. Studierende können in Schreibzentren lernen, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, flexibel und undogmatisch zu sein und dies später in ihre Berufsfelder einbringen.

3. Schreibzentren verstehen Multiliteracies als Möglichkeit, soziale Veränderungen zu bewirken. Demnach seien einige Selbstverständnisse von Schreibzentren überholt, so z.B. der Anspruch, „better writers“ (Stephen North) zu erzielen. Ziel müsse es statt dessen sein, die Schwierigkeiten erkennen zu lernen, die sich aus der Bewegung zwischen verschiedenen Sprachen, Bildungssystemen und Kontexten ergeben können. Auch der Anspruch des „minimalistischen“, also nicht-direktiven Tutorings sei demnach nicht mehr richtig. Vielmehr müssten Tutoren direkte und konkrete Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die Schreibende in diesen komplexen Verhältnissen wählen können. Das Ziel ist es dann, die Besucher des Schreibzentrums zu befähigen, unterhalb der Oberfläche zu lesen und die Wertesysteme und Machtverhältnisse zu erkennen, die in verschiedenen Kontexten operieren.

Das ist natürlich eine sehr komprimierte Zusammenfassung des Artikels, dessen Lektüre ich sehr empfehle! Beim Lesen im Team waren uns damals, bei aller Faszination, doch einige Aspekte ziemlich abstrakt vorgekommen. Daher habe ich mich besonders gefreut, die Gelegenheit zu haben, Nancy Grimm kennenzulernen und ihr Multiliteracies Center zu sehen.

Michigan Technological University und ihr Multiliteracies Center

Die Michigan Technological University ist eine forschungsorientierte technische Uni mit gut 6000 Studierenden. Die meisten studieren technische Fächer wie Ingenieurswissenschaften. Seit einigen Jahren gibt es einen hohen Anteil internationaler Studierender (ca. 20 %). Das Multiliteracies Center gehört zur Fakultät für Arts and Humanities, ist aber für alle Studierenden da. Nancy arbeitet momentan zusammen mit zwei Graduate Assistant Directors, zwei Undergraduate Assistants und ca. 30 studentischen Coaches (so heißen die Peer Tutoren dort). Die Administratorin ist derzeit im Mutterschutz.

welcome reception multiliteracies center

Nancy Grimm bei der welcome reception

Einen Teil des Teams konnte ich gleich am ersten Abend kennen lernen, als Nancy uns zum Abendessen zu sich nach Hause einlud. Am nächsten Morgen wurde ich dann mit einer Welcome-Reception im Center begrüßt, zu der auch der Dean des Departments und verschiedene Kolleginnen anderer Abteilungen kamen. Insgesamt habe ich drei Tage lang bei Beratungen und Lerngruppen hospitiert, an Teamtreffen und Weiterbildungen teilgenommen und an einem Abend einen kleinen Vortrag über die Entwicklungen in Deutschland gehalten.

Der physische Raum des Multiliteracies Center

Ich habe mich sehr wohl gefühlt und dazu hat nicht nur das nette Team beigetrafen, sondern auch die Räume sind einfach einladend. Der Hauptraum ist ungefähr so groß wie unser Schreibzentrum in FfO und durch große Fenster zum Flur hin sehr offen. Im Raum verteilt stehen viele kleine Runde Tische mit bunten Stühlen für die Beratungen. Da die Tische und Stühle Rollen haben, lässt sich der Raum flexibel verändern. Es gibt außerdem eine Schreibtischecke für die Administratorin und eine am Eingang, die sich als Rezeption verwenden lässt, aber nicht immer besetzt ist. Mir ist gleich aufgefallen, dass eine Wimpelkette „Frieden“ in verschiedenen Schriften und Sprachen wünscht und eine Weltzeituhr anzeigt, wo es gerade hell ist auf der Erde. Vom Hauptraum gehen verschiedene kleine Räume ab: Ein Büro für die Graduate Assistants, drei kleine

Appointments im Multiliteracies Center

Gespräche im Multiliteracies Center

Gruppenarbeitsräume, ein Raum für die Coaches und ein Flur, der zu ein paar weiteren Büros und Besprechungsräumen führt. Alle angrenzenden Räume haben Fenster in den Türen und Wänden, so dass ein sehr transparenter und offener Eindruck entsteht.

