International Writing Across the Curriculum Conference

Die letzten drei Tage war ich auf der International Writing Across the Curriculum (WAC) Conference in Savannah. Der WAC-Ansatz versucht Schreiben und Lehre besser zusammen zu bringen, auf ganz verschiedenen Wegen. Schreibzentren können dabei eine wichtige Rolle spielen. In Madison ist es so, dass Brad sowohl der Schreibzentrumsleiter ist als auch der Direktor des WAC-Programms, eine sehr sinnvolle Kombination.

Schreibend Lernen in großen Vorlesungen

An der Konferenz hat mich beeindruckt, wie viele Lehrende aus verschiedenen Disziplinen da waren, die ich erstmal nicht mit Schreiben in Verbindung bringen würde. Ich war in Präsentationen von MathematikerInnen, ChemikerInnen, PharmazeutInnen, IngenieurInnen und ManagerInnen. Sie alle berichteten davon, wie sie WAC-Programme aufgebaut oder an solchen partizipiert haben. Viele erzählten, dass ihre Lerngruppen als klein gelten, wenn sie unter 100 Studierende haben, oft sind es mehrere hundert. Aber auch in solch großen Vorlesungen lässt sich Schreiben einsetzen, um Lernmöglichkeiten zu schaffen. So bekommen die Studierenden kleine Schreibaufgaben, bei denen sie sich mit dem Lernstoff auseinander setzen, die sie in kurzen Zeitfenstern während der Vorlesung bearbeiten. Anschließend diskutieren sie sie mit ihren Nachbarn oder in Kleingruppen. Die Texte werden hier nicht bewertet, sondern dienen dazu, aktives Lernen zu ermöglichen. Im Anschluss an die Kleingruppendiskussion wird durch die Lehrenden demonstriert, wie eine Lösung aussehen könnte. In anderen Vorlesungen dürfen die Studierenden zwischendurch SMS an die Lehrenden schicken, die diese während des Vortragens aus einem Display sehen können, so dass sie auf Fragen und Kommentare eingehen können. Das finde ich einen sehr spannenden Ansatz, denn das SMS-Format zwingt dazu, präzise Fragen zu formulieren.

Peer Groups zur Unterstützung

Eine wichtige Ressource in den großen Lehrveranstaltungen sind allerdings die Teaching Assistants, d.h. die Lehrenden sind meistens nicht ganz allein. Ken Tallmann von der University of Toronto hat ein Team von insgesamt 22 Teaching Assistants und 9 Communication Instructors für eine Vorlesung für 305 Studierende. Die Communication Instructors betreuen jeweils 12 Dreier-Peer-Groups von Studierenden, die sich für wöchentlich 30 Minuten zusätzlich zur Vorlesung treffen. Die Peer Groups müssen selbst eine Agenda aufstellen für die Sitzung, diese abwechselnd moderieren und haben das Ziel, die Vorlesungsinhalte zu vertiefen und zu diskutieren und einander Feedback auf Hausaufgaben zu geben. Die Instructors sind fachfremd, sie sind die Kommunikations-ExpertInnen. D.h. sie unterstützen die Studierenden-Teams dabei, gut miteinander zu kommunizieren und effektive Arbeitsstrukturen aufzubauen. Die fachfremde Ergänzung funktioniert offenbar sehr gut, vor allem weil sie die Studierenden dazu zwingt, Fachinhalte gut zu erklären und ihnen ein Gefühl für verschiedene Zielgruppen gibt, sie aber auch das Gefühl bekommen, in eine Disziplin hineinzuwachsen und immer mehr ExpertInnen zu werden. Das Modell ist für mich eine gute Anregung für die künftige Arbeit mit TutorInnen für große Vorlesungen an der Viadrina.

Wikis erleichtern den Einstieg in die eigene Disziplin

Was wir ebenfalls an der Viadrina planen, sind Peer Tutoren, die speziell den Studieneinstieg verbessern sollen. Dafür kam eine schöne Anregung von Jacob Craig aus Arkansas. Er lässt die Studierenden in einem fachübergreifenden Einführungsseminar wikis zu ihren Studienfächern erstellen. Dafür müssen diese Interviews führen mit fortgeschrittenen Studierenden, um herauszufinden was in den Fächern wichtig ist, wie dort geschrieben wird und worauf Wert gelegt wird. Die Studierenden sollen so eine Art Meta-Verständnis für ihre Fächer entwickeln und zugleich Erfahrungen mit wikis sammeln. Eine kleine Studie hat allerdings gezeigt, dass darüber hinaus für die Studierenden das wichtigste war, mit den fortgeschrittenen Studierenden in Kontakt zu kommen und durch die Zusammenarbeit an den Texten (Feedback usw.) Freunde zu finden – der soziale Faktor stellt sich immer wieder als extrem bedeutend für jegliches Lernen heraus!