Writing Coaches

Die Coaches kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, viele sind Natur- und IngenieurswissenschaftlerInnen. Mit Motivations- und Empfehlungsschreiben können sie sich für die Stellen bewerben. Wenn sie nach dem Bewerbungsgespräch eingestellt werden, absolvieren sie ein einmal pro Woche stattfindendes Seminar und nehmen mit dem gesamten Team an den wöchentlich stattfindenden Dienstagabend-Weiterbildungen teil. Außerdem hospitieren sie, suchen selbst Schreibberatungen auf und treffen sich einmal wöchentlich mit erfahrenen Coaches zum Erfahrungsaustausch. Nancy bietet außerdem wöchentliche Lektürerunden an, in denen sie mit interessierten Graduate Students Texte liest und diskutiert.

tutor's pieday

Writing Coaches feiern in ihrem Raum den "Pie Day", den Tag des griechischen Buchstaben pi, der für die Zahl 3,14... steht. In der amerikanischen Datumsschreibung entspricht das dem 14.3. und pie ist Kuchen, den hatte eine der Coaches für alle gebacken.

Die Coaches bieten Einzelberatungen an und moderieren Lerngruppen. Täglich von 11-15 Uhr gibt es offene Sprechstunde, die immer mit mehreren Coaches belegt ist. Darüber hinaus haben alle Coaches bestimmte Zeiten, in denen sie für verabredete Beratungen im Center sind. Angestrebt werden „weekly appointments“, d.h. eine regelmäßige wöchentliche Zusammenarbeit mit bestimmten Studierenden.

Study Teams (Lerngruppen)

Ein wichtiger Bestandteil des Centers sind die Lerngruppen. Vor ein paar Jahren wurde das Studium Generale der Michigan Tech neu strukturiert und Nancy hat darauf hingewirkt, dass die Studierenden mehr interkulturelles Wissen erlangen. Seit dem müssen alle Studierenden eine große Vorlesung zu „World Cultures“ besuchen oder alternativ eine Sprache lernen. Die Vorlesung führt in 2 Lesungen pro Woche in verschiedene Kulturen der Weltgeschichte und von Heute ein und wird ergänzt durch wöchentliche Film- und Musikvorführungen. Die Studierenden müssen verschiedene Texte und Examen schreiben. Wenn sie wollen, können sie sich zu Lerngruppen zusammenschließen, die sich 2x wöchentlich im Multiliteracies Center treffen und von Coaches moderiert werden. Es nutzen sehr viele Studierende diese Gelegenheit und die Statistiken zeigen, dass sie oft deutlich bessere Noten erzielen als Kommilitonen die keine Lerngruppen haben. Die Coaches helfen den Gruppen, das Studieren zu lernen. Sie diskutieren mit ihnen Inhalte der Vorlesung, aber es geht auch um das Mitschreiben, um Zeitplanung, Lernsysteme, Interpretation von Filmen und Musik und effektive Vor- und Nachbereitung. Thema ist auch das Zusammmenarbeiten in den Teams, die oft interkulturell gemischt sind.

Was ist es also, das dieses Zentrum zu einem Multi Literacies Center macht?

Zum einen ist es die Ausbildung der Coaches. Es ist Nancy sehr wichtig, die literacies, die Studierenden schon mitbringen, zu würdigen. Sei es die Muttersprache oder sei es die mathematische Sprache der Ingenieure. Das Center hilft dabei, weitere literacies auszubauen. Es geht nicht um Defizite. Die Coaches sollen den Studierenden dabei helfen, zu verstehen, wie unterschiedlich verschiedene Sprachen und Diskurse funktionieren.Multiliteracies Center

In den Gesprächen ging es oft nicht in erster Linie um mitgebrachte Texte, sondern um das Studierenden im Allgemeinen: Was verwendest du für Techniken zum Mitschreiben, wo und wie lernst du am besten, hast du verstanden, was von dir verlangt wird, wie motivierst du dich wenn Draußen so schön die Sonne scheint? Wenn internationale Studierende kamen, drehte sich das Gespräch erstmal um Fremdsprachen, Auslanderfahrungen und Zukunftspläne. Dabei hatte ich oft wirklich mehr den Eindruck eines Gesprächs als einer Beratungssituation. In einem der Gespräche erkundigte sich ein Austauschstudent aus Korea, wie er bestimmte Steuerformulare ausfüllen muss. Dann haben Coach und Student gemeinsam überlegt, wie sie das herausfinden können.

Auch die Werbung des Centers stellt nicht das Schreiben in den Mittelpunkt, sondern erwähnt es gleichberechtigt neben Denken, Design und Kommunikation, alles mit dem Ziel des akademischen Erfolgs. Schreiben wird also nicht isoliert von anderen akademischen Tätigkeiten.

Als etwas Besonderes habe ich auch die Lerngruppen erlebt. Sie erinnern von der Idee her an die Tutorien, die es bei uns zu großen Vorlesungen gibt. Aber die Lerngruppen sind mit 4-8 Studierenden viel kleiner und persönlicher und zielen so darauf, den Studierenden zu zeigen, wie sie mehr erreichen können, wenn sie gemeinsam arbeiten. Sie sind außerdem freiwillig, was sicherlich zu einer anderen Arbeitsatmosphäre beiträgt.

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Weltzeituhr Multiliteracies Center

Alles in allem hatte ich den Eindruck einer sehr erfolgreichen Verschmelzung von Schreibberatung, Sprachlernberatung, Lernberatung, interkulturellem Training, Studienberatung und Sozialberatung. Ich habe massenhaft Anregungen mitgenommen für das neue Zentrum für Schlüsselqualifikationen, das an der Viadrina entstehen soll und denke, dass alle Bereiche dieses Zentrums sehr eng zusammenarbeiten sollten!

Literatur

Grimm, N. M. (2009) ‚New Conceptual Frameworks for Writing Center Work‘ The Writing Center Journal 29 (2), 11-27

Kein Blatt blieb unbeschrieben

Motivierendes Motto bei der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten 2012

Foto: Schreibzentrum Viadrina

Nach dem das Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ 2010 erstmalig ins Leben gerufen hatte, veranstaltete es auch in diesem Jahr in der Nacht vom 1. zum 2. März 2012 gemeinsam mit 13 deutschen und 2 US-amerikanischen Schreibzentren eine gemeinschaftliche Schreibnacht. Das Event ist ein gutes Beispiel dafür, dass gemeinschaftliche Aktionen von Schreibzentren dazu beitragen, deren Arbeit und Wirken öffentlich sichtbar zu machen. Bei Studierenden als auch in den Medien stieß es auf große Resonanz.

Am Schreibzentrum der EUV waren es ca. 35 Studierende, die während der Langen Nacht kein Blatt unbeschrieben ließen. Unter den TeilnehmerInnen befanden sich neben Studierenden der kulturwissenschaftlichen, rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der EUV diesmal auch Studierende anderer Universitäten aus Berlin, die extra zur Langen Nacht angereist waren. Pünktlich um 20 Uhr trafen die meisten Teilnehmer ein. Die Hausarbeitennacht hatte begonnen:

Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten 2012 an der Europa-Universität Viadrina