Business Writing: Wie schreibe ich meinem Professor eine E-Mail?

Sehr schön fand ich auch das Design eines Einführungskurses in Business Writing. Studierende der Wirtschaftswissenschaften sollen darin im ersten Semester auf das berufliche Schreiben vorbereitet werden. Meghan Griffin aus Florida berichtete, dass es dabei um Genres geht wie Exposes, Memos, Berichte oder Zusammenfassungen. Sie hat die Entwicklung dieses Seminars dazu genutzt, um an ihrer Fakultät Gespräche über das Schreiben anzuregen. Obwohl sich alle Lehrenden einig waren, dass Schreiben wichtig ist, konnten sich doch die wenigsten vorstellen, zusätzlichen Arbeitsaufwand durch Schreibaufgaben aufbringen zu können. Daher hat Meghan überlegt, mit welchen Texten der Studierenden die Lehrenden sowieso zu tun haben. Das sind zum Beispiel Anfragen für Referenzen, Entschuldungsschreiben, Anfragen für verlängerte Deadlines, etc. Sie hat diese für die Studierenden und Lehrenden sehr relevanten Textsorten in berufliche Genres übersetzt und in ihrem Seminar mit den Studierenden erarbeitet und geübt. Also zum Beispiel: Wie frage ich höflich nach einer Referenz und wie stelle ich die dafür wichtigen Informationen in einem Resumee zusammen? Wie entschuldige ich mich für mein Fehlen und fasse die wichtigsten Informationen über das, was ich nachgearbeitet habe zusammen? Alle Lehrenden der Fakultät haben dann Beispieltexte aus dem Seminar bekommen, damit sie wissen, was sie künftig von den Studierenden erwarten können. Die Studierenden haben aber auch mögliche höfliche Ablehnungen z.B. für eine Referenzanfrage formuliert. Diese werden den Lehrenden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Damit ist für beide Seiten klar, dass es auch möglich ist, solche Anfragen abzulehnen. Manche Lehrende kündigen an, dass sie diese schriftliche Kommunikation der Studierenden mit ihnen in die Bewertung einfließen lassen. Sie sagen z.B., dass sie mindestens einmal pro Semester per E-Mail kontaktiert werden wollen, damit die Studierenden das üben.

National Novel Writing Month in der Fachlehre

In einer Session berichteten Lehrende von drei verschiedenen Universitäten, wie sie den National Novel Writing Month für wac genutzt haben. Großartig fand ich die Idee von Kerri Augusto vom Becker-College, die dort ein Seminar in Psychologie gibt. Sie lässt die Studierende ein Thema aus dem Lehrplan wählen, z.B. psychische Belastung weil ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, und dann dazu Quellen recherchieren wie in jedem anderen Seminar auch. Diese Quellen werden ausgewertet und dann erst werden Charaktere und ein Plot entworfen. Die Studierenden schreiben ihre Romane auf der Basis der Recherche. Sie müssen das Wissen aus den Quellen und die Konzepte aus dem Seminar einbauen. Obwohl sowohl die Professorin als auch die Studierenden im Verlauf des Seminars total gestresst waren, waren am Ende doch alle so begeistert von der Tiefe der Lernergebnisse, dass sich das auf dem Campus total schnell rumgesprochen hat und nun schon Studierende anfragen, ob sie das Seminar im nächsten Jahr besuchen dürfen, auch wenn sie nicht Psychologie studieren…

Science Poetry

Verpasst habe ich leider die Session über Science Poetry, aber es gibt ein neues Buch dazu auf dem Markt: „Writing Poetry through the Eyes of Science: A Teacher’s Guide to Scientific Literacy and Poetic Response“, von Nancy Gorrell. Ich habe es (noch) nicht gelesen, aber es hört sich sehr vielversprechend an.

Alles in allem mal wieder eine sehr spanndende Konferenz. Ich bin Brad und Stephanie dankbar, dass sie mich eingeladen haben, mit ihnen hier zu präsentieren, denn sonst wäre ich vielleicht nicht bis Savannah gefahren – was übrigens eine wunderschöne Stadt ist.

Writing across the curriculum

Brad Hughes ist nicht nur der Leiter des hiesigen Schreibzentrums, sondern auch der Leiter des writing-across-the-curriculum-Programms (wac).Und da meine Bürokollegin Stephanie White Teaching Assistant Direktorin für wac ist, bekomme ich von diesem Programm besonders viel mit.