Foto: Schreibzentrum Viadrina

20:00-20:30: Begrüßung und Startschuss, alle lernten sich kennen und stellten sich ihre Schreibprojekte vor. An der Pinwand reihten sich ausgefüllte Zettel aneinander:“ Ich bin Ania, heute Nacht beschäftige ich mich mit dem Thema: ‚Industrialisierung und Verstädterung in deutschen Städten um 1900’ und wenn ich mein Ziel erreicht habe, dann gönne ich mir vieeeeeeel Schlaf!“

20:30-23:00: Das große Schreiben hatte begonnen. Mit ihren Laptops, Büchern und Hausschuhen suchten sich die Teilnehmer einen Schreibplatz in einem von den SchreibtutorInnen gemütlich dekorierten Räumen. Für die 35 Schreiber gab es zwei große Schreibräume, ein Computerkabinett, einen Ess- und Beratungsraum, sowie einen Ruheraum.

Hausschuhe bei der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten 2012

Foto: Schreibzentrum Viadrina

23:00-02:00: Die Schreibberatung wurde rege in Anspruch genommen. Entstandene Texte und offene Fragen konnten hier gleich besprochen werden. Die Schreibberaterinnen nahmen sich viel Zeit, um mit den Teilnehmern über Schreibprozesse zu sprechen und Texte zu reflektieren. Gemeinsam mit den Ratsuchenden probierten sie unterschiedliche Schreibmethoden aus, die helfen, ein geeignetes Thema zu finden, einzugrenzen, die Hausarbeit besser zu strukturieren oder zu überarbeiten. Schreibtutorin Anja besprach mit einer

Studierenden die Hausarbeit zum Thema „Freewriting als Methode des wissenschaftlichen Schreibens“. Nachts beraten machte Spaß, davon war zumindest Schreibtutorin Julie überzeugt, ihre letzte Beratung endete um 4:30 Uhr.

Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten 2012 Europa-Universität Viadrina

Foto: Schreibzentrum Viadrina

2:00-04:00 Zwischendurch gab es abwechslungsreiches Programm und viele Muntermacher: Kurz nach Mitternacht, während die meisten Studierenden intensiv an ihren Hausarbeiten tüftelten, rief Tutor Jovan zumNachtspaziergang auf. Um munter zu bleiben leitete Tutorin Luise Schreibtischjoga an und Simone rief um 03:30 Uhr zu einer Kissenschlacht auf. Wer schlafen wollte suchte sich einen Platz im Ruheraum, wo Decken und Schlafsäcke bereit lagen.

04:00-06:00 Was machen denn die anderen beteiligten Schreibzentren? Über Twitter und einer Live-Video- Schaltung standen wir mit anderen beteiligten Schreibzentren in Verbindung. Hierdurch konnten wir uns untereinander austauschen und bekamen Einblicke in die Nachtaktivitäten der anderen Schreibzentren.

Schreibende bei der langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten

Foto: Schreibzentrum Viadrina

06:00 Es wurde langsam hell, der Tag begann. Am Freitagmorgen sind dann tatsächlich viele Texte entstanden, Ideen umgesetzt und Fragen beantwortet worden. Eine Studierende hatte ihre Hausarbeit sogar zu Ende geschrieben. Es ging zum Frühsport in den Nebenraum.

07:00-08:00 Durchhalten bis zum Sonnenaufgang wird belohnt. Es warten Sekt, Obst und frische Brötchen: Am gemeinsamen Frühstück nahmen immerhin noch 15 Studierende teil. Hier wurden die Erfolge der Nacht gefeiert und der Morgen begangen.

08:00 Die letzten Studies verließen zufrieden aber auch sichtlich ermüdet das gelbe Backsteingebäude in der August-Bebel-Straße und das Schreibzentrumsteam konnte auf eine ereignisreiche Nacht zurückblicken.

Unser Fazit: Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten ist eine gute Möglichkeit, Studierende auf das Angebot des Schreibzentrums aufmerksam zu machen und Gespräche über das Schreiben anzuregen. Außerdem hat das Event deutlich gezeigt, dass die Nachfrage nach Aktionen der Universität, die das wissenschaftliche Schreiben mal anders gestalten, in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Auch für unser Team war das Event wieder eine bereichernde Erfahrung, indem wir Teamspirit er- und gelebt haben. Die nächsten langen Nächte könnten jedoch früher beginnen und enden, so dass Schreibende und TutorInnen noch konzentrierter und aufmerksamer arbeiten können. Die gemeinschaftliche Aktion mit den anderen Schreibzentren hat gezeigt, dass wir zusammen vieles erreichen können und weitere Aktionen gemeinsam in Angriff nehmen sollten.

Anja Schulz und Simone Tschirpke

Writing Center Leadership Series

Was mich am hiesigen Schreibzentrum besonders beeindruckt, ist, wie sehr Brad nicht nur an sein eigenes Schreibzentrum denkt, sondern weit darüber hinaus auch an die Sicherung der Qualität anderer Schreibzentren. So war er der Mitbegründer der jährlichen Writing Center Summer Institutes, die es Schreibzentrumsleitenden ermöglichen, sich eine Woche lang intensiv weiterzubilden und auszutauschen (bei dem Writing Centers Summer Institut 2009 hatte ich ihn kennen gelernt). Weiterbildung und Austausch bietet auch das schon mehrfach erwähnte Madison Area Writing Center Colloquium. Und innerhalb seines Teams sorgt er gut dafür, dass diejenigen, die nach dem Abschluss in Schreibzentren Leitungspositionen übernehmen möchten, sich gut darauf vorbereiten können. Mit großem Erfolg: Allein 2011 wurden sieben Alumnis des hiesigen Schreibzentrums in Leitungspositionen an anderen Unis eingestellt. Im Schreibzentrum hängt eine Karte, die aufzeigt, wo überall Ehemalige in Schreibzentren arbeiten – ich werde darauf bestehen, dass die Karte um Deutschland erweitert wird!

Schreibzentrums Alumni Karte

In diesem Semester gibt es die „Writing Center Leadership Series“, bei der interessierte Peer Tutoren ihr Wissen über Schreibzentrumsleitung und Leitung von Writing-Across-the-Curriculum-Programmen erweitern können. In vier anderthalbstündigen Sitzungen vermittelt Brad Basiswissen über die Aufgaben von Schreibzentrumsleitenden, über die Rekrutierung und Ausbildung von Peer Tutoren und Mitarbeitenden, über Finanzierung und Fundraising und über mögliche Argumentationswege für die Begründung von Schreibzentren. Zwischen den Sitzungen werden Grundlagentexte gelesen und kleinere Schreibaufgaben bewältigt. Dieses Mal zum Beispiel sollten wir eine Art Mission Statement für unser Wunsch-Schreibzentrum schreiben. Da ich mich noch gut daran erinnere, wie wir im Team in Frankfurt (Oder) vor anderthalb Jahren einen ganzen Sommer damit zugebracht haben, unser Mission Statement zu entwickeln, war mir klar wie schwierig diese Aufgabe ist und ich war froh, dass ich auf diese schon geleistete Arbeit zurückgreifen und sie ins Englische übersetzen konnte. Allerdings habe ich dabei auch gemerkt, dass sich meine Perspektive durch den Aufenthalt hier verändert und ich inzwischen einiges wieder anders formulieren würde. Jedenfalls war es sehr spannend, die Texte der anderen zu lesen und zu diskutieren. Alleine über die Namen der Zentren oder die Bezeichnungen für die Peer Tutoren (Consultants, Assistants, Collaborators…) ließe sich ewig reden. Brad meinte allerdings, es könnte auch zu viel werden, denn letztendlich würden die Studierenden auch jenseits des Namens schnell merken, um was es im Schreibzentrum geht und was wir anbieten.