Co-Teaching

Gestern zum Beispiel bin ich mit ihr zu einer Vorlesung über Wissenschaftsgeschichte gegangen. Die Studierenden haben im Rahmen der Vorlesung die Aufgabe, in Kleingruppen wikis zu erstellen, die sich mit bestimmten Aspekten von Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen. Stephanie war für eine Vorlesung als „Co-Teacher“ eingeladen und hatte mit dem Professor zusammen eine Einheit über wikis vorbereitet. Stephanie stellte zunächst das Schreibzentrum vor und ließ die Studierenden anschließend zunächst ein kurzes Freewriting machen, bei dem sie sich fragen sollten: „What are wikis useful for?“ Die Ideen, die den Studierenden dabei einfielen, besprachen sie zunächst mit den Leuten, mit denen sie zusammen saßen und dann wurden sie für alle zusammen an der Tafel gesammelt. Als nächstes besprachen Stephanie und der Professor am Beispiel der Wikipedia-Seite zu Wissenschaftsgeschichte typische Eigenschaften von wikis, zum Beispiel die vielen Links, die kurzen Abschnitte, Zwischenüberschriften, usw. Sie nutzten das auch gleich, um darüber aufzuklären, wie die Studierenden Wikipedia nutzen bzw. nicht nutzen sollen und hoben hervor, dass Quellenbelege bei Onlinepublikationen mindestens genauso wichtig sind wie in gedruckten wissenschaftlichen Texten. Anschließend analysierten die Studierenden in Kleingruppen eine andere wiki-Seite zur Quantenphysik und stellten ihre Ergebnisse vor. Nachdem die Studierenden sich aktiv mit wikis auseinander gesetzt hatten, waren auch die Vorstellungen von den eigene wiki-Seiten konkreter geworden und so schloss sich eine Fragerunde zur Aufgabenstellung mit dem Professor an. Zum Abschluss sollten die Studierenden sich eine Sache aufschreiben, an die sie sich auf jeden Fall erinnern möchten, wenn sie ihr eigenes Wiki erstellen und Stephanie erinnerte noch einmal daran, dass sie auch als Kleingruppe wegen ihrer wiki-Seite ins Schreibzentrum kommen können.

Obwohl es nicht so leicht war, in einem riesigen Vorlesungssaal Kleingruppenarbeit zu initiieren und die Studierenden zu involvieren, haben die Fragen der Studierenden gezeigt, dass die Vorlesung sie angeregt hat, sich mit ihrem wiki-Projekt konkret auseinanderzusetzen.

Stephanie White coteaches wiki lecture

Stephanie beim Co-Teaching zu wikis

Brown Bag Lunch Hour

Eine andere wac-Veranstaltung war eine sogenannte Brown Bag Lunch Hour im Fachbereich Politikwissenschaften. Brown Bag Hours sind Veranstaltungen, die in der Mittagspause abgehalten werden, damit die Leute dafür Zeit in ihren vollen Kalendern finden können. Die Uni bietet dabei einen Mittagssnack an (in diesem Falle Pizza) oder die Leuten bringen ihr Essen mit. Der Name kommt von den Braunen Tüten, in denen das Mittagessen angeblich transportiert wird. (Ich sehe immer nur Plastiktüten oder Styroporcontainer, in braunen Tüten wird eher der Alkohol transportiert, aber das nur als Beobachtung am Rande!).

Bei dieser Veranstaltung waren jüngere Lehrende aus den Politikwissenschaften da, vor allem Teaching Assistants. Brad sprach darüber, wie wichtig es ist, Schreiben und Lernen zu verbinden, um nachhaltige Lernergebnisse zu ermöglichen. Er verwies auf die Ergebnisse der NSSE-Studie von 2008, die dies eindrucksvoll belegt hat. Er sprach über einige Möglichkeiten, was für Schreibaufgaben jenseits von Essays und Hausarbeiten in der Lehre genutzt werden könnten, was sinnvolle Schreibaufgaben kennzeichnet und wie man Feedback geben und benoten kann, ohne sich selbst zu überlasten. Anschließend ergänzte ein Politik-Student, der als Writing Fellow im Schreibzentrum arbeitet, was aus seiner Sicht als Student und als Writing Fellow eine gute Aufgabenstellung ausmacht und wie Feedback hilfreich sein kann. Es schloss sich eine lebhafte Diskussions- und Fragerunde an.