Mission Statements für Schreibzentren

Die Lektüre war auch wieder sehr interessant für mich. So bin ich zwar schon öfter darauf gestoßen, dass über den Ansatz der nicht-direktiven Beratung kontrovers diskutiert wird, aber ich hatte mich bisher noch nicht systematisch mit dem Thema befasst. Peter Carino zeigt in seinem Artikel „Power and Authority in Peer Tutoring“ auf, dass es schon verschiedene Debatten dazu gab, ob Nicht-Direktivität Peer Tutoren nicht vor ein Dilemma stellt und unlösbare Konflikte heraufbeschwört. Denn es gibt durchaus Ratsuchende, die verärgert sind, wenn Tutoren sich weigern, Bemerkungen in ihre Texte zu schreiben oder auf Fragen mit Gegenfragen antworten. Auch stimmt es nicht immer, dass Peers in der Beratung gleichgestellt sind, oft haben die Tutoren mehr Wissen. Wir haben diese Themen in Frankfurt (Oder) schon oft diskutiert, daher ist es schön für mich, nun zu wissen, wo ich die passenden Texte dazu finde.

Gut gefallen hat mir auch ein Artikel von Tom Truesdell über die Anwesenheit der Leitungspersonen im Schreibzentrum. Er hat untersucht, wie es sich auswirkt, wenn Leitende ein eigenes Büro und viele Verpflichtungen innerhalb der Universität haben und deshalb nicht mehr viel im Schreibzentrum anwesend sind. Dabei kam heraus, wie wichtig die Tutoren es finden, dass sie die Leitenden regelmäßig sehen. Unser aus der Not geborenes Ein-Raum-Wunder in FfO, bei dem das Schreibzentrum zugleich unser Büro ist, bietet in dieser Hinsicht einen großen Vorteil!

Angesichts der momentan in Deutschland so erstaunlich zahlreich entstehenden Schreibzentren ist es vielleicht eine gute Idee, darüber nachzudenken, wie auch wir unseren Peer Tutoren eine berufliche Perspektive im Bereich der Schreibzentrumsarbeit aufzeigen können. Und eine Alumni-Karte können wir ebenfalls aufhängen: Gruß nach Hannover zu Nora!

Erwähnte Texte:

Carino, P. (2003) ‚Power and Authority in Peer Tutoring‚ in The center will hold – critical perspectives on writing center scholarship Logan, Utah: Utah State Univ. Press, 96-115

Truesdell, Tom (2004) ‚Don’t forget us: the impact of director presence on tutors‚ The Writing Lab Newsletter  29 (3), 1-5

Center for Excellence in Writing an der Florida International University

Florida International University  Letzte Woche konnte ich das Center for Excellence in Writing an der Florida International University besuchen. Das    Schreibzentrum wurde vor knapp drei Jahren neu gegründet, bzw. ersetzte das alte Writing Center nach dem Umzug auf einen neuen Campus. Ich habe mich sehr gefreut, dort auf Paula Gillespie als Direktorin zu treffen, denn sie und Harvey Kail waren diejenigen, von denen ich vor vielen Jahren erstmals etwas über Peer Tutoring gelernt habe – als sie 2002 einen Workshop am Schreiblabor der Universität Bielefeld gaben.

Warum Excellence?

Als ich mich im Vorfeld über das Center informierte, bin ich zunächst über die „Excellence“ im Namen gestolpert. Einerseits finde ich es eine gute Idee, das Schreibzentrum so zu benennen, um deutlich zu zeigen, dass es sich nicht um eine Nachhilfeeinrichtung handelt, sondern um eine Institution die zur Exzellenz der Uni beiträgt. Andererseits erscheint mir der Begriff „Exzellenz“ inflationär gebraucht, aber das ist vielleicht eine sehr deutsche Perspektive, denn eine „Exzellenz-Initiative“ gibt es meines Wissens hierzulande nicht. Einen interessanten Artikel zum Thema fand ich in dem auch sonst empfehlenswerten Band „Before and After the Tutorial“ von Mauriello, Macauley und Koch (2011). Emily Isaacs setzt sich in ihrem Essay „The Emergence of Centers for Writing Excellence“ ausführlich mit dem Begriff auseinander (S. 131-149). Centers for Writing Excellence seien demnach Center, die der gesamten Instutition dienen, indem sie eine intellektuelle Diskussionskultur fördern. Ihrer Meinung nach haben Schreibzentren es trotz vieler Diskussionen nicht geschafft, jenseits der eigenen Kreise deutlich zu kommunizieren, was sie machen und anbieten und warum sie wichtig sind. Der Eingang zum Center for Excellence in Writing
Für Außenstehende ist es am Naheliegendsten, davon auszugehen, dass Schreibzentren vor allem dazu da sind, schwachen Studierenden dabei zu helfen, ihre Schreibaufgaben zu bewältigen. Das zeigt sich auch in der Diskussion, die Anfang des Jahres im Forum der ZEIT zu dem Artikel über unser Schreibzentrum geführt wurde. Da hieß es z.B., dass jemand, der seine Gedanken nicht selbst strukturieren kann, sich fragen sollte ob ein Studium das Richtige ist und dass die Uni dafür keine Ressourcen verschwenden sollte, solchen Menschen zu helfen. Für uns, die wir in Schreibzentren oder als Schreibberaterinnen arbeiten ist es klar, dass man Schreiben nicht auslernt, dass alle Schreibenden Gespräche über das Schreiben brauchen und dass es in Schreibzentren um viel mehr geht als nur um gute Texte. Aber für Außenstehende kommt unsere Botschaft oft nicht rüber, selbst wenn wir ausführlich darüber reden, wie im Falle des Zeit-Artikels. Deshalb plädiert Isaacs dafür, die Sprache derjenigen zu nutzen, die wir erreichen wollen und uns mit dem Namen des Schreibzentrums entsprechend zu positionieren.

Eine internationale Uni

Im Falle der Florida International University (FIU) ging der Wunsch nach einem starken Schreibzentrum, das sich an alle Studierenden und Lehrenden richtet, von der Institution aus. Die FIU ist „international“ weil 57% der Bevölkerung von Miami nicht in den USA geboren wurden. International zu sein ist dort Normalität, nicht die Ausnahme. Entsprechend haben auch die Studierenden an der FIU sehr häufig Familien, in denen Zuhause nicht Englisch gesprochen wird. Viele haben Einwanderungsgeschichten, die ihnen nur wenig formales Training in Englisch ermöglicht haben. Bei uns würden sie „Studierende mit Migrationshintergrund“ genannt werden. An der FIU gibt es keine besondere Bezeichnung für sie, weil sie den ganz normalen studentischen Durchschnitt repräsentieren.  Die Uni-Leitung sieht in einem starken Schreibzentrum eine Möglichkeit, es allen Studierenden zu ermöglichen, sich gleichermaßen an den intellektuellen Diskussionen zu beteiligen, die von Studierenden und Absolventen  einer Universität  in den USA erwartet werden. Entsprechend hat sie viel daran gesetzt, eine besonders erfahrene Leiterin für das Zentrum zu finden und unterstützt und fördert das Center for Excellence in Writing sehr.