 Workshops für Lehrende und Teaching Assistants

Eine weitere Aufgabe des wac-Programms ist es, regelmäßig Workshops für Lehrende und Teaching Assistants anzubieten, die sich mit ähnlichen Themen befassen wie die Brown Bag Lunch Hour. Stephanie bietet zum Beispiel Workshops dazu an, Aufgabenstellungen für Schreibaufgaben zu entwickeln, Feedback zu geben, Peer Feedback zu organisieren oder Bewertungskriterien für studentische Texte zu entwickeln und zu kommunizieren.

 Schreibintensive Lehre

Einige Seminare sind an der UW Madison in fast allen Fachbereichen schreibintensive Seminare, sogenannte „Comm B“-Kurse. Alle BA-Studierenden müssen zunächst allgemeine Schreibkurse belegen („Comm A“, entspricht den Compositionkursen, d.h. den Schreibkursen, die alle amerikanischen Unis anbieten) und dann einen Comm B-Kurs, der innerhalb des Hauptfaches stattfindet, fachwissenschaftliche Inhalte vermittelt und gleichzeitig schreibintensiv gelehrt wird. So bekommen die Studierenden einen Einstieg in das fachwissenschaftliche Schreiben. Die Lehrenden dieser Kurse durchlaufen ein Training bei Stephanie und Brad und haben die Möglichkeit, in ihren Kursen mit Writing Fellows zu arbeiten, die sie bei der Rückmeldung auf die studentischen Texte und bei der Entwicklung von Schreibaufgaben entlasten.

 Einzelberatungen

Stephanie ist außerdem die Ansprechpartnerin für alle Lehrenden, die schreibdidaktische Unterstützung suchen. Oft finden diese Gespräche in unserem Büro statt, so dass ich mitbekomme, wie vielfältig die Inhalte dieser Gespräche sind. Manchmal kommen Lehrende und wissen nicht, wie sie ein bestimmtes Genre oder eine Komponente einführen sollen. Zum Beispiel: Was ist ein „Thesis-Statement“ und wie schreibt man das? Stephanie geht dann ganz ähnlich vor wie eine Schreibberaterin in der Schreibberatung: Durch offene Fragen und durch Wiederspiegeln des Gehörten versucht sie zunächst, herauszufinden, was ein bestimmter Begriff für die Lehrenden bedeutet. Denn bei den vielen unterschiedlichen Fächern, aus denen die Lehrenden kommen, kann sie unmöglich alle Textsorten kennen. Aber sie gibt natürlich auch Hinweise aus ihrer Sicht als Schreibdidaktikerin und entwickelt, je nach Bedarf, mit den Lehrenden Unterrichtseinheiten oder kommt in die Seminare, um selbst etwas anzuleiten oder ein „Co-Teaching“ durchzuführen.

Andere Lehrende wissen nicht, wie sie Feedback auf Texte geben können, das den Studierenden wirklich weiter hilft. So war neulich eine Lehrende da, die einen Stapel studentischer Essays hervorholte und meinte, dass einige so sehr am Thema vorbei geschrieben seien oder formal so falsch seien, dass sie nicht wisse, wie sie damit umgehen solle. Stephanie ist dann gemeinsam mit ihr einige der Essays durchgegangen und hat mit ihr gemeinsam nach Formulierungen gesucht, die eine produktive Rückmeldung ermöglichen.

Newsletter Time to Write

Der Newsletter Time to Write

Ressourcen

Das wac-Programm sieht sich außerdem dafür zuständig, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, mit denen die Lehrenden arbeiten können. So gibt es ein umfangreiche Sammlung mit Handouts. Außerdem gibt es ein eigens an der UW erstelltes Sourcebook, das 270 Seiten umfasst und verschiedenste Schreibaufgaben, Feedbacktechniken, Bewertungsraster usw. enthält. Einmal im Semester wird außerdem ein gedruckter Newsletter an die Lehrenden verschickt.

Wac Sourcebook

Das Sourcebook wac

Kurzum: Das wac-Programm ist ein tolles und umfangreiches Programm hier an der Uni. Ich finde es sehr eindrucksvoll, wie die verschiedenen Programme des Schreibzentrums (Beratung, Writing Fellows und wac) miteinander verknüpft sind. Mein Eindruck ist, dass es auch deshalb so gut funktioniert, weil die Uni als Institution dahinter steht. Nicht nur finanziell, sondern auch strukturell, indem die Comm-B-Kurse obligatorischer Bestandteil der Bachelorstudiengänge sind. Bis dahin ist es bei uns noch ein langer Weg, auch wenn es inzwischen immerhin einige Workshops für Lehrende gibt, die sich mit produktiven Rückmeldungen auf studentische Texte befassen. Und zumindest vom Schreiblabor Bielefeld gibt es ein strukturiertes Programm, das Lehrende auf schreibintensive Lehre vorbereitet

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