Eindrücke aus der FIU

Paula und ihr Team sind im Erdgeschoss des Gebäudes der zentralen Bibliothek zu finden, außerdem gibt es zwei Zweigstellen auf anderen Teilen des Campus.
Blick ins Center for Excellence in WritingIch konnte zwei Tage lang hospitieren und habe erlebt, wie international es wirklich zugeht. So habe ich an einem Workshop für sogenannte „Personal Statements“ teilgenommen, die hier zur Bewerbung für die Graduate School dazu gehören. Für alle der knapp 20 Teilnehmenden war Englisch eine Zweit- oder Fremdsprache! Paula und Glenn, der Associate Director, begannen den Workshop daher damit, die Teilnehmenden zu ermutigen, sich trotzdem für Graduate Schools zu bewerben. Sie hoben hervor, dass Absolventen der FIU geschätzt und gesucht werden, gerade weil Englisch für sie nur eine von mehreren Sprachen ist und sie interkulturell erfahren sind. Sehr gut gefallen hat mir, wie stark thematisiert wurde, dass das „Personal Statement“ eine sehr kulturell geprägte Textsorte ist. Da ich dieses Genre aus Deutschland auch nicht in dieser Form kenne, war ich nämlich genauso befremdet wie viele der Teilnehmenden, als ich hörte, dass es darum geht, eine persönliche Geschichte zu erzählen, wenn man sich um ein Promotionsstipendium bewirbt. Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie befremdlich für internationale Studierende in Deutschland unsere Textsorten sein können.

Auch viele von Paulas Tutoren sind keine English Native Speaker. Mit drei von ihnen habe ich mich länger unterhalten. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie es von sich aus überhaupt nicht thematisiert haben, was es für sie heißt, Schreibberatung in einer Zeit- oder Fremdsprache anzubieten. Das ist für sie einfach normal. Unsere Gesprächsthemen rund um das Tutoring waren die gleichen, die auch bei uns im Team immer wieder aktuell sind: Wie lenke ich das Gespräch und stelle trotzdem die Bedürfnisse der Ratsuchenden in den Mittelpunkt? Wie gehe ich damit um, wenn die Gesprächszeit zu Ende geht und trotzdem noch so viel Redebedarf da ist? Wie kann ich Gespräche strukturieren, wenn meine Gesprächspartner sehr viel reden? Was mache ich, wenn ich keine Antwort auf die Fragen weiß, die im Gespräch aufkommen? Ich fand es schön zu sehen, dass die Tutoren sich als Team wahrnehmen und das Schreibzentrum gerne auch dann aufsuchen und zum Arbeiten und Reden nutzen, wenn sie nicht mit Beraten dran sind. Paula hält außerdem wöchentlich Teamtreffen ab.

Leadership Team FIU
Das Leadership Team des Centers for Excellence in Writing vor einem Baum mit unglaublich riesigen Wurzeln in der Nähe von Paulas Haus. Ich finde, das ist eine schöne Metapher: Ein gutes Leadership-Team ist eine starke Wurzel für ein starkes Schreibzentrum.

Seit diesem Semester gibt es zudem ein Writing Fellows Program, das sich an dem der UW Madison orientiert und diesmal mit Seminaren in Architektur und Soziologie zusammen arbeitet. Ich konnte an zwei der wöchentlich stattfindenen Ausbildungsseminare für die Fellows teilnehmen. Die Fellows hatten gerade Artikel zum Thema Genderrollen im Schreibzentrum gelesen und die Aufgabe gehabt, die Rollenverteilungen in  Gesprächen in ihrer Umgebung (nicht im Schreibzentrum) zu beobachten. Paula wollte damit einBewusstsein dafür wecken, wie wir uns in Gesprächen verhalten und welche genderspezifischen Signale wir senden.

Das war wieder ein sehr spannender und inspirierender Besuch! Zumal er mir, über die Schreibzentrumsarbeit hinaus,  wurde durch einen Abstecher in den tropischen  Sommer erlaubt hat. Ein Uni-Campus unter Palmen ist schon etwas Besonderes. Im Teich schwammen Schildkröten statt Enten und in den Everglades, die ganz in der Nähe der Uni beginnen, lauern die Alligatoren.

Schildkröte im Uniteich

Schildkröte im Uniteich

Wer mehr über Paulas Sicht auf ihr Schreibzentrum erfahren möchte, kann in diesen Blogs weiterlesen:

http://writing.wisc.edu/blog/?p=1076

und http://cccc-blog.blogspot.com/2010/09/successes-and-mini-successes-of-latin.html

